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:: SIPAZ BERICHT: Jahr VIII Nr 3, Dezember 2003

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dem bewaffneten Aufstand
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der Zivilgesellschaft und der EZLN
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Seite der Grenze...
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:: ANALYSE

Chiapas: 10 Jahre nach dem bewaffneten Aufstand

Im September waren es 7 Jahre der Suspendierung des Dialogs zwischen dem zapatistischen Heer der nationalen Befreiung (EZLN) und der mexikanischen Regierung.

Am 17. November feierte die EZLN ihren 20. Geburtstag und entschied sich dazu dieses Fest intern zu zelebrieren, obwohl sie die nationale und internationale Zivilgesellschaft dazu einlud an den Veranstaltungen und Feierlichkeiten verschiedener Organisationen inner- und außerhalb Mexikos teilzunehmen.

Fast 10 Jahre nach dem bewaffneten Aufstand im Januar 1994 in Chiapas scheinen die Perspektiven für die Wiederaufnahme eines Verhandlungsprozesses immer aussichtsloser, gerade wenn sich beide Seiten in der Funktion von völlig verschiedenen Strategien, Zeiten und Interessen bewegen.

Auf nationalem Niveau, schon jetzt im Kontext des Wahlkampfes der Präsidentschaftswahlen 2006, konzentriert sich die Agenda der politischen Parteien auf die Reformen im Energiesektor (Elektrizität, Öl) und der Landverteilung. Der Konflikt in Chiapas ist kein prioritäres Thema.

Auf seiner Chiapas- Visite äußerte sich der Regierungssekretär, Santiago Creel, Bezug nehmend auf die 2000 von der EZLN zur Wiederaufnahme des Dialogs aufgestellten Forderungen, folgendermaßen "es gibt eine Politik, die sich seit Beginn der jetzigen Administration nicht verändert hat, diese umfasst die so genannte Cocopa Initiative, die Freilassung der mit dem Zapatismus in Verbindung gebrachten Gefangenen und die Aufhebung bzw. Umstellung der sieben Militärbasen“. Während die Regierung meint diese drei Forderungen erfüllt zu haben, wurde das vom mexikanische Kongress verabschiedete "Ley indigena“ von den Zapatisten als "Verrat“ an den 1996 ausgehandelten Verträgen von San Andres bezeichnet. Auf seinem Chiapasbesuch kommentierte Creel auch, dass man auf eine Antwort der bundesstaatlichen Kongresse auf die Verfassungsreform warte, um dem mexikanischen Kongress dann ein Paket von Initiativen vorlegen zu können.

Auf der anderen Seite hat die EZLN jeglichen Kontakt mit der Regierung und den politischen Parteien abgebrochen. Sie deklarierte, dass die Verträge von San Andres im aufständischen Gebiet durch Taten angewendet werden würden. Die "Juntas der guten Regierung“, ausgerufen im August und zusammengesetzt aus Delegierten der autonomen Landkreise mit Standort in den fünf "Caracoles (siehe Sipaz Informe, August 2003) repräsentieren einen neuen Schritt im Aufbau der zapatistischen Autonomie.

Eine langfristig angelegte Initiative, die "offizielle“ Macht zurückweisend, indem sie Regierungsfunktionen in allen Bereichen einnehmen (Bildung, Gesundheit, Justiz, Entwicklung, etc.)

Repositionierung des offiziellen “post caracol” Diskurses

Die Antwort der Regierung auf die neue zapatistische Strategie war, dass es möglich wäre die Juntas der guten Regierung in der Verfassung festzuschreiben. Bundesstaatliche und staatliche Regierung haben versucht sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben, es schien, dass keine der beiden verantwortlich für die Antwort auf die neue Initiative der Zapatisten sein wollte. Im 2001 verabschiedeten Ley Indigena fällt die Definition des Autonomiebereichs den Bundesstaaten zu. (Was einer der Punkte der Rückschritte gegenüber den Verträgen von San Andres war.) Trotzdem hat die Kommission für indigene Gemeinschaften und Völker des mexikanischen Kongresses im September erläutert, dass "die Verantwortung, um auf die neue Organisationsform der Zapatistas einzugehen, bei der Föderation liegen muss und nicht beim lokalen Kongress, da dies ein nationales Problem ist.“

Für seinen Teil hat der Gouverneur von Chiapas, Pablo Salazar Mendiguchia, den neuen Schritt, den die EZLN mit den Juntas der guten Regierung getan hat, anerkannt: "Sie sind interessant“ und "sie gefährden nicht das Leben konstitutioneller Organe, der Rathäuser und auch nicht der Regierung von Chiapas“. Salazar stellte heraus, dass sich die aktuelle chiapanekische Regierung im Gegensatz zu vergangenen Regierungen, immer respektvoll gegenüber den Entscheidungen der zapatistischen Gemeinden verhalten hat und verhalten wird.

Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Position mittelfristig in einem Bundesstaat halten kann, in dem so viele Alarmsignale offener Gewalt von einem Tag auf den anderen aufleuchten können. Oder, um die Worte von Samuel Ruiz, dem früheren Bischof von San Cristóbal de las Casas , aufzunehmen, "in einer Situation des formalen Stillstandes (des Dialogs) und des realen Verfalls“.

Und dies während die Mehrheit der Gemeinden gespalten ist, auch wenn es von der zapatistischen Seite das Angebot gibt sich auch für die Belange der Nicht - ZapatistInnen einzusetzen, die auf zapatistischem Territorium leben.

Inkonformitäten wegen Redefinierung von Territorien

Die Schaffung der Juntas der guten Regierung verspricht eine neue Zusammenstezung der internen und externen Beziehungen der Zapatistas.

Die Mehrheit der Fälle haben sich in der Zona Norte gezeigt, in der die zapatistische Präsenz bis zur Ausrufung der Caracoles weniger sichtbar war als in anderen Zonen des Zapatistischen Einflussgebiets. Im September denunzierte die Junta der gute Regierung "Nueva Semilla que va a producir ( Roberto Barrios)“ Vorfälle von Gewalt in verschiedenen Gemeinden der Region provoziert durch das "anbringen von Plakaten auf Landstrassen, Ausfahrten und Kreuzungen verschiedener autonomer Bezirke“: Schläge, Drohung mit Vertreibung, umgeworfene oder zerstörte Schilder, vor allem in den offiziellen Bezirken Tila, Sabanilla und Palenque.

Ende September konnten ähnliche Vorfälle in Ocosingo beobachtet werden. Eine andere Spannungsachse stellte die Konstruktion von Landstrassen der innerhalb zapatistischer Zonen Chilón und Ocosingo dar, in denen die Zapatisten von den Baufirmen Bezahlung für die Bauerlaubnis verlangten.

Das Risiko der Gewaltsteigerung

Ebenso besorgniserregend sind die Denunzierungen von Seiten vermeintlich als Paramilitärs identifizierter Gruppen. Bauern der Regionen Taniperlas und Monte Libano informierten, dass sie erneut bewaffnete, schwarz uniformierte Männer gesehen haben, die Waffenübungen praktizieren und sich in der Region bewegen. In einem Kommunique des Caracol "Torbellino de Nuestras Palabras“ (Turbulenzen unserer Worte) denunzierte die Junta der guten Regierung "Arcoiris de nuestra Esperanza“ (Regenbogen unserer Hoffnung)Überfälle der Bande “Los Aguilares“ auf die Gemiende K’an Akil, autonomer Bezirk Olga Isabel Ende Oktober 2003: “Es wurden Detonationen registriert und die Aguilares kamen, um auf den Wegen Der Region die Leute einzuschüchtern und zu provozieren, sie haben die Bucht des Flüsschens gesperrt in der die Frauen sich baden und waschen, also der einzige Platz den die Frauen benutzen können.“

Im Oktober sammelten sich hunderte von Menschen aus zapatistischen Basisgemeinden des autonomen zapatistischen Bezirks Francisco Gómez, um eine permanente Mahnwache in der Gemeinde San Manuel, Ocosingo durchzuführen. Die Bevölkerung genannter Gemeinde denunzierte am 16. Oktober 2003, dass eine Gruppe von 15 Priistas fast einen Hektar des zapatistischen Gemeindelandes abgeerntet hätte. Aufgrund dieser Situation bewachen die Mitglieder der Gemeinde San Manuel permanent ihre Felder.

Die Herausforderungen der Juntas der Guten Regierung auf juristischer Ebene

Die Existenz paralleler Systeme (offizielles Regierungssystem und zapatistische Struktur) verlangt, wegen der in zapatistischen Zonen bestehenden Pluralität, nach einer höheren Komplexität in Bezug auf die administrative Seite der Justiz. Diese Situation eröffnet Fragen in Bezug auf die Schwierigkeit und Legitimität des "Regierens“ von Personen die, die Zapatisten bzw. die Regierungsautoritäten nicht als die ihrigen gewählt haben.

Einer der ersten Fälle konnte im Umfeld der Festnahme von Armín Morales Jimenez, der am 2. September 2003 in San Pedro Michoacán von Milicianos der EZLN festgenommen wurde, beobachtet werden. Armin Morales wurde von den Zapatisten angeklagt ein Fahrzeug in besitz genommen zu haben, das nicht sein eigenes war. Als Antwort auf die Handlung der Zapatistas, nahmen Mitglieder der Central Independiente de Obreros Agrícolas y Campesinos – Histórica (CIOAC – H) (Landarbeiterorganisation, die ehemals mit den Zapatisten sympatisierten) 7 Personen, die zapatistischen Gemeinden angehören fest. 48 Stunden später wurden fünf der sieben wieder freigelassen. Die verbliebenen zwei wurden erst nach neun Tagen wieder freigelassen. Wegen dieser Freilassung, wurde bis zum12. Oktober 2003 der Druck auf die Zapatisten, Armin Morales auf freien Fuß zu setzen erhöht. Am selben Tag wurde Armin Morales freigelassen, nachdem die Regierung von Chiapas 80 tausend Pesos an den Besitzer des Autos überbrachte, dessen sich Armin Morales unerlaubt bemächtigt hatte. Das Eingreifen der bundesstaatlichen Regierung war sehr umstritten.

Anfang Oktober signalisierte das Menschenrechtszentrum Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de las Casas: "In dem Maß, in dem die normativen Systeme der indigenen Gemeinschaften nicht anerkannt werden, werden Probleme diesen Typs immer wieder auftauchen, die die indigenen Rechte und deren Forderungen nach Gerechtigkeit verletzen, Probleme die das soziale Netz immer mehr schwächen“.

Ein anderer Fall Anfang September 2003 zog ebenso Aufmerksamkeit auf sich. Drei Indigene aus der Gemeinde Flores Magón im Bezirk Teopisca wurden festgenommen und des Ökozids angezeigt, weil sie Holz transportierten. Diese drei Personen waren durch den autonomem Bezirk Miguel Hidalgo autorisiert das Holz zu schlagen und danach an einen anderen Ort zu transportieren, dies wurde zum ersten Mal vor einem zapatistischen Richter, einem Präsident einer der autonomen Consejos der Zapatisten, bestätigt. So wurden die Indigenen nach wenigen Tagen frei gelassen.

Verschiedene andere Fälle in den letzten Monaten machten die zwei Typen der Anwendung von Justiz in einem pluralen Territorium sichtbar: Akzeptanz oder Aufbau der Legitimität der Juntas der guten Regierung oder das Aufeinanderprallen untereinander oder mit dem offiziellen Justizsystem.

Montes Azules: angespannte Ruhe

Gut, in den letzten Monaten wurden keine Gewaltakte in der Biosphäre von Montes Azules registriert, dennoch verbreiten widersprüchliche Aussagen der verschiedenen Regierungsinstanzen weiterhin ein Klima höchster Anspannung: während das Sekretariat für Agrarreformen bestätigt, das es keine gewalttätigen Vertreibungen aus der Zone geben wird, schließt die Procuraduría Federal de Protección al Ambiente (PROFEPA) (mexikanische Umweltbehörde) nicht aus, dass "das sich das Gesetz auch mit starker Hand durchsetzen wird, und die öffentliche Kraft gegen die auf dem Land von Montes Azules lebenden Personen verwendet werden kann.

Im Oktober hinterfragte die Asociación Rural de Interés Colectivo ( ARIC- Independiente), (unabhängige Landarbeiterorganisation) die mit der Regierung die Regularisierung verschiedener Dörfer in der Region Montes Azules verhandelt, die Aussage der PROFEPA: "Anstatt die Lösung des Problems zu fördern machen sie alles nur noch schlimmer, das heißt, dass es in der Regierung Gruppen gibt, die auf die Vertreibung mit der Anwendung von Gewalt setzen, und dies disqualifiziert jedwede Verhandlung mit der Regierung, heißt das es keinen politischen Willen von Seiten der Regierung gibt eine wirkliche Lösung für das Problem zu finden“.

Andererseits traf sich Felipe Villagrán, Ex- Funktionär der Weltbank, als Repräsentant der Lakandonen aus Lacnajá Chansayab und der Bevölkerung von Frontera Corozal und Nueva Palestina mit dem chiapanekischen Gouverneur Pablo Salazar Mendiguchia und anderen staatlichen und bundesstaatlichen Funktionären. Villagrán benatragte " die sofortige Bereitstellung mexikanischen Militärs, um Tag und Nacht Patroullien in der Region durchführen zu können, ebenso wie ein Sonderkommando des Militärs in Paraíso“ (wo sich eine zapatistische Gemeinde befindet) außerdem " die Erlaubnis für die Gemeindemitglieder (oben genannter Dörfer) Feuerwaffen niedrigen Kalibers mit sich zu führen, um ihre Felder schützen zu können“. (La Jornada, 10. November 2003)

Militarisierung und Mobilisierungen gegen die Militarisierung

Nach der Ausrufung der Juntas der guten Regierung in den autonomen zapatistischen Bezirken konnte in verschiedenen Zonen des Bundesstaats eine Zunahme von Truppenbewegungen festgestellt werden. Vor allem in der Konfliktzone.

Auf der anderen Seite haben die Proteste in Bezug auf die Militärpräsenz zugenommen, eine Tendenz die nicht nur in zapatistischen Gemeinden zu beobachten war.

In der Mehrzahl der Fälle zeigt sich die Ablehnung des Militärs gewaltfrei, aber die Spannung in der Bevölkerung nimmt zu. So haben Anfang September mehr als tausend Indigene des Bezirks Chenalhó 35 Soldaten des mexikanischen Militärs festgenommen, um diese dazu zu bringen die durch Ihre Lastwägen verursachten Schäden zu bezahlen. Die Militärs wurden unter der Bedingung freigelassen, dass sie das Material stellen, um besagte Strasse zu reparieren, deren Reparatur bis zu 15 tausend Pesos kosten könnte.

Indigene aus einer Sympathisantengemeinde der Zapatistas, Yulumchuntic, Bezirk Chalchihuitán (Altos, Hochland) nahmen wiederum im Oktober 2003 für einige Stunden 30 mexikanische Militärs fest, die einen Streifzug zur Bekämpfung der Aussaat und der Ernte von Drogen durchführten. Gerüchten nach wurden den Soldaten Waffen und Stiefel abgenommen. Danach soll man sie gezwungen haben barfuss um das Basketballfeld zu laufen. Nach Aussage der Junta der guten Regierung "Corazón Centrico de los Zapatistas del Mundo“ (Zentrales Herz der Zapatisten der Welt), ließ man die Soldaten einfach alleine vor der Schule in Jolitontic verweilen. Die Junta informierte, dass sie jegliche Militärpräsenz in ihren Gemeinden ablehnen und dass sie auf friedliche Weise den Abzug des Militärs erreichten. Laut der Junta hätte die Armee einen Stützpunkt in ihrem autonomen Bezirk installiert. Nach einigen Stunden wurden die Soldaten freigelassen, nachdem sie mit der Bevölkerung ein Abkommen geschlossen haben besagte Zone nicht mehr zu passieren. Außerdem wurde das Militär verpflichtet durch den Kommandanten der Militärzone 31 eine Strafe von 20 tausend Pesos abzugeben.
Im Oktober 2003, während der Spezialkonferenz über die Sicherheit der Hemisphäre in Mexiko, verpflichteten sich die Mitglieder der Organisation der Staaten Amerikas gemeinsam gegen die Bedrohung der Sicherheit der Staaten zu kämpfen. Jedoch bleibt es jedem Staat selbst überlassen die eigenen Sicherheitsprioritäten zu setzen, ebenso wie die Definition staatseigener Strategien, Pläne und Aktionen die sich aus der globalen Situation ergeben. Auf der Konferenz wurde herausgestellt, dass der Frieden gestärkt wird, wenn seine menschliche Dimension vertieft wird, heißt die Würde des Menschen, die Menschenrechte, die fundamentalen Freiheiten des Menschen und die Förderung der ökonomischen und sozialen Entwicklung der Bevölkerung, sowie der Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheit.

Geteilte Kämpfe

Die Solidarität mit den Zapatistas wurde während der nationalen Versammlung der Indigenen Nationen Mexikos verkündet, auf dem etwa 200 Repräsentanten indigener Gemeinden und Organisationen aus den Bundesstaaten Oaxaca, Michoacán, Jalisco, Veracruz, Estado de México, Sonora, Mexiko City sowie Puebla anwesend waren. Diese Repräsentanten, wie auch andere nicht indigene soziale Gruppierungen Mexikos gaben kund "Wir erkennen die Verträge von San Andrés als die Konstitution der indigenen Völker Mexikos an und verlangen die in Kraftsetzung des COCOPA Gesetzes“.

Auch die Juntas der guten Regierung wurden von der Versammlung als positiv bewertet.

Die EZLN zeigte am 26. Oktober, dass sie sich als Teil einer globalen Alternative versteht, als der Subcomandante Marcos eine aufgenommene Nachricht an verschiedene Akademiker, Intellektuelle und Führungspersönlichkeiten verschickte, die an dem Treffen Zur Verteidigung der Menschlichkeit in Mexiko City, teilnahmen. Ziel der Versammlung war es einen Block zu bilden der für die Rechte der Völker kämpft, gegen Neoliberalismus und Globalisierung. Marcos bemerkte, dass der Kampf gegen die Globalisierung der Macht eine Frage des Überlebens der Menschheit sei.

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:: FOKUS

DIE BRÜCKEN DER WORTE ZWISCHEN DER ZIVILGESELLSCHAFT UND DER EZLN

Polizeiaufgebot während der Sitzung der WTO in Cancun, September 2003

Im kommenden Monat sind 10 Jahre seit dem bewaffneten Aufstand der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN) vergangen. Ein Jahrzehnt, in dem Kommuniqués, Befragungen, Demonstrationen, Foren und Treffen ein neues ethisch-politisches Denken bestimmt haben, das einen großen Einfluß nicht nur in Mexiko, sondern auch international hatte.

Wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um über den Prozeß nachzudenken, der sich seit 1994 entwickelt hat, sowie über die Früchte, die der Dialog zwischen dieser politisch-sozialen Bewegung und der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft getragen hat.

Der Neozapatismus: eine neue politische Ethik

Der politische Diskurs der EZLN, der begleitet wird von Poesie, Geschichten, Ironie und Tatsachen, überraschte die mexikanische und internationale politische Szenerie, die sich in einer Phase der Hoffnungslosigkeit und Schwäche befand. In diesen Kommuniqués vermischen sich die verschiedenen kulturellen Wurzeln Mexikos mit denen der ganzen Welt. Eingefordert wird eine Gesellschaft, in der Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit regieren, ihrerseits verwurzelt in der Menschenwürde. Diese Worte, die von ihnen als die "ersten aller Worte und aller Sprachen" betrachtet werden, werden gemäß ihres eigenen Weltbildes neu definier:

"Gerechtigkeit bedeutet nicht Bestrafung, sondern jedem das zu geben, was er verdient, und jeder verdient das, was der Spiegel ihm zurückgibt: sich selbst. Wer Tod, Elend, Ausbeutung Hochmut, Überheblichkeit verbreitet, bekommt als Belohnung eine Menge Leid und Traurigkeit mit auf den Weg. Wer Arbeit, Leben, Kampf gibt, wer sich brüderlich verhält, bekommt als Anerkennung ein kleines Licht, das ihm immer das Gesicht, die Brust und den Weg beleuchtet.

Freiheit bedeutet nicht, daß jeder macht, was er will, sondern den Weg wählen zu können, der dir gefällt, um auf den Spiegel zu treffen, um den Weg des wahren Wortes zu gehen. Einen Weg jedoch, der dich nicht den Spiegel verlieren läßt. Der nicht dazu führt, dich selbst, die Deinen und die anderen zu verraten.

Demokratie bedeutet, daß die Gedanken zu einer guten Übereinkunft kommen. Nicht daß alle gleich denken (...) Daß das Wort des Regierenden dem Wort der Mehrheit gehorcht, daß der Befehlsstab das kollektive Wort vertritt und nicht einen einzelnen Willen. Daß der Raum alles widerspiegelt, die Gehenden und den Weg, und so das Motiv des Denkens ist."

(Die Geschichte der Worte. Der alte Antonio)

Der französische Soziologe Yvon Le Bot spricht vom "zapatistischen Traum", der Forscher Guillermo Michel von der "zapatistischen Utopie", wobei er die Definition von Paulo Freire aufnimmt, für den die Utopie die "Anklage der entmenschlichenden Struktur und das Einfordern menschlicher Strukturen" ist. (Michel 2001:122). Sie erklären, daß die Zapatisten vom südlichen Süden aus zu einer anklagenden Stimme und zu einem Spiegel der Ungerechtigkeiten wurden, die in Chiapas und anderen Teilen der Welt erlitten werden. Gleichzeitig kündeten sie von der Möglichkeit, durch die Organisierung und Einigung all derer, die "eine andere mögliche Welt" wünschen, eine Alternative zu schaffen: "In unseren Träumen haben wir eine andere Welt besucht. Eine wahrhaftige Welt, eine Welt, die eindeutig gerechter ist als jene, in der wir jetzt leben. Wir haben gesehen, daß diese andere Welt kein Militär brauchte, daß dort Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit so selbstverständlich waren, daß von ihnen nicht wie von weit entfernten Dingen gesprochen wurde, sondern wie wenn man Brot, Vogel, Luft, Wasser sagt, wie man Buch und Stimme ausspricht. (...) In dieser Welt waren Vernunft und Freiwilligkeit die Regierung der Mehrheit, die Regierenden waren Leute, die nachdachten, gehorchend regierten. Diese wahrhafte Welt war kein Traum der Vergangenheit, nichts, was von unseren Vorfahren kam. Sie kam aus der Zukunft, sie war der nächste Schritt, den wir gehen würden. So kam es, daß wir losgegangen sind, um zu erreichen, daß dieser Traum sich an unseren Tisch setzt, unser Haus erleuchtet, in unseren Feldern wächst, das Herz unserer Kinder erfüllt, unseren Schweiß trocknet, unsere Geschichte heilt und für alle da ist."

Die Demokratie als Konsens und kollektive Beteiligung wird eingefordert und ausgedrückt im Prinzip des "gehorchend befehlen". "Es ist die Vernunft und der Wille der guten Männer und Frauen, die beste Art des Regierens und sich selbst Regierens zu suchen und zu finden. Was für die Mehrheit gut ist, ist für alle gut. Aber die Stimmen der Minderheit sollen nicht schweigen, sie sollen fortbestehen und warten, daß das Denken und das Herz sich im Willen der Mehrheit und der Ansicht der Minderheit vereinigen".(Kommuniqué der EZLN vom 27. Februar 1994)

Das Neue im Bereich der Grundrechte ist die Forderung nach dem Recht der Beteiligung von allen, bei gleichzeitigem Recht auf Unterschiede, sei es auf dem Gebiet der Ethnie, der sexuellen Vorlieben, der sozialen Klasse, des Alters oder des Geschlechts. Verteidigt wird eine Welt, in der alle Welten Platz haben. In den ersten Kommuniqués werden die verschiedenen Kämpfe in ganz Mexiko erwähnt und vorgeschlagen: "Wir wollen, daß die Schritte von all jenen, die wahrhaftig voranschreiten, sich in einem einzigen Schritt vereinigen" (Kommuniqué der EZLN vom 25. Januar 1994)

Wege entwerfen zwischen Träumen und Worten

Seit dem zapatistischen Aufstand wurde die mexikanische und internationale Zivilgesellschaft zur Señora Gesprächspartnerin der EZLN. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Waffenstillstand, der 1994 von der Regierung angeordnet wurde, zum großen Teil den Massendemonstrationen in Mexiko und anderen Städten der Welt zu verdanken ist. In Mexiko repräsentierte die Zivilgesellschaft, die im Umfeld der Erdbebenkatastrophe von 1985 und später als Reaktion auf den Wahlbetrug von 1988 entstanden ist, eine plurale Kollektivität, die sich von den politischen Parteien und der Regierung unterscheidet und eine wirkliche Demokratisierung Mexikos anstrebt, in der sie eine entscheidende Rolle spielt.

Die Brieffreundschaft während des ersten Jahres des Aufstandes umfaßt viele Bereiche: Die EZLN pflegt Kommuniqués zu veröffentlichen, um ihre Positionen über verschiedene Punkte festzulegen. "Wir machen das so, damit das mexikanische Volk, das wir Zivilgesellschaft nennen, unsere Gedanken direkt aus unserem Herzen kennenlernt." (Kommuniqué vom 5. Mai 1994)

In diesen Briefen beginnt sie, die Form der Solidarität zu entwerfen, die sie mit den Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Frauen, Studierenden, unabhängigen Bauern- und Indígena-Organisationen etc. errichten möchte. So finden wir im Antwortbrief an die UNAM-Studierenden die Mahnung: "Wir wollen nicht, daß ihr uns in die eine oder andere politische Richtung "zerrt". (...) Ihr könnt kommen und uns etwas beibringen und von uns lernen" (Kommuniqué vom 12. Februar 1994)

Der erste Dialog zwischen der mexikanischen Zivilgesellschaft und der EZLN fand statt in Form der Convención Nacional Democrática (Nationaler demokratischer Konvent) 1994; zu diesem Anlaß wurde das erste Aguascalientes in La Realidad errichtet, das eben als Ort des Zusammentreffens zwischen mexikanischer und internationaler Zivilgesellschaft und den Zapatistas konzipiert ist. Später kamen vier weitere hinzu: La Garrucha, Oventic, Morelia und Roberto Barrios. (Das stimmt nicht ganz. Das erste Aguascalientes war in Guadalupe Tepeyac und wurde zerstört; das in La Realidad wurde erst mit den anderen gebaut)

Amado Avendaño wurde im Dezember 1994 zum ersten Gouverneur der Zivilgesellschaft "in Rebellion" ernannt und behielt diesen Titel bis zum Jahr 2000. 1995 rief die EZLN zur Nationalen und Internationalen Befragung für den Frieden auf. Die Beteiligung von mehr als einer Million Menschen zeigt die Sorge der öffentlichen Meinung um das Geschehen in Chiapas. Die Mehrheit sprach sich aus für die Umwandlung der EZLN in eine friedliche und unabhängige politische Kraft. Und die Strategie der Zapatistas wurde tatsächlich in diese Richtung angepaßt.

1995 begannen die Gespräche von San Andrés zwischen der mexikanischen Regierung und der EZLN, an denen Teile der Zivilgesellschaft als Berater der EZLN teilnahmen und auch den Sicherheitsgürtel zum Schutz der Beteiligten bildeten. Die zapatistischen Vorschläge, die in die Verträge von San Andrés über Indigene Rechte und Kultur eingingen, griffen die Übereinkommen des Nationalen Indigenen Forums auf. In diesem Forum wurde die Einrichtung des Congreso Nacional Indígena (Nationaler Indigener Kongreß) entschieden, der heute noch einen großen Teil der indigenen Völker Mexikos zusammenschließt. Das Forum über die Reform des Staates (1996) hatte zum Ziel, Vereinbarungen zwischen der EZLN und der mexikanischen Zivilgesellschaft zu erreichen, die in der zweiten Dialogrunde zum Thema Demokratie und Gerechtigkeit vorgestellt werden sollten.

In der 4. Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald wurde die Zivilgesellschaft zum Aufbau der Zapatistischen Front der Nationalen Befreiung (FZLN) aufgerufen, mit dem Ziel, den politischen Kampf durch die Bildung einer unabhängigen politischen Kraft fortzusetzen.

Nach dem Abbruch der Gespräche von San Andrés Ende 1996 wurde der Marsch der 1.111 Zapatistas durchgeführt, um sich an der 2. Versammlung des CNI in Mexiko-Stadt zu beteiligen und die Umsetzung der Verträge von San Andrés einzufordern. Zur Vorbereitung der Befragung für die Anerkennung der Indigenen Rechte und Kultur und für das Ende des Krieges (1999) fand vorher das Treffen zwischen EZLN und Zivilgesellschaft in San Cristóbal de las Casas statt.

Der Regierungswechsel nach den Wahlen 2000 brachte die jüngste Mobilisierung und Zusammenkunft mit der mexikanischen Zivilgesellschaft außerhalb des zapatistischen Territoriums: den Marsch von der Farbe der Erde. In diesem besuchten ein Teil der zapatistischen Kommandantur und Subcomandante Marcos verschiedene mexikanische Bundesstaaten, um die Gründe dafür darzulegen, daß als Bedingung, die Gespräche mit der Regierung wiederaufzunehmen, die Umsetzung der sogenannten Ley COCOPA gefordert wurde (der Vorschlag einer Verfassungsreform über indigene Rechte und Kultur, die die wichtigsten Übereinkünfte der Verträge von San Andrés enthält).

Im vergangenen August riefen die autonomen zapatistischen Bezirke die gesamte mexikanische und internationale Zivilgesellschaft zum Tod der “Aguascalientes” und der Geburt der “Caracoles” (Schnecken) zusammen, um die Beziehungen zur mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft zu stärken.

Vom Lokalen zum Globalen: eine Hin- und Rückreise

Die Brücke zwischen der Zivilgesellschaft und der EZLN ist zweigleisig, auf ihr bewegen sich die Vorschläge und Antworten hin und her.

Durch das Internet wurden Verbindungen geschaffen zwischen dem neozapatistischen Kampf und den Kollektiven und Individuen, die an irgendeinem Ort der Welt ihre Vorschläge lasen. Seit dem Aufstand gab es Solidaritätsdemonstrationen außerhalb Mexikos, die mit den Massendemonstrationen am 14. Januar 1994 in Madrid und Paris begannen.

Später wurde die internationale Zivilgesellschaft aufgerufen, sich am Ersten Kontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus (4.-8. April 1996) zu beteiligen, das der Vorbereitung des Ersten Interkontinentalen Treffens für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus vom 26. Juli bis 8. August 1996 diente (auch bekannt als “Intergalaktisches Treffen”).

Aus den Diskussionen heraus entstand unter anderem der Vorschlag, ein Netzwerk von unten nach oben aufzubauen: auf lokaler, bundesstaatlicher, nationaler und internationaler Ebene, mit Organismen oder Knoten dieses Netzwerks, die nach Konsensprinzip arbeiten und gehorchend regieren. Auf ökonomischer Ebene wurde auf die Schaffung einer wirtschaftlichen Alternative gesetzt, ausgehend von der Wiedergewinnung von Grundprinzipien wie Würde, Solidarität, Selbstverwaltung, Vielfalt und Kooperation und orientiert an den integralen menschlichen Bedürfnissen. Außerdem wurde entschieden, die Kämpfe für Demokratie und Bürgerrechte in der sogenannten Ersten Welt mit den Autonomiekämpfen der indigenen Völker zu verbinden.

Eine Vielzahl von Vorschlägen wurde durch die internationale Zivilgesellschaft aufgegriffen und weitergeführt. So fand das Erste Kontinentale Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus seine Fortsetzung in einem zweiten Treffen in Brasilien, das Zweite Interkontinentale Treffen wurde im Juli 1997 in Spanien durchgeführt.

Aber über die einzelnen Treffen oder Foren hinaus entstand durch die sogenannten Plattformen der Unterstützung oder Solidarität mit den Zapatistas oder durch Partnerschaften mit autonomen zapatistischen Bezirken ein dauerhaftes Netzwerk von Solidaritätsgruppen mit dem zapatistischen Kampf. Im vergangenen Jahr wurde in Madrid ein permanentes Aguascalientes ausgerufen, das entsprechend jenen im zapatistischen Gebiet einen Ort der Begegnung zwischen denen schaffen wollte, die eine andere Art der Politik in der Gesellschaft wollen.

Das Zusammenleben internationaler Beobachter/innen für mehrere Wochen oder Monate in den Zivilen Beobachtungscamps in verschiedenen autonomen Bezirken hat einen wirklichen interkulturellen Austausch ermöglicht. Es ist daher nicht erstaunlich, daß im Kommuniqué “Chiapas: die 13. Stele” ständig betont wird, daß das bisher Erreichte nicht nur den zapatistischen Unterstützungsbasen, sondern auch der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft zu verdanken ist.

Die Globalisierung der Hoffnung

Seit drei Jahren findet das Sozialforum von Porto Alegre statt als ein Raum, in dem versucht wird, eine wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Alternative aufzubauen, die die Millionen dieser Welt einschließt, die aus unterschiedlichen Gründen marginalisiert sind.

Von Seattle, Washington, Davos, Melbourne, Quito, Belem do Parà, Rom, Venedig, Prag, Istanbul, Porto Alegre, Cancún, Quebec, Genua aus erklären die Zapatistas: ”wir sind wie ihr.(...) Hinter unseren Pasamontañas ist das Gesicht aller ausgeschlossenen Frauen. Aller vergessenen Indígenas. Aller verfolgten Homosexuellen. Aller verachteten Jugendlichen. Aller geschlagenen Migrant/inn/en. Aller für ihre Worte und Gedanken Eingesperrten. Aller erniedrigten Arbeiter. Aller durch Vergessen Gestorbenen. Aller einfachen und gewöhnlichen Männer und Frauen, die nicht zählen, die nicht gesehen werden, die nicht genannt werden, die kein Morgen haben” (Kommuniqué der Kommandantin Mayor Ana Maria, 27. Juli 1996)

Einige sind der Meinung, daß der weltweite Widerstand gegen die Globalisierung seinen Ursprung in den Protesten gegen das Ministertreffen der Welthandelsorganisation in Seattle 1999 hat. Dagegen weist die Journalistin Naomi Klein (Autorin von No logo) darauf hin, daß der Antiglobalisierungs- oder “altermundialistische” Kampf (von span.-lat. alter mundo = eine andere Welt) bereits am 1. Januar 1994 mit dem zapatistischen Aufstand begann (La Jornada, 18. Mai 2002). Sie stimmt überein mit Ignacio Ramonet, für den die zapatistische Rebellion der erste Aufstand gegen die Globalisierung ist (Ramonet 2001, S. 24). In diesem Sinn bestätigte González Casanova beim Zweiten Sozialforum von Porto Alegre, daß die Proteste von Seattle undenkbar wären ohne den bewaffneten Aufstand von 1994. Das Zusammenfallen der bewaffneten Rebellion mit dem Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA widerspiegelte die Unzufriedenheit mit einer Politik, die weit von der Teilnahme und den Interessen der indigenen Völker entfernt ist und die darüber hinaus die Preise der Landwirtschaftsprodukte negativ beeinflußt und damit die Bauern, die mit den Preisen der nordamerikanischen Bauern nicht konkurrieren können, immer mehr verarmen läßt.

Subcomandante Marcos betonte kürzlich: “wir glauben nicht, daß [die Antiglobalisierungsbewegung] eine lineare Bewegung mit Ursachen und Folgen ist, noch daß sie mit geographischen Faktoren und Kalendern zu tun hat, d.h. daß zuerst Chiapas kam, dann Seattle, später Genua und nun Cancún” (Muñoz Ramírez, 2003, S. 287).

Er definierte den Neozapatismus als “das Symptom von etwas, das in Südamerika, in Nordamerika, Europa, Asien, Afrika und Asien passiert, (...) das Symptom, daß die Börsen, die isoliert und vergessen waren, darum kämpfen, sich zu öffnen, aufzubrechen und sich zu treffen, um Schluß zu machen mit dieser Welt von Wertpapierbörsen und Börsen der anderen, Börsen des Vergessens” (“Einige Worte über unser Denken”).

Es ist sicher, daß die “altermundialistische” Bewegung sich weiter konsolidiert und entwickelt von einer Protestbewegung hin zu einer fordernden und konstruktiven Bewegung. Ihre Charakteristika sind die Pluralität und die Heterogenität, sie verteidigt die Politik “von unten” und kombiniert die Übertretung und die direkte Konfrontation mit dem Willen zu partizipativer Aktion. Sie verteidigt die Universalität der Menschenrechte, überschreitet nationale Grenzen und bewegt sich gleichzeitig außerhalb der Institutionen, die von den repräsentativen staatlichen Organen geschaffen wurden.

Ausgehend von der Notwendigkeit eines positiven Friedens im chiapanekischen Gebiet teilt SIPAZ diese Überzeugung, im Gesicht des anderen sein eigenes Gesicht zu erkennen, da alle der gleichen Menschheit angehören. Wir fungieren als eine Brücke in zwei Richtungen, die die Reise vom Lokalen zum Globalen erlaubt, indem sie den chiapanekischen Konflikt nach außen sichtbar macht, aber gleichzeitig vom Globalen zum Lokalen, durch unsere Präsenz, die den Blick von Organisationen und Personen aus anderen Teilen der Erde vertritt, die in diesem Gebiet präsent sein möchten, um ihre Sorge um das Anhalten eines Konflikts zu zeigen, dessen Lösung nicht in Sicht ist.

BIBLIOGRAPHIE

La Jornada, Chiapas: el alzamiento, México, La Jornada, 1994
Ramonet Ignacio, Marcos, La dignidad rebelde, Valencia, Cybermonde, 2001
Le Bot, Yvon, El sueño zapatista, Barcelona, Anagrama, 1997
Subcomandante Marcos, Relatos del Viejo Antonio, México, Centro de Información y Análisis de Chiapas, 1998
Michel Guillermo, “Votán Zapata. Filísofo de la esperanza, México, Rizoma, 2001
Muñoz Ramírez, 20 y 10, El fuego y la palabra, México, La Jornada, 2003
EZLN, Documentos y Comunicados, Ediciones Era, 1997

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:: Aktivitäten des SIPAZ Teams

SEPTEMBER BIS NOVEMBER 2003

Begleitung

  • Im Oktober hatte die Puppenspielgruppe "Diversidad" eine Vorführung in Tenejapa. Im November unternahmen wir zwei Rundreisen, eine in Playa de Catazaja, die andere in Salto de Agua (nördliche Zone). Außerdem wurden Stücke in vier Stadtteilen San Cristóbals aufgeführt..
  • Im Oktober hatte SIPAZ Treffen mit Beratern und NGOs in Mexiko-Stadt.

Interreligiöser Dialog

  • Wir haben Versammlungen und Besprechungen mit Religiösen aus San Cristóbal de las Casas und der Gemeinde Chenalhó im Rahmen des Projektes “Austausch und Bildung zwischen religiösen Anführer von Chenalhó und den Friedenskommissionen” durchgeführt
  • Im Rahmen desselben Projekts gab es zwei Workshops mit religiösen Akteuren aus Chenalho.
  • Im September nahmen wir am ersten Workshop "Wege des Zusammenlebens im religiösen Pluralismus" im Institut für Soziale und Interkulturelle Studien (INESIN) in San Cristóbal de las Casas teil.

Friedenserziehung

  • Wir sind weiterhin Mitglied des Friedensnetzes, einem Ort der Aktion und des Nachdenkens für eine Unterstützung im Friedens- und Versöhnungsprozeß auf der Ebene der Organisationen und Gemeinden in Chiapas.
  • Momentan wird das Vierte Treffen über Versöhnungserfahrungen und Frieden vorbereitet, das im Januar 2004 stattfinden soll.
  • Wir nahmen teil an den Folgeversammlungen des Zweiten Chiapanekischen Treffens über Neoliberalismus, das in Nuevo Huixtan (Las Margaritas) stattfand. Ein drittes Treffen wird für März 2004 vorbereitet.
  • Im Oktober und November wurden sechs Tagesseminare über das Thema "Das Herz nähren für die soziale Transformation" in den Räumen von SIPAZ statt, die sich auf die Spiritualität und Aktivismus sowie aktive gewaltfreie Kommunikation konzentrierten.
  • Wir veranstalten weitere Workshops über Friedenskulturen und Menschenrechten mit Jugendlichen des Zentrums für Gemeindeentwicklung (CEDECO) in San Cristóbal de las Casas.

Kontakte und Information

  • Wir empfingen Delegationen, Studenten und Journalisten, um die politische Situation in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ zu präsentieren.
  • Wir beteiligten uns an dem Workshop "Eine Einführung in die politische Einflußnahme", organisiert von PROPAZ-Schweiz und dem Zentrum für Entwicklung und Bevölkerungsaktivitäten Guatemalas in San Cristóbal de Las Casas vom 4. bis 6. September. Das Ziel war, die Kapazitäten der Organisationen zu stärken, um die Entscheidungsfindung konkreter Probleme zu beeinflussen.
  • Wir hielten im Rahmen des ersten Seminars über aktive Gewaltfreiheit am 4. und 5. Oktober, das von Serpaj Mexiko, Greenpeace Mexiko, Cencos, Serapaz und dem Gandhi-Kollektiv "Laßt uns laut denken“durchgeführt wurde, einen Vortrag über unsere Arbeit in Chiapas.
  • Wir nahmen teil an den Konferenzen während der Veranstaltung ”Die Gemeinde in der Debatte: Reflexionen über die Rolle der Gemeinde im heutigen Mexiko”, die einberufen wurde vom Multidisziplinären Forschungsprogramm Mittelamerika und Südosten (PROIMMSE) des Forschungsinstituts der Nationalen Autonomen Universität Mexiko (UNAM).
  • Wir hielten im Rahmen der 13. Lascasianas-Tage im November im Institut für Juristische Forschung der UNAM in Mexiko-Stadt einen Vortrag mit dem Thema "Juristischer Pluralismus und indigene Völker“.
  • Wir nahmen teil an diversen Veranstaltungen im Rahmen der Kampagne EZLN 10/20: Das Feuer und das Wort, sowohl in Mexiko-Stadt als auch in Chiapas.

International

  • Wir waren als Menschenrechtsbeobachter/innen bei den Protesttagen und alternativen Foren, die gegen das 5. Ministertreffen der WTO vom 7. bis 14. September in Cancún organisiert wurden.
  • Eine Freiwillige nahm Ende September in Guatemala teil an einem Treffen von Mitarbeitern von CMC-Holland, das in Zentralamerika arbeitet.
  • Eine Freiwillige des Teams in Chiapas machte eine 6-wöchige Rundreise in die USA (siehe Artikel), wo sie über die Situation in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ informierte.
  • Im Rahmen des Folgetreffens des Hemisphärenforums gegen die Militarisierung, das im Mai stattfand, nahmen wir an den Tagen für Entmilitarisierung vom 18. bis 24. November in San Cristóbal de las Casas teil.

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Eine Rundreise auf die andere Seite der Grenze...

Ein Teil der Arbeit von SIPAZ besteht darin Besucher und Delegationen zu empfangen von denen viele aus den USA kommen. Andererseits kommen auch Freiwillige, um in Chiapas zu leben und zu arbeiten und eine Zeit lang Erfahrungen auszutauschen bevor sie in die USA zurückkehren. Außerdem besuchen uns MexikanerInnen, die in den USA leben und nicht zu vergessen stammt die Mehrheit der Organisationen, die an der SIPAZ Koalition teilhaben oder in der Vergangenheit teilhatten, darunter einige Mitglieder des Vorstandes, aus den USA.

Auf die Einladungen einiger dieser Kontakte und Freundschaften eingehend, planten wir gemeinsam für Oktober und Anfang November meine Reise in die USA. Dort besuchte ich acht Bundesstaaten: Texas, Minnesota, Wisconsin, Illinois, Michigan, Ohio, Kalifornien und Arizona, wo ich fast 50 mal die Situation in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ in öffentlichen Vorträgen, Schulen, Universitäten, Fabriken, Kirchen und Gemeinschaftsradios vorstellte.

Dieser Besuch erlaubte mir nicht nur, über unsere Arbeit und die Situation in Chiapas zu informieren, er erwies sich auch als reichhaltiger und abwechslungsreicher Austausch von Erfahrungen, Träumen und Ideen zur Weiterarbeit an einer bessere Welt.

Grenzbegegnungen, globale Probleme

In meinen Vorträgen über Chiapas erwähne ich das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) als einen Auslöser für den Aufstand im Januar 1994. In El Paso, Texas, besuchte ich ein Haus für Immigranten und ein Zentrum für Arbeiterinnen. Ein Mexikaner erzählte mir: "Früher gab es viele Textilfabriken. Viele MexikanerInnen verdienten gut in diesen Fabriken. Mit NAFTA sind die "Maquiladoras“ nach Nordmexiko abgewandert und haben große Arbeitslosigkeit hinterlassen. Sie haben den Mexikanern die Arbeit für weniger Lohn gegeben. Jetzt ziehen sie nach Mittelamerika und Asien und hinterlassen eine abhängige Ökonomie und eine kaputte Umwelt.“

Im Haus für Immigranten traf ich viele Nordmexikaner ohne gültige Papiere, die die Grenze überqueren um Arbeit zu suchen und vom Erfolg träumen. Sie erzählten mir, dass nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001, die Kontrollen an den Grenzen stark zugenommen haben und, dass die "Border patrols“ (der Grenzschutz) militärische Waffen tragen und auch schon Menschen umgebracht haben, unter anderem einen Jugendlichen direkt vor jenem Haus. Es gibt viele solche Geschichten, die man hier an der Grenze hört und die die Tausenden von MexikanerInnen abschrecken würden, die im Moment davon träumen oder schon auf dem Weg sind sich eine bessere Zukunft im Norden zu suchen.

Mauer zwischen USA und Mexiko (© BBC)In Nogales, Arizona wird die Grenze zwischen Mexiko und den USA durch eine Mauer markiert, mich erinnert das an andere Bilder und Zeiten in meinem eigenen Land, Deutschland. Über diese Mauer kommen viele Menschen ohne Papiere in die Wüsten von Texas und Arizona, weit weg von den Städten. Viele von ihnen sind schon gestorben auf der bis zu 80 Kilometer langen Wanderung: sie sind verdurstet.

In die Universität von Austin, Texas, kam ich genau richtig zu einem Besuch des mexikanischen Präsidenten, Vicente Fox. Ein Grossteil des Publikums bestand aus mexikanischen ImmigrantInnen. Fox redete hauptsächlich über seine Lobbyarbeit hinsichtlich der Immigrationspolitik in den Regierungen der an Mexiko angrenzenden Bundessstaaten. Rückendeckung gab er auch den arbeitenden ImmigrantInnen: die Dollars, die jene an ihre Familien schicken, repräsentieren das größte ökonomische Einkommen Mexikos. Er erntete viel Applaus. Es gab aber auch Leute im Saal, die im Protest Transparente hoch hielten. Auf ihnen stand: "Mord an Frauen in Juárez“, "Verträge von San Andrés“, "Das Versprechen, die Probleme von Chiapas in 15 Minuten zu lösen“, "EZLN“. Als die Rede vorbei war, ging die Diskussion unter den Anwesenden weiter. Und es sind nicht alle der gleichen Meinung, abgesehen davon merkt man auch einen sozialen Unterschied zwischen denen, die schon lange hier leben oder sogar in den USA geboren sind und denen, die erst kürzlich aus allen Teilen Mexikos hier angekommen sind.

Die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mexiko und dem "Großen Bruder“ im Norden bringen mich zu dem Schluss, dass die Mauern (im wörtlichen und übertragenem Sinn) keine langfristige Lösung sein können. Diese gegenseitige Abhängigkeit ist eine Tatsache und der Immigrationsdruck aus dem Süden wächst weiter (auch von weiter südlich als Chiapas, der südlichen Grenze Mexikos) und zwar durch den ökonomischen Schaden, den die Menschen in diesen Regionen erleiden.

Gemeinsame Kämpfe und solidarische Antworten

In Tucson, Arizona traf ich Freiwillige, die in der Gruppe "Human Borders“ (Menschliche Grenzen) organisiert sind und Wasser in die Wüste bringen, um Leben von ImmigrantInnen zu retten. Andere bringen Kleidung und Lebensmittel in das Grenzdorf Altar. Die Gruppe "Borderlinks“ in Tucson organisiert Delegationen, um die Situation an der Grenze kennen zu lernen und mit den "border patrols“, der Immigrationsbehörde und Mexikanern auf beiden Seiten der Grenze zu sprechen. In El Paso, Texas und Juárez im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua gibt es "shelters“, Häuser für Frauen und Immigranten. Sie werden von Freiwilligen betrieben und aufrecht erhalten und finanzieren sich durch Spenden und Essensreste, von denen es in dieser Überflussgesellschaft genug gibt. Es gibt dort Menschen, die sehr engagiert dem Nächsten helfen, sei es der Obdachlose aus dem eigenen Land oder der Immigrant, der kommt, um zu überleben.

Tucson ist die Wiege des “Sanctuary Movement” die traditionell Kriegsflüchtlingen aus Mittelamerika geholfen hat, indem sie ihnen Schutz bot und ihnen zu der Möglichkeit verhalf gehört zu werden. Außerdem haben sie versucht, dass Amerikanische Volk "aufzuklären“, davon ausgehend, dass ihr Land große Verantwortlichkeit an jenen Kriegen hatte. Diese Zielsetzung stellt eine große Herausforderung dar, denn es geht darum, neben Hilfeleistungen und Wohltätigkeit, zu erkennen, dass Länder der "Ersten Welt“ einerseits Teil des Problems, aber auch Teil der umfassenden Lösungen sind, die hier benötigt werden. Ich treffe aber auch auf Kämpfe, die wir gleichermaßen in Mexiko austragen, insbesondere jene gegen ökonomische Megaprojekte wie NAFTA und ALCA (Amerikanische Freihandelszone) und die Instanzen, die diese vorantreiben, wie die WTO, die Weltbank etc. Ich lerne Leute kennen, die zu Gunsten der Menschenrechte der ImmigrantInnen nach Washington reisen oder an den Protesten gegen ALCA in Miami teilnehmen werden und andere, die Briefe schreiben oder permanenten Druck auf ihre Repräsentanten im Abgeordnetenhaus ausüben. Sie sagen mir, dass das nicht einfach sei, da die großen Unternehmen genau das selbe tun würden, um ihre Geschäfte weiterführen zu können, jedoch mit viel umfangreicheren Ressourcen.

Viele Militärs aus Mexiko und anderen Lateinamerikanischen Ländern werden in Militärschulen in den USA ausgebildet. Jedes Jahr werden große Proteste gegen die “School of the Americas” und andere Militärschulen organisiert. Viele Aktivisten wurden für die Teilnahme an diesen Aktivitäten bereits hinter Gitter gebracht. Im November diesen Jahres wird diese Süd-Nord-Solidarität deutlich, wenn am gleichen Tag überall auf dem Kontinent und vor der "School of the Americas“ antimilitaristische Demonstrationen stattfinden werden.

Und was habe ich mit all dem zu tun?

Mehrere Male wurde ich eingeladen, um in Highschools und Universitäten zu reden, wo sich die Kinder und Jugendlichen mehr für meine eigene Geschichte interessierten. "Warum hast du dich entschieden dieses Leben zu leben?“ "Warum gefällt dir das?“ "Hast du keinen Ehemann, keine Kinder...?“ Andere fragen, was sie als Jugendliche in den USA und außerhalb ihres Landes machen können. In einigen Schulen und Universitäten werbe ich dafür Delegationen zu organisieren, um das Leben der indigenen Bevölkerung in Chiapas aus erster Hand kennen zu lernen.

Auf den ersten Blick ist in den USA alles groß, die Straßen, die Autos, die Menschen... Und dann bemerkt man den Überfluss und wie die Rohstoffe gedankenlos verbraucht werden, sei es Wasser oder Benzin, Telefon oder Essen. Ich stelle mir vor, dass es schwer ist, hier zu verhungern, die Armen ernähren sich von dem, was die anderen übrig lassen. "To have fun“, Spaß zu haben, scheint das wichtigste zu sein. Viele Menschen achten auf ihren Körper, sei es im Fitnesscenter oder indem sie irgendwohin fahren (im Auto!), um zu joggen. Es hat den Anschein, als ob viele lediglich dafür arbeiten, Geld zu haben und es für Vergnügungen auszugeben.

Eine politisch aktive Freundin beschreibt das so: " Die Mehrheit der Gringos lebt in einer Kiste, von wo aus sie ihre Arbeit, ihre Dollars und ihr Vergnügen betrachten... Aus dieser Kiste herauszukommen und sich die Welt anzusehen, bedeutet zu handeln. Das Schwierige ist, die restlichen Leute auch aus dieser Kiste herauszuholen. Wenn das zu schnell passiert, erschrecken sie sich und gehen sofort wieder zurück...“

Ich, die ich auch aus einem Land der Ersten Welt komme, finde mich also vor der großen Aufgabe wieder, die uns im Norden noch bevorsteht. Ich erkenne, dass wir alle in einem Boot sitzen, dem Planeten Erde. "Was machen wir und was können wir noch alles tun?“ Eine Aufgabe die wir auch mit vielen Menschen in den USA teilen.

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