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ANALYSE
Die Wahlen in Chiapas: wer hat gewonnen?
Am 3. Oktober 2004 wurden in Chiapas
die 118 Bezirkspräsidenten sowie 40 lokale Kongreßabgeordnete
neu gewählt.
Die Räte der Guten Regierung hielten
ihr Versprechen, die Arbeit der mit der Durchführung
der Wahl beauftragten Organe zu respektieren. Im August
hatten sie bekanntgegeben: "so wie wir die respektieren,
die wählen wollen, sollten sie die respektieren, die
es nicht tun wollen.“ Mit dieser Entscheidung wird
die Haltung der zapatistischen Bewegung bestätigt,
nicht auf Konfrontation zu gehen. Während der letzten
zehn Jahre hatten sich bei jeder lokalen und nationalen
Wahl gewalttätige Vorfälle wie Raub, Verbrennung
von Wahlurnen und Zusammenstöße zwischen entgegengesetzten
Gruppen ereignet. Diesmal verliefen die Wahlen relativ ruhig,
obwohl es vorher zwölf Anzeigen möglicher Wahldelikte
gab. Auch werden weiterhin Geschenke und Geld an die Anhängerschaft
verteilt und Wähler an die Urnen gekarrt.
Die Wahlbeteiligung am 3. Oktober war
relativ hoch im Vergleich zu früheren Jahren, mit einer
Enthaltung von über 45%, obwohl die Zahl der ungültigen
Stimmen mit über 73.000 mehr als 5% der abgegebenen
Stimmen betrug.
Eine andere Auffälligkeit ist die
fast schon paradoxe Tatsache, daß die Mehrheit der
politischen Akteure sich selbst als Wahlgewinner sah. Obwohl
die PRI (Institutionelle Revolutionäre Partei) das
erste Mal die absolute Mehrheit im lokalen Kongreß
verlor, ist sie mit 18 von 40 Abgeordneten weiterhin stärkste
politische Kraft in Chiapas. Auf Bezirksebene entrang die
PRI der PAN (Partei der Nationalen Aktion) und anderen Parteien
einige wichtige Städte wie die chiapanekische Hauptstadt
Tuxtla Gutiérrez sowie San Cristóbal de Las
Casas. Dennoch regiert sie nur noch in 53 statt bisher 72
der 118 Bezirke. Das heißt, sie verlor in 19 Bezirken,
die sie vorher regiert hatte.
Die Allianz für Chiapas, ein Zusammenschluß
von PRD (Partei der Demokratischen Revolution), PAN und
PT (Arbeitspartei), erhielt fast die Hälfte der Kongreßsitze
und 27 Bezirke.
Die Grüne Ökologische Partei
Mexikos (PVEM) bekam über 14% der Stimmen, wodurch
sie nahe an PAN und PRD herankam. Sie wird weiterhin vier
Bezirke regieren und ist durch ein Bündnis mit der
PRI an vier weiteren Lokalregierungen beteiligt.
Der Gouverneur von Chiapas, Pablo Salazar
Mendiguchía, erlitt eine relative Niederlage, da
ihm nahestehende Personen beispielsweise in San Cristóbal
de Las Casas besiegt wurden. Andererseuts war sein hauptsächlicher
Widersacher die absolute Mehrheit der PRI im Kongreß,
die durch die Wahlen verlorenging. Dies könnte ihm
helfen, sein Regierungsprojekt in den verbleibenden zwei
Jahren seiner Amtszeit zu festigen.
ABGEORDNETENWAHL
| |
Stimmen |
Prozent |
| PRD-PAN-PT |
517175
|
38.78 |
| PRI-PVEM |
139638 |
10.47 |
| PRI |
428718 |
32.15 |
PVEM
|
124566 |
9.34 |
| Convergencia |
48829 |
3.66 |
| Ungültige
Stimmen |
73363 |
5.50 |
| Nicht
Verzeichnet |
1295 |
0.10 |
BEZIRKSWAHLEN
| |
Anzahl
der Bezirke |
| PRI |
53 |
| PAN |
11 |
| PRD |
14 |
| PVEM |
4 |
| PT |
3 |
| Allianz
für Chiapas |
27 |
| Allianz
für alle |
4 |
| Convergencia |
2 |
| Gesamt |
118 |
Das Wahlpanorama von Chiapas
mit Blick auf 2006
Die
Wahlen vom Oktober dienten als politisches Barometer in
Hinsicht auf die Wahlen 2006, wenn der Nachfolger des amtierenden
Gouverneurs Pablo Salazar Mendiguchía gewählt
wird.
Die Vertreter der Parteien,
die die Allianz für Chiapas bildeten (PAN, PRD und
PT) betonten in ihren öffentlichen Erklärungen,
daß sich die PRI 2006 nur mit Bündnissen besiegen
lasse. Sie erkannten aber auch den umstrittenen Charakter
von Koalitionen auf Bundesebene an, die die ansonsten "inkompatiblen“
Parteien der Linken und der Rechten vereinigen. Die PAN
ist in den ländlichen Gegenden nicht sehr präsent.
Die PRD ist durch interne Kämpfe gespalten. Man wird
sehen, wie sich diese Allianz halten kann.
In diesem Sinne lohnt es
sich, die Verschwommenheit und Schwäche der Parteien
(in geringerem Ausmaß bei der PRI) zu betonen. Am
27. September demonstrierten 8.000 Gläubige der Diözese
San Cristóbal (die 46 Bezirke von Chiapas umfaßt)
für die Freilassung von mehreren ihrer Gefangenen (siehe
letzten SIPAZ-Bericht). In einer Erklärung diagnostizierten
sie in bezug auf den Wahlprozeß: "Die Politik
hat anscheinend unter dem Einfluß ökonomischer
Interessen die Richtung verloren und äußert sich
nur in einem kränklichen Machtkampf um der Macht willen
und vergißt dabei, auf die Bedürfnisse und Forderungen
der gesamten Bevölkerung Rücksicht zu nehmen.“
Ein anderes Ereignis impliziert
einen Wechsel in Hinblick auf 2006: Ende Oktober wurde ein
Gesetz angenommen, das Artikel 35 der chiapanekischen Verfassung
in Bezug auf die Voraussetzungen für Gouverneurskandidaten
ändert, was einige Bewerber wie Roberto Albores (PRI)
und Emilio Zebadúa (PRD) außen vor lassen könnte.
Unter anderem können
Personen, die bereits das Amt des Gouverneurs, provisorischen
Gouverneurs, Interimsgouverneurs oder stellvertretenden
Gouverneurs innehatten, oder gegen die ein Gerichtsverfahren
läuft, sich nicht um das Gouverneursamt bewerben. Außerdem
muß der Bewerber seinen Wohnsitz seit mindestens fünf
Jahren in Chiapas haben und von Geburt Chiapaneke sein.
Der Vorschlag beinhaltet
auch weitere Änderungen der ausführenden Gesetze
in Bezug auf die Wahlen. So sollen sich Ehepartner oder
Familienangehörige der Gouverneure oder Bürgermeister
nicht an Wahlkampagnen beteiligen dürfen. Die Dauer
des Wahlkampfs soll auf zwei Monate beschränkt werden
und eine autonome und unabhängige Wahlstaatsanwaltschaft
geschaffen werden; letztere würde jedoch auf Vorschlag
der Lokalregierung vom chiapanekischen Kongreß berufen.
Diese Tatsache rief verschiedene
Proteste hervor, besonders von der chiapanekischen PRI,
für die der Fraktionsvorsitzende Mario Carlos Culebro
die Maßnahme als "antidemokratisch, autoritär,
unterwerfend (?), totalitär, veraltet und gegen den
Willen des chiapanekischen Volkes“ bezeichnete.
Wachsende Delegitimierung
der Parteiendemokratie
Die
Ereignisse in Chiapas reflektieren die Situation auf nationaler
Ebene, wo ebenfalls 2006 Neuwahlen stattfinden. Die wichtigsten
politischen Parteien befinden sich nach den verschiedenen
Finanzskandalen der letzen Zeit in einer schweren Krise
ihrer politischen Glaubwürdigkeit, aus der keine einzige
Partei unbeschadet hervorgegangen ist. Auch die Machtspiele,
die versuchten, den jetzigen Gouverneur von Mexiko-Stadt,
Andrés Manuel López Obrador, durch eine Amtsenthebung
an der Kandidatur für die Präsidentschaftswahl
2006 zu hindern, erschien der Öffentlichkeit fraglich.
Mitte November schien ein
anderes Ereignis den bereits vorhandenen Riß zwischen
der exekutiven und der legislativen Gewalt aufbrechen zu
lassen, als Präsident Fox ankündigte, daß
er den Ausgabenetat für 2005, der von der Abgeordnetenkammer
verabschiedet worden war, juristisch anfechten werde. Er
bezeichnete diesen Etat als "unschlüssig und
undurchführbar“. Er betonte, daß die Abgeordneten
der Opposition die Zentralregierung blockieren und verhindern
wollten, daß sie ihr Ziel, ein besseres Leben für
die Mexikaner zu schaffen, erreiche. Senatoren der PRI und
der PRD forderten Fox auf, die Konfrontation mit dem Kongreß
zu unterlassen und den verabschiedeten Etat zu akzeptieren,
da er anderenfalls das Land in die Unregierbarkeit führe.
Ein anderes Ereignis, das
als Zeichen der Schwäche und des Ansehensverlustes
der Institutionen sowie des wachsenden Mißtrauens
der Bevölkerung ihnen gegenüber interpretiert
wurde, war der Lynchmord an zwei Polizisten in Tháhuac
im Regierungsbezirk Mexiko-Stadt. Die Kommentatoren wiesen
auch auf die Verantwortung der Medien, speziell des Fernsehens,
hin, die ein "Klima des Terrors“ geschaffen
hatten, um die Repression und die Gewalt zu rechtfertigen.
Für den Direktor der mexikanischen Sektion von Amnesty
International nehmen diese Gewaltanwendungen zu, besonders
in den Ländern, in denen die Rechtstaatlichkeit nicht
garantiert ist.
Die Suche nach Alternativen
Vor diesem Hintergrund
wurde am 27. und 28. November in Mexiko-Stadt der Erste
Nationale Dialog für ein Projekt der Nation mit Freiheit,
Gerechtigkeit und Demokratie einberufen. Diese Initiative,
die hauptsächlich, aber nicht ausschließlich
von gewerkschaftlichen Kräften getragen wurde, rief
"alle sozialen, kulturellen und politischen Sektoren“
auf, "gemeinsam an einer Analyse der großen
nationalen und internationalen Probleme zu arbeiten, die
wichtigsten Aspekte eines Alternativen Projekts der Nation
zu umreißen und alle Widerstandsbewegungen gegen den
Raubtierkapitalismus und das korporative System zu vereinigen,
um einen Vorschlag zu erarbeiten, der sich dem Abgleiten
der Nation in die neoliberale Barbarei entgegenstellt.“
Mehr
als 17.000 Teilnehmer/innen von 164 sozialen, indigenen,
studentischen, gewerkschaftlichen und politischen sowie
Arbeiter- und Bauernorganisationen nahmen an dem Forum teil
und kamen überein, "das Neoliberalismus genannte
Modell der Zerstörung und des Todes abzulehnen“
und "den Prozeß des Dialogs im gesamten Land
fortzusetzen, mit dem Ziel, daß die Widerstandskämpfe
gestärkt werden und ihrerseits den Prozeß der
Formulierung eines Projekts der Nation mit Freiheit, Gerechtigkeit
und Demokratie bereichern.“ (siehe www.dialogonaciona1.org)
Es ist zu betonen, daß viele Beiträge sich auf
die zapatistischen Caracoles als positives Beispiel der
neuen Art von Beteiligung bezogen, die über die Protestaktionen
hinaus vorangetrieben werden soll.
Anfang Dezember fand in
Chilpancingo, Guerrero, das Forum "Gegen das Schweigen
und das Vergessen: die Stimme der indigenen Völker
Mexikos“ statt. Die beteiligten Organisationen bekräftigten
ihre Entschlossenheit, den Kampf gegen die "indigene
Gegenreform von 2001“ (das Gesetz über indigene
Rechte und Kultur, das 2001 verabschiedet wurde und von
der EZLN wie auch den wichtigsten indigenen Organisationen
des Landes abgelehnt wird) fortzusetzen und ihr Recht, "selbst
Regierung zu sein“, durch Fakten auszuüben.
Kurznachrichten aus Montes
Azules
Im Oktober kündigte
die Spezialbeauftragte des Ministeriums für Agrarreform
(SRA)für Montes Azules, Martha Cecilia Díaz
Gordillo, an, daß 25 "irreguläre“
Gemeinden innerhalb der Lakandonischen Gemeinschaft und
des Biosphärenreservats Montes Azules Vereinbarungen
zur Lösung des agrar-ökologischen Problems unterzeichnet
haben und mit weiteren 18 über die Möglichkeit
verhandelt werde, eine Umsiedlung oder Regulierung durch
Enteignung zu akzeptieren (El Universal, 12.10.2004).
Auf der anderen Seite kündigte
die EZLN Ende Oktober ihre Absicht an, etliche ihrer Gemeinden,
die im Süden der Biosphäre Montes Azules angesiedelt
sind, zusammenzulegen, und bat dafür die nationale
und internationale Zivilgesellschaft um Unterstützung
bei den Umsiedlungen und Neuordnungen.
Die EZLN (Zapatistische
Armee der Nationalen Befreiung) erklärte diese Entscheidung,
indem sie betonte, daß "mit dem Voranschreiten
der sogenannten ‚Räte der Guten Regierung’
ein Großteil der zapatistischen Gemeinden Mittel bekam,
ihre Lebensbedingungen substantiell zu verbessern. Die Entfernung
und Verstreutheit etlicher dieser Dörfer stellen jedoch
große Schwierigkeiten dar, weshalb die EZLN übereingekommen
ist, mit ausdrücklicher Zustimmung der Bewohner, einige
der zapatistischen Ansiedlungen in dieser Zone zusammenzulegen,
damit sie vom Rat der Guten Regierung der Zone Selva Fronteriza
(Urwald-Grenzgebiet) abgedeckt werden. Darüber hinaus
erläutert das Kommuniqué: "So können
sie besser den Bedrohungen widerstehen, den Urwald besser
schützen, an den Fortschritten der Räte der Guten
Regierung teilnehmen und sich besser am Kampf der EZLN für
den Respekt und die Anerkennung indigener Rechte beteiligen.“
Die Ansiedlungen, die zusammengelegt
wurden oder noch werden (die jedoch nicht die einzigen zapatistischen
Gemeinden in der Zone sind), sind Primero de Enero, San
Isidro, 12 de Diciembre, 8 de Octubre, Santa Cruz, Nuevo
Limar und Agua Dulce. Diese Verlegung, die eine strategische
Neupositionierung seitens der EZLN bedeutet, ist von einigen
als geordneter Rückzug interpretiert worden, von anderen
als einziger Weg, ihre Gemeinden im Süden des Reservats
besser verteidigen und unterstützen zu können.
Sie ging ohne Gewalt und ohne Öffentlichkeit vonstatten.
Im November wurden 29 Tzotzil-Familien,
die aus dem nichtzapatistischen Teil von San Isidro sowie
aus Sol Paraíso stammten, in die neue Ansiedlung
Nueva Magdalena außerhalb der geschützten Waldzone
umgesiedelt. Im gleichen Monat brachen die Vertreter von
20 de Noviembre und Nuevo México, zwei der über
40 Ansiedlungen, die vertrieben oder umgesiedelt werden
sollen, die Verhandlungen mit der mexikanischen und der
chiapanekischen Regierung ab. Sie erklärten: "Wir
glauben, daß wir schon wieder belogen werden, daß
sie uns benutzen wollen, und deshalb bitten wir den Minister
für Agrarreform Florencio Salazar Adame und den Gouverneur
Pablo Salazar, und endgültig an unserem Ort zu lassen
und nicht unseren sozialen Frieden zu stören.“
Ende November kündigten
verschiedene soziale Organisationen des Bezirks Ocosingo
mit Präsenz in Montes Azules an: "Wenn die Regierung
den Dialog aufrechterhalten will, muß sie es mit Respekt
und auf höchster Ebene tun; wir werden keine Personen
akzeptieren, die keine Entscheidungsgewalt haben.“
Sie verlangten außerdem die sofortige Einstellung
der Feindseligkeiten, die vermutlich das CISEN (Nationales
Forschungs- und Sicherheitsinstitut) gegen sie ausübt.
Weiterhin bedenkliche Menschenrechtssituation
Im Oktober erklärten
verschiedene zivile Organisationen ihre Empörung über
die Einsetzung von José Luis Soberanes als Präsident
der Nationalen Menschenrechtskommission (CNDH) für
die Periode 2004-2009. Sie bedauerten "die Art und
Weise, in der der Auswahlprozeß vonstatten ging: mit
einem Übereinkommen der Parteien in letzter Minute,
einer sehr begrenzten Beteiligung, was sowohl die Anzahl
der zivilgesellschaftlichen Organisationen betrifft als
auch die Zeit, die ihnen eingeräumt wurde, um ihre
Meinung und ihre Vorschläge darzulegen; alles geschah
hinter verschlossener Tür (…), ohne die Kriterien
für die Auswahl offenzulegen (…), so daß
Dr. Soberanes fast automatisch eingesetzt wurde“.
Sie betonten, daß "der Senat nicht dazu beiträgt,
ein autonomes Organ zu stärken, sondern im Gegenteil.
Er versucht, seine Legitimität zu gefährden, die
jetzt schon fraglich ist, womit das gesamte Nationale System
der Menschenrechtsverteidigung geschwächt wird“.
Im November sprach sich
das Chiapanekische Netzwerk für Menschenrechte gegen
das Gesetz für die Förderung und den Schutz der
Menschenrechte aus, das im selben Monat in Chiapas verabschiedet
worden war, da dieses einen Rückschritt in der Unabhängigkeit
und Effizienz der Bundesstaatlichen Kommission für
Menschenrechte (CEDH) darstelle. Außerdem kritisierten
sie die kürzliche Einsetzung von Yesmin Lima Adam zur
Vorsitzenden dieser Einrichtung, da sie "ohne ein
geeignetes Profil und ohne einen transparenten und die Gesellschaft
einschließenden Entscheidungsprozeß“ ernannt
worden sei. Sie betonten: "Diese Handlungen des Bundesstaatskongresses,
zusammen mit der willkürlichen Ablösung von Pedro
Raúl López vor einigen Monaten sowie der Reform
des Strafgesetzbuches vom vergangenen Mai, schwächen
auf dramatische Weise die Geltung der Menschenrechte in
Chiapas, beschränken die Ausübung fundamentaler
Rechte und schwächen den Organismus, der ihrem Schutz
dient“ (siehe www.laneta.apc.org/cdhbcasas).
Im Dezember veröffentlichte
Amnesty International einen Bericht: "Ignorierte Mißhandlungen
in Guadalajara: das Zögern in der Aufklärung der
Menschenrechtsverletzungen verlängert nur die Straflosigkeit“,
in dem es heißt: "Die mexikanische Regierung
hat wiederholt ihre Verpflichtung ausgedrückt, im mexikanischen
Staat die Verletzung der Menschenrechte zu verhindern und
zu bestrafen. Die Gewalthandlungen wie willkürliche
Festnahme Folter und Mißhandlungen, die sich in Guadalajara
während des Dritten Gipfeltreffens von Lateinamerika,
der Karibik und der EU im Mai 2004 ereigneten, legen jedoch
offen, daß ernste Mißbräuche dieser Art,
besonders auf bundesstaatlicher und bezirklicher Ebene,
im Land weiterhin verbreitet sind.“ Bezüglich
dieses Falls werden die Empfehlungen des genannten Berichts
vom Gouverneur von Guadalajara bisher abgelehnt, obwohl
die CNDH 118 Festnahmen und 19 Fälle von Folter dokumentiert
hat.

::
FOKUS
Verweigerung der Strompreiszahlungen:
lokaler Kampf gegen Privatisierung
Das Nichtzahlen des Stroms
und der "Tarif besseres Leben“
Im
Dezember ist es ein Jahr her, daß die Regierung des
Bundesstaats Chiapas mit der Staatlichen Elektrizitätskommission
(CFE), die den Strom an die mexikanische Bevölkerung
liefert, einen Vertrag geschlossen hat. Mit diesem Vertrag
wurde das Programm "Tarif Besseres Leben“ (TVM)
begonnen, das bis 2006 läuft. gemäß dem
Gouverneur von Chiapas sind seine Ziele: die "Kultur
des Nichtzahlens“ beenden, das Zeitalter der "Mitverantwortung“
einläuten und einen gerechten Stromtarif für alle
Chiapaneken erreichen.“ Vereinbart wurden eine Begnadigung
derer, die aufgrund ihres sozialen Kampfes gegen die ungerechten
Strompreise im Gefängnis saßen sowie die Einstellung
aller Strafverfolgung gegen sie (siehe www.contraloriachiapas.gob.mx/tarifamejor/discursotarifa.htm)
Das Steigen der Stromtarife
und die Konsequenzen aus dem Nichtzahlen sind eines der
Hauptprobleme in den Gemeinden in Chiapas. Das haben die
verschiedenen Gruppen bestätigt, mit denen wir bei
unserem kürzlichen Besuch in der Nördlichen Zone
(Bezirk Tila) gesprochen haben. Im gleichen Sinn bemerkte
der Rat der Guten Regierung von Roberto Barrios (der für
diese Zone zuständig ist), daß die Konflikte
um den Strom und mit der CFE das Hauptproblem während
des ersten Jahres ihres Bestehens waren.
Die Überteuerung des
Stroms ist weder eine Besonderheit der Bezirke der Nördlichen
Zone noch des Staates Chiapas. Im Bundesstaat Tabasco (der
an Tila angrenzt) bezahlen 52% der Bevölkerung seit
zehn Jahren keinen Strom und stellen damit eine der wichtigsten
Widerstandsbewegungen des Landes dar. Initiiert wurde diese
Bewegung durch López Obrador (damals Gouverneurskandidat
der Revolutionären Demokratischen Partei, PRD, und
heute Gouverneur von Mexiko-Stadt) angesichts des Wahlbetrugs,
der den Kandidaten der Institutionellen Revolutionspartei,
PRI, in das Amt des Gouverneurs brachte (El Universal, 30.10.2004).
Es sei aber daran erinnert,
daß der Bezirk Tila nach dem zapatistischen Aufstand
die meiste Gewalt erlitt. Hier formte sich die Gruppe "Desarrolly,
Paz y Justicia“ ("Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit“),
die beschuldigt wird, paramilitärisch zu agieren und
Furcht, Vertreibungen und Tod unter denen zu verursachen,
die nicht dieser Gruppe angehören und zur EZLN oder
anderen oppositionellen Gruppen gegen die PRI-Regierung,
wie die PRD oder Abu Xu (eine Koalition zivilgesellschaftlicher
Gruppen) zuzurechnen sind.
Momentan betrifft die Stromüberteuerung
alle Gruppen in den Gemeinden, auch wenn sich die Antworten
auf das Problem je nach Organisationszugehörigkeit
unterscheiden. Dieses Problem verschärft die durch
den Konflikt entstandenen sozialen Risse und besorgt diejenigen,
die die Region kennen.
In den Gemeinden der Nördlichen
Zone hat jede Familie durchschnittlich drei Glühbirnen;
nur eine Minderheit besitzt Elektrogeräte wie Kühlschrank
oder Fernseher; das Licht wird nur zwischen 19 und 21 Uhr
angeschaltet da ihr Lebensrhythmus mehr mit dem Sonnenverlauf
übereinstimmt. Viele Gemeinden haben erst kürzlich
Strom bekommen, in einigen wie Jolnixtié hatten in
der härtesten Zeit des Konflikts nur die PRI-Anhänger
diese Leistung.
Am Anfang hatten sie Rechnungen
von 15-20 mexikanischen Pesos [ca. 1,15-1,53 Euro] pro Familie,
aber in letzter Zeit stiegen sie auf 50, 80, 300 oder 500
Pesos, ohne daß sich der Stromverbrauch durch die
Familien in gleichem Maße erhöht hätte.
Wir sprechen von Familien, die nicht einmal den Mindestlohn
von 1200 Pesos pro Monat zur Verfügung haben, weshalb
es ihnen unmöglich ist, die Rechnungen zu bezahlen,
was zu Schulden in Höhe von Tausenden von Pesos führt.
Zu den Zahlungsschwierigkeiten kommt die Präsenz der
CFE-Funktionäre hinzu, die daraufhin die Stromleitungen
kappen, was zu gewalttätigen Reaktionen von seiten
der empörten Bevölkerung führt, die die im
Verhältnis zu den ökonomischen Bedingungen unangemessenen
Strompreise nicht bezahlen kann.
In diesem Zusammenhang
präsentiert sich der "TVM“ wie der Ausweg
aus diesem Konflikt durch den Dialog. In diesem Programm
wird ein zweimonatlicher Mindestverbrauch von je nach Region
300 oder 400 kWh festgelegt, ab dem die Konsumenten einen
Rabatt von 51% für die ersten kWh und 12% für
die nächsten 100 kWh bekommen. Aus Mangel an Information
dachten viele Konsumenten, der neue Tarif würde bei
null anfangen, also die Schulden streichen. In Wirklichkeit
bedeutet jedoch die Unterschrift unter den Vertrag die Anerkenntnis
der Schulden. Viele waren überrascht, daß die
Schulden so hoch waren, daß trotz der Übernahme
eines Teils der Summe durch die Regierung es ihnen unmöglich
war, sie zu bezahlen.
Jetzt wird denen, die den
TVM akzeptiert haben und die Rechnungen nicht bezahlen können,
der Strom endgültig abgestellt. Das Programm hat nicht
die erwünschten Ergebnisse gebracht, da die meisten
Personen "im Widerstand“ es ablehnen und weiterhin
nicht bezahlen.

Verschiedene Widerstandsformen
gegen ungerechte Tarife
In der Nördlichen Zone
finden wir verschiedene Widerstandsformen. Die zapatistischen
Gemeinden auf der einen Seite verweigern seit 1994 die Stromzahlungen
als Teil ihrer Widerstandsbewegung gegen alle Steuern und
Abgaben der Regierung. Dies ist ein weiteres Druckmittel,
um von der Regierung die Umsetzung der Friedensverträge
(die von der Regierung und der EZLN am 16. Februar 1996
unterzeichnet wurden) zu fordern. Sie fordern den Strom
als kollektives Eigentum der Nation und verlangen deshalb
seine öffentliche Verteilung. Die Räte der Guten
Regierung übernehmen die Unterhaltung der Transformatoren
und ersetzen so die fehlenden Leistungen der CFE in ihren
Gebieten.
Auf der anderen Seite befindet
sich die "Bewegung des zivilen Widerstands“,
die speziell für die Organisierung des Widerstandes
gegen die Strompreise gegründet wurde. Im Bezirk Tila
gehört die Mehrheit der Zivilgesellschaft an, die sich
während des Konflikts gegen die Regierung organisierte
und deshalb vor der Gewalt durch "Paz y Justicia“
fliehen mußte. Ihr Widerstand begann, als sie in ihre
Häuser zurückkamen und, nachdem sie ihr Leben
gerettet hatten, den angehäuften Rechnungen aus der
Zeit ihrer Vertreibung gegenüberstanden. Die Unmöglichkeit,
diese Rechnungen zu bezahlen, und die Empörung, bei
der CFE in Schulden zu stehen, nachdem sie gewaltsam aus
ihrem Gebiet vertrieben worden waren, motivierte ihren Ungehorsam
gegenüber der CFE und später ihren Anschluß
an die zivile Widerstandsbewegung. Sie bezahlen nicht, solange
es keine gerechten Tarife gibt. Diese Bewegung gehört
der Allianz des Zivilen Widerstands des Bundesstaates Chiapas
an, die im April dieses Jahres mit dem Ziel, für einen
gerechten Tarif, der "mit den ökonomischen Bedingungen
der Bevölkerung übereinstimmt“, gegründet
wurde. Sie halten den TVM für einen Betrug, um die
Zahlung der Schulden zu erreichen, da er keinen wirklich
gerechten Tarif darstellt.
Einige PRI-Anhänger,
die traditionell der Regierung nahestehen und ökonomische
Projekte oder Hilfen annehmen, haben angesichts der Unmöglichkeit,
die Rechnungen zu begleichen, ebenfalls aufgehört,
den Strom zu bezahlen (auch wenn sie den TVM akzeptiert
haben). Diese organisieren oder artikulieren sich jedoch
nicht gemeinsam mit den anderen Widerstandsbewegungen.
Es gibt Ausnahmen wie den
Autonomen Bezirk San Juan de La Libertad, wo die verschiedenen
politischen Gruppen (zapatistische Basisgemeinden, Anhänger
der PRD, der PRI oder der Arbeitspartei PT) sich organisiert
haben, um den Transformator zu reparieren und die Stromlieferung
für alle aufrechtzuerhalten.

Warum muß man für
eine so grundlegende natürliche Ressource so viel bezahlen?
die Privatisierung
Der Strom ist teil der wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Rechte, die nötig sind, um
ein würdiges Leben zu führen. Die elektrische
Energie wurde seit der Epoche des Präsidenten Lázaro
Cárdenas als öffentliche Dienstleistung angesehen.
Dieser begann die Verstaatlichung der Elektroindustrie,
die bis 1960 dauerte. Die CFE wurde Ende der 40er Jahre
als ein dezentrales Organ ins Leben gerufen, das mit der
Lieferung des Stroms an die Mexikaner beauftragt war, wodurch
private Unternehmen aus diesem Sektor ausgeschlossen waren.
Sie wurde als Eigentum des mexikanischen Volkes betrachtet
und sollte der Wohlfahrt dienen. Die nationale Energiepolitik
wurde ab 1992 mit der Reform des Verfassungsartikels 27,
die den privaten Investitionen im Land die Tür öffnete,
neu formuliert.
Laut CIEPAC (Zentrum für
wirtschaftliche, politische Forschung und Gemeindeaktion)
werden 45-65% der hydroelektrischen Energie Mexikos in Chiapas
erzeugt. Die Widersprüche springen ins Auge, wenn man
beachtet, daß der größte Teil der Energieproduktion
von Chiapas nach Mexiko-Stadt und das urbane Umland geliefert
wird, während gemäß dem Rat der Guten Regierung
von La Realidad 90% der Gemeinden der Region Selva keinen
Strom haben.
Trotz dieser sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten
reagiert die mexikanische Politik nicht auf die lokalen
Bedürfnisse, sondern auf die Interessen, die durch
die Forderungen der industrialisiertesten Länder nach
"Entwicklung“ und Konsum gekennzeichnet sind.
Der hohe Energieverbrauch der USA und der Mangel an eigenen
Energiequellen erklären deren Interesse an Freihandelszonen
auf dem amerikanischen Kontinent, innerhalb derer sie regionale
Energiemärkte aufbauen wollen, die ihren Bedarf in
den kommenden Jahrzehnten decken können.
Laut CIEPAC kann man den
Widerstand gegen die Stromzahlungen als eines der Hindernisse
auf dem Weg zur Umsetzung des Plan Puebla Panamá
in der Region ansehen, der die Schaffung eines regionalen
Strommarktes durch die Einführung des System der Elektrischen
Integration für Mittelamerika (SIEPAC) beinhaltet.
So wird für 2007 mit einer Starkstromleitung gerechnet,
die die Stromsysteme von Panama bis Mexiko und von Mexiko
in die USA verbindet. Laut Interamerikanischer Entwicklungsbank
ist das Ziel, eine "zentralamerikanische Verbindung
zu schaffen, die die Beteiligung des privaten Sektors anzieht,
um den regionalen Elektrizitätsmarkt zu entwickeln“,
und damit "die ökonomische Effizienz des kompletten
Versorgungssystems“ zu verbessern. (La Jornada, "Los
frentes del PPP“, 18.10.2004)
Die Nationale Energiepolitik-Entwicklungsgruppe
der USA gab einen Bericht heraus, in dem es heißt:
" Die steigende Energieproduktion und -kooperation
der USA, Kanadas und Mexikos würde die Sicherstellung
der Energiezufuhr steigern und durch unsere wirtschaftlichen
Verbindungen innerhalb der NAFTA-Ökonomie die ökonomische
Sicherheit jedes dieser Länder fundamental verbessern.“
Darüber hinaus versicherte sie, daß die Verfassungsreform
von 1992 den privaten Firmen erlaube, Strom für ihren
eigenen Verbrauch herzustellen und den Überschuß
an die CFE zu verkaufen.
(Englische Version: http://usinfo.state.gov/regional/ar/mexico/energy.htm)
In diesem regionalen Kontext
der "freien“ Märkte erließ das Wirtschaftsministerium
der mexikanischen Regierung ein Dekret, in dem die Tarife
verändert und ein Teil der Subventionen gestrichen
wurden (veröffentlicht im Diario Oficial am 7.2.2002).
Laut Regierungsangaben sollte diese Maßnahme helfen,
einerseits die Subventionen bei den Niedrigstverbrauchern
zu konzentrieren, andererseits mehr Geld für die Qualitätsverbesserung
der Stromlieferung bereitzustellen. Beide Ziele wurden verfehlt,
weil die Geringverbraucher am meisten unter der Tarifumstellung
leiden und laut Aussagen der Gemeinden die CFE weiterhin
die Unterhaltung und angemessene Behandlung der Versorgungseinrichtungen
vernachlässigt. Einige Monate später, im August
2002, brachte die mexikanische Regierung einen Reformentwurf
des Artikels 27 ein, der Privatpersonen die Möglichkeit
eröffnete, Energie zu erzeugen, was bisher dem Staat
vorbehalten war, sodaß nur noch die Verteilung der
Energie staatliches Monopol blieb.
Der Oberste Gerichtshof
hob das oben genannte Dekret im April 2003 vorübergehend
auf. Diese Entscheidung öffnete die Tür für
das Einlegen von Rechtsmitteln, diese scheiterten jedoch
am betrügerischen Verhalten des beauftragten Anwalts.

Ziviler Ungehorsam: eine
Form des Widerstands
Wir konnten feststellen,
daß der TVM in Zonen wie Tila, wo das soziale Netz
bereits durch den Krieg zerstört ist, den Konflikt
weiter verschärft. Die Regierungsstellen selbst haben
direkten und indirekten Druck auf die Bevölkerung ausgeübt,
den TVM zu akzeptieren, indem sie betonen, daß er
Vorteile biete und nützlich sei. Die Funktionäre
der CFE haben die Bevölkerung mit Drohungen, andernfalls
die Transformatoren nicht mehr zu unterhalten, zur Unterschrift
gedrängt. In einigen Gemeinden hat der "Beauftragte“
(Gemeindeautorität) die Familien unter Druck gesetzt
zu unterschreiben, in anderen wurde diese Unterschrift verlangt,
um Projekte oder Hilfen von der Regierung zu bekommen.
Zu all diesem kommt die
mangelnde Qualität der Stromlieferungen hinzu: Stromausfälle
in den Gemeinden sind alltäglich, die Stromspannung
schwankt und schädigt damit die elektrischen Geräte.
Der Stromverbrauch wird nicht direkt in den Gemeinden gemessen,
was das Unverständnis der Verbraucher erklärt,
wenn sie die unterschiedlichen Rechnungen der Nachbarn sehen,
wo einige mit vielen elektrischen Geräten eine niedrigere
Rechnung haben oder noch mehr, wenn andere gar keine Rechnung
bekommen.
Der organisierte Widerstand
versucht sich vor den Repressionen zu schützen, aber
am angreifbarsten sind diejenigen, die keine Organisationsstruktur
wie die EZLN oder die zivile Widerstandsbewegung hinter
sich haben und endgültige Sperrungen des Stroms erleiden,
wie es in einigen Vierteln des Bezirks Yajalón geschehen
ist. Die Anführer des zivilen Widerstands haben gezielte
Stromsperren erlebt, aber dank ihrer Organisation haben
sie Druck aufgebaut, um wieder an den Strom angeschlossen
zu werden.
Der organisierte Ungehorsam
ist eine Strategie des Überlebens der Gesellschaft
gegenüber ungerechten Gesetzen oder Entscheidungen,
in diesem Fall gegenüber einer Tarifpolitik und besonders
gegen eine Politik der öffentlichen Dienstleistungen,
die die soziale Funktion derselben vergessen hat. Dieser
Weg erscheint als einzige Option, wenn alle anderen Wege
verschlossen sind, unter anderem der juristische, der langsam
und teuer ist und der mit einem Mangel an Glaubwürdigkeit
der staatlichen Institutionen einhergeht.
Die Widerstandsbewegung
sieht die Privatisierung des Energiesektors als Hauptgrund
für die gestiegenen Strompreise: "die Regierung
versucht den ausländischen Investoren zu zeigen, daß
die CFE ein lohnendes Geschäft ist, das hohe Tarife
kassiert“ (Dokument der chiapanekischen Regionalen
Koordinationen der Zivilgesellschaft im Widerstand). Die
andere vorherrschende Erklärung ist, daß die
allgemeine Zahlungsverweigerung ein perfekter Vorwand für
die Insolvenz und damit die Notwendigkeit, Privatkapital
einzuführen, wäre.
In diesem Zusammenhang
verstärkt der TVM nicht nur die Konflikte, sondern
bleibt auch auf halbem Weg stehen. er greift nicht in die
Energiepolitik ein, die auf internationalem Parkett entschieden
wird, weit entfernt von der Realität der Gemeinden,
und die Stimmen der Zivilgesellschaft wurden in den Verhandlungen
zum TVM nicht gehört.
Diese Widerstandsformen
sind Teil der Opposition der Zivilgesellschaft gegen die
Privatisierung der Elektroenergie. Sie zeigen die Gründe,
warum der zapatistische Aufstand mit der Unterzeichnung
des Freihandelsabkommens NAFTA zusammenfiel, und die Bedeutung
ihres Kampfes innerhalb der globalen Bewegung gegen die
Vermarktung der grundlegenden Ressourcen wie Strom, Erdöl,
Wasser und Biodiversität. Diese Erfahrungen sind wichtige
Schritte in der Wiedererlangung der Autonomie, auf dem Wege
des Aufbaus eines Lebenstraumes, in welchem die Völker
über die Politik entscheiden, welche ihr Leben bestimmt.

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ARTIKEL
DIE MILITÄRAKADEMIE
“SCHOOL OF THE AMERICAS”: NO MÁS, NO
MORE
No mas,
no more shout the hills of Salvador
Echo the voices of the world we cry out
No Mas No more
No mas No more –we must stop the dirty wars,
Compañeros compañeras we cry out, |
gritando desde las montañas
de El Salvador
El eco de las voces del mundo, gritemos
No mas no more
no mas no more – debemos parar las sucias guerras
Compañeros compañeras gritemos |
No más, no more schallt
es von den Bergen El Salvadors
Ein Echo der Stimmen der Welt
No más no more
No más no more – wir müssen die schmutzigen
Kriege stoppen
Compañeros compañeras rufen wir |

Sonntag, der 21.
November: der Tag beginnt bewölkt und langsam
füllt sich die Strasse mit Menschen, die sich gegenüber
des Militärstützpunktes Fort Benning in Georgia,
USA, versammeln. In wenigen Stunden haben sich ca. 16000
Personen eingefunden. Jeder einzelne träg in der Hand
ein weisses Kreuz. Auf jedem Kreuz steht ein Name, das Alter
und der Ort des Todes dieser Person geschrieben. Ich trage
ein weisses Kreuz mit dem Namen Lorenzo Gómez Perez,
Opfer des Massakers von Acteal, verstorben am 22. Dezember
1997 im Chiapas. Um zehn Uhr morgens startet der Marsch
und bewegt sich langsam Richtung Eingang der Militärbase.
Von einer Bühne aus wird eine gregorianische Melodie
gesungen und dabei die Namen der Opfer genannt: Jungen,
Mädchen, Alte, Junge, Männer und Frauen. Die 16000
Stimmen antworten mit einem PRESENTE! (ANWESEND!) und für
mehr als zwei Stunden marschieren wir gemächlich weiter
bis wir schliesslich die Kreuze am Maschendrahtzaun am Eingang
des Stützpunktes niederlegen.
Dies
ist eine der jährlichen Demonstrationen, die gegen
die Militärschule "School of the Americas“
(SOA) stattfinden, um gegen die Existenz dieser Einrichtung
zu protestieren, die Soldaten in ganz Lateinamerika trainiert.
Mittlerweile hat sie ihren Namen geändert und heisst
nun offiziell "Western Hemispheric Institute for Security
Cooperation“ (WHISC). Diese Offiziersschule wurde
1946 vom US-Militär in Panama gegründet, um die
latein-amerikanischen Regierungen dabei zu unterstützen,
in ihren jeweiligen Ländern für "Stabilität“
und "Demokratie“ zu sorgen, und wurde 1984 nach
Fort Benning, Georgia/USA, verlegt. Trotz alldem verlor
sie schon bald ihre Glaubwürdigkeit, als beklagt wurde,
dass ihre Abgänger dazu beigetragen hatten wenigstens
zehn Militärdiktaturen zu errichten und viele von ihnen
an Morden, Massakern und Menschenrechtsverletzungen in ganz
Lateinamerika beteiligt gewesen sind. Einer der bekanntsten
und erschütternsten Fälle war der Mord an sechs
jesuitischen Priestern, ihrer Haushälterin und deren
Tochter in El Salvador im Jahre 1989. Die Wahrheitskommission
der UNO stellte fest, dass 19 der 27 am Massaker beteiligten
Soldaten Absolventen der SOA gewesen sind. Leider ist dies
nur einer von vielen ähnlichen Fällen, die es
auch in anderen Ländern wie Honduras, Guatemala und
Peru gab.
Die Lehrbücher der
Akademie, publiziert im Jahre 1996, zeigten, dass in dieser
Ein-richtung die Soldaten in psychischen und physischen
Foltermethoden geschult und trainiert wurden, für Verhöre,
zur Aufstandsbekämpfung, in Methoden wie dem "Krieg
niedriger Intensität“, für Freischärlertechniken
oder auch für Kommando-Operationen ("Zentrum
für Analyse, Forschung und Kommunikation“ - CIEPAC).
In den ersten 50 Jahren
seit Bestehen Mexikos in seiner heutigen Form wurden wenige
Auszubildende zur SOA gesandt. Jedoch hat die Teilnahme
im letzten Jahrzehnt stetig zugenommen bis im Jahre 1997
dann ein Drittel aller Absolventen dieser Schule Mexikaner
waren. Wenigstens 18 hohe Militärs der Staaten Chiapas,
Guerrero und Oaxaca haben eine Ausbildung an dieser Schule
genossen.
Der diesjährige Protest
war jedoch nicht nur gegen den Charakter dieser Schule gerichtet,
sondern auch gegen die Situation der tausend und abertausenden
US-amerikanischen Soldaten, die im Irak-Krieg eingesetzt
wurden. Die Mutter eines Soldaten, der im Krieg verschwunden
ist, teilte die Ansicht, in jedem toten Soldaten nicht nur
einen "Verlust des Krieges“ zu sehen, sondern
auch den Menschen in seinem sozialen Umfeld, seine Familie,
Freunde, Arbeit etc...
Die
Teilnehmer kamen aus den verschiedensten Milieus: Nonnen,
Punks, Studenten, Kriegsveteranen (viele die in Vietnam
waren), Gewerkschafter, Jungen und Mädchen. Jedes Jahr
hat dieser Akt des Ungehorsam darin bestanden, die "Grenze
zu über-schreiten“. Früher bedeutete dies
wörtlich eine Linie, die auf dem Boden den Eingang
zur Base kennzeichnete, zu überschreiten, was verboten
ist und somit bedeutete, dass man verhaftet wurde. Dieses
Jahr musste man einen Zaun überspringen, der den direkten
Zugang zum Stützpunkt verhindert. Es wurden 20 Personen
festgenommen, die aufgrund ihres zivilen Ungehorsams, d.h.
das Betreten des Stützpunktes und das Demonstrieren
gegen die Politik dieser Regierung, drei bis sechs Monate
Gefängnis absitzen müssen. Seit 1990, dem Jahr
als der erste Protest stattfand, haben 170 Aktivisten infolge
der Proteste gegen die Akademie und ihre Politik zusammen
85 Jahre Gefängnis ange-sammelt, unter ihnen viele
Nonnen.
Diese Demonstration war
für mich der letzte Teil einer dreimonatigen Rundreise
durch die USA, die ich knapp zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl
gestartet hatte. Es war das erste Mal nach Jahren, dass
ich in dieses Land zurückkehrte und der Gang durch
die Migration war eine merkwürdige und angsteinflössende
Erfahrung, nicht nur wegen des grimmigen Gesichtes der Beamtin,
sondern auch weil meine Fingerabdrücke genommen und
ein Foto von mir gemacht wurden. Dies war nur der Anfang
meiner Reise in das so genannte Land der Freiheit.
Das erschreckendste war
meine US-amerikanischen Freunde wiederzutreffen, die nach
den Wahlergebnissen und der Wiederwahl Bushs als Präsident
für weitere vier Jahre enttäuscht und traurig
waren. Viele hatten sich entschieden, an den Wahlen teilzunehmen
und grosse Anstrengungen unternommen, um das kriegerische
Treiben Bushs zu beenden. Jemand erzählte mir, dass
er das erste Mal an den Wahlkampagnen teilgenommen habe,
weil er den Gedanken an weitere vier Jahre mit dem Präsidenten
George W. Bush nicht ertrage. Einige Leute sind sogar nach
Florida gereist, um dort bei der Kampagne der Demokraten
zu arbeiten, um einen Betrug wie bei den letzten Wahlen
zu vermeiden. Am Ende kam es nicht zu dem erwünschten
Ergebnis.
Eine der Sachen, die mich
am meisten überraschten war die existierende Polarisierung
innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, verschärft
durch das Klima der Wahlen. Bei dem Protestmarsch gab es
Leute, die T-shirts und Anstecker mit der Aufschrift "Protestieren
ist ein patriotischer Akt“ trugen. Erst verstand ich
den Sinn dieser Aussage nicht, bis mir eine Freundin erklärte:
"Die Republikaner haben ein Monopol auf das Wort ‚Patriotismus’.
Wenn wir gegen unsere Regierung demonstrieren, scheint es,
als seien wir gegen unser Vaterland. Für uns ist es
wichtig zu zeigen, dass unser Protest nicht nur ein demokratisches
Recht ist, sondern dass wir, während wir protestieren,
die nötige Demokratie ausüben, damit unser Land
überhaupt existieren kann.“
In diesem Zusammenhang erfuhr
ich von zwei Geschichten, die ein Beispiel für diese
Polarisierung geben. Ein elfjähriges Mädchen äusserte
in der Schule seine Meinung über den Krieg im Irak,
sie sagte: "Es sind schon so viele Menschen umgekommen,
so viele unschuldige Menschen, dass es besser wäre,
wenn die Truppen heimkämen.“ Die Lehrerin bestrafte
sie dafür und zwang sie, sich in die Ecke der Aula
zu stellen. Auf der anderen Seite erzählte mir ein
Universitätsprofessor, dass, nachdem er im Fernsehen
eine Rede gegen den Irak-Krieg gehalten hatte, Druck auf
ihn ausgeübt wurde, damit er von seinem Posten abtrete.

Nach all dem was ich sah,
was aus der Ferne schwer zu verstehen ist, war das Einzige,
was mir Hoffnung gab so viele Leute zu kennen, die für
eine Veränderung in ihrer eigenen Gesellschaft kämpfen.
Ich hatte die Möglichkeit verschiedene Leute kennen
zu lernen, die einen Teil ihrer Zeit für Organisationen
opfern, die gegen wirtschaftliche, soziale und politische
Ungerechtigkeit arbeiten. Dieser Kampf gegen die Politik
der US-amerikanischen Regierung ausgehend von den eigenen
Bürgern ist Teil einer globalen Bewegung, die versucht
den Traum von einer anderen Welt zu realisieren. Ich bewundere
all diese Leute sowie die 16000 Stimmen, die nach Fort Benning
angereist sind, um in einem Protestmarsch all der Toten
zu gedenken, ermordet durch die SOA und rufe: NO
MÁS NO MORE....
www.soaw.org
http://www.ciepac.org/bulletins/100-200/bolec181.html
http://faculty.hope.edu/psych/psy281/soa.html
http://www.benning.army.mil/whinsec/

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AKTIVITÄTEN VON SIPAZ
Oktober-Dezember 2004
BEGLEITUNG
Im Oktober und November
haben wir mit den Juntas de Buen Gobierno, Räten der
guten Regierungen, der fünf zapatistischen Caracoles
gesprochen.
Wir führten Wahlbeobachtung
bei den Kommunalwahlen am 3. Oktober im Landkreis Chenalhó
durch.
Im November waren wir in
der Zona Norte von Chiapas, um mit verschiedenen Beteiligten
über die Situation in der Region zu sprechen. Zudem
sammelten wir Information über den Widerstand gegen
die Bezahlung der Stromrechnungen, Thema
unseres Schwerpunktes.
KONTAKTE UND INFORMATION
Wir empfingen BesucherInnen,
Delegationen, StudentInnen und JournalistInnen – hauptsächlich
aus den USA und Europa – , um ihnen über die
aktuelle Situation in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ zu
berichten.
Im Oktober trafen wir Mitglieder
der Botschaft der USA in Chiapas und im November fand ein
Treffen mit Mitgliedern der deutschen Botschaft in Mexiko
D.F. statt.
Zudem gab es im Oktober
Gespräche mit verschiedenen Akteuren in Mexiko-Stadt,
um sich über die Situation im ganzen Land auszutauschen.
Wir haben im Oktober zwei
Videos fertiggestellt: ein allgemeines über die Arbeit
von SIPAZ und ein spezifisches über das Puppentheaterprojekt,
das wir in Zusammenarbeit mit Alianza Cívica (Chiapas)
entwickelt haben.
Im November und Dezember
nahmen wir an zwei Sitzungen des Seminars "Das Werk
Immanuel Wallersteins: Eine Grammatik, um die aktuelle Welt
aus kritischer Perspektive zu verstehen“ teil. Das
Seminar wurde vom “Studiums-,
Informations- und Dokumentationszentrum Immanuel Wallerstein”
der Universidad de la Tierra-Chiapas und dem Indigenen Zentrum
für Integrierte Schulung (Centro Indígena de
Capacitación Integral CIDECI) koordiniert.
FRIEDENSERZIEHUNG
Wir sind weiterhin Teil
des Netzwerks für den Frieden (Red por la Paz), das
Raum für Handeln und Reflektionen bietet und Friedensprozesse
auf der Ebene der chiapanekischen Organisationen und Gemeinden
unterstützt.
Im November halfen wir,
ein zweitägiges Treffen des Mexikanischen Netzes der
Friedensschaffenden (Red mexicana de constructores de Paz)
zu ermöglichen.
Es wurde an den Konzepten
Frieden und zivile Konfliktbearbeitung gearbeitet und Fortschritte
beim Entwurf eines strategischen Planes für das Netz
erzielt.
Weiterhin veranstalten
wir Workshops über die Kultur des Friedens und die
Menschenrechte mit den Jugendlichen des Zentrums für
Kommunale Entwicklung (Centro de Desarrollo Comunitario,
CEDECO) in San Cristóbal de Las Casas.
Im Oktober gab die Puppenspielgruppe Diversidad, "Vielfalt“,
vor mehr als 1.200 Schülerinnen und Schülern von
Schulen der Stadt San Cristóbal de Las Casas Vorstellungen
über Konflikte und Respekt vor Mutter Erde.
Es gab Versammlungen und
Gespräche mit religiösen Akteuren aus Chenalhó
und San Cristóbal de Las Casas.
Wir nahmen außerdem
am Zweiten Internationalen Symposium über Protestantismus
teil, das vom 19. bis 22. Oktober in San Cristóbal
de Las Casas stattfand.
NATIONALE UND INTERNATIONALE
ARBEIT
Am 15. und 16. November
beteiligten wir uns mit zwei Referaten an einem Seminar
zu “Globalisierung, Gerechter Handel und Widerstandsgruppen”,
das in der Benemérita Universidad Autónoma
de Puebla (BUAP) stattfand.
Im November nahmen wir
als ReferentInnen an der XIV. Internationalen Tagung in
Chetumal, Quintana Roo, teil, die vom Institut für
Juristische Forschungen der UNAM (Universidad Nacional Autónoma
de México) und der Universität von Quintana
Roo organisiert wurden. Diese Tagung beschäftigte sich
mit Themen um die Konvention 169 der ILO über Rechte
der
Indigenen Völker und Stämme.
Wir nahmen als BeobachterInnen
am Ersten Nationalen Dialog für ein Projekt der Nation
mit Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie teil, der am
27. und 28. November in Mexiko-Stadt stattfand. Ziel des
Treffens war es, über folgende Themen zu debattieren:
Nationale Souveränität und Globalisierung; Neue
Modelle wirtschaftlicher Entwicklung; Neue Modelle der Demokratie;
Identitäten, Kulturen und Bildung; Gerechtigkeit und
Soziale Rechte; Alternativen von Organisationen und Allianzen.
Im November begab sich
ein Mitglied von SIPAZ auf eine dreiwöchige Rundreise
durch die USA, hauptsächlich in Washington D.C. und
Chicago. Es fanden Treffen mit verschiedenen Mitgliedern
unserer Koalition (Projektträger) statt und sie nahm
an den Demonstrationen vor der "Escuela de las Americas“
(Amerikanische Militärschule in Fort Benning, Georgia)
teil.
Im Dezember begann ein
anderes Mitglied von SIPAZ eine Reise durch Deutschland,
die mehrere Städte des Landes einschließen wird.

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