
Aktivitäten von SIPAZ (Von Mitte Mai bis Mitte August 2025)
4. September 2025
FOKUS: SIPAZ – 30 Jahre Begleitung des Aufbaus eines echten Friedens in Mexiko
23. Dezember 2025
A m 1. September legte Präsidentin Claudia Sheinbaum Pardo ihren ersten Regierungsbericht vor. Als Erfolg hob sie hervor, dass Mexiko im Vergleich zu anderen Ländern besser auf die neuen Zölle des US-Präsidenten Donald Trump vorbereitet sei
„Mexiko ist das Land mit dem weltweit niedrigsten durchschnittlichen Zollsatz, und wir arbeiten weiterhin mit den verschiedenen Ministerien unseres Nachbarlandes zusammen. Wir sind überzeugt, dass wir im Rahmen des Handelsabkommens noch bessere Bedingungen erreichen können.“

Claudia Sheinbaum präsentiert ihren ersten Regierungsbericht in Mexiko. 1. September 2025, Regierungspalast © defonline.com.ar
Zu den nationalen Punkten betonte die Präsidentin außerdem die Verabschiedung von Verfassungsreformen und Gesetzen, darunter die Reform der Justiz, die Eingliederung der Nationalgarde in das Verteidigungsministerium, die Reform von Artikel 2 zur Anerkennung der indigenen und afromexikanischen Völker als Anliegen des Staatsrechts sowie Reformen zur Stärkung von Pemex und der Bundesstromkommission (CFE) als staatliche Unternehmen. Sie präsentierte Zahlen zum Wirtschaftswachstum und zu den Fortschritten verschiedener Schlüsselprojekte sowie zur Reichweite der Sozialprogramme.
Im Bereich Sicherheit verwies sie auf Rückgänge bei vorsätzlichen Tötungsdelikten, schweren Straftaten und Femiziden, räumte jedoch auch bestehende Bedrohungen ein – darunter organisierte Kriminalität, Geldwäsche, irreguläre Migration, Drogenhandel, Cyberangriffe und Kraftstoffdiebstahl.
Menschenrechte: der große Abwesende im Bericht
„Für eine Regierung, die versucht, sich von neoliberalen Regierungen zu distanzieren und sich als Verteidigerin sozialer Rechte, der Souveränität, der Freiheit und der Demokratie präsentiert, ist es befremdlich, dass die Menschenrechte in ihrer Gesamtheit in diesem ersten großen Bericht vernachlässigt wurden“, erklärte das Menschenrechtszentrum Miguel Agustín Pro Juárez (Centro PRODH). Zwar erkannte es Fortschritte bei sozialen Rechten an (Wohnraum, Rechte der indigenen Völker, Frauenrechte), stellte aber „große Rückschritte bei zivilen und politischen Rechten“ fest.
Insbesondere äußerte das Zentrum: „Über die Justizreform muss man sagen: Die neue Ära der Rechtsprechung beginnt mit einer infrage gestellten Unabhängigkeit“, während „die Staatsanwaltschaften – die eigentlich zentrale Quelle der Straflosigkeit – unangetastet bleiben“. Zur Reform, die die Eingliederung der Nationalgarde in das Verteidigungsministerium ermöglichte, erklärte das PRODH, dass sich damit „die Vertiefung der Militarisierung der öffentlichen Sicherheit ohne zivile Gegengewichte bestätigt“.
Außerdem sagte das Zentrum, „das Besorgniserregendste (…) hat mit den schweren Menschenrechtsverletzungen an den Opfern im Land zu tun, insbesondere mit der schweren Krise der Verschwundenen (…): Es wurde lediglich minimal auf normative Reformen verwiesen – die nicht ausgereicht haben, um die Krise anzugehen – und nicht auf die schwere Krise von mehr als 130.000 verschwundenen Personen und die nötigen Verpflichtungen, sie umzukehren.“ „Auch wurde das Thema Menschenrechte im Allgemeinen überhaupt nicht angesprochen. Zusammengefasst gilt hier, wie schon oft von der Regierungsbank geäußert: Was nicht benannt wird, existiert nicht“, so das PRODH.
Ebenfalls im September trat nach der im Juni abgehaltenen Volkswahl die Hälfte der Richter:innen des Bundesgerichtswesens ihr Amt an, während die andere Hälfte 2027 gewählt wird. Am selben Tag erklärte Human Rights Watch (HRW), dass „die Verfassungsreform, die die Hälfte der Richterschaft durch per Volkswahl gewählte Richter ersetzt, die richterliche Unabhängigkeit in Mexiko untergraben hat“. „Weit davon entfernt, ein Versuch zu sein, die Justiz demokratischer und effizienter zu machen, wird diese Reform vermutlich lediglich eine der Regierung loyale Justiz schaffen“, so HRW.
Im Oktober legten Kollektive von Angehörigen verschwundener Personen, Organisationen, Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen dem UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen (CED) in der Schweiz einen Schattenbericht vor, der den Titel „Weitverbreitete und/oder systematische Verschwindenlassen in Mexiko“ trägt. Der Bericht stellt fest, dass es im ganzen Land Fälle des Verschwindenlassens gibt und dass viele davon von staatlichen Behörden wie Militär, Polizei und Staatsanwaltschaften im Rahmen des sogenannten „Kriegs gegen den Drogenhandel“ begangen wurden.
Den Daten zufolge gab es zwischen 2017 und 2025 lediglich 373 Verurteilungen wegen erzwungenen Verschwindenlassens – weniger als 1 % der Fälle. Zudem wurde angeprangert, dass es mehr als 72.000 nicht identifizierte Leichen und tausende versteckte Massengräber im Land gebe. Die Kollektive und Organisationen forderten schließlich internationale Intervention, um dieser Tragödie ein Ende zu setzen, da Mexiko ihrer Ansicht nach die schlimmste Verschwundenenkrise ganz Lateinamerikas erlebt.
Der CED aktivierte Artikel 34 der Internationalen Konvention gegen das Verschwindenlassen der UNO – ein Verfahren, das die Möglichkeit eröffnet, die Generalversammlung der Vereinten Nationen einzuschalten. Es ist das erste Mal, dass dieser Artikel bei einem Vertragsstaat angewandt wird. Präsidentin Claudia Sheinbaum warf dem UN-Ausschuss daraufhin „großes Unwissen“ vor und behauptete, dass dieses Phänomen hauptsächlich mit der organisierten Kriminalität zusammenhänge. Der Ständige Vertreter Mexikos bei der UNO, Héctor Vasconcelos y Cruz, wies die Maßnahme zurück. „Die Anwendung dieses Artikels sollte außergewöhnlichen Situationen vorbehalten bleiben“, erklärte er. Amnesty International erinnerte die mexikanische Regierung jedoch daran, dass die Zahlen der Verschwundenen, die Straflosigkeit und die Verwundbarkeit der Suchenden nicht normal seien, sondern „außergewöhnliche Situationen“.
Im November wurde im Rahmen des Día de Muertos das Monitoring „Alle ihre Namen, all ihre Kämpfe 2025“ veröffentlicht. Es kam zu dem Schluss, dass im Zeitraum vom 1. Oktober 2024 bis zum 24. Oktober 2025 „weder Wandel noch Transformation“ zu beobachten waren: Die Repression und tödliche Gewalt gegen Menschenrechtsverteidiger:innen halte an.
Das Monitoring dokumentierte in diesem Zeitraum 34 Morde an Menschenrechtsverteidiger:innen und 4 Fälle von erzwungenem Verschwindenlassen. Landrechte, Wahrheit und Gerechtigkeit sind die Themen, die am meisten Angriffe auslösen (76,3 %). Zudem wurde die Gewalt gegen Angehörige von Kollektiven, die nach Verschwundenen suchen, als zentrales Problem identifiziert (26,3 % der registrierten Fälle). 44,1 % der Morde an Menschenrechtsverteidiger:innen konzentrieren sich auf den Süden und Südosten des Landes (Oaxaca 10, Guerrero 3, Chiapas 2). De facto-Mächte sind weiterhin die Hauptverantwortlichen für die Angriffe auf das Leben (71,1 %), während in 18,4 % der Fälle keine genauen Informationen über die Ereignisse vorliegen.
Unsicherheit und Organisierte Kriminalität: Ein weiterer großer Abwesender
Im November sorgte der Mord am Bürgermeister von Uruapan, Michoacán, Carlos Manzo für nationales Mitgefühl. Manzo war bekannt für seine klare Haltung gegen das Organisierte Verbrechen. Der Drahtzieher des Mordes war ein 17 Jähriger, der vom Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG) rekrutiert wurde. Er nutzte eine Waffe, die, wie sich hinterher herausstellte, auch bei anderen Gewaltverbrechen der letzten Zeit genutzt wurde. Der Angriff wurde als Schlag gegen die lokalen Behörden und den Rechtsstaat gewertet, da die Tatsache, dass ein Bürgermeister trotz Schutzes durch die Polizei und die Nationalgarde öffentlich ermordet wird die Schwäche des Staates gegenüber dem Organisierten Verbrechen unterstreicht.
Die Tatsache sorgte in Michoacá als auch landesweit für Verurteilung und Demonstrationen. Bürger:innen fordern Gerechtigkeit in Angesicht von Gewalt und Straflosigkeit. Sie machen staatliche und bundesstaatliche Behörden verantwortlich für die Unsicherheit. Der Effekt von Einschüchterung auf andere Politiker:innen ist offensichtlich: Wenn ein Bürgermeister des Profils von Manzo ermordert wird, wer sonst soll sich trauen, sich dem Organisierten Verbrechen entgegenzustellen?
Als Reaktion darauf startete die Bundesregierung einen Sicherheitsplan („Plan Michoacán für Frieden und Gerechtigkeit“) mit militärischer Präsenz, mehr als 10.500 Soldaten und einer Millioneninvestition. Die Initiative wurde als möglicher Wendepunkt mit mehr militärischer Kontrolle und einer verstärkten Präsenz des Staates vorgestellt; sie birgt jedoch auch Risiken: Eine Strategie, die sich fast ausschließlich auf Sicherheit konzentriert, ohne strukturelle Ursachen (Armut, Rekrutierung von Jugendlichen durch die Kartelle) zu berücksichtigen, birgt das Risiko, unzureichend oder sogar kontraproduktiv zu sein. Die Regierung von Claudia Sheinbaum steht vor einer wichtigen Prüfung: Sie muss beweisen, dass sie Sicherheit und Gerechtigkeit garantieren kann, insbesondere nach einem so medienwirksamen Verbrechen. Wenn der Friedensplan keine greifbaren Ergebnisse liefert, könnte der politische Preis erheblich sein.
CHIAPAS: „Der Frieden ist gekommen“ nach Chiapas, behauptet der Gouverneur – trotz wachsender Klagen über Unsicherheit und fehlende Gerechtigkeit

Pilgerung des Gedenkens an den ersten Jahrestag der Ermordung des tsotsil Priesters Marcelo Pérez, San Andrés Larrainzar, Oktober 2025 © SIPAZ
Im Oktober fand eine Pressekonferenz mit Vertreter:innen der Plattform für den Aufbau von Frieden in Mexiko statt. Sie prangerten die Diskrepanz zwischen dem offiziellen Diskurs über den angeblichen „Frieden“ und der Realität in Chiapas und im ganzen Land an, die von Gewalt und ungelösten strukturellen Problemen geprägt ist. Die Plattform wies darauf hin, dass der Gouverneur von Chiapas, Eduardo Ramírez Aguilar, in Chicomuselo einen Marsch unter dem Motto „der Frieden, der zurückgekehrt ist“ propagierte, während gleichzeitig Tausende Angehörige des Pueblo Creyente der Diözese San Cristóbal de Las Casas in San Andrés Larráinzar pilgerten, um an Pater Marcelo Pérez Pérez zu erinnern, der im Oktober 2024 wegen seines Einsatzes für Gerechtigkeit ermordet wurde.
„Wir sehen eher Maßnahmen zur Eindämmung als echte Lösungen. Wir sehen vertriebene Gemeinden, die aufgrund der Präsenz krimineller Gruppen nicht in ihre Gebiete zurückkehren können. Wir sehen Opfer, die sich aus Angst vor Repressalien nicht trauen zu berichten – was die offiziellen Aussagen der Regierung infrage stellt, wonach Chiapas zum zweitsichersten Bundesstaat des Landes geworden sei. Zudem waren mehrere der durchgeführten Maßnahmen mit Menschenrechtsverletzungen verbunden, darunter willkürliche Festnahmen und Folter“, kritisierten sie. Sie erinnerten daran, dass echter Frieden nicht durch Eindämmung oder Schweigen entstehen könne, sondern auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und dem aktiven Einbezug der Gemeinschaften beruhe.
Die Pilgerfahrt in San Andrés und ihre Forderungen sind keine Einzelfälle. Im August pilgerten Bewohner:innen der Chol-Region in Palenque für den Frieden. „Wir schließen uns dem Aufschrei unserer Gemeinden an, um die Ungerechtigkeiten anzuprangern, unter denen unsere Völker leiden – insbesondere die Unsicherheit und die Gewalt, die das Leben bedroht“, erklärten sie. „Uns ist bewusst, dass wir keinen Frieden in unserem Bundesstaat haben können, solange Menschenrechtsverletzungen, Gewalt, Kriminalität, Unsicherheit und verletzte Brüder und Schwestern existieren“, sagten sie.
Ebenfalls im August unternahmen Hunderte Katholik:innen eine Pilgerfahrt in Venustiano Carranza. Sie prangerten an, dass das organisierte Verbrechen weiterhin Gewalt verursacht und ganze Gemeinden zur Flucht zwingt, während die Bundes- und Landesbehörden dessen Existenz leugnen. Sie erklärten, dass die Auseinandersetzungen zwischen Drogenkartellen weiterhin Entführungen, Verschwindenlassen, Verletzte und Morde verursachen.
Im September stellte das Menschenrechtszentrum Centro de Derechos Humanos de la Selva Negra die offiziellen Erzählungen über Fortschritte in den Bereichen Sicherheit, Armutsbekämpfung und Transformation infrage. „Der Krebs der Kriminalität hat das Mark der Territorien erreicht“, erklärten sie. Zudem kritisierten sie die Schaffung der Eliteeinheit Fuerza de Reacción Inmediata Pakal: „Sie hat in den Gemeinden, durch die sie gezogen ist, territoriale Übergriffe, das Eindringen in Privatgrundstücke ohne richterliche Anordnung und Einschüchterung der Bevölkerung hinterlassen.“ Außerdem verurteilten sie die großen Infrastruktur- und Tourismusprojekte.
Mehrere zusätzliche menschenrechtliche Besorgnisse

Aktivitäten in Tuxtla Gutiérrez zum Anlass des Internationalen Tages der Verschwundenen, August 2025 © SIPAZ
Im August teilte die Regierung Guatemalas mit, dass sie 161 Bürger:innen aus Chiapas humanitäre Aufenthaltsgenehmigungen gewährt habe, die aufgrund der Gewalt durch das organisierte Verbrechen Schutz suchten. Es handelt sich um 39 Familien, darunter 69 Minderjährige, aus Gemeinden des Municipios Frontera Comalapa. Der Gouverneur von Chiapas, Eduardo Ramírez, bestritt, dass es im Bundesstaat aufgrund der Gewalt durch das organisierte Verbrechen zu erzwungenen Vertreibungen komme, und behauptete, solche Darstellungen seien Teil eines Versuchs, seine Sicherheitsstrategie zu diskreditieren. Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates, Jorge Luis Llaven Abarca, erklärte, die Vertriebenen hätten den Ort freiwillig verlassen; möglicherweise hätten sie familiäre Verbindungen zu Personen, die Gewalt verursachen und gegen die Haftbefehle vorliegen. „Heute kann man ohne Probleme in jede Region der Sierra fahren, denn es gibt staatliche Präsenz aller Ordnungskräfte. Der Frieden und die Ruhe in Chiapas sind garantiert“, sagte er.
Am 30. August wurde ein weiteres Problem sichtbar, das Chiapas zunehmend betrifft: das der verschwundenen Personen. Zwei Aktionen fanden statt: Eine von der Arbeitsgruppe gegen das Verschwindenlassen in Chiapas organisierte, die erklärte: „Im Gegensatz zu anderen Regionen Lateinamerikas ist das Verschwindenlassen in Mexiko kein Problem der Vergangenheit, sondern eine Krise, die sich Jahr für Jahr verschärft.“ Zum anderen eine Demonstration, koordiniert von der Kollektivorganisation Madres en Resistencia, die „vom Gouverneur Eduardo Ramírez und dem Staatsanwalt Jorge Luis Llaven Abarca konkrete Ermittlungen“ forderte, „damit sie unsere Angehörigen wirklich suchen und es nicht nur eine Simulation ist. Viele Familien trauen sich aus Angst vor Repressalien nicht auf die Straße, aber nur gemeinsam können wir Druck ausüben, damit sie ihre Arbeit tun“, betonten sie.

Treffen “Regionale Tagung: Für das Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung” für Familienangehörige von Verschwundengelassenen, San Cristóbal de Las Casas, September 2025 © SIPAZ
Im September berichtete das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) über „Strategien der Einkreisung und des Entzugs von Land, das durch den Kampf der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) zurückgewonnen wurde, durchgeführt im Autonomen Zapatistischen Dorf Belén im offiziellen Municipio Ocosingo“. Zu den Angriffen zählen „die Verweigerung des Dialogs, Eindringen und Vermessung des 1994 zurückgewonnenen autonomen Territoriums, Drohungen, Diebstahl von Ernten, das Abbrennen zweier Häuser und Landraub“. Diese Handlungen seien von „einer Gruppe von Zivilisten gemeinsam mit der Gemeindepolizei von Ocosingo, der Staatspolizei, dem Regierungsdelegierten, der Generalstaatsanwaltschaft von Chiapas sowie Einheiten der mexikanischen Armee“ verübt worden. Laut Frayba stellen die jüngsten Angriffe und Schikanen in zapatistischen Gebieten eine Fortsetzung einer Strategie des mexikanischen Staates dar, Land zu enteignen und die EZLN zu konfrontieren – damit bringen sie das Leben der Bevölkerung in Gefahr.
Im Oktober teilte das Observatorium für Menschenrechtsverteidiger:innen in Chiapas mit, dass es im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 79 Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger:innen und Journalist:innen im Bundesstaat registriert habe – ein Anstieg um 29 % gegenüber demselben Zeitraum im Jahr 2024. 62 % der Angriffe waren physischer Natur und 38 % digital. Die 79 dokumentierten Vorfälle entsprechen einem Durchschnitt von elf gewaltsamen Ereignissen pro Monat.
OAXACA: Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger:innen und weitere menschenrechtliche Besorgnisse
Die permanente Kampagne Alas y Raíces de los Movimientos Sociales en Oaxaca hat dokumentiert, dass in den ersten zweieinhalb Jahren der aktuellen Landesregierung 44 Menschenrechtsverteidiger:innen individuell angegriffen wurden und 70 kollektive Angriffe stattfanden. Besonders besorgniserregend ist, dass 50 % aller registrierten Aggressionen mit dem Interozeanischen Korridor des Isthmus von Tehuantepec (CIIT) zusammenhängen – einem Projekt, das Angriffe gegen Menschenrechtsverteidigerinnen in der Region deutlich verschärft hat. Laut demselben Monitoring waren die staatlichen Reaktionen zur Bewältigung der Konflikte in 81 % der Fälle geprägt von Unterlassung, Provokationen oder dem bloßen „Management“ der Konflikte.
Zudem wurden 149 Widerstandsaktionen sowie aufkommende Strategien und Alternativen registriert, um der Situation von Konflikt und Gewalt zu begegnen: „Wenn Oaxaca für etwas bekannt ist, dann für seine organisatorische Stärke und die Kreativität seiner Widerstandsformen.“ Diese Prozesse entwickeln sich in einem Kontext, der durch zunehmende Konflikte um Land und Territorium, verstärkte nationale Sicherheitsmaßnahmen und Militarisierung sowie durch den wachsenden Einfluss krimineller Strukturen und illegaler Märkte geprägt ist, die immer sichtbarer und gewalttätiger werden.
Eine weitere beobachtete Tendenz während der Regierung von Salomón Cruz Jara ist die zunehmende Kriminalisierung von Protest. Die Defensoría de los Derechos Humanos del Pueblo de Oaxaca (DDHPO) hat bis Juli 2025 bereits 137 Beschwerden gegen die Polizei registriert. Dies weist auf ernsthafte Probleme im Verhalten der Sicherheitskräfte hin, darunter Misshandlungen, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, den zivilgesellschaftliche Organisationen als Teil einer menschenrechtlichen Krise benennen, ist das wachsende Problem des Verschwindens von Personen. Im August marschierten Suchkollektive und Organisationen durch die Hauptstadt Oaxacas, um die Gleichgültigkeit und Sensibilitätslosigkeit der Behörden anzuprangern. Sie forderten dringend die sofortige Einrichtung einer Spezialisierten Staatsanwaltschaft für Verschwundene Personen in Oaxaca – mit voller Autonomie, ausreichendem Budget, geschultem Personal sowie einer Perspektive der Menschenrechte, des Geschlechts und der Interkulturalität. Zudem betonten sie die Notwendigkeit eines wirksamen Suchprogramms, das konkrete Maßnahmen zur Prävention, sofortigen Suche, Lokalisierung und umfassenden Begleitung der betroffenen Familien beinhaltet. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der verschwundenen Personen in Oaxaca um 81,8 % gestiegen, meist junge Männer zwischen 15 und 34 Jahren.
Ein letzter Punkt, der hervorgehoben werden muss: Laut dem Feminizid-Observatorium der Grupo de Estudios para la Mujer Rosario Castellanos wurden im Jahr 2025 bisher 64 gewaltsame Todesfälle von Frauen in Oaxaca registriert, von denen 62 % als Feminizide eingestuft wurden. Während der aktuellen Regierung des Morenista Salomón Jara Cruz – von 2022 bis September 2025 – wurden insgesamt 267 gewaltsame Todesfälle von Frauen verzeichnet. Trotz der Tatsache, dass seit sieben Jahren eine Geschlechtergewalt-Alarmstufe für 40 Gemeinden Oaxacas aktiv ist, sind keine tiefgreifenden Veränderungen zu beobachten.
GUERRERO: Kriminelle Gewalt und Verschwindenlassen
Im September, zum 11. Jahrestag des Verschwindens der 43 Studenten von Ayotzinapa, beklagten Mütter und Väter erneut, dass sie trotz der Erwartungen an einen „demokratischen Übergang“ weiterhin Wahrheit und Gerechtigkeit fordern müssen. In Guerrero und Mexiko-Stadt fanden Märsche statt, um vier zentrale Forderungen zu bekräftigen: die Aufklärung der Ereignisse, die Auslieferung zentraler beteiligter Akteure, den Zugang zu den 800 noch als geheim eingestuften Ermittlungsakten sowie die Wiederaufnahme der Feldsuchen. Obwohl es einen Wechsel an der Spitze der Spezialeinheit für Ermittlungen und Strafverfolgung im Fall Ayotzinapa (UEILCA) gab, kritisierte das Komitee der Mütter und Väter, dass die Regierung von Claudia Sheinbaum keine Ergebnisse vorweisen könne. Auch die Arbeit vor Ort stagniert – es gibt kaum neue Hinweise, und Personal wurde infolge von Budgetkürzungen reduziert.
Der Fall Ayotzinapa ist nur die Spitze des Eisbergs der Krise des Verschwindenlassens in Guerrero. Im August marschierten Kollektive von Angehörigen, Gewaltopfern und Menschenrechtsverteidiger:innen in Acapulco und Chilpancingo anlässlich des Internationalen Tags der Opfer des Verschwindenlassens. Sie forderten von den Behörden die Suche nach etwa 4.500 vermissten Personen – eine Zahl, die Guerrero zum fünften Bundesstaat mit den meisten Fällen macht. Außerdem verlangten sie die Identifikation der Leichen, die sich in völlig überlasteten gerichtsmedizinischen Einrichtungen ansammeln, sowie die Umsetzung der seit 2017 erhobenen Forderungen: ein Landesgesetz zum Verschwindenlassen, die Einrichtung eines genetischen Identifikationszentrums und ein eigenes Budget für die staatlichen Such- und Opferschutzkommissionen.
Die allgegenwärtige Präsenz des organisierten Verbrechens bildet den entscheidenden Hintergrund für das Verständnis dieser Problematik und der anhaltenden Straflosigkeit. Im Oktober wurden Behördenvertreter und Gemeindepolizisten des CIPOG-EZ und der CRAC-PC-PF von der kriminellen Gruppe Los Ardillos angegriffen, berichtete der Nationale Indigenenrat (CNI). Bei dem Angriff wurden drei Gemeindepolizisten getötet und sieben verletzt. Die Gemeinden beschuldigten die Täter, mit Unterstützung und Schutz durch staatliche Behörden zu operieren. Seit Jahren leiden sie unter narco-paramilitärischer Gewalt: In der letzten Dekade wurden 66 Personen ermordet und 23 verschwunden gelassen.
Im selben Monat baten Journalist:innen verschiedener Medien aus Iguala um die Intervention von Präsidentin Sheinbaum, nachdem sie Morddrohungen seitens des organisierten Verbrechens erhalten hatten, sollten sie Informationen über den Anschlag auf den Anwalt und Aktivisten Anselmo Bautista Martínez veröffentlichen. Bautista erlag den Verletzungen des Angriffs. Er war nur wenige Tage zuvor zur Staatsanwaltschaft von Guerrero gegangen, um zwei Staatsanwälte wegen verschiedener Delikte anzuzeigen. Bekannt für die Aufdeckung von Korruptionsfällen im Justizwesen und seine Arbeit mit Kollektiven von Angehörigen verschwundener Personen, löste seine Ermordung zusätzliche Angst unter den Reporter:innen aus. Diese warnten, dass der Druck durch das organisierte Verbrechen Journalist:innen in vielen Regionen des Bundesstaates betreffe, nicht nur in Iguala.
Schließlich versammelten sich im Oktober mehr als 300 Menschen in Mezcala, Municipio Eduardo Neri, um von dem Priester Bertoldo Pantaleón Estrada Abschied zu nehmen, der zunächst verschwunden war und später tot aufgefunden wurde. Während der Zeremonie beklagte der Bischof der Diözese Chilpancingo-Chilapa, José de Jesús González Hernández, dass es heute Gemeinden in Guerrero gebe, in die Priester nicht mehr eintreten könnten. Er betonte, dass die Präsenz krimineller Gruppen selbst religiöse Würdenträger einschränke – ein Zeichen dafür, wie sehr die Sicherheit und die territoriale Kontrolle durch das organisierte Verbrechen bereits erodiert sind.








