
Aktivitäten von SIPAZ (Mitte Februar bis Mitte Mai 2026)
19. Juni 2026
FOKUS: Der Kampf um die Autonomie der indigenen und afromexikanischen Völker. Zwischen Anerkennung von Rechten und Autonomie, die „von unten“ gebaut wird
14. September 2026
I m Juni und Juli machte die Fußball-Weltmeisterschaft Mexiko zu einem der wichtigsten internationalen Zentren der Aufmerksamkeit. Als Gastgeberland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Kanada empfing Mexiko Besucher*innen und Delegationen aus zahlreichen Ländern und nutzte die Veranstaltung, um ein Bild von Offenheit und organisatorischer Leistungsfähigkeit zu vermitteln.
Auch der Besuch des spanischen Königs Felipe VI. hatte diplomatische Bedeutung, da er nach mehreren Jahren der Spannungen zu einer Annäherung zwischen beiden Ländern beitrug. Gleichzeitig machte das Turnier jedoch auch soziale und politische Probleme innerhalb des Landes vor der internationalen Presse und Öffentlichkeit sichtbar und zeigte verschiedene Widersprüche auf.
Die Vereinigten Staaten blieben mit Abstand die wichtigste internationale Herausforderung für Mexiko, wobei sich Zusammenarbeit und Konfrontation miteinander verbanden. Mexiko musste die Koordination mit seinem wichtigsten Wirtschaftspartner aufrechterhalten, lehnte jedoch jede Maßnahme ab, die als Bedrohung seiner Souveränität angesehen werden könnte. Dies wurde in verschiedenen Momenten des letzten Quartals deutlich, unter anderem beim Treffen zwischen Sheinbaum und Trump während der Weltmeisterschaft. Dieses stellte einen Moment der diplomatischen Entspannung dar, löste jedoch nicht die bestehenden Differenzen zwischen den beiden Regierungen.
Die Regierung von Sheinbaum betont weiterhin, dass bilaterale Zusammenarbeit keine Unterordnung bedeuten dürfe. Ein Beispiel dafür war die Aufhebung des Visums von Andrés Manuel López Beltrán, dem Sohn des ehemaligen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador. Diese Entscheidung führte zu einer Reaktion der mexikanischen Regierung, da sie der Ansicht war, dass dies eine Form der Einmischung in nationale politische Angelegenheiten darstellen könnte. Dieser Vorfall spiegelte eine umfassendere Tendenz des Drucks aus den USA durch Visumsaufhebungen, Ermittlungen und Anschuldigungen gegen politische Persönlichkeiten wider, die im Verdacht stehen, Verbindungen zum Drogenhandel zu haben. Mexiko betonte, dass jede Anschuldigung gegen mexikanische Staatsbürger*innen auf Beweisen und rechtlichen Verfahren beruhen müsse.
Im Bereich der Sicherheit setzten beide Länder ihre Zusammenarbeit bei der Bekämpfung krimineller Gruppen fort. Mexiko lehnte jedoch weiterhin die Möglichkeit eines militärischen Eingreifens der Vereinigten Staaten auf seinem Territorium ab. Die vorübergehende Aussetzung der US-amerikanischen Kontrollen von Avocados aus Michoacán zeigte, wie Sicherheitsprobleme sogar die Handelsbeziehungen beeinflussen können. Die Kontrollen wurden wieder aufgenommen, nachdem Mexiko die Sicherheitsmaßnahmen durch den Einsatz von Militär und Nationalgarde verstärkt hatte.
Im wirtschaftlichen Bereich wurde die Überprüfung des Vertrags zwischen Mexiko, den Vereinigten Staaten und Kanada (T-MEC) zu einem der wichtigsten Themen der Außenpolitik. Mexiko wollte die Handelsvorteile und den bevorzugten Zugang zum US-amerikanischen Markt erhalten, während die Trump-Regierung auf günstigere Bedingungen für die Vereinigten Staaten drängte. Auf diese Weise entwickelte sich die Handelsbeziehung in einer Dynamik aus Zusammenarbeit, aber auch aus ständigem Druck und Verhandlungen. Für Mexiko ist das Abkommen von grundlegender Bedeutung, da sein Außenhandel stark vom US-amerikanischen Markt abhängig ist.
Angesichts der starken Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten versuchte Mexiko außerdem, seine internationalen Beziehungen zu diversifizieren. Brasilien gewann als regionaler Partner besondere Bedeutung. Gespräche zwischen Pemex und Petrobras zielten darauf ab, die Zusammenarbeit in Bereichen wie Produktion, Exploration, Raffinerie und Biokraftstoffe auszubauen. Gleichzeitig machte Mexiko Fortschritte in seinen Beziehungen zur Europäischen Union durch die Modernisierung des „Globalabkommens“. Die Regierung stellte dieses Abkommen als eine Möglichkeit dar, Handel, Investitionen und politische Zusammenarbeit zu erhöhen. Sozial- und Umweltorganisationen sowie Wissenschaftler*innen wiesen jedoch auf mögliche Risiken hin. Sie argumentierten, dass die Vorteile hauptsächlich großen Unternehmen zugutekommen könnten und dass die Mechanismen zum Schutz der Umwelt und der Menschenrechte möglicherweise nicht ausreichend seien.
Mexiko verfolgte außerdem weiterhin eine Außenpolitik, die auf Multilateralismus, der Verteidigung der Menschenrechte, der Selbstbestimmung der Völker und der friedlichen Lösung von Konflikten basiert. Im Rahmen dieser Strategie unterstützte die Regierung die Kandidatur von Michelle Bachelet für das Amt der Generalsekretärin der Vereinten Nationen. Diese Haltung sollte die diplomatische Tradition Mexikos aufrechterhalten und die Rolle des Landes innerhalb internationaler Organisationen stärken, insbesondere in einem Kontext zunehmender Spannungen zwischen den wichtigsten Weltmächten.
Migration: Gewalt und Verwundbarkeit angesichts der Verschärfung der Migrationspolitik
Im Juli löste der Tod des mexikanischen Migranten Lorenzo Salgado während eines Einsatzes der US-Einwanderungsbehörde (ICE) besondere Besorgnis aus. Der Fall zeigte die Risiken, die sich aus der Verschärfung der US-amerikanischen Migrationspolitik ergeben. Angesichts dieses und weiterer Todesfälle mexikanischer Staatsbürger*innen während Einsätzen oder in der Obhut der ICE kündigte die mexikanische Regierung rechtliche und diplomatische Maßnahmen an. Das Außenministerium teilte mit, dass in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit 17 mexikanischen Staatsbürger*innen, die seit 2025 gestorben sind, Anzeigen eingereicht wurden. Außerdem brachte Mexiko die Situation vor internationale Organisationen, darunter die Vereinten Nationen.
Allgemeiner betrachtet haben die Maßnahmen der Regierung von Donald Trump zu einem Anstieg der Abschiebungen geführt und betreffen insbesondere Menschen, die nach Mexiko geschickt wurden und dort in prekäre Situationen geraten sind. Menschenrechtsorganisationen berichten von willkürlichen Festnahmen, fehlender medizinischer Versorgung, Gewalt, Misshandlungen und Schwierigkeiten beim Zugang zu Wohnraum und Arbeit. Sie weisen auch darauf hin, dass abgeschobene Menschen aufgrund der organisierten Kriminalität und fehlender wirksamer Schutzmechanismen weiteren Risiken ausgesetzt sind.
Im Rahmen des „III. Treffens der Bischöfe und Seelsorgevertreter*innen der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze“ stellten Bischöfe aus Chiapas und Guatemala eine Reihe von Herausforderungen vor, mit denen diese Region konfrontiert ist. „Heute bestehen weiterhin Bedingungen von Armut, Unsicherheit, Ungleichheit und systemischer Gewalt, unter denen die Bevölkerung leidet und die Migration weiterhin fortbesteht. In diesem Kontext, in dem Migrationspolitiken, multilaterale Abkommen und Exekutivverordnungen das Recht auf Migration verletzen (…), stellen wir fest, dass kriminelle Gruppen, Strukturen des Menschenhandels und Erpressungen auf den Migrationsrouten stärker geworden sind“, warnten sie. Außerdem erklärten sie, dass sie sich in einer „Zone befinden, die von denjenigen kontrolliert wird, die Gewalt ausüben“, und zwar angesichts des „begrenzten oder fehlenden Handelns staatlicher Institutionen und internationaler Organisationen“.
Die zunehmende Sichtbarkeit der Krise der Verschwundenen in Mexiko

Mobilisierungen von Kollektiven von Müttern auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen im Rahmen der Weltmeisterschaft, Juni 2026 © SIPAZ
Wie bereits erwähnt, führte die Weltmeisterschaft dazu, dass verschiedene bestehende Probleme des Landes ein internationales Publikum erreichten, insbesondere durch die Proteste der suchenden Mütter und der Lehrer*innen. Während die Regierung Fortschritte bei der Sicherheit und bei institutionellen Reformen hervorhebt, betonen soziale und Menschenrechtsorganisationen weiterhin, dass strukturelle Probleme wie Gewalt, Straflosigkeit, das Verschwinden von Menschen und Ungleichheit bestehen bleiben.
Das Verschwinden von Menschen hat sich zu einem der wichtigsten Menschenrechtsprobleme entwickelt. Ein im Mai vorgestellter Bericht der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) dokumentierte, dass mehr als 128.000 Menschen als verschwunden registriert waren und Zehntausende nicht identifizierte Leichen existierten. Angehörige und Suchkollektive weisen darauf hin, dass die Behörden weiterhin große Schwierigkeiten haben, verschwundene Menschen zu finden, Überreste zu identifizieren und die Fälle aufzuklären.
Die Krise erlangte auch internationale Bedeutung durch das Eingreifen des UN-Ausschusses gegen das gewaltsame Verschwindenlassen, der angesichts der Situation in Mexiko internationale Zusammenarbeit forderte. Die Regierung von Claudia Sheinbaum wies zurück, dass Bedingungen bestünden, die ein solches Eingreifen rechtfertigen würden. Dies führte zu einer Debatte mit internationalen Organisationen über das Ausmaß der Krise und die Verantwortung des Staates.
Im Juni fanden in Mexiko-Stadt Demonstrationen statt, insbesondere in der Nähe des Estadio Azteca, zeitgleich mit dem Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika. Die Proteste wurden von einem großen Sicherheitsaufgebot begleitet, und die Behörden verhinderten, dass sich die Gruppen frei dem Stadion nähern konnten. Amnesty International kritisierte diese Maßnahmen und forderte die Gewährleistung des Rechts auf friedlichen Protest. Die Familien wollten den Gegensatz zwischen der sportlichen Feier und der Realität Tausender Menschen sichtbar machen, die weiterhin vermisst werden. Die suchenden Mütter betonten, dass viele Familien aufgrund der unzureichenden Antworten der Behörden gezwungen seien, die Suche selbst zu übernehmen.
Im Bereich der Sicherheit erklärte die Regierung von Claudia Sheinbaum, positive Ergebnisse erzielt zu haben. Die Präsidentschaft teilte mit, dass zwischen September 2024 und Juni 2026 die Zahl der vorsätzlichen Tötungsdelikte um 48 % zurückgegangen sei. Dieser Rückgang besteht jedoch neben weiterhin hohen Zahlen von Gewalt, Verschwindenlassen, Erpressungen und der Präsenz krimineller Gruppen. Michoacán blieb eines der besorgniserregendsten Beispiele. Im Juli wurde ein mutmaßlicher Anführer einer kriminellen Gruppe festgenommen, dem vorgeworfen wird, den Mord an dem Bürgermeister von Uruapan, Carlos Manzo, angeordnet zu haben. Der Fall führte zu Fragen über die Fähigkeit des Staates, die Gewalt zu kontrollieren und Beamt*innen sowie Bürger*innen zu schützen.
Das große ungelöste Problem bei der Bekämpfung der Krise des Verschwindenlassens und der Unsicherheit bleibt die allgegenwärtige Straflosigkeit. In diesem Zusammenhang könnte die derzeitige Umgestaltung der mexikanischen Institutionen unzureichend sein. Die Justizreform und die Volkswahl von Mitgliedern der Justiz werden weiterhin kritisiert. Organisationen wie Human Rights Watch haben ihre Sorge über eine mögliche Schwächung der Unabhängigkeit der Justiz geäußert und auf Probleme im Zusammenhang mit der geringen Beteiligung und der Integrität des Wahlprozesses für die Justiz hingewiesen.
Im Mai verabschiedete die Abgeordnetenkammer eine von Präsidentin Claudia Sheinbaum vorgeschlagene Reform, mit der die nächste Justizwahl von 2027 auf 2028 verschoben werden soll. Das erklärte Ziel der Regierungspartei Morena war es, eine Überschneidung mit den Bundes- und Kommunalwahlen von 2027 zu vermeiden, die Stimmzettel zu vereinfachen, die Zahl der Kandidaturen zu reduzieren und gemeinsame Kriterien für die Bewertung der Bewerber*innen festzulegen. Die Opposition vertrat dagegen die Ansicht, dass die Änderungen hauptsächlich technischer Natur seien und das grundlegende Problem – die Volkswahl von Richter*innen und Magistrat*innen – nicht lösen würden. Sie warnte außerdem vor möglichen Risiken einer politischen Einflussnahme und einer Beteiligung der organisierten Kriminalität. Gleichzeitig löste die Abschaffung des Nationalen Instituts für Transparenz, Zugang zu Informationen und Schutz personenbezogener Daten (INAI) im Jahr 2025 und die Übertragung seiner Aufgaben auf neue staatliche Strukturen Bedenken hinsichtlich des Zugangs zu öffentlichen Informationen aus. Im Mittelpunkt der Debatte stand die Notwendigkeit, institutionelle Kontrollmechanismen gegenüber der Exekutive und der Regierungspartei zu erhalten.
Journalist*innen, indigene Völker und Kinder: weiterhin besonders gefährdete Gruppen
Die Meinungsfreiheit und der Schutz der Privatsphäre stehen ebenfalls weiterhin im Mittelpunkt der Diskussion. Die neuen Regelungen für Telekommunikation und Rundfunk führten zu Fragen hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit. Es besteht außerdem Sorge über die zunehmenden Möglichkeiten der Regierung, auf personenbezogene Daten zuzugreifen, sowie über die Einführung verpflichtender Register im Zusammenhang mit Identität und Telefonie.
Die Situation der Journalistinnen bleibt besonders ernst. Menschenrechtsorganisationen haben während der Regierung von Sheinbaum zahlreiche Morde und Angriffe auf Medienschaffende dokumentiert. ,,Reporter ohne Grenzen” erklärte im Juli, dass Mexiko weiterhin zu den gefährlichsten Ländern des Kontinents für die Ausübung des Journalismus gehört, insbesondere für Menschen, die in lokalen Medien und ländlichen Gemeinden arbeiten. „Sieben Morde in sieben Monaten zu zählen, ist sehr schwer zu verarbeiten. So viele Morde in so kurzer Zeit hintereinander lassen einen sprachlos zurück.” Reporter ohne Grenzen hatte diesen alarmierenden Anstieg der Morde an Journalist*innen in Mexiko seit 2011 oder 2012 nicht mehr registriert.“ Für RSF zeigt dieses Szenario ein „völliges Versagen“ der mexikanischen Behörden bei der Gewährleistung der Sicherheit der Presse, insbesondere derjenigen, die in lokalen Medien und ländlichen Gemeinden im Süden des Landes arbeiten.
Auch die Ermordung des Journalisten Alejandro Leyva Aguilar in Oaxaca im Juli wurde als Teil eines besorgniserregenden Anstiegs von Morden an Medienschaffenden bezeichnet. ,,Artículo 19” dokumentierte ebenfalls mehrere Morde seit Beginn der derzeitigen Regierung. Diese Gewalt steht im Zusammenhang mit Problemen wie organisierter Kriminalität, Korruption und Straflosigkeit. Gleichzeitig beeinträchtigt sie unmittelbar das Recht der Gesellschaft, zu erfahren und anzuprangern, was in Regionen geschieht, in denen kriminelle Gruppen aktiv sind.
Auch indigene Gemeinschaften sind weiterhin mit gravierenden Problemen konfrontiert. Das Menschenrechtszentrum ,,Fray Bartolomé de Las Casas” (Frayba) dokumentierte eine Zunahme von Angriffen, Drohungen, Morden, Zwangsvertreibungen und Kriminalisierung indigener Gemeinschaften in Guerrero, Michoacán und Chiapas. Viele dieser Konflikte stehen im Zusammenhang mit Streitigkeiten um Land und Territorien sowie mit Infrastruktur-, Bergbau-, Tourismus- und Rohstoffprojekten. Die Gemeinschaften kritisieren, dass diese Projekte durchgeführt werden, ohne ihr Recht auf eine vorherige, freie und informierte Konsultation vollständig zu respektieren.
Im August begann der Konsultationsprozess zur Ausarbeitung eines neuen allgemeinen Gesetzes über die Rechte indigener und afromexikanischer Völker. Die Regierung erklärte, dass die Konsultation es ermöglichen solle, die Vorschläge der Gemeinschaften direkt einzubeziehen, insbesondere in den Bereichen Autonomie, Territorium, kulturelles Erbe und Selbstbestimmung. Einige Völker kritisierten jedoch den Zeitrahmen und die Methodik, da diese ihrer Ansicht nach nicht ihren traditionellen Formen der Beratung und Entscheidungsfindung entsprechen.
Parallel dazu organisierte der Nationale Indigene Kongress weiterhin Versammlungen, um die Verteidigung von Territorium und Wasser zu stärken. Die Gemeinschaften prangerten Projekte wie Staudämme, Bergbau, Gaspipelines, Industrieparks und wasserbauliche Projekte an. Sie kritisierten außerdem einige Regierungsprogramme, da diese ihrer Ansicht nach interne Spaltungen verursachen und die Abhängigkeit vom Staat erhöhen können.
Schließlich stellt auch die Situation von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Herausforderung dar. Zwischen Januar und April 2026 wurden nach Angaben von REDIM und des Exekutivsekretariats des Nationalen Systems für öffentliche Sicherheit mehr als 52.000 Minderjährige Opfer von Gewalt oder anderen Straftaten. Zu den wichtigsten Delikten gehörten familiäre Gewalt und Sexualstraftaten, wobei insbesondere weibliche Jugendliche stark betroffen waren. Außerdem wurden Fälle von Mord, Menschenhandel, Entführung, Erpressung und organisierter Kriminalität registriert. Obwohl sich einige Indikatoren gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025 verbessert haben, beispielsweise bei Femiziden und Morden an Minderjährigen, bleiben die Zahlen besorgniserregend. Sexualstraftaten waren in Bundesstaaten wie Jalisco, Mexiko-Stadt und Veracruz besonders häufig, während familiäre Gewalt vor allem in Mexiko-Stadt, Nuevo León und Estado de México festgestellt wurde.
Chiapas: zwischen offizieller „Befriedung“ und Gewalt in den Territorien
Die Landesregierung von Eduardo Ramírez stellte im Juli eine zweite Phase ihrer Sicherheitsstrategie vor, die sich auf die soziale Prävention von Gewalt konzentriert. Es wurde ein Staatliches Technisches Komitee für eine humanistische Bekämpfung der Ursachen und die soziale Prävention von Gewalt und Straftaten eingerichtet.
Die Regierung kündigte die Stärkung von 58 Präventionsprogrammen an, an denen Behörden, öffentliche Einrichtungen, Wirtschaftssektoren und soziale Organisationen beteiligt sind. Die Strategie soll die Ursachen der Gewalt angehen und nicht nur auf Straftaten reagieren. Der Gouverneur erklärte, dass es keine Straflosigkeit geben werde und dass Prävention die direkte Bekämpfung der Kriminalität begleiten müsse. „Es wird keine Straflosigkeit geben; wir werden weiterhin entschlossen gegen diejenigen vorgehen, die Straftaten begehen. In dieser zweiten Phase der Sicherheitsstrategie werden wir die Ursachen angehen und bitten deshalb um die Unterstützung aller. Denken Sie daran, dass jede Maßnahme, die wir durchführen, das Ziel hat, das Leben der Bevölkerung zu verbessern“, erklärte der Gouverneur. Der Staatsanwalt Jorge Luis Llaven Abarca erklärte seinerseits, dass Frieden durch Bildung, Chancen, die Stärkung von Familien und Gemeinschaften aufgebaut werden müsse.
In den vergangenen drei Monaten hat Chiapas jedoch weiterhin eine Krise von Gewalt, Zwangsvertreibungen und Verschwindenlassen erlebt, insbesondere in den Regionen Sierra-Frontera und Altos. Diese Situation steht im Gegensatz zum offiziellen Diskurs, nach dem der Bundesstaat Fortschritte bei der Wiederherstellung der Sicherheit und der Befriedung macht.
Eines der wichtigsten Probleme bleibt die Zwangsvertreibung indigener Gemeinschaften. Der im Mai vorgestellte Bericht „Chiapas, der ausstehende Frieden“ dokumentierte Fälle von Verschwindenlassen, Vertreibungen, Drohungen, Erpressungen, Zwangsrekrutierung und territorialer Kontrolle durch bewaffnete Gruppen. Die Organisationen sind der Ansicht, dass die Gewalt nicht verschwunden ist und dass viele Gemeinschaften weiterhin in Angst leben. Ein beispielhafter Fall ist das Ejido Jotolá in Chilón, wo fünf Familien sechs Monate lang vertrieben waren, nachdem bei einem Einsatz Häuser zerstört, Menschen festgenommen und Foltervorwürfe erhoben worden waren.
Auch in den Gemeinden Chenalhó und Pantelhó zeigte sich die Gewalt. Dort bestehen weiterhin politische und territoriale Konflikte sowie die Präsenz bewaffneter Gruppen. Die Ermordung von Fernando Ruiz Hernández, der als Gründer der Gruppe „El Machete“ bezeichnet wurde, führte zu neuen gegenseitigen Anschuldigungen zwischen bewaffneten Gruppen und Warnungen vor einer möglichen Eskalation der Gewalt. In Pantelhó wurden bei einem Sicherheitseinsatz im Juli drei Personen festgenommen, obwohl Bewohner*innen erklärten, dass die Hauptverantwortlichen für die Gewalt weiterhin frei seien.
Ein weiterer wichtiger Vorfall ereignete sich im August, als José Alfredo Jiménez Pérez und Eusebio López Guzmán, Mitglieder von Las Abejas de Acteal, festgenommen wurden, während sie an einer Kommission zur Wiederherstellung der Stromversorgung einer kranken Person teilnahmen. Frayba bezeichnete die Festnahmen als willkürlich und forderte ihre Freilassung. Die Staatliche Menschenrechtskommission leitete von Amts wegen eine Untersuchung ein. Der Fall ist aufgrund der historischen Rolle von ,,Las Abejas” bei der Verteidigung indigener Rechte und ihres Kampfes um Gerechtigkeit für das Massaker von Acteal im Jahr 1997 von besonderer Bedeutung.
Das Verschwindenlassen von Menschen stellt einen weiteren wichtigen Grund zur Sorge dar. Im Mai fanden die Madres Buscadoras de Chiapas auf der Ranch El Cedro in der Nähe von Pujiltic in der Gemeinde Venustiano Carranza verbrannte Knochenreste und persönliche Gegenstände. Später wurden auf anderen Grundstücken in Chiapa de Corzo und 20 de Noviembre gefundene Überreste vorläufig mehreren Personen zugeordnet. Religiöse und Menschenrechtsorganisationen kritisierten daraufhin, dass die Familien selbst Sucharbeiten durchführen müssten, die eigentlich Aufgabe des Staates seien. Die Funde stellen außerdem die Darstellung infrage, dass die Gewalt vollständig unter Kontrolle gebracht worden sei.
Andererseits war auch die Presse von der Gewalt betroffen. Im Juni wurde der Kommunikator Marcos Carlos Ramos in Cintalapa angeschossen. Der Vorfall führte zu Protesten von Journalist*innen in Tuxtla Gutiérrez, die darauf hinwiesen, dass solche Angriffe Angst und Selbstzensur verursachen und das Recht der Gesellschaft auf Information beeinträchtigen.
Die Situation von Kindern und Jugendlichen bleibt besorgniserregend. REDIM gab an, dass in Chiapas im Jahr 2024 74,6 % der Kinder und Jugendlichen in Armut lebten, während sich 33,4 % in extremer Armut befanden. Außerdem besteht Sorge über die Rekrutierung Minderjähriger durch kriminelle Gruppen. Das tatsächliche Ausmaß ist aufgrund des Mangels an ausreichenden offiziellen Statistiken schwer zu bestimmen. REDIAS dokumentierte ebenfalls, dass Sexualstraftaten etwa 42 % der Straftaten gegen Kinder und Jugendliche im Bundesstaat ausmachen. Der Fall eines sexuell missbrauchten Kindes in Sabanilla löste Empörung aus und führte zur Festnahme von vier Personen, die mutmaßlich mit dem Fall in Verbindung stehen. Im August wurde eine 14-jährige Jugendliche aus San Juan Chamula nach mehreren Tagen der Suche tot aufgefunden.
Gemeinschaftliche Organisation und Verteidigung des Territoriums im Mittelpunkt der Alternativen
Angesichts der Gewalt haben Gemeinschaften Mechanismen der kollektiven Organisation, der territorialen Verteidigung, der Autonomie und der Solidarität entwickelt. Für indigene Organisationen bedeutet Frieden nicht nur, dass bewaffnete Auseinandersetzungen verschwinden, sondern auch, ohne Angst leben zu können, Zugang zur Justiz zu haben, das eigene Territorium zu bewahren und ein würdiges Leben zu führen.
Im Juli trafen sich verschiedene Organisationen und Gemeinschaften, um nach dem Angriff in Nicolás Ruiz, bei dem drei Menschen getötet wurden und eine Person verschwand, Alternativen für den Frieden zu entwickeln. Sie forderten Gerechtigkeit, Sicherheit und die lebende Rückkehr von Ángel Jiménez López, einem seit April verschwundenen indigenen Tseltal. Sie prangerten an, dass große Infrastrukturprojekte territoriale Konflikte verschärfen können, und forderten die Achtung der Selbstbestimmung indigener Völker.
Ebenfalls im Juli prangerte Frayba Angriffe und Drohungen gegen Mitglieder des CNI in Ocosingo, Teopisca, Chilón und Salto de Agua an. In Ocosingo wurden Druck und Enteignungsversuche gegen Händler*innen mit Verbindungen zum CNI gemeldet. In San Francisco, Teopisca, lehnten die Gemeinschaften eine Straße ab, die heilige Orte, Quellen und natürliche Ressourcen beeinträchtigen könnte. In Jotolá dauern die Vertreibungen und Prozesse der Kriminalisierung an, während in Agua Clara, Salto de Agua, die Drohungen im Zusammenhang mit Landkonflikten zunahmen.
Einer der wichtigsten territorialen Konflikte im Bundesstaat steht im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn San Cristóbal-Palenque. Indigene Gemeinschaften und soziale Organisationen prangerten im Juli an, dass es Unregelmäßigkeiten bei den Konsultationsprozessen gebe und dass Arbeiter*innen ohne Genehmigung Grundstücke betreten hätten, um Vermessungen durchzuführen. „Der Bau der Autobahn Palenque-San Cristóbal, genannt ‚Ruta de las Culturas Mayas‘ (…) ist rechtlich nicht akzeptabel, da die Behörden Konsultationen durchgeführt haben, ohne vorherige Ankündigung und weder frei noch informiert“, erklärten sie. Sie prangerten außerdem die Zerstörung von Wäldern, Dschungel, Quellen und Bergen an und beschuldigten die Baufirmen der „Einschüchterung durch verschiedene Formen von Belästigung und Handlungen, die unsere Rechte verletzen und darauf abzielen, die Verteidigung unserer Mutter Erde zu schwächen“. Außerdem warnten sie, dass das Projekt darauf abziele, „das Gemeinschaftsgefüge zu zerstören, das wir als Völker über Generationen hinweg bewahrt haben“, indem seine Mitglieder aufgrund von „Interessen, die dem Gemeinwohl fremd sind“, gegeneinander aufgebracht würden.
Im August organisierte das Pueblo Creyente de Bachajón eine Pilgerreise, an der rund 600 Gemeinschaften teilnahmen. Dabei lehnte es erneut die als „Ruta de las Culturas Mayas“ (Route der Kulturen) bekannte Straße ab. Es prangerte Umweltbelastungen, Einschüchterungen und Konsultationen an, die nach Ansicht der Gemeinschaften weder frei, vorherig noch informiert gewesen seien. Der Konflikt zeigt einen grundlegenden Unterschied zwischen der Regierung und den Gemeinschaften: Für die Behörden steht die Infrastruktur für Entwicklung und bessere Anbindung; für zahlreiche indigene Völker besteht dagegen das Risiko der Enteignung ihres Territoriums sowie der Zerstörung von Umwelt und Kultur.
Die Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN) setzte ihre intensive politische und organisatorische Tätigkeit fort. Vom 20. bis 25. Juli fand in San Cristóbal de Las Casas das Treffen „Krieg gegen die Menschheit“ mit mehr als 700 Teilnehmer*innen aus 31 Ländern statt. Bei dem Treffen wurden Krieg, Kapitalismus, Verschwindenlassen, Vertreibung, Umweltzerstörung und Megaprojekte thematisiert. Für die EZLN sind diese Phänomene Teil derselben Dynamik von Enteignung und Ausbeutung.
Der heutige zapatistische Vorschlag besteht darin, die gemeinschaftliche Organisation, die Autonomie, die Verteidigung des Territoriums, den Schutz der Natur und die Zusammenarbeit zu stärken, anstatt ausschließlich auf Regierungen, Parteien oder Institutionen zu vertrauen. Darüber hinaus kündigte die EZLN an, dass im Dezember 2026 eine Delegation nach Mexiko-Stadt reisen wird, um sich mit Kollektiven von Angehörigen verschwundener Menschen zu treffen und ihre Forderungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit anzuhören. Außerdem wurde ein Marsch unter dem Motto „Alle Kämpfe und eine gemeinsame Forderung: Wahrheit und Gerechtigkeit für die Abwesenden“ angekündigt.













