:: POLITISCHE
LAGE
WIDERSTAND UND AUTONOMIE: SCHAFFUNG DER
ZAPATISTISCHEN JUNTAS DER GUTEN REGIERUNG
Im vergangenen Juli übernahm die
EZLN wieder die Initiative, indem sie eine Reihe von comunicados
veröffentlichte, in denen die Auflösung der Aguascalientes
(Orte der Begegnung zwischen EZLN und Zivilgesellschaft in
den zapatistischen autonomen Landkreisen) angekündigt
wurde sowie die Schaffung der Juntas der Guten Regierung
und eine überraschende politische Neupositionierung
(siehe: www.ezln.org). Nach wie vor geht es um die Konstruktion
einer Autonomie durch Schaffung von Tatsachen, wobei ein
Prozess zivilen Widerstands weiter gestärkt werden soll,
der nun schon seit einigen Jahren gereift ist.
Ein weiterer Schritt bei der Konstruktion der Autonomie
Im Juli bekräftigte Subcomandante Marcos (der von der
zapatistischen Kommandantur bestimmte Sprecher), dass angesichts
der fehlenden Antworten von den verschiedenen Ebenen der
Staatsgewalt auf die Forderung nach Autonomie die Abkommen
von San Andrés nun “in den widerständigen
Gebieten einfach angewendet werden”. Außerdem
kündigte er an, dass “eine Reihe von Veränderungen
hinsichtlich ihrer internen Struktur und ihrer Beziehung
zur nationalen und internationalen Zivilgesellschaft vorbereitet
worden sind.”
Nach einer selbstkritischen Bestandsaufnahme
der Probleme, denen sie sich gegenüber sieht, kündigte die EZLN
das Ende der sogenannten Aguascalientes an sowie die Einrichtung
von Caracoles (“Schnecken” bzw. “Schneckenhäuser”),
von denen aus die “Häuser der Juntas der Guten
Regierung” operieren werden: “(...) sie werden
wie Pforten sein, durch die man die Gemeinden betritt und
durch die die Gemeinden heraustreten; wie Fenster, durch
die man uns hier drinnen sieht und durch die wir nach draußen
sehen; wie Sprachrohre, um unser Wort weithin zu verbreiten
und das derjenigen zu vernehmen, die weit entfernt sind.”
Jede der fünf Juntas der Guten
Regierung wird gebildet von einer/einem oder zwei Delegierten aus jedem
Autonomen
Rat des jeweiligen Gebiets, wodurch die 30 Zapatistischen
Autonomen Landkreise im Widerstand abgedeckt werden.
Diese Juntas
der Guten Regierung werden unter anderem folgende
Funktionen haben:
- versuchen, das Ungleichgewicht
in der Entwicklung der autonomen Landkreise und
der Gemeinden auszugleichen
- in den Konflikten, die zwischen autonomen Landkreisen
sowie zwischen autonomen und regierungstreuen Landkreisen
entstehen können, zu vermitteln
- Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen, Proteste
und Ablehnung gegen die Autonomen Räte entgegenzunehmen,
auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen,
die Abschaffung dieser Missstände durch die
Autonomen Räte anzuordnen und die Einhaltung
der beschlossenen Maßnahmen zu überwachen
- Die Umsetzung von gemeinschaftlichen Projekten
und Aufgaben zu überwachen und darauf zu achten,
dass die von den Gemeinden beschlossenen Zeitpläne
und die Form der Umsetzung eingehalten werden; außerdem
sollen sie die Unterstützung von Gemeinschaftsprojekten
in den Zapatistischen Autonomen Landkreisen im Widerstand
fördern
- Die Einhaltung der in den Zapatistischen Autonomen
Landkreisen im Widerstand im allgemeinen Einverständnis
mit den Gemeinden gültigen Gesetze zu überwachen
- Die nationale und internationale Zivilgesellschaft
beim Besuch der Gemeinden, bei der Umsetzung produktiver
Projekte, der Einrichtung von Friedenscamps, der
Durchführung von Forschungsarbeit (wohlgemerkt:
derart, dass auch die Gemeinden einen Vorteil davon
haben!) sowie bei jedweder sonstigen, in den widerständigen
Gemeinden gestatteten Tätigkeit zu betreuen
und anzuleiten
- In allgemeinem Einverständnis mit dem CCRI-CG
(Geheimes Revolutionäres Indigenes Komitee – Generalkommandantur)
der EZLN die Partizipation von Compañeros
und Compañeras der Zapatistischen Autonomen
Landkreise im Widerstand an Aktivitäten und
Veranstaltungen außerhalb der widerständigen
Gemeinden zu fördern und zu billigen sowie diese
Compañeros und Compañeras auszusuchen
und vorzubereiten
- Dafür zu sorgen, dass im Zapatistischen Gebiet
im Widerstand diejenigen, die befehlen, gehorchend
befehlen”
|
Die EZLN lud für den 8. bis 10. August
zum “Tod” der Aguascalientes und zur Einweihung
der Caracoles in die Caracol von Oventik (Altos de Chiapas)
ein. Daran nahmen zehn zapatistische KommandantInnen, hundert
RepräsentantInnen der autonomen Landkreise und tausende
ZapatistInnen und Mitglieder der nationalen und internationalen
Zivilgesellschaft teil.
Mit dieser neuen Struktur verstärkt sich die EZLN von
innen nach außen und von unten nach oben, indem sie
die Wege der Kommunikation mit der nationalen und internationalen
Zivilgesellschaft deutlicher akzentuiert: “So dass
die ‚Zivilgesellschaften’ jetzt genau wissen,
mit wem sie sich abstimmen müssen bezüglich Projekten,
Friedenscamps, Besuchen, Spenden etc. Die VerteidigerInnen
der Menschenrechte wissen, an wen sie sich mit den Klagen,
die sie erreichen, zu wenden und von wem sie die Antwort
zu erwarten haben. Die Armee und die Polizei wissen, wen
sie angreifen müssen (nur vorausgesetzt, dass sie verstehen,
dass auch wir, d.h. die EZLN, es sind, die sich dort einbringen).
Diejenigen Medien, die das berichten, wofür sie bezahlt
werden, wissen, wen sie verleumden und/oder ignorieren müssen.
Die ehrlichen Medien wissen, an wen sie sich für Interviews
oder Reportagen in den Gemeinden wenden müssen. Die
Bundesregierung und ihr “Beauftragter” wissen,
was es ist, das sie behandeln müssen, als existierte
es nicht. Und die Macht des Geldes weiß, wen sie noch
zu fürchten hat.” (“Die dreizehnte Stele”,
Sechster Teil)
Anregungen von der lokalen für die
internationale Ebene
Im fünften im Juli erschienenen comunicado wies Marcos
auf einen schwierigen Punkt hin: die Beziehungen zwischen
den zapatistischen und den nicht-zapatistischen Gemeinden.
Die EZLN hat sich um eine Wiederbelebung und Stärkung
der politischen Ebene der Gemeinden bemüht, wo Macht
als demokratisch, vom Rotationsprinzip bestimmt und horizontal
organisiert begriffen wird. Er gestand aber ein, dass in
Fällen von Konflikten oder Meinungsverschiedenheiten
bisher die EZLN das letzte Wort hatte: “Die militärische
Struktur der EZLN ‚kontaminierte’ in gewisser
Weise eine Tradition von Demokratie und Selbstverwaltung.
Die EZLN war, um es so zu sagen, eines der ‚antidemokratischen’ Elemente
in einem Verhältnis von direkter gemeinschaftlicher
Demokratie.”
In Oventik kündigte die EZLN als Geste des guten Willens
den nicht-zapatistischen Gemeinden gegenüber den Rückzug
von Kontrollposten sowie das Ende von Gebührenerhebungen
auf Straßen unter ihrer Kontrolle an. Außerdem
wurde ein neues Verhältnis zwischen den autonomen Landkreisen
und dem bewaffneten Arm der Zapatisten definiert, in dem
der “Schatten” der EZLN einen Schritt zurückweicht
und die Gemeinden wieder die Hauptrolle übernehmen.
Das zapatistische Projekt erscheint mehr denn je als eines,
das aus mehr als nur militärischem Widerstand besteht
und nimmt eine zum Handeln ermutigende Haltung zivilen Ungehorsams
ein, indem sie immer expliziter Regierungsfunktionen übernimmt.
Dennoch bleibt die EZLN für die Verteidigung der autonomen
Landkreise aktiv. In diesem Sinne sandte sie sehr deutliche
Botschaften an die paramilitärischen Gruppen, “insbesondere
in der Region von Los Altos de Chiapas”.
Auf internationaler Ebene – bezüglich des Plan
Puebla-Panama - verfügen “die zapatones über
Mittel und die Organisation, die notwendig und ausreichend
sind, um die Umsetzung dieses Plans zu verhindern.” Als
Gegenentwurf legt die EZLN den “Plan La Realidad-Tijuana” vor;
für den Norden des amerikanischen Kontinents, den “Plan
Morelia-Nordpol”; für Zentralamerika, die Karibik
und Südamerika den “Plan La Garrucha-Feuerland”;
für Europa und Afrika den “Plan Oventik-Moskau”,
in Richtung Osten gehend; für Asien und Ozeanien den “Plan
Roberto Barrios-Neu Delhi”, in Richtung Westen gehend.
Sie kündigte an, dass sie an den Mobilisierungen gegen
die Welthandelsorganisation (WTO) im September in Cancún
teilnehmen werde. Es war das erste Mal seit langem, dass
die EZLN sich mit solcher Deutlichkeit und so konkret zur
sozialen Agenda angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung äußerte.
Tatsächlich gelangten die Worte der EZLN bis zum Gipfel
von Cancún – überbracht durch die Organisation “Vía
Campesina” als Aufzeichnung der Stimmen von Comandante
Esther, Comandante David und Subcomandante Marcos. Sie riefen
dazu auf, den Widerstand und den Kampf gegen den Neoliberalismus
fortzusetzen und auf dem Wege der Autonomie eine Welt zu
schaffen, in der das Leben über den Krieg triumphiert.
Reaktionen
Die Mitglieder der Regierung nahmen unterschiedliche Haltungen
ein. Für Xóchitl Gálvez, Vorsitzende
der Nationalen Kommission für die Entwicklung der
Indigenen Völker, gibt es für das in Chiapas
nach wie vor bestehende Indígena-Problem “eine
einzige, grundsätzliche Lösung: die Reform der
Verfassung, die weder die Gemeinden noch die Zapatisten
zufrieden gestellt hat, voranzubringen.” Sie begrüßte,
dass die neue Initiative mehr politischen denn militärischen
Charakter habe, ein Aspekt, den auch der Regierungssekretär
positiv hervorhob.
Am 1. September gab Präsident Fox seine dritte Regierungserklärung:
einen Großteil seiner Ausführungen widmete er
den Strukturreformen in den Bereichen Haushalt, Arbeit, Telekommunikation
und Energie. Zur Situation der indigenen Völker hob
er die Bildung der Nationalen Kommission für die Entwicklung
der Indigenen Völker hervor. Diese Kommission wurde
von mehr als 50 indigenen und Menschenrechtsorganisationen
abgelehnt, da sie vor deren Einrichtung nicht konsultiert
worden waren.
Der offizielle Regierungsdiskurs lief
darauf hinaus, dass die Juntas der Guten Regierung im Rahmen
der Verfassung möglich
seien – dank der letzten Verfassungsreform, die Formen
indigener Autonomie erlaubt. Es ist aber daran zu erinnern,
das eben diese Reform von der EZLN abgelehnt wurde, da sie
den als ”Ley COCOPA” bezeichneten Gesetzentwurf,
der die wichtigsten Übereinkommen der ”Acuerdos
de San Andrés” einbezog, nicht berücksichtigte.
Während für die EZLN die Juntas der Guten Regierung
einen weiteren Schritt im Widerstand bedeuten, versucht die
Regierung sie in den konstitutionellen Rahmen einzubinden,
wo sie näher an der Reform, die von der Regierung selbst
ausging, wären.
Auf der Ebene des Bundesstaates lehnten
priistische und panistische Abgeordnete des Kongresses von
Chiapas die Schaffung
der Juntas der Guten Regierung ab, da diese den Rechtsstaat
verletzten und zur immer weiter gehenden Polarisierung im
sozialen Gefüge beitrügen.
Der Regierungsbeauftragte von Chiapas
für die Versöhnung
der Konfliktgemeinden, Juan González Esponda, bekräftigte
hingegen, dass die Regierung von Pablo Salazar der Meinung
sei, dass “keine Form der Regierung, die versucht,
die Situation der Indígenas zu verbessern, gegen das
Gesetz verstößt”, weshalb sie die Initiative
als “eine interessante Anstrengung der Gemeinden auf
der Suche nach neuen Formen der Konfliktlösung” wertete.
Vertreter des Indigenen Nationalkongresses (der einen Großteil
der indigenen Bewegung Mexikos in sich vereinigt) kündigten
an, dem Beispiel der Zapatisten zu folgen, die indigene Autonomie
im ganzen Land voranzutreiben und die Rechte der indigenen
Völker aktiv zu verteidigen. Vertreter verschiedener
Bauernorganisation feierten die Entstehung der Juntas der
Guten Regierung und bekräftigten, dass es sich um eine
hervorragende Institution zur Ausübung der Demokratie
des Volkes handele.
Gewinner bei den Wahlen zur Legislative: die Wahlenthaltung
Die Neupositionierung der EZLN gewann eine besondere Bedeutung
angesichts der politischen Landschaft nach den Wahlen,
in der sie sich vollzog. Am 6. Juli wurden in Mexiko
bundesweit Abgeordnete gewählt. Dabei wurde die stärkste
Wahlenthaltung in der jüngeren Geschichte des Landes
registriert, mit einem Rekordanteil von 58,32% (über
37 Millionen Wahlberechtigte). Obwohl das Wählerverzeichnis
15 Millionen WählerInnen mehr aufwies, gaben weniger
Menschen ihre Stimme ab als bei den Wahlen von 1997 und
1994. Seit 1988 ist die Gesellschaft aufmerksam und fordert,
dass der Wille der WählerInnen respektiert wird und
dass die Wahlen sauber durchgeführt werden. Heute
scheint aber eher Politikverdrossenheit vorherrschend zu
sein: der hohe Anteil an Wahlenthaltungen wurde als politische
Abstrafung nicht ausschließlich für Präsident
Fox, sondern auch für die politischen Parteien insgesamt
aufgefasst, worin sich die Desillusionierung der Gesellschaft
bezüglich eines politischen Wechsels und die Enttäuschung über
das Fehlen echter Alternativen widerspiegelt.
Eines der Ergebnisse der Wahlen ist, dass
sich die Partei der Institutionellen Revolution (PRI,
Regierungspartei von
1929 bis 2000) nach ihrer Niederlage in den Präsidentschaftswahlen
2000 erholt und neu formiert hat. Sie erhielt 36,9% der Stimmen
und stellt mit 222 Abgeordneten die stärkste Fraktion,
was aber immer noch weit von den Zeiten entfernt ist, als
sie über 50% der Stimmen erhielt.
Die Partei der Nationalen Aktion (PAN,
die Partei von Präsident
Fox) gilt als großer Verlierer der Wahl, da sie nicht
die Mehrheit gewinnen konnte, die für eine Durchsetzung
der Reformen ohne Verhandlungen mit der Opposition nötig
gewesen wäre. Dennoch, die PAN gewann 32,83% der Stimmen
und stellt 151 Abgeordnete, was etwa ihrem Anteil bei früheren
Wahlen entspricht.
Die Partei der Demokratischen Revolution
(PRD, Oppositionspartei, Mitte-links) konnte ihrerseits ihre
Position im Bundesdistrikt
México festigen, wo sie eine überwältigende
Mehrheit erhielt, ein Ergebnis der Popularität von Manuel
López Obrador, dem derzeitigen Regierungschef von
Mexiko-Stadt. Mit 18,77% der Stimmen (95 Abgeordnete) hielt
sie sich als drittstärkste politische Kraft in Mexiko,
verlor aber im Rest des Landes.
Die drei anderen Parteien, die vertreten
sein werden, sind die PVEM mit 6,55% der Stimmen (17 Abgeordnete),
die Arbeitspartei
PT mit 2,55% (6 Abgeordnete) und Convergencia mit 2,41% (5
Abgeordnete). Die übrigen Parteien verloren ihre Registrierung,
da sie nicht die erforderliche Anzahl an Stimmen erhielten.
Angesichts dieser Resultate - und obwohl
Mexiko das Niveau an Glaubwürdigkeit seiner Wahlprozesse erhöht hat – scheint
die mangelnde Legitimität des neuen Abgeordnetenhauses
doch besorgniserregend. Die größte Minderheit
ist die PRI, die etwa 15% der im Wählerverzeichnis aufgeführten
Personen repräsentiert. Andererseits wird die starke
Fragmentierung des Abgeordnetenhauses die Konsensfindung
für jede Art von Reformen erschweren.
Konflikt in der Biosphäre Montes
Azules: einer der Hauptbrennpunkte
Nach den Spannungen,
die in den vergangenen Monaten durch die Vertreibungsdrohungen
erzeugt wurden,
trafen die Regierung des Bundesstaates und Anführer
der Lakandonen eine Vereinbarung, damit es nicht zu Vertreibungen
im Biosphärenreservat Montes Azules komme. Die Behörden
verpflichteten sich, den Angehörigen der Volksgruppe
diverse ökonomische Begünstigungen zuteil werden
zu lassen, während die Lakandonen ihre Versuche, andere
indigene Gruppen aus der Region zu vertreiben, aussetzen
werden.
Noch diesen Monat wurde zum fünften Mal die Wiederansiedlung
der 28 Chol-Indígenas verschoben, die im Dezember
freiwillig das Reservat Montes Azules verlassen hatten, nachdem
die Procuraduría Federal de Protección al Ambiente
(Profepa, Bundesumweltbehörde) ihnen die Zuteilung neuer
Ländereien zugesichert hatte. Die Indígenas brachen
den Dialog mit der Regierung ab und entschieden, sich auf
eigene Verantwortung im Landkreis Marqués de Comillas
niederzulassen.
Mario Hernández Pérez von der Koalition Autonomer
Organisation des Bundesstaats Chiapas (COAECH) betonte, dass
dies “zeigt, dass die Bundesregierung weder den Willen
noch die Mittel hat, die im Biosphärenreservat ansässigen
Familien umzusiedeln”. Er fügte hinzu, dass “heute
mehr denn je die Herausforderung an die in Montes Azules
ansässigen Indígenas die ist, keinerlei Umsiedlung
zu akzeptieren, weil die Regierung ihr Wort nicht hält.”
Rückstände im Bereich der Menschenrechte
Wenngleich es Fortschritte bei der Situation der Menschenrechte
in Mexiko gibt, machte die CIDH (Interamerikanische
Menschenrechtskommission) im April in einer Erklärung darauf aufmerksam, dass
sie “mit Besorgnis den zunehmenden Verfall der demokratischen
Institutionalität beobachtet. Mexiko lag im Jahr 2002
auf Platz 2 bei den Anzeigen bei der CIDH und auf Platz
6 bei den Forderungen an die Staatsgewalt nach Schutzmaßnahmen
für Personen im Zusammenhang mit Anzeigen wegen
Verletzung ihrer Grundrechte.”
Das Büro des Hochkommissars für Menschenrechte
mit Sitz in Mexiko leitet derzeit ein Monitoring der Menschenrechtssituation
ein, um genaue Informationen über die Ursachen dafür
zu erhalten, dass die Bürger nicht in vollem Umfang
ihre individuellen, bürgerlichen und politischen Rechte
wahrnehmen können sowie über den Stand der Umsetzung
internationaler Konventionen.
Fast ein Jahr und neun Monate nach dem
Tod der Anwältin
Digna Ochoa y Plácido hat die eigens für den
Fall zusammengestellte Sonderkommission die Ermittlungen
abgeschlossen und bekräftigt, dass die Menschenrechtsverteidigerin
Selbstmord begangen hat. Angesichts der Entschlossenheit
ihrer Angehörigen, die Ermittlungsergebnisse anzufechten,
und der Empörung nationaler und internationaler Organisationen über
diese sicherte Staatsanwalt Bernardo Bátiz zu, dass
man allen internen und externen Revisionsmöglichkeiten
Rechnung tragen werde.
Widerstandsprozesse auf regionaler Ebene
Im Juni erklärte der Präsident des zentralamerikanischen
Parlaments, Augusto Vela, dass im Rahmen des PPP in erster
Linie drei Fragen anstehen: die Finanzierung der Projekte,
mehr Beratungen und Austausch mit der betroffenen Bevölkerung
und vor allem die soziale Entwicklung.
Unterdessen haben sich sowohl in Mexiko als auch auf zentralamerikanischer
Ebene die Räume für Vernetzung und Austausch der
Bewegung gegen die ökonomischen Megaprojekte vervielfacht.
Aus dieser Menge wollen wir einige herausgreifen.
Vom 11. bis zum 12. Mai fand in Mexiko das Kontinentale
und Globale Treffen gegen das Amerikanische Freihandelsabkommen
(ALCA, Acuerdo de Libre Comercio de las Américas)
und die Welthandelsorganisation (WTO) statt. Die Delegierten
von mehr als 150 internationalen Organisationen vereinbarten
eine weltweite Agenda von Mobilisierungen, Widerstandsaktionen
und zivilem Ungehorsam gegen die Förderung des ALCA,
die WTO-Konferenz und zur “Demaskierung” des
vierten Präsidentengipfel Amerikas, der ebenfalls Ende
des Jahres in Mexiko stattfinden soll.
Im Mai fand in Oaxaca das “Nationale Treffen Mittelamerikanischer
Widerstand gegen die Neoliberale Globalisierung” statt,
an dem etwa 400 Mitglieder von 130 sozialen und Nichtregierungsorganisationen
teilnahmen – unter dem Motto “Für eine Zukunft
ohne PPP und ohne ALCA!”. In der Abschlusserklärung
machten sie die Notwendigkeit deutlich, ausgehend von den
Indígenas und Campesinos/as, den Marginalisierten
und den Ausgeschlossenen ein eigenes soziales Projekt zu
konstruieren.
Mitte Juli wurden in Honduras die “Widerstandstage
2003” veranstaltet, die aus einer Reihe von Foren und
Treffen bestanden, bei denen es um die Stärkung der
Volksbewegung in Mittelamerika und der Karibik und um die
Suche nach Alternativen zu den ökonomischen Megaprojekten
ging: die “Dritte Woche der Biologischen und Kulturellen
Biodiversität”, das “Zweite Mittelamerikanische
Forum gegen Staudämme” und das “Vierte Mittelamerikanische
Forum gegen den PPP”.
Bei den letztgenannten Treffen wurden auch die Mobilisierungen
gegen die fünfte Ministerkonferenz der WTO, die vom
10.-14. September in Cancún stattfand, vorbereitet.
Zahlreiche mexikanische und internationale bäuerliche,
indigene, soziale und andere Nichtregierungsorganisationen
versammelten sich, um Alternativforen zum Gipfel abzuhalten
und um gegen die von den WTO-Mitgliedsorganisationen beschlossenen
Handelsgesetze zu protestieren. In vielen Ländern und
Bundesstaaten fanden während dieser Woche Aktionen statt,
um an alle Opfer der militärischen und ökonomischen
Kriege, die die von der WTO bestimmte Politik hervorbringt,
zu erinnern.

:: FOKUS
Sprechen wir, damit die Waffen schweigen
Das erste hemisphärische Treffen gegen
Militarisierung
San Cristóbal de las Casas (Chiapas) vom 6.-9.Mai
2003
In San Cristóbal
de las Casas fand vom 6.-9. Mai das erste hemisphärische
(kontinentale) Treffen gegen Militarisierung statt. Zivile
und soziale Organisationen des gesamten amerikanischen Kontinents
sowie der Karibik versammelten sich , um über die Auswirkungen
und Ursachen der Militarisierung, und deren Bedeutung für
die Bevölkrung Amerikas zu diskutieren. Ebenso natürlich über
Möglichkeiten des Widerstands sowie die Utopie eines
Lebens ohne Waffen, Militär und Krieg.
Der Anlass des Forums war Chiapas, ein mexikanischer Bundesstaat,
der seit dem Aufstand der Zapatisten 1994 unter einer permanenten
Militarisierung leidet. Auf internationaler Ebene wurde
das Forum zu einem ohnmächtigen Aufschrei gegen die von
europäischen Regierungen - wie der britischen und spanischen
- unterstützte Aggression der Vereinigten Staaten im
Irak. Die militärische Offensive im Irak rechtfertigte
die Durchführung des Forums nicht nur, sondern verstärkte
die Relevanz einer solchen Veranstaltung genau zu diesem
Zeitpunkt.
Aber es gab auch einen Grund zu feiern: in Vieques, Puerto
Rico, wurde durch die Mobilisierung der Bevölkerung
eine seit 60 Jahren existierende Militärbasis der Vereinigten
Staaten am 1.Mai dieses Jahres geschlossen und ausgewiesen.
Auf dem hemisphärischen Treffen waren VertereterInnen
puertoricanischer sozialer Bewegungen anwesend. Ihre Erfahrung
und Berichte gaben Kraft und Hoffnung für die Suche
nach Möglichkeiten der Entmilitarisierung und Selbstbestimmung
der Bevölkerung des Kontinents.
Während Bomben und Waffen ganze Gesellschaften und Kulturen
und letztendlich Leben zerstören, versammelten sich
im Herzen von Chiapas Menschen aus 28 Ländern, nicht
nur um zu beweisen, dass eine andere Welt ohne Militarisierung
möglich ist, sondern um eine gemeinsame Front - mittels
Netzwerke aktiver Solidarität - unter jenen aufzubauen,
die eine politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Organisation ohne Auflagen verfolgen, welche auf der Selbstbestimmung
der Völker, dem Respekt und der Solidarität untereinander
beruht.
Unterschiedliche durch Militarisierung geprägte Kontexte
und Umstände konnten in den Referaten und Workshops
ausgetauscht werden, was ermöglichte Parallelen zwischen
verschiedenen Ländern und Regionen des Kontinents zu
ziehen. So konnte deutlich herasugearbeitet werden, dass
geographische Entfernung zwar Länder, Regionen und Orte
voneinander trennt, die leidvollen Erfahrungen terretorialer
Militarisierung, die der Logik einer weltweiten die Hegemonilapolitik
folgt, die Menschen miteinander verbindet.
Den thematisch unterteilten Arbeitsgruppen standen
3 verschiedene, nicht weit voneinader entfernte
Räumlichkeiten zur Verfügung.
Während der ersten beiden Tage wechselten sich thematische
Konferenzen und Referate zu konkreten Erfahrungen der TeilnehmerInnen
ab. Am letzten Tag teilte sich das Forum in Arbeitsgruppen
zu den verschiedenen Regionen auf. Aus diesen Arbeitsgruppen
entstanden die Vorschläge, die schließlich in
der Abschlusserklärung mündeten.
Vor der Schlussrunde am letzten Tag stellte jede
Regionalgruppe durch Transparente, Plakate und
Spiele die konkreten
Vorschläge,
zu denen sie gelangt war, vor.
Im Plenum wurde der Beginn der ”Kampagne zur Demilitarisierung
Amerikas (CADA)”, sowie der kontinentale Aktionsplan
und die kontinentale Sozialagenda beschlossen. (Nachzulesen
unter: www.desmilitarizacion.org).
Während der 4 Tage des Forums war ein buntes Gemisch
aus akademischen Vorträgen, Erfahrungsberichten, Musik,
Poesie, Theater, Puppentheater und Clowns hören. Kunst
und Kultur waren also ebneso präsent als Instrument,
um ein Bewusstsein gegen Militarisierung zu wecken wie die
politische und soziale Analyse.
Das Treffen schaffte es eine Vielzahl von Organisationen
zu versammeln - von mexikanischen Indigenen
bis zu VerterterInnen internationaler Organisationen
und
Einzelpersonen, von
kolumbianischen Gewerkschaften, über guatemaltekischen Studenten zu
Koordinatoren von Siedlern aus marginalisierten Gegenden.
Also ein sehr heterogenes Publikum, welches jedoch einen
gemeinsamen Nenner hat: neben der Besorgnis über die
Militarisierung existiert das Gefühl des Ausgeschlossen-
und Bedrohtseins durch die Dominanz der neoliberalen Wirtschaftsprojekte
wie den Plan Colombia, den Plan Puebla Panama (PPP), die
nord- und gesamtamerikanische Freihandelszone (NAFTA und
FTAA) oder auch die “Regionale Andine Initiative”.
Nach der Analyse der Teilnehmer des Forum entsprechen diese
Pläne den Bedürfnissen der transnationalen hegemonialen
Wirtschaft und den Plänen der Institutionen von WTO,
dem internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank.
Auf ihre Weise bilden die Militärstützpunkte einen
Teil des Getriebes der ökonomischen Maschinerie. Daher
ist es kein Zufall, dass die Regionen in denen sich die meisten
natürlichen Ressourcen befinden, genauso wie die Zonen
geostrategischer Relevanz oft am stärksten militarisiert
sind. Das Militär wird benutzt, um die ökonomischen
Interessen der weltweiten Macht des Finanzkapitals zu erhalten,
die sich - komplex verteilt - im “globalen Territorium” befindet.
Im Rahmen dieser Realität entstand die Abschlusserklärung,
die dafür plädiert, für eine Demilitarisierung
des Kontinents zu kämpfen und Strategien zu entwickeln,
um den Ursachen zu begegnen. Weiter gedacht heisst dies:
Eine neue Gesellschaft aufzubauen, deren grundlegende Prinzipien
eine Kultur des Friedens als auch wirtschaftliche und soziale
Gerechtigkeit sind, in der Solidaritätsvereinbarungen
und Austausch zwischen den Völkern herrschen (siehe
das Abschlussdokument des Treffens unter: www.laneta.apc.org/sclc/desmilitarizacion/encuentro/declaracion.htm)
Die auf dem Treffen vesammelten Organisationen
und Eizelpersonen verständigten sich bezüglich dieses Prozesses darauf,
die in den einzelenen Regionen und Ländern gesammelten
Informationen, Analysen und Diagnosen auszutauschen und untereinander
weiterzugeben. Also einen Austausch über die in allen
Bereichen und auf allen Ebenen gemachten Erfahrungen zu Militarisierung
und derern Folgen einzuleiten. Weiterhin wurde diskutiert,
durch einen permanenten und kontinuierlichen Analyseprozess
in Bezug auf Erfahrungen und Möglichkeiten, “Kräfte,
Herzen und Wille zu bündeln, um Alternativen
des Friedens zu schaffen.”
SIPAZ war Teil des
Netzwerks der Organistionen welche dieses Treffen förderte
und ernöglichte. Das "Encuentro Hemisferico“ stellte
den Beginn einer kontinuierlichen und permanenten Arbeit
zur Thematik der Militarisierung
und Ihrer Folgen dar: Das hemisphärische Treffen gegen
Militarisierung klagt eine Politik der Militarisierung unter
der die Bevölkerung Amerikas zu leiden
hat ebenso an, wie die wirtschaftlichen und politischen Interessen
denen eine Militarisierung entspricht und die sie repräsentiert.
Somit wurde die Kampagne für die Demilitarisierung Amerikas
(CADA) initiiert.
Ergebnisse des Treffens und auch ein Zeichen für die Übereinstimmung
unter den Organistionen zeigen sich in den Folgeversammlungen und auch in der
Verbreitung der Arbeitsinhalte des Treffens in indigenen und Basisgemeinden auf
lokaler, regionaler, nationaler und kontinentaler Ebene; wie auch in den verschiedenen
Foren, die auf regionaler Ebene gegen die neoliberalen Wirtschaftsprojekte und
für die freie Selbstbestimmung der Völker folgten.
Für den 5.-7.März 2004 wurde eine Konferenz
zur Demilitarisierung Amerikas (CADA) in Quito, Ecuador, beschlossen, die direkt vor dem dort geplanten “amerikanischen
Sozialforum” vom 8.-13.März 2004 stattfinden soll. Danach geht es
weiter bis zum “zweiten hemisphärischen Treffen gegen Militarisierung” im
Jahre 2005.
Am letzten Tag der Versammlung forderte der Friedensnobelpreisträger Adolfo
Pérez Esquivel in seinem Vortrag “Frieden und Militarisierung”,
dass die Streitkräfte in Lateinamerika ihre Rolle tauschen sollten und sich
in den Dienst der Bevölkerung stellen müssten und nicht gegen sie,
wie es aktuell passiert. Er vertrat die Meinung, dass es - um die “gefährliche
Situation der Militarisierung” umzukehren - notwendig ist, soziale, politische, ökonomische
und kulturelle Alternativen im Leben der Bevölkerung des Kontinentes zu
schaffen. “Es reicht nicht ’NEIN’ zur Militarisierung zu sagen,
und dass die US-amerikanischen Militärstützpunkte verschwinden sollen:
wir müssen in unseren Ländern Aufbauarbeit leisten und bei den Regierenden
die Existenz dieser Stützpunkte beanstanden.”
Angesichts der aktuellen
Legitimationskrise der "Institutionen zur Rettung
des Weltfriedens“ - konkret diejenigen
der UNO – beweist dieses Treffen,
dass die internationale Zivilgesellschaft die Vorreiterrolle übernommen
hat sowohl im ethischen Kampf zur Erfüllung
der Menschenrechte, als auch in der kollektiven Verantwortung
für deren Respektierung und Verteidigung.
Das erste hemisphärische Treffen gegen Militarisierung hat strategische
Linien entworfen, um gegen eins der zerstörerischsten Instrumente der aktuellen
Staaten zu kämpfen: das Militär. Aufgabe aller Teilnehmenden und anwesenden
Organisationen dieses Forums ist es weiterhin zu denunzieren, zu moblilisieren,
Mobilisierungen, Informationen aus zu tauschen und die Solidarität unter
den Völkern zu stärken. Laut Carlos Montemayor (mexikanischer Schriftsteller)
muss jede Generation für
ihre Rechte und ihre Freiheiten kämpfen, weil diese sich nicht vererben. (Unveröffentlichter Vortrag: “Generelle Darstellung der Militarisierung
und der Hegemonie der Vereinigten Staaten”)
Fahren wir daher fort zu sprechen, um eine Welt
zu schaffen, in der die Stille die Abwesenheit
von Waffen
und nicht
die von Worten
ist.
Für
weitere Informationen:
http://www.laneta.apc.org/sclc/desmilitarizacion/index.html
 :: Sipaz-Aktivitäten
Von Mai bis August
2003
Begleitung
- In Mai und Juli machten waren wir Nordteil von Chiapas,
um mit verschiedenen politischen und sozialen Akteuren
der Region zu sprechen.
- In Juni war eine Freiwillige in dem zivilen Friedenscamp
in Nuevo San Rafael (Montes Azules). Sie besuchte auch
die Gemeinde Nuevo San Isidro, sowie die sieben Familien,
die im vergangenen Jahr aus der “Reserva
de la Biosfera de los Montes Azules” vertrieben worden
sind
- Im August machten wir eine Rundreise mit dem Puppenspiel
durch die Gemeinden von Las Margaritas zu welcher
wir von einer selbständigen Frauenorganisation der
Zone eingeladen wprden waren. Wir haben dieses Spiel in
5
Gemeinde vorgespielt.
- Vom 8. bis 10. August waren wir als Internationale Beobachter
bei den Geburtsfeiern der “Caracoles” (Schnecken) und der “Junta del Buen Gobierno zapatista” (guten
zapatistischen Regierung) August in Oventik anwesend.
Interreligiöser
Dialog
- Wir haben Versammlungen und Besprechungen
mit religiösen Akteuren aus San Cristobal de las Casas
und Gemeinden in Chenalhó im Rahmen des Projektes “Austausch
und Bildung zwischen religiösen Führern von Chenalhó und
den Friedenskommissionen” durchgeführt.
- Durch das Puppentheater haben wir eine grössere präsenz
in den Gemeinden in Chenalho erreicht. Diese Spiele haben
uns auch die Möglichkeit gegeben, ein Dutzend in der
Arbeit der Friedenskommission integrierte Gemeinden zu erreichen.
- Im Juni beteiligten wir uns an einem vom Institut
für
soziale und interkulturelle Studien (INESIN) - Nachfolger
der ökumenischen Bibelschule in San Cristobal de las
Casas - organisierten Workshop über Ökumene.
- Wir beteiligten uns an einer Konferenz über die theologische
Herausforderungen des neuen Millenniums. Dieser Konferenz
wurde von Pablo Romo im “Zentrum für Forschung
und sozial- anthropologische Studien im Südosten” (CIESAS) geleitet.
- Wir waren bei der Weihe des Neuen Hilfsbischofs Monsenor
Enrique Diaz anwesend.
- Wir nahmen an einem Seminar “Gemeinsamer Auftrag
der Kirche angesichts der Armut in Mexiko” teil, zu
dem unter anderem die pesbyterianische Kirche aufgerufen
hatte. (San Cristóbal de las Casas, vom 21. Bis 25.
Juli)
Friedenserziehung
- Wir sind weiterhin Mitglied des Friedensnetzes, einem
Ort der Aktion und des Nachdenkens für eine Unterstützung
im Friedens- und Versöhnungsprozess auf der Ebene
der Organisationen und Gemeinden in Chiapas. Im August
organisierte das Netz ein Forum über Erfahrungen in
Autonomie in San Cristobal de las Casas mit Teilnehmern
aus verschiedenen Regionen von Chiapas, sowie Vertretern
autonomer Projekte aus anderen mexikanischen Staaten.
- Wir präsentierten ein neues Puppenspiel über
die Rechte der Frauen im Rahmen der Versammlung der Koordination
der Frauen der Diözese bei der mehr als 200 Frauen
aus ganz Chiapas teilnahmen.
- Wir begannen einen neuen Zyklus von Workshops über
Friedenskulturen und Menschenrechte mit Jugendlichen
des Zentrums für Gemeindeentwicklung (CEDECO)
in San Cristobal de las Casas.
- Vom 3. bis 5. Juli nahmen wir an einem Workshop über
Konfliktbewältigung von CORECO in Comitán
teil.
Kontakte und Informationen
- In unserem Büro empfingen wir Delegationen, Studenten
und Journalisten, um die politische Situation in Chiapas
und die Arbeit von Sipaz zu präsentieren.
- Im Juni beteiligten wir uns an der Vorbereitung und
Verwirklichung des Besuchs des Referenten der UNO für Grundrechte
und die Freiheit der Indigenas, Rudolf Stavenhagen.
- Von 4. bis 6. Juni waren wir beim ersten internationalen
Treffen über die regionale Entwicklung und Integration
in Südmexiko und Mittelamerika in San Cristobal als
Zuhöhrer anwesend.
International
- Wir beteiligten uns an der Vorbereitung, der Durchführung
und Nachbereitung des hemisphärischen (kontinentalen)
Forums gegen Militarisierung, das in San Cristobal de las
Casas, Chiapas von 6. bis 9. Mai (Siehe eigenen Artikel) stattfand.
- Vom 16. bis 20. Juni brachten wir unsere Erfahrung
mit internationaler Begleitung ein in einen Workshop
für “Verbrüderung,
Schutz und bürgerlichen Diplomatie” im Rahmen
des thematischen Weltsozialforums in Cartagena de Indias,
Kolumbien. (Siehe eigenen Artikel)
- Vom 17. bis 23. Juli nahmen wir in Honduras an einigen
internationalen Tagungen teil. Ein zweites Forum des
Widerstands gegen Staudämme und einer dritten Woche biologische-
und kulturelle Verschiedenheit in La Esperanza. Außerdem
vom 22 bis 24 Juli bei dem 4. mittelamerikanischen Forum
für Selbständigkeit und Widerstand der Dörfer
in Tegucigalpa.
- Am 7. und 8 August nahmen wir am binationaler Treffen
zwischen USA und Mexiko über Menschenrechte in Mexiko
City teil.

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Brücken bauen zwischen Prozessen
Unsere Teilnahme
am Foro Social Mundial Temático (FSMT) (Thematisches
Weltsozialforum) in Kolumbien
”Und wir haben Kraft, unsere
Kraft entsteht nicht durch Waffen, da wir für den Frieden
kämpfen, sie entsteht aus unseren Argumenten, unserer
Beteiligung als BürgerInnen, aus dem Enthusiasmus, der
Standhaftigkeit und der Nachhaltigkeit unserer Mobilisierung,
es ist die Kraft der Diskussionen, die wir hier führen
werden, Diskussionen aus denen kritische und zielgerichtete
Netzwerke entstehen, um eine andere Agenda auf die politische
Agenda zu setzen, eine Agenda wirklicher Entwicklung, in
der das gemeinsame Zusammenleben der Menschen, der Primat
des Lebens, der Sicherheit und des Überlebens, die zentralen
Bestandteile bilden. ”
Boaventura de Sousa Santos
Im Mai erhielt SIPAZ die Einladung, an
einem Seminar des Netzwerks für Städtepartnerschaften
Pueblos Hermanos - Lazos Visibles teilzunehmen, um unsere
Erfahrungen in der internationalen Begleitarbeit in Chiapas
einzubringen. Das Seminar würde im Rahmen des Thematischen
Weltsozialforums ”Demokratie, Menschenrechte, Kriege
und Drogenhandel” (FSMT) stattfinden, was unsere Begeisterung über
die Möglichkeit teilzunehmen, noch steigerte.
Das FSMT fand vom 16. bis 20. Juni in
Cartagena de Indias statt. Zahlreiche Konferenzen, Treffen,
Seminare und parallel
abgehaltene Diskussionsforen befassten sich auf breiter Ebene
mit den Themen Menschenrechte, Demokratie, Drogenhandel und
Krieg, ohne dabei den Bezug zum Gastgeberland Kolumbien zu
verlieren, ebenso wenig wie zum internationalen Kontext der
gekennzeichnet ist von den aktuellen Maßnahmen der ”Sicherheitspolitik” gegen
den ”Terrorismus”. Das Angebot an parallel stattfindenden
Aktivitäten war so vielfältig, dass es unmöglich
war, an allen teilzunehmen.
Montag: Ein Demonstrationszug eröffnet
das FSMT
Das Forum wurde mit dem Vortrag von Boaventura
de Sousa Santos eröffnet (www.fsmt.org.co). Angesichts fehlender
Aussichten in den gegenwärtigen Gesellschaften, wies
der Professor der Universität Coimbra darauf hin, dass
das Problem und seine Lösung in der Demokratie lägen
und dass es notwendig sei, so genannte "Demo-Diversität" einzufordern: “Es
müssen transkulturelle Kriterien für Demokratie
entwickelt werden. Die Demokratie gibt es nicht: Es gibt
Demokratisierungsprozesse und alternative kulturelle Prinzipien,
die es den Bauern, den Schwarzen, den indigenen Gemeinden
ermöglichen, auf selbstbewusste Weise integrative Demokratiemodelle
zu schaffen.” Er sprach sich für die Notwendigkeit
einer Demokratie ”hoher Intensität” aus,
in der Machtbeziehungen durch geteilte Machtbefugnisse ersetzt
werden und in der in konfrontativer und kreativer Ergänzung
repräsentative und partizipative Demokratieformen miteinander
verknüpft und gleichzeitig lokale Demokratieformen in
die nationale und globale Ebene eingebettet werden. Er bezeichnete
das Weltsozialforum als einen Raum, in dem Alternativen in
Form einer solidarischen Globalisierung geschaffen werden
können, bekräftigte jedoch, dass die derzeitige
Herausforderung darin bestehen müsse, die politische
Agenda zu verändern.
Mit all diesen Vorschlägen und Herausforderungen
wurde die Arbeit des Forums eingeleitet.
An diesem ersten Nachmittag fand ein von
Salsa- und Son-Rhythmen begleiteter Demonstrationszug durch
ganz Cartagena de Indias
statt. Auf einem Spruchband am Kopf des Zuges war zu lesen: ”In
dieser Welt ist für uns alle Platz, wenn wir es wollen.
Wir wollen eine bessere Welt: eine gerechtere, demokratischere
und solidarischere Welt.”
Dienstag: Tag der Begegnungen
Der Dienstag war der Tag der Begegnungen:
Erstes Internationales Treffen der Demokratie, der Umweltaktivisten,
der Jugend,
der Gewerkschaften, der Frauen, Treffen zu Migration, Kunst
und Kultur, zur Situation vertriebener Bevölkerungsgruppen
und deren Versorgung und das Nationale Treffen des zivilen
und kommunalen Sektors.
Ich entschied mich für das Internationale Treffen der
Umweltaktivisten, genauer für das Diskussionsforum ”Wiedererlangung
und Schutz von Umwelterbe angesichts der rücksichtslosen
Privatisierung von Lebensraum”. Dreizehn VertreterInnen
von Organisationen aus verschiedenen Länder berichteten über
die fortschreitende Privatisierung natürlicher Ressourcen
und den Widerstand auf lokaler und/oder nationaler Ebene
gegen diese Privatisierung.
Mario Vasconez aus Ecuador sprach über Umweltpolitik
auf munizipaler Ebene und über die Notwendigkeit, Alternativen
in diesem Bereich zu schaffen. Er erinnerte daran, wie wichtig
es sei, durch gemeinsames Handeln ein Netzwerk (enredadera,
wörtl: Schlingpflanze) zu bilden, in dem wir alle ein
Ganzes bilden und wies außerdem auf die Notwendigkeit
hin, Wandel auf globaler Ebene vom Lokalen aus zu ermöglichen:
Das Ziel müsse sein, dass die einzelnen ”Sandkörner” einen
politischen Wandel erzeugen, von dem alle profitieren.
Humberto Vargas vom Forschungszentrum für Soziale Realitäten
in Bolivien betonte, dass erreicht werden müsse, dass
Wasser ein soziales Gut sei und nicht privatisiert werden
dürfe und unterstrich die Rolle indigener Bewegungen
im Kampf gegen die Privatisierung von Land.
Luís Suárez vom Red Latinoamericana de Ecología
Política de Cuba sprach sich dafür aus, Allianzen
zu bilden, um von den sozialen Organisationen und Bauernverbänden
ausgehend gemeinsame politische Agenden aufzustellen.
Betont wurde auch der bestehende Zusammenhang zwischen
dem Markt für genmanipuliertes Samenmaterial und dem Plan
Colombia, der Iniciativa Regional Andina und dem ALCA.
Die Vertreterin der Umweltliga Italien berichtete über
die Arbeit ihrer Organisation im Bereich umweltbezogener
Rechtsprechung. So ist erreicht worden, den Begriff ecomafia
(Ökomafia) zu etablieren und die strafrechtliche Verfolgung
von Umweltvergehen auszubauen. Sie betonte, dass jene, die ”Verbrechen” gegen
die Umwelt begehen, ”Diebe der Zukunft” sind.
Aus Chiapas berichtete ich über den bestehenden Konflikt
im Biosphärenreservat Montes Azules (Selva Lacandona),
wo der Umweltschutzdiskurs dazu benutzt wird, die Vertreibung
indigener Gemeinden zu rechtfertigen und dabei die verschiedenen
ethnischen und politischen Gruppen der Region gegeneinander
aufgebracht werden, ohne dass sich die dahinter verbergenden
groß angelegten marktwirtschaftlichen Interessen an
der Biodiversität offen dargelegt würden.
In der Abschlusserklärung des Treffen, an dem 95 Organisationen
teilnahmen, wird betont, dass die ”Anwendung des neoliberalen
Modells und die Vermarktwirtschaftlichung der Natur einen
radikalen Abbau des sozialen und demokratischen Rechtsstaates,
insbesondere im Bereich der Umwelt, mit sich bringt.” Die
Abschlusserklärung bezieht sich außerdem anerkennend
auf den Widerstand, der, vor allem vom Süden aus, gegen
das hegemoniale Modell aufgebaut wird und Projekte im Bereich
unabhängiger und selbst bestimmter Ernährungssicherung,
Energiesicherheit, Rückgewinnung von Wasser(rechten)
auf Gemeindeebene und dem Schutz der Biosphäre stärkt.
Nachmittags nahm ich am im Rahmen des
Internationalen Bildungstreffens stattfindenden Diskussionsforum
zum Thema ”Erfahrungen
in der Friedenspädagogik und Konfliktbearbeitung” teil.
Alonso Ojeda von der Pädagogischen Universität
in Kolumbien sprach sich für eine ethische, soziale
und politische Bildung aus und argumentierte, dass Gewalt
aus einer instinktiven Aggressivität heraus entstehe,
weshalb die Vernunft dazu dienen sollte, uns von dieser Irrationalität
zu lösen. Sein Beitrag schloss mit einem Zitat von Umberto
Eco: ”Die Kraft der Kultur kann den Zusammenstoss der
Zivilisationen abbremsen”.
Die argentinische Historikerin Alicia Cabezudo leitete
ihren Beitrag mit einem persönlichen Erlebnis ein: Während
der Militärdiktatur in Argentinien unterbrachen die
Militärs eine ihrer Unterrichtsklassen und verbrannten
alle vorhandenen Bücher. Sie verpflichtete alle SchülerInnen,
zuzusehen, wie das Feuer die Bücher zerstörte.
Jahre später, als sie in einem Supermarkt einkaufte,
grüsste sie einer der Angestellten und sprach sie dabei
als Lehrerin an. Als sie ihn fragte, wann er ihr Schüler
gewesen sei, sagte er nur: ”Das Feuer”. Sie betrachtete
diese Geschichtsstunde als die beste, die sie in ihrem Leben
gehalten hat, weil sie erreicht hatte, dass die SchülerInnen
nicht vergessen. Anschließend sprach sie über
konkrete Erfahrungen der Friedenserziehung im Rahmen offener
städtischer Räume, in denen eine horizontale, sektorenübergreifende
und interdisziplinäre Erziehung ermöglicht wird.
Dies waren einige der pädagogischen Erfahrungen und
Strategien in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit. Es
fehlten jedoch stärker auf indigene Gemeinden und auf
den ländlichen Raum ausgerichtete Vorschläge.
Der Tag endete mit einem Vortrag von Peter Lock zum Thema ”Neue
Kriege und Präventivkriege”. Im neuen internationalen
Kontext richten sich die ”neuen Kriege” gegen
einen ”in Zeit und Raum omnipräsenten” Feind
und nehmen dabei totalitäre Dimensionen an.
Seine These, dass die Außenpolitik der Vereinigten
Staaten in erster Linie vom Machterhalt im Bereich der
Innenpolitik vorangetrieben werde und keinen klassischen
Imperialismus darstelle, erwies sich als sehr umstritten.
Er vertrat die Ansicht, dass die dieser Politik folgenden
Kriege von Wirtschaftsunternehmen geführt werden und
nur dann entstehen, wenn Möglichkeiten zur Devisenbeschaffung
oder zum Waffenimport bestehen und wies darauf hin, dass
wir in einer globalisierten Welt leben werden, in der zunehmende
Gewalt die Handels- und Austauschbeziehungen zwischen Menschen
definieren wird.
Mittwoch: Konfrontation verschiedener Stimmen
Das Diskussionsforum ”Kriege,
Terrorismen, Sicherheit und Menschenrechte” wurde am Vormittag von den Jugendlichen,
die sich zu einem Parallelforum versammelt hatten, unterbrochen.
Einige durchnässte Jugendliche bauten auf der Bühne
ein Zelt auf und lasen eine Erklärung vor, in der sie
gegen die internen Widersprüche des FSMT protestierten.
Auslöser für den Protest gegen die ungleichen Bedingungen
der ForumsteilnehmerInnen war der Regen, der in der Nacht
den Zeltplatz überflutet hatte. Während einige
von uns in touristischen Hotels untergebracht waren, übernachteten
die Jugendlichen auf dem Boden und ohne die minimale Hygiene-Vorrausetzungen.
Ihr Protest beschämte uns alle und machte deutlich,
dass eine andere Welt nicht durch bloßes Reden geschaffen
wird, sondern dadurch, dass Handeln und Worte in Einklang
gebracht werden.
Zwar wurde versucht, zur Normalität zurückzukehren
um mit den Redebeiträgen fort zu fahren, doch war es
unmöglich, so zu tun, als wäre nichts geschehen,
nachdem die Notwendigkeit, gerade auf solchen Foren die ”andere,
mögliche Welt” zu schaffen, die immer wieder gefordert
wird, offen angesprochen worden war.
Am Mittag ergaben sich weitere Meinungsverschiedenheiten.
José Miguel Vivanco, Direktor von Human Rights
Watch,
hielt einen Vortrag zum Thema ”Globalisierung und Menschenrechte”.
Die Uneinigkeit entstand, als er über die Menschenrechtssituation
in Kuba sprach. José Miguel Vivanco brachte die Feststellung
an, dass in Kuba die Ausübung der grundlegenden politischen
Freiheiten nicht erlaubt und seiner Organisation der Zugang
zu kubanischen Gefängnissen verwehrt worden sei, woraufhin
ein Teil des zuhörenden Publikums begann, den Redner
und seine Ansichten auszubuhen. Der kubanische Botschafter
in Kolumbien, der die offizielle kubanische Haltung verteidigte,
bezeichnete den Redner als ”Lügner” und
lud ihn nach Kuba ein, um sich zu vergewissern, dass dort
keine Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Mit dieser
Meinungsverschiedenheit heizte sich die Atmosphäre auf,
wobei das Publikum wie bei einem Fußballspiel pfiff
und applaudierte.
Donnerstag: Die Rolle der Staatsbürgerschaft neu denken
(überdenken)
Am Diskussionstisch zum Thema ”Globalisierung, Demokratie
und neue Handlungsweisen globaler Staatsbürgerschaft” argumentierten
die brasilianischen Repräsentantinnen, dass demokratische ”Modelle” nicht
existieren, betonten jedoch die Gültigkeit von Werten
wie Pluralität (Anerkennung des Anderen), Gleichheit
(Partizipation), Gerechtigkeit (Verteilung), Diversität
(Einbeziehung), die grundlegende Voraussetzungen darstellten,
um von einer Demokratie sprechen zu können.
Es wurde die derzeitige Vormachtstellung des Marktes gegenüber
der Politik kritisiert: “Lebensformen zu schaffen macht
einen Teil des Menschen aus. Problematisch wird es, wenn
der Markt sich in den eigentlichen Sinn des Lebens verwandelt
und wir uns nur dann als BürgerInnen fühlen,
wenn wir Teil des Marktes sind.” Während der Beiträge betraten einige Jugendliche
den Raum und präsentierten ein großes Plakat,
auf dem ein Schwein und ein Dollarzeichen aufgemalt waren,
sowie die Aufschriften ”NGOs, NGOs, NGOs” und ”FSMT:
Mehr thematisch als sozial”.
Nachmittags präsentierte Adam Isacson vom Center for
International Policy (USA) am Diskussionstisch zum Thema ”Kriege,
Souveränität und die Rolle der internationalen
Gemeinschaft” Dokumente der US-amerikanischen Außenpolitik
zu Kolumbien. Er leitete seinen Redebeitrag mit der Bitte
um Verzeihung angesichts des politischen Verhaltens der USA
ein. Aus Sicht seines Landes können Entwicklungsprojekte
in Kolumbien keinen Erfolg haben, bevor nicht eine höhere
Sicherheit im Land hergestellt ist.
Alejandro Kirk vom International Press Service kritisierte
das Fehlen einer Diskussion über die Rolle der Medien
und wies darauf hin dass “es ohne Kommunikation keine
Demokratie gibt”.
Zuletzt wurde über die Rolle der internationalen Gemeinschaft
in einem Konflikt wie dem kolumbianischen gesprochen, ein
Thema welches derzeit mit dem Aufruf des Präsidenten
Alvaro Uribe zu einer multilateralen Invasion in Kolumbien
zusätzlich zur ”bilateralen Zusammenarbeit” mit
den USA, also dem Plan Colombia und der Iniciativa Regional
Andina, besondere Bedeutung erhält.
Freitag: Gespräche über
lokale und globale Widerstandsbewegungen
”Ziviler Widerstand und Gegenmacht zum Krieg”.
Unter diesem Titel wurde analysiert, worauf die verschiedenen
Formen zivilen Widerstands gegen Kriege abzielen sollen.
Ulrich Oslender, Wissenschaftler im Forschungsbereich
Soziale Bewegungen betonte, dass es notwendig sei,
den Kurs in Richtung ”Widerstand
globalisieren” einzuschlagen und die verschiedenen
Formen von Widerstand sichtbar zu machen. Als Beispiel nannte
er die Mobilisierung der Zivilgesellschaft gegen den Krieg
in Irak und wies auf die Heterogenität dieser Demonstrationen
hin, bei denen viele zum ersten Mal an einer Veranstaltung
solcher Art teilgenommen haben. Er erinnerte an die wichtige
Rolle der Zapatisten im Prozess der Globalisierung des Widerstands
und an die Verantwortung, die dabei der Zivilgesellschaft
zukommt.
REDEPAZ
(Red de Iniciativas por la Paz – Netzwerk Friedensinitiativen) stellte die Initiativen der NGO für einen Friedensprozess
in Kolumbien vor, die auf der Überzeugung aufbauen,
dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Gewalt bedeutet,
sondern auch Entwicklung, Demokratie, Menschenrechte und
Einschluss aller Parteien. Dabei werden jegliche Zweideutigkeiten
in Bezug auf den Frieden(sprozess) abgelehnt: ”Aus
der Gewalt heraus kann nichts aufgebaut werden”. Und: ”Frieden
ist nur möglich, wenn wir ihn von unten, von den Gemeinden
aus, schaffen”.
Nachmittags nahm ich am Seminar ”Städtepatenschaften,
Schirmherrschaften und alternative Diplomatie” des
Städtepatenschaftsnetzwerks Pueblos Hermanos – Lazos
Visibles teil, in dem verschiedene Erfahrungen mit Städtepatenschaften
und der Zusammenarbeit Nord-Nord, Süd-Nord, Nord-Süd
und Süd-Süd vorgestellt wurden. Als Vertreterin
von SIPAZ, bzw. des Puppentheater-Teams DIVERSIDAD (koordiniert
von SIPAZ und der Alianza Cívica Chiapas), stellte
ich die neue Art internationaler Begleitung in Gemeinden
vor, die uns das Puppentheaterprojekt ermöglicht (siehe
Bericht April 2003). Die Koordinatorin von PBI-Kolumbien
berichtete von ihrer Begleitarbeit in Kolumbien und äußerte
sich bedauernd darüber, dass es unmöglich sei,
allen Anfragen nach Begleitung nachzukommen. Schließlich
sprach Arcadi Oliveres, Direktor der NGO Justicia y Paz aus
Barcelona, über die Städtepartnerschaften auf munizipaler
Ebene und unterstrich die Notwendigkeit, dabei weniger formale
als vielmehr reale Beziehungen aufzubauen.
Samstag: Vom Tod gezeichnete Lächeln
Ich lernte die kolumbianische Realität jedoch nicht
nur auf dem Forum kennen. Zwei Kollegen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen
luden mich ein, die Gemeinde El Salado zu besuchen, in der
vor drei Jahren ein Massaker stattfand. Sie befindet sich
in einer von Paramilitärs kontrollierten Zone, wo in
derselben Woche drei Durchreisende entführt wurden.
Die Gemeindemitglieder schilderten uns das Massaker und
erzählten
von ihrer Rückkehr in die Gemeinde in diesem Jahr. Die
Gemeinde schien tot zu sein, und doch am Leben. Die Gemeindemitglieder
besitzen keine Felder. Nicht nur an den Wänden, auch
in den Blicken der Menschen, die die nicht aufhörten
uns für unseren Besuch zu danken, sind die Spuren, die
die Kugeln hinterlassen haben, noch zu sehen. Voller Wut
und Entrüstung berichteten sie uns, dass weiterhin nachts
Hubschrauber über die Gemeinde fliegen und sie unter
Beschuss nehmen.
Sie baten mich, von der SIPAZ-Arbeit in Chiapas zu berichten
und vor allem darüber, wie es den indigenen Gemeinden
in Chiapas ergeht und hörten meine Worte und meine Bitte
um Verzeihung, nicht helfen zu können, an.
Ohne Zweifel war der bereicherndste
Aspekt des FSMT die Möglichkeit, eine solche Vielzahl an Organisationen
und Personen kennen zu lernen, die daran arbeiten, eine Gesellschaft
zu schaffen, in der die Beachtung der fundamentalen Menschenrechte
zur alltäglichen Realität wird. Im Fall Kolumbiens
hat der größte Teil dieser Menschen auf ihrem
Weg bereits MitstreiterInnen verloren. Ihre Kraft, ihre Energie
und ihr Lachen haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt
und Kolumbien hat für mich die Gestalt ihrer würdevollen
Gesichter und ihrer starken Herzen angenommen.

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