:: AKTUELLE
In einer Welt des Krieges
Begegnungsräume
schaffen, Alternativen miteinander teilen
"Eine andere Welt ist nicht nur
möglich, sondern sie ist bereits da. Man kann sie schon
atmen hören."
Arundhati Roy (indische Schriftstellerin)
Porto Alegre, Januar 2003
Der Beginn des Jahres 2003 ist deutlich
gekennzeichnet durch den internationalen Kontext des Krieges
gegen den Irak, der von den USA mit Unterstützung der
britischen, spanischen, australischen und anderer Regierungen
initiiert wurde; sowie von den massenhaften und wachsenden
Demonstrationen gegen den Krieg in den wichtigsten Hauptstädten
der ganzen Welt, der größten globalen Mobilisierung
der Zivilgesellschaft bis zum heutigen Zeitpunkt.
Auf der anderen Seite fand bereits im dritten
Jahr in Folge das Weltsozialforum in Porto Alegre statt, das
sich inzwischen
zu einem Raum für Begegnung, Austausch und Äußerung
der verschiedenen sozialen Bewegungen und weltweiten Netzwerke
entwickelt hat, die an verschiedenen Orten der Erde für
den Aufbau dieser "anderen möglichen Welt" kämpfen,
die es erlaubt, ausgehend von der Autonomie der Völker,
andere gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle
Modelle als Alternative zur neoliberalen Globalisierung aufzubauen.
Diese weltweite Widerstandsbewegung, die
einige Beobachter/innen den "Frühling von Porto Alegre" genannt haben,
lenkt die Aufmerksamkeit der Welt auf Lateinamerika, das heutzutage
als die Weltregion mit der größten Hoffnung auf
Veränderung betrachtet wird.
Auch in Mexiko und Chiapas begann das Jahr
2003 mit einer Fülle von Treffen und Foren mit einem gemeinsamen Thema:
dem Kampf gegen den Neoliberalismus sowie der Notwendigkeit,
Erfahrungen auszutauschen und Alternativen zur Politik der
Privatisierungen und ihrer zwangsläufigen militärischen
Konsequenzen zu suchen. Zusätzlich zu den verschiedenen
Initiativen wird versucht, Schnittpunkte zu entwerfen, um das
zerstörte soziale Gewebe wiederherzustellen und in Richtung
des Aufbaus dieser "anderen möglichen Welt" voranzuschreiten.

EZLN – "ein
anderer Kalender: der des Widerstands"
"Sicher kann man über die
Unfähigkeit der Macht zum Zuhören nachdenken, aber
hier geht es darum, die Fähigkeit der indigenen Völker
zum Dialog, zum Wort aufzuzeigen. Und durch das Wort finden
sie sich selbst, ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Schmerzen,
ihre Hoffnungen. Und sie finden auch die anderen..."
(Achte Stele: nordpazifische Region)
Am
Neujahrsmorgen erlebte Chipas eine gewaltige Mobilisierung
der zapatistischen Unterstützungsbasen in den Straßen
von San Cristóbal, die den neunten Jahrestag der zapatistischen
Erhebung begingen und das Schweigen brachen, das sie seit der
Annahme der Verfassungsreform über indigene Rechte im
April 2001 gewahrt hatten. In den von ihren wichtigsten Kommandanten
und Kommandantinnen verlesenen Kommuniqués bestätigten
sie unter anderem: "was wir Zapatistas erbitten und fordern,
ist, daß sie in der Verfassung die Rechte, die Autonomie
und die Selbstbestimmung aller indigenen Völker Mexikos
anerkennen. Wir fordern, daß sie uns mit Gleichheit und
Gerechtigkeit behandeln. Deshalb nehmen wir nicht hin, daß sie
uns verspotten oder uns aus Mitleid ihre Brotkrumen oder ihren
Abfall anbieten. [...] Denn wir sind Völker mit einer
langen Geschichte. Deshalb sind wir bereit, den Kampf fortzusetzen,
bis wir indigenen Völker in unserem ganzen Vaterland respektiert
werden."
Diese Versammlung wurde als die größte öffentliche
Demonstration der Zapatistas bis zum heutigen Tag betrachtet.
Die Zapatistas veröffentlichten eine Serie von Kommuniqués,
die sie als "Stelen" bezeichneten: eine für
jeden Monat des Jahres und jede einem mexikanischen Bundesstaat
gewidmet. Mit diesen "Stelen" wollte die EZLN den "anderen
Kalender: den des Widerstands" erstellen, der die Geschichte
des "unterirdischen Mexiko, das widersteht und kämpft",
erzählt.
Die Stelen des Kalenders rekapitulieren
die vergangenen und heutigen Kämpfe an verschiedenen Orten. Unter anderem
werden erwähnt der Kampf gegen die Privatisierung der
archäologischen Zone von Monte Albán in Oaxaca;
in Puebla die Opposition der Bauern gegen die Landenteignung
zum Zweck des Baus der Autobahn Puebla-Tecamachalco und des
Milleniumparks; in Hidalgo die Verteidigung der Indígenas
in der Huasteca, aber auch der jungen Banden und Punks in Pachuca;
der Wiederaufbau der Autonomie durch die verschiedenen Völker,
die die nordpazifische Region bewohnen; Wiederaneignung der
Gemeinschaftlichkeit der Nation Purépecha oder die Bewegung
für die Verteidigung der traditionellen Medizin in Michoacán;
bis hin zum Bundesstaat Mexiko, wo es der Bauernbewegung von
San Salvador Atenco gelang, durch ihre Organisation und ihre
Proteste den Bau eines neuen Flughafens für Mexiko-Stadt
auf ihren Feldern zu verhindern.
Das alles sind Geschichten des Widerstands
gegen die Ausplünderung
der Felder zugunsten von Handelsinteressen; letztlich verkörpern
sie den Kampf für die Respektierung der indigenen und
volkstümlichen Kulturen, ihre Identität und das Gebiet,
in dem diese sich entwickeln. Die Säulen scheinen anzuzeigen,
daß die Rückforderungen der Bevölkerung und
der Aufbau eines anderen Mexikos nicht nur in Chiapas vonstatten
gehen, sondern nationalen Charakter haben: "Es ist die
Geburt einer Bewegung mit vielen Gesichtern, politisch, aber
nicht parteigebunden, die sich über viele geographische
Gegenden erstreckt, und die zusammen mit anderen Bewegungen
der Ausdruck eines kollektiven und individuellen Widerstandes
ist, der noch nicht sichtbar ist." (Nordpazifische Region,
Achte Stele)
In diesem Sinn, und während dieser ersten Monate des
Jahres, wurden in Chiapas und auf nationaler Ebene Räume
geschaffen, in denen konkrete Erfahrungen dieses Widerstandes
gegen die Regierungsprogramme und gegen die Freihandelsabkommen,
die die Völker als Bedrohung ihres Territoriums und ihrer
natürlichen Lebensgrundlagen betrachten, ausgetauscht
werden.

Nationales Treffen
gegen das PROCEDE und das PROCECOM
"Für
die Wiederherstellung unserer Gemeinschaften arbeiten.
Die kollektive und gemeinschaftliche Arbeit stärken;
Mittel gegen die Spaltung der Gemeinden suchen; die
Einheit im Kampf fördern und die zivilen, sozialen
und politischen Unterschiede respektieren; miteinander
sprechen, uns als Indígenas und Bauern zusammenschließen,
ohne herausragen zu wollen."
(Vereinbarungen des
Treffens)
Am 5. und 6. Februar
2003 fand in San Felipe Ecatepec (Chiapas) das Nationale
Treffen gegen die Programme der Zertifizierung ejidaler
Rechte (PROCEDE) und kommunaler Rechte (PROCECOM) unter dem Motto: "10
Jahre nach der agrarischen Gegenreform verteidigen wir unseren
Boden" statt.
Das Ziel des Treffens war, die unterschiedlichen
Erfahrungen der indigenen Völker und Bauern mit diesen von der mexikanischen
Regierung angestoßenen Programmen zu analysieren, ihren
Widerhall zu kennenzulernen und Strategien zur gemeinsamen
juristischen, politischen und sozialen Verteidigung gegen
diese Programme zu entwerfen. Einberufen wurde das Treffen
von Menschenrechtszentren und sozialen Organisationen aus
Chiapas, Veracruz und Oaxaca, es wurden aber auch Erfahrungen
aus sozialen Kämpfen in anderen mexikanischen Bundesstaaten
wie Querétaro, Puebla, Jalisco, Mexiko-Stadt, Tabasco
und Guerrero ausgewertet.
Das PROCEDE wurde als Instrument der neoliberalen
Wirtschaftspolitik bezeichnet - die mit der Verfassungsreform
des Artikels 27 (1) und
dem Inkrafttreten des NAFTA-Abkommens (2) zusammenhängt
-, das darauf zielt, die Privatisierung ejidaler und kommunaler
Felder zu erleichtern. Die Teilnehmer diskutierten die verschiedenen
Strategien der Regierung, das PROCEDE zur Anwendung zu bringen,
sowie die Täuschungen und Erpressungen, die von den
für Agrarfragen zuständigen Regierungsvertretern
angewendet werden. Auch wurde bestätigt, daß das
PROCEDE zu Spaltungen innerhalb der Gemeinden zwischen Befürwortern
und Gegnern des Programms beiträgt. Gleichfalls wurden
die tieferen Auswirkungen untersucht, die diese Programme
auf die indigenen Kulturen und die zugrundeliegende Gemeinschaftlichkeit
haben können, da der Verlust des Landes die Nahrungshoheit
und die Anerkennung der indigenen Autonomie gefährdet.
Die Teilnehmer vereinbarten, sich dem
Fortschreiten des PROCEDE durch Information und Bewußtseinsbildung
in der Bevölkerung zu widersetzen. Sie klagten an: "die
Regierungsprogramme PROCEDE und PROCECOM haben unsere Gemeinden
und Ejidos gespalten und das Aufkaufen und den Verkauf der
Felder begünstigt.
Außerdem verpflichteten sie sich, "für die
Autonomie zu arbeiten und für die Erfüllung der
Abkommen von San Andrés zu kämpfen, besonders
für das Recht auf Selbstbestimmung und auf das Territorium,
den politischen und kulturellen Widerstand gegen das PROCEDE
und das PROCECOM durch das Zurückfordern und den Respekt
gegenüber unseren Sitten und Gebräuchen voranzutreiben;
die Nominierung eigener Autoritäten und kommunaler Statuten;
Gebrauch der indigenen Sprachen in Ejido- und Gemeindeversammlungen;
sowie das Aufstellen von Regeln sozialen Zusammenlebens,
die das Recht auf das Land und seinen Schutz verteidigen."
(1) 1992
wurde die Landverteilung für beendet erklärt
und der Verfassungsartikel 27 reformiert, der früher
die Veräußerung von Ejidoland (Gemeindeland)
verbot; seitdem kann jeder Teilhaber des Ejido seine Parzelle
verkaufen. Die Mehrheit der Experten ist der Ansicht, daß diese
Reform dazu führte, das Ejido- und Gemeindeland dem
Markt zu öffnen. ^
(2) Das
Nordamerikanische Freihandelsabkommen trat am 1. Januar
1994 inkraft und wird als eine der Ursachen der Erhebung
der Zapatistischen Befreiungsarmee an diesem Tag betrachtet.
Für die mexikanischen Bauern ist nach neun Jahren
der Saldo negativ, da sie nicht mit den Preisen der US-Produkten
konkurrieren konnten, die von ihrer Regierung subventioniert
werden. Das führte zum Brachliegen unzähliger
Felder, zur Einlagerung von Korn, das sich weder auf dem
nationalen noch auf dem internationalen Merkt verkaufen
läßt, und zum Verschwinden vieler kleiner und
mittlerer Produzenten. ^

Das
zweite ChiapasTreffen gegen Neoliberalismus
”Den Widerstand stärken
und nach Alternativen suchen”
(Themen des Treffens)
Die Politik, die diese Programme
ins Leben rief, wurde intensiver analysiert beim zweiten ChiapasTreffen
gegen Neoliberalismus. Das erste Treffen fand im Oktober 2002
in San Cristobal de las Casas statt, wo dieses zweite in der
Gemeinde ”Nuevo Huixtan” (eine vom Bau eines Staudamms
bedrohte Region) geplant wurde. Hier sollten parallel 15 ”talleres” zu
folgenden Themen stattfinden: PROCEDE, Staudammprojekte, Plan
Puebla-Panama, Kaffee, OMC-ALCA, Frauen, Militarisierung, Biodiversität,
Sicherung der Ernährung, Menschenrechte, Mais, fairer
Handel, genetisch veränderte Produkte, Herbizide/Pestizide,
Spaltungen der Gemeinden und neoliberale Pläne (dieser
Punkt mit Unterstützung von SIPAZ und Alianza Civica).
Bei
diesem Treffen erklärte uns ein Teilnehmer: ”Wir
erkennen nicht, woher das Problem kommt. Sobald in der Gemeinde
ein Projekt startet, entsteht sofort Hass, denn die einen erhalten
weniger als andere. Und ich denke, nicht wir sind das Übel,
sondern die, die uns diese ”Hilfe” von oben auferlegen,
um die wir dann streiten, so dass niemals Einheit unter uns
entsteht. Der Hass wirft die Frage auf: Wie können wir
das lösen?... den Hass zwischen uns Bauern, die eigentlich
Brüder sind. Selbst die Frauen mit dem Programm "Oportunidades" (Möglichkeiten) [*] streiten
darüber untereinander. Das sind die Probleme, die das ”Neoliberale
Projekt” in sich birgt.”
Viele der Teilnehmer engagierten
sich in Arbeitsgruppe über die Staudammprojekte. Übereinstimmend
betonten sie, dass eine der Strategien des PPP der Bau verschiedener
Staudämme zwecks Energiegewinnung sei, was zum Großteil
auf dem Territorium Chiapas´ stattfindet. Das bedeutet
an erster Stelle die unweigerliche Vertreibung derjenigen,
denen die betroffenen Gebiete gehören inklusive der implizierten
sozialen, kulturellen und natürlichen Konsequenzen, die
die Gemeinden zu tragen haben.
Die Teilnehmer aus mehr als
30 chiapanekischen Bezirken wendeten sich gegen den PPP, die
Staudämme, ALCA und die Militarisierung
des Bundesstaates; sie lehnten den imperialistischen Krieg
Bush´s gegen jegliche Völker ab; sie riefen jede
und jeden auf, zusammen zu arbeiten für einen gerechten
und würdigen Frieden, die Saat und Identität zu verteidigen,
die kollektive Arbeit als eine reale Alternative der Völker
anzuerkennen. Letztlich beschlossen sie gemeinsame Aktionen
des Widerstands und unterstützten die Agenda der Aktionen
des Jahres:
8. März: Internationaler
Frauentag
14. März: Internationaler Tag gegen Staudammprojekte
10. April: Gedenken an den Tod Zapatas und konitinentale Woche
gegen gentechnisch malipulierte Produkte
5.-9. Mai: 1. Hemisphärisches Treffen gegen die Militarisierung
(in San Cristobal d.l. Casas, Chiapas)
Juli: Foren gegen PPP und Staudämme und für kulturelle
und natürliche Vielfalt (in Honduras)
16.-18. Mai: 1. nationales Treffen des mittelamerikanischen
Widerstandes gegen die neoliberale Globalisierung (San Juan
Guichicovi, Oaxaca)
14.-16. August: Forum zur Autonomie (organisiert vom Friedensnetzwerk,
in Chiapas)
12. Oktober: Internationale Kampagne zu Mobilisierung und Protest
[*] So
nennt sich das Regierungsprogramm, das an Frauen gerichtet
ist, später bekannt als PROGRESA. Demnach erhalten die
Frauen ein wenig Geld, abhängig von der Anzahl der Kinder
und ob diese in der Schule und bei ärztlichen Kontrollen
erscheinen. ^

Erstes
Regionales Treffen der Indigenen Frauen der EntieTzetal
”Die Problematik
des Lebens der Frauen sowie die Effekte der neoliberalen Politik
in Bezug auf das Land, den Bundesstaat und die Gemeinden zu
reflektieren, um nach neuen Formen der koordinierten Arbeit
zu suchen bzw. diese zu schaffen zur Stärkung unserer
Organisation und unserer sozialen, ökonomischen und politischen
Forderungen.”
(Thema des Treffens)
Parallel mit dem Internationalen
Frauentag fand im Bezirk Ocosingo das Erste Regionale Treffen
der Indigenen Frauen der Tzetal statt, wo die Konsequenzen
der neoliberalen Projekte und der Notwendigkeit der Umsetzung
von entsprechenden Alternativen aus geschlechtsspezifischer
Perspektive analysiert wurden. Dies geschah an fünf Arbeitstischen:
soziale Rechte, ökonomische Rechte, kulturelle Rechte,
politische Rechte sowie Versöhnung und Frieden.
Die Teilnehmerinnen bestätigten die Notwendigkeit zwischen
verschiedenen indigenen und Bauern - Organisationen der Region
bestehenden Konflikte zu lösen, und ihren Compañeros
die Ziele ihrer Organisationen mitzuteilen. Ganz konkret vereinbarten
sie einen Brief an die Kommandantin Esther zu schreiben um
ihr und den zapatistischen Frauen ihre Erfahrungen mitzuteilen.
Es wurde der Wille zur Einheit
und Koordinierung der Teilnehmerinnen mit anderen mexikanischen
und internationalen Frauen erklährt
um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam gegen Regierungs
und neoliberale Projekte zu kämpfen.

Das dritte
Treffen zum Austausch von Erfahrungen der Arbeit für Frieden
und Versöhnung
“Gehen wir über
die Vielfalt in Richtung Einheit, indem wir unsere Gedanken
respektieren um die Brücken bauen zu können, die
uns gemeinsam zu Gerechtigkeit und Würde führen und
den Frieden aufbauen. Denn eine andere Welt ist möglich.”
(Abschlußerklärung des Treffens)
Ende
Januar fand das vom Netzwerk für Frieden(4) in
Chiapas einberufene dritte Treffen zum Austausch von Erfahrungen
der Arbeit für Frieden und Versöhnung statt. An diesem
beteiligten sich 180 Personen aus sechs Regionen des Bundesstaates
(Norte, Selva, Altos, Valles Centrales, Fronteriza und Frailesca),
um die wichtigsten Konflikte ihrer Gemeinden zu analysieren
und gemeinsame Lösungsstrategien zu entwickeln.
Die von den Teilnehmern
angesprochenen grundsätzlichen Probleme in den Gemeinden
sind: die Militarisierung, Alkoholismus und die Spaltungen
zwischen den unterschiedlichen politischen und religiösen
Gruppen. Als Ursache dieser Probleme identifizierten die Teilnehmer
die von der staatlichen und bundesstaatlichen Regierung implementierten
Programme als auch die neoliberalen Wirtschaftsprojekte: den
Plan Puebla-Panama und die Freihandelsabkommen.
Beim Treffen wurde ein Handlungsplan
entwickelt, ein überregionales
Team zur Vorbereitung des nächsten Treffens ernannt und
ein Aufruf an die Bevölkerung verabschiedet: “Beachten
wir alle Personen, Gruppen und Gemeinden genauso wie ihre Sitten
und Gebräuche. Suchen wir den gegenseitigen Respekt und
lösen wir unsere komunitären Probleme mit Hilfe des
Dialoges. Vereinen wir uns, um uns gemeinsam den Problemen
zu stellen, die uns betreffen: Agrarkonflikte, Vertreibungen
und Spaltungen in den Gemeinden.”
(4) Das
Netzwerk für Frieden ist ein lokaler Aktions- und
Handlungsraum, der versucht, Versöhnungs- und Friedensprozesse
von Organisationen und Gemeinden in Chiapas zu unterstützen.
Dem Netzwerk gehören u.a. an: Alianza Civica-Chiapas,
CORECO, Caritas, SIPAZ, CIEPAC, CEPAZ, DESMI, EDUPAZ, Enlace,
Comunicación y Capacitación, die Menschenrechtszentren
Fray Bartolomé de las Casas und Fray Pedro Lorenzo
de la Nada, etc.^

“Die
Landwirtschaft erträgt es nicht weiter!”
“Unser Kampf dient
nicht der Wiederherstellung der Vergangenheit, die nicht wiederkehren
wird (…) Wir kämpfen für die Rechte, die man
mit Füßen getreten hat: das Recht auf Produktion,
das Recht, würdig von unserer Arbeit zu leben, das Recht,
sich gesund zu ernähren, das Recht, eine humane Wirtschaftsform
aufzubauen, die auf unserer Kultur basiert und offen für
die wissenschaftlichen sowie technischen Fortschritte ist,
das Recht darauf, daß unsere Landwirtschaftsform und
unsere bäuerlichen Gemeinden nicht nur überleben,
sondern mit einer Zukunftsperspektive und Würde leben
können.”
(Aufruf an die mexikanische Bevölkerung
der Bewegung “El Campo No Aguanta Más” von
der internationalen Cordoba-Brücke in Ciudad Juárez
in der ersten Minute des Jahres 2003)
Im
letzten halben Jahr sind die Mobilisierung und bäuerliche
Stellungnahmen gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) auf nationaler Ebene gewachsen. Am 12.November gaben
12 nationale und regionale Bauernorganisationen das Manifest “Die
Landwirtschaft erträgt es nicht weiter: Sechs Vorschläge
zur Rettung und Aufwertung der mexikanischen Landwirtschaft” heraus.
In diesem wird das Inkrafttreten eines neuen landwirtschaftlichen
Kapitelabschnittes des NAFTA-Abkommens zum 1. Januar 2003 abgelehnt,
durch welches Lebensmittelimporte aus den Vereinigten Staaten
und Kanadas erleichtert wurden. (Mais, Bohnen, Milchpulver
und Rohrzucker ausgenommen)
Unter anderem fordert diese
Bewegung:
- Die Wiederverhandlung des
Kapitels zur Landwirtschaft im NAFTA-Abkommen;
- Einen Notstandsplan für 2003 und einen perspektivischen
Plan bis 2020, der eine Strukturreform im Agrarsektor
festschreibt;
- Einen Anstieg des staatlichen Budgets zur ländlichen
Entwicklung von 0,6 auf 1 % des Bruttoinlandsproduktes;
Die Orientierung einer neuen ländlichen Finanzierung
an der Idee einer sozialen Bank;
- Qualität und Unschädlichkeit der Lebensmittel für
die mexikanischen Verbraucher; und
die Erfüllung der “Vereinbarungen von San Andrés” hinsichtlich
der Rechte und Kultur indigener Völker.
Parallel zur zapatistischen Mobilisierung in Chiapas füllten
am 1.Januar 2003 die verschiedenen Kerngruppierungen der Bewegung “El
Campo No Aguanta Más” - aus allen Ecken des Landes
kommend - den Zócalo (Hauptplatz) von Mexiko-Stadt.
Es war die größte nationale Bauernmobilisierung
seit den Zeiten von Lázaro Cárdenas. Durch Mahnwachen,
Hungerstreiks und Kundgebungen haben die Bauern der Regierung
die Etablierung eines “runden Tisch” zum Dialog über
ein nationales Abkommen für die Landwirtschaft abgerungen.
Aktuell finden Treffen zwischen Bauernorganisationen
und den Regierungsämtern statt, die an dem “runden Tisch” des
Dialoges teilnehmen. Auch wenn bereits Konsens in einigen Punkten
erreicht wurde, existieren in anderen erhebliche Abweichungen
in Bezug auf das NAFTA-Abkommen, die Bewertung des Notstands
der mexikanischen Landwirtschaft und die Zulassung der Bauern
zur mexikanischen Sozialversicherung.
Auf der anderen Seite schlossen sich ungefähr 400 soziale
Organisationen (unter ihnen Gewerkschaftsmitglieder der Nationalen
Union der Arbeiter (UNT), El campo no aguanta más, der
ständige Agrarkongreß (CAP) und El Barzón)
in der “gewerkschaftlichen, bäuerlichen und sozialen
Front (FSCS) mit dem Vorschlag zusammen, sich zu vereinen und
den Kampf zu stärken für ein national gerechteres
Entwicklungsprojekt, für eine Arbeitsrechtsreform zur
Begünstigung der Arbeiter, für ein neues nationales
Landwirtschaftsabkommen und gegen die Privatisierung des nationalen
Energiesektors. 
Bewegung
zur Förderung der nationalen Einheit gegen Neoliberalismus
“Unsere Völker kämpfen
gegen den Neoliberalismus der seit seinem Beginn einen Krieg
gegen die Menschlichkeit darstellt, beabsichtigt von denjenigen,
die uns dieses Modell als das beste Produkt für die Menschheit
verkauft haben. Heute organisiert sich die ganze Welt zum Kampf
gegen die neoliberale Politik und nicht nur für den Frieden,
sondern für alternative Projekte für eine wahre Demokratie
mit Gerechtigkeit und Freiheit.”
(Pablo González
Casanova, Ex-Direktor der nationalen autonomen Universität
Mexiko [UNAM])
Die Reaktivierung der sozialen Bewegungen
in ganz Mexiko gegen die neoliberalen Politiken, herausgefordert
durch die mexikanische Regierung in unterschiedlichsten Bereichen
(Privatisierung, Steuerreform, Arbeitsrechtsreform, Freihandel)
hat die Einrichtung einer Bewegung zur Förderung der nationalen
Einheit gegen Neoliberalismus befördert. Das Ziel ist
einen Raum zur Bündelung der verschiedenen Kämpfe
zwecks Verabschiedung einer gemeinsamen Absichtserklärung
(Agenda) zu schaffen.
Die Bewegung, die sich aus Intellektuellen, NGOs, Gewerkschaften
und verschiedenen sozialen Organisationen zusammensetzt,
hielt Anfang März ihr erstes Forum in Mexiko-Stadt ab. Ziel
war das Vorantreiben der Initiative und die Eröffnung
der Diskussion, um in die Arbeit in den Bundesstaaten und den
verschiedenen Sektoren einzusteigen, damit eine Koordination
mit leitenden Persönlichkeiten sozialer Einrichtungen,
Mitkämpfern aus verschiedenen politischen Zusammenhängen
und dem sozialen Kampf aufgebaut werden kann.
Auf diesem Forum stellte Pablo González
Casanova klar, daß “
wir weder die Avantgarde sein, noch alle Organisationen anführen
wollen, sondern jederzeit die Autonomie jeder Organisation
achten, sogar in den schwierigsten Momenten unseren Respekt
den Ideologien, Religionen und politischen Positionen zollen,
keine Wahlpolitik machen, gegen Terrorismus kämpfen -
komme dieser vom Staat oder seinen Feinden - und die Solidarität
in der gesamten Nation, in Lateinamerika und in der Welt vergrößern.” (La
Jornada, 7.3.2003) 
Möglichkeiten
und Herausforderungen
“Als Bauern können wir sagen:
wir sind arm, das ist unsere Schuld; wir sind auf dem Land,
wo es nicht viele Produkte gibt. Aber wenn ein hinterhältigerer
Anderer kommt und den Angelhaken auswirft, sind wir die Fische.
Und es ist einfach, weil wir Hunger haben und wir uns für
eine Kuh verkaufen (…) ich denke, daß die Regierung
uns die Augen, Ohren und Münder bedeckt. Aber was werden
wir tun? Bündeln wir die Kraft, um diesen uns störenden
Stein zu bewegen.”
(Teilnehmer in dem Workshop zu Spaltungen
der Gemeinden, in Nuevo Huixtán)
Den Stein der neoliberalen Globalisierung
sowie ihre militärische Wechselbeziehung zu bewegen (ausgedrückt
in dem aktuellen Krieg und der Militarisierung strategischer
Regionen), dies scheint das gemeinsame Ziel von zapatistischer
Strategie, zahlreichen Treffen und Erklärungen auf lokalem
und nationalem Niveau zu sein. Mit der Expansion der neoliberalen
und kriegerischen Politik wächst in Chiapas und in der
Region das Bewußtsein für eine unentbehrliche Entwicklungsalternative
zum dominanten aktuellen Modell, als notwendige Garantie zum
Aufbau eines andauernden und nachhaltigen Friedens mit sozialer
Gerechtigkeit sowie dem Respekt auf individuelle und kollektive
Menschenrechte.
Nach neun Jahren des Inkrafttretens des
NAFTA-Abkommens und des zapatistischen Aufstands zielt alles
in Chiapas und im
Rest Mexikos auf einen sozialen, politischen und kulturellen
Widerstand gegen die verschiedenen im Land eingeführten
neoliberalen Projekte. Das setzt das Land und die Region in
Gleichklang mit der kontinentalen und weltweiten Agenda, symbolisiert
im “Frühling von Porto Alegre”.
In den Einigungsprozessen wird eine der
größten
Herausforderungen darin liegen, das Zusammenfließen der
unterschiedlichen Bewegungen durch gemeinsame Ziele zu vollziehen: über
die Besonderheiten hinweg, durch welche sich die Bewegungen
unterscheiden, und gleichzeitig den Versuch auszuschließen,
andere zu verdrängen oder Oberhand über sie zu gewinnen.
Der Weg kann derselbe sein, obwohl es vielfältige Formen
gibt, diesen zu begehen.
 ::SIPAZ
AKTIVITÄTEN
Dezember 2002 - Februar
2003
Begleitung
- Im Dezember reisten wir in die nördliche Zone von Chiapas
(Zona Norte). Mit dem Ziel, den gewaltsamen Konflikten vom
vergangenen August nachzugehen und Kontakte zu knüpfen,
um die damals Vertriebenen besuchen zu können, fuhren
wir auch nach San Jerónimo Tulijá im autonomen
zapatistischen Bezirk Ricardo Flores Magón.
- In Palenque setzen wir die Besuche bei dem Rechtsanwalt
des Menschenrechtszentrums PRODH, der vor einigen Monaten
bedroht
wurde, fort.
- Seit Oktober 2002 arbeiten wir zusammen
mit Alianza Cívica-Chiapas
an einem Puppentheaterprojekt. Gemeinsam haben wir zwei Theaterstücke über
Gemeindekonflikte und Spaltungen und über die Wichtigkeit,
Verschiedenheiten zu respektieren, erarbeitet. Die Stücke,
die zum Nachdenken anregen, werden in den indigenen Gemeinden
aufgeführt und sollen eine friedliche Bearbeitung der
Konflikte fördern. Die erste Aufführung fand in Chenalhó im
Rahmen der Aktivitäten zum Gründungsjahrestag der
zivilen Organisation “Las Abejas" (“Die Bienen")
und zum fünften Gedenktag des Massakers in Acteal statt.
Im Februar führten wir unsere erste Rundreise durch die
nördliche Zone durch
- Im Dezember besuchten wir in einer Herberge
in Comitán
die sieben Familien, die im vergangenen Jahr aus dem Biosphärenreservat
Montes Azules vertrieben worden sind. Sie warten darauf, dass
die Regierung ihr Versprechen umsetzt, ihnen ausreichend fruchtbares
Land zuzuschreiben, um sich und ihre Kinder zu ernähren.
Interreligiöser Dialog
- Seit November des vergangenen Jahres haben wir in Chenalhó mit
workshops zur Ausbildung von Friedensbeauftragten begonnen,
die in Form eines monatlichen Seminars stattfinden soll. Es
nehmen zwischen 30 und 50 religiöse Autoritäten,
zum größten Teil Katholiken und Presbyterianer,
teil.
- Wir nahmen an der Einweihung des Instituts für soziale
und interkulturelle Studien (INESIN) teil, ehemalige ekumenische
Bibelschule in San Cristóbal de las Casas.
- Wir nahmen an einer Diskussionsveranstaltung zur religiösen
Problematik in Chiapas teil, die von der Stiftung León
XIII in San Cristóbal durchgeführt wurde.
Friedenserziehung
- Im Januar beteiligten wir uns an der Planung und Durchführung
des 3. Treffens zum Austausch von Erfahrungen der Arbeit für
Frieden und Versöhnung in Gemeinden (3er Encuentro
sobre Experiencias de Paz y Reconciliación Comunitaria),
das vom Friedensnetzwerk Chiapas organisiert wurde. Es
nahmen ca.
200 Personen aus unterschiedlichen Regionen und Gemeinden
des Bundesstaates teil.
- Im Februar führten wir beim Zweiten Treffen gegen den
Neoliberalismus (Segundo Encuentro frente al Neoliberalismo) in Nuevo Huixtán (Las Margaritas) ein Seminar über
Gemeindespaltungen und neoliberale Projekte durch. Als Beitrag
zur Reflexion der TeilnehmerInnen führten wir auch
das Puppentheater auf.
- Wir nehmen an den Arbeitstreffen zum Nationalen Friedenstreffen
(Encuentro Nacional por la Paz) teil, sowie an den Vorbereitungstreffen
zum Hemisphären-Forum gegen Militarisierung (Foro
Hemisférico
contra la Militarización), welches im Mai in San Cristóbal
stattfinden wird.
- Wir haben eine neue Workshopreihe zum Thema Friedenskultur
mit den Jugendlichen der Gemeindezentren für Entwicklung
(CEDECOs) in San Cristóbal begonnen.
Kontakte und Information
- Wir erhalten Besuch von Delegationen, StudentInnen und
JournalistInnen, die wir über die Entwicklungen in Chiapas
und die Arbeit von SIPAZ informieren.
- Wir beteiligten uns an der Organisation und Beratung
des Ausbildungsprogrammes für eine Delegation von Educacion
Mundial (Weltweite Erziehung). Ziel der Arbeit ist, Informationen über
verschiedene indigene Gemeinden und verschiedene Sichtweisen
des Konflikts in Chiapas einzubringen.
- Wir nahmen teil am Ersten Regionalen Treffen von Tzeltalfrauen
im Bezirk Ocosingo.
Internationales
- Ende Januar nahmen wir am III. Weltsozialforum in Porto
Alegre (Brasilien) teil.
- Im Februar haben sich Vorstand und Team von SIPAZ in
Chiapas zusammengefunden, um die Arbeit zu evaluieren, die
Entwicklung
in Chiapas zu analysieren und die strategische Planung
für
das Jahr 2003 auszuarbeiten.
- Wir haben uns an der Organisation und Durchführung
einer Befragung lateinamerikanischer Friedensstifterinnen (Consulta
Latinoamericana de Mujeres Constructoras de Paz) beteiligt,
zu der das Programm Mujeres Constructoras de Paz (Friedensstifterinnen) der IFOR (Mitglied der SIPAZ Koalition) aufgerufen hat und
die Ende Februar in Quito (Ecuador) durchgeführt wurde.

:: RÄUME
SCHAFFEN FÜR DIALOG UND TOLERANZ :
Puppenspiel-Rundreise
in der Nördllichen Zone von Chiapas
(Februar 2003)
1996-97
wurde die Nördliche Zone von Chiapas (besonders das Tiefland
von Tila) zu einer der konfliktreichsten Regionen des Bundesstaates:
ungezählte Tote und Verschwundene, die größte
Anzahl von politischen Gefangenen, Angriffen und Vertreibung
ganzer Gemeinden.
SIPAZ begann die Besuche in dieser Zone
in Koordination mit anderen chiapanekischen NGOs, mit dem Ziel,
die Gewalttaten
und die Situation der Menschenrechte zu überwachen; das
Projekt nannte sich Nördliche Station für Entspannung
und Versöhnung. Die Beobachter/innen wurden jedoch von
der Regierungspartei, der Armee und der bewaffneten Gruppe
Paz y Justicia ("Frieden und Gerechtigkeit") rasch
mit den Zapatistas und Anhängern der PRD gleichgesetzt;
in zwei Fällen wurden Mitarbeiter/innen der Nördlichen
Station angegriffen, deshalb zogen wir uns aus der Zone zurück.
1999 begann SIPAZ erneut eine dauerhafte
Präsenz in der
Nördlichen Zone von Chiapas. Seitdem haben wir regelmäßig
mehr als 20 Gemeinden der konfliktreichsten Zone von Tila und
einige in Sabanillas besucht.
Die Ziele dieser internationalen Präsenz reichen von
der Verhinderung von Gewalt bis zur Schaffung und Aufrechterhaltung
von Räumen der Entspannung, des Dialogs und der Toleranz
zwischen den entgegengesetzten Gruppen. Um dieses letzte Ziel
zu erreichen, hat SIPAZ immer offen versucht, Beziehungen zu
allen Akteuren aufzubauen.
Seit einiger Zeit haben wir die Möglichkeit diskutiert,
diese Begleitarbeit durch andere Aktivitäten zu bereichern,
wie die Präsentation von Puppenspielen oder Workshops
zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung.
Diese Möglichkeit eröffnete sich, als wir im vergangenen
Oktober eine Einladung der Alianza Cívica Chiapas erhielten,
an einem Puppenspielprojekt teilzunehmen. Seit Dezember haben
wir an verschiedenen Orten Vorstellungen gegeben, manchmal
im Rahmen von Workshops zur Konfliktbearbeitung, Foren oder
Treffen. Die Tournee
durch die Nördliche Zone:
Eine
Freiwillige, die dem SIPAZ-Team in Chiapas seit 1999 angehört,
berichtet:
"Im Februar 2003 unternahmen wir zu fünft (zwei
Personen von SIPAZ, drei von Alianza Cívica) unsere
erste Puppenspiel-Rundreise in die Nördliche Zone von
Chiapas. Wir stellten uns viele Fragen: wie würden uns
die Gemeinden aufnehmen, wer würde die Leute zusammenrufen – angesichts
der politischen und religiösen Spaltungen, die die Zone
charakterisieren -, wie würden wir die technischen Probleme
lösen, abgesehen davon, ob sie uns überhaupt verstehen
würden, obwohl wir kein Ch'ol sprechen... Gleichzeitig
waren wir froh, den Gemeinden etwas anderes und breiteres
anbieten zu können als nur den Besuch mit Informationsaustausch,
und wir hofften, mehr Menschen zusammenrufen und begeistern
zu können.
Unsere Gruppe heißt "Diversidad", das bedeutet "Vielfalt":
der Gruppenname versteht sich aus dem Zusammenhang heraus,
in dem wir uns bewegen: im Rahmen des Krieges Niederer Intensität
werden die religiösen oder ideologischen Unterschiede
ausgenützt, um Spaltungen und Gewalt unter den Indígenas
zu provozieren. Die Friedensarbeit bedeutet, die Vielfalt
zu schätzen und zu nutzen, um das Gemeindeleben zu bereichern
und die Einheit zu stärken. Unsere Gruppe ist selbst
ein Beispiel dafür. Wir sind Personen aus Chiapas, aus
dem Norden Mexikos, Spanien, USA und Deutschland, Frauen
und Männer im Alter zwischen 24 und 42 Jahren. Jeder
und jede mit einer eigenen Geschichte, Erfahrungen, Wünschen
und Bedürfnissen. Die intensive Reise bringt uns auch
persönlich immer näher.
Acht Tage sind wir zusammen unterwegs,
wir zeigen unser Puppentheater in zwei Bezirksstädten und neun Gemeinden
mit diversem Publikum zwischen 30 und hunderten Kinder und
Erwachsenen. Die Kinder zeigen die größte Begeisterung.
Es ist natürlich nicht immer einfach, aber bei einer
Gelegenheit werden wir auf dem Zocalo (dem zentralen Platz)
mit einem Begrüßungsschild empfangen und wir spielen
im Regen, während das Publikum, zum Teil unter Regenschirmen,
bis zum Ende ausharrt.
Am Sonntag ist Markttag in El Limar und
es kommen viele Leute aus verschiedenen umliegenden Gemeinden
zusammen. Vor
gut einem Jahr wurde in El Limar ein lokaler Friedensvertrag
abgeschlossen. Die Katholiken, die wegen ihrer Sympathie
für die EZLN verfolgt wurden - kehrten heim in ihre
Kirche, die jahrelang von der Gruppe "Paz y Justicia" PyJ
besetzt war. Katholiken wurden verfolgt, weil sie mit den
Zapatisten sympathisieren. Seit einem Jahr ist auch der Hauptanführer
von PyJ – nach Zeugenaussagen der Hauptverantwortliche
der Gewalt in dieser Region - im Gefängnis. Nach der
Vorführung hören wir einige Leute sagen: "Ja
so begann auch unser Konflikt hier" und "Hoffentlich
erreicht Eure Nachricht die Herzen unserer Leute".
In Shucjá leben viele Flüchtlinge. Seit vorigem
Jahr verhandeln sie über ihre Heimkehr. Folglich drehten
sich die meisten unserer Gespräche hier um die Hoffnung
und die Angst vor der Heimkehr. "Seid Ihr bereit, uns
zu begleiten?" war eine häufige Frage an uns. Eine
Gruppe von Flüchtlingen ist bereits auf ihr Land zurückgekehrt.
Leute aus anderen Gemeinden helfen ihnen beim Aufbau der
neuen Häuser.
So setzen wir unseren Weg fort, über ungeteerte Strassen
einige zu Fuß, andere im Auto, mit dem wir unsere Bühne,
die Puppen und das Gepäck transportieren.
Eine Vorstellung geben wir in der Schule
einer Gemeinde, die nach Zeugenaussagen aktiv am Konflikt
beteiligt war und
mit der wir erst im vorigen Jahr anfangen konnten, Kontakte
aufzubauen. Unser Publikum hier: Kinder und einige Mütter.
Wir kommen nach Jolnixtie, eine gespaltene
Gemeinde. 1996 gab es Gewalt, Vertreibung und anschließend Heimkehr
ohne Versöhnungsprozesse. Aber die Menschen suchen wieder
den Kontakt zueinander. Der neutralste Ort ist die Schule.
Die Kinder rufen schon von weitem "titeres" - Puppentheater!
Kinder und Lehrer helfen uns beim Aufbau der Bühne und
mit einem geliehenen Mikrofon. Am Nachmittag laden wir auch
die Erwachsenen ein. Das Publikum sind wieder mehrheitlich
die Kinder, aber es kommen auch viele Erwachsene. Der Lautsprecher
ist allerdings so stark, daß das ganze Dorf uns hört,
auch die, die nicht gekommen sind. Der Katechist gibt eine
Interpretation und Reflexion in Ch'ol. Auch evangelische
Familien sind anwesend, sowie die verschiedenen politischen
Strömungen. Das Puppentheater hilft, den Kontakt zu
allen zu finden. Wir
fahren bzw. gehen weiter nach Huanal. Die BewohnerInnen
von Huanal haben einst viele Kühe besessen, die sie
verloren, als sie von Menschen aus Nachbargemeinden angegriffen
wurden. Gerüchte besagen jedoch, Soldaten und Polizisten
hätten das Rindfleisch gegessen. Die Geschichte Huanals
ist vergleichbar mit unserem Theaterstück, in dem
sich zwei Hasen um die Möhren streiten, während
die Ratten alles aufessen. Die Lehrer helfen uns sehr.
Sie animieren die Kinder zur Reflexion über das Theaterstück.
Am Abend ist dann das ganze Dorf dabei. Da es schon dunkel
ist, beleuchten einige Zuschauer die Bühne mit Taschenlampen.
Der Lehrer und der Schuldirektor helfen uns wieder bei
der Reflexion; sowohl Lehrer als auch Zuschauer sagen ihre
Meinung.
Am frühen Morgen machen wir uns zu Fuß auf
den Weg nach Obregón. Unterwegs treffen wir Männer
auf dem Weg zu ihren Feldern. Sie sind alle informiert
von unserem Besuch und freuen sich darauf. Die Kinder erwarten
uns schon. Wir geben wieder zwei Vorstellungen, eine mit
den Kinder und die andere mit der ganzen Gemeinde. Nach
der Nachmittagsvorstellung sprechen mehrere Personen auf
Ch'ol zur Gemeinde. Es wird dunkel und wir setzen uns zusammen
in einem Klassenraum. Männer und Frauen berichten
von ihrer Angst vor den Wirtschaftsplänen der Regierung
und ihren Auswirkungen auf die Gemeinden. Ihre Kritik richtet
sich hauptsächlich gegen den Plan Puebla-Panamá.
Obregón ist gespalten in verschiedene Religionen
und politische Parteien, aber die Führer beider Gruppen
verhandelten einen Nichtangriffspakt und es gelang, die
Gewalt von Obregón fernzuhalten.
In der gewalttätigsten Periode des Konfliktes nahmen
sie Flüchtlinge aus anderen Gemeinden auf.
Unser Auto springt nicht mehr an. Die Batterie ist kaputt.
Was machen wir nun, wir sind weit weg von jeder Werkstatt.
Zum Glück hilft uns jemand, indem er uns die Batterie
seines Autos leiht. Wir bauen die Batterie in unser Auto
ein. Wir müssen bis nach Salto de Agua fahren, um
eine neue Batterie zu kaufen.
Wir kehren zurück in das Tiefland von Tila. Wir kommen
nach Cruz Palenque, eingeladen zum 4. Jahrestag der Heimkehr
der Flüchtlinge. Eines Morgens im August 1997 waren
bewaffnete Männer gekommen, die die Häuser derjenigen
angriffen, die nicht mit der Regierung zusammenarbeiteten.
Ein Mann wurde ermordet, die anderen konnten mit ihren
Familien in eine andere Gemeinde fliehen. Den Leuten von
PyJ war befohlen worden, die Kühe der Flüchtlinge
zu rauben. Doch bald merkten sie, daß sie betrogen
wurden. Sie bemühten sich um einen Versöhnungsprozeß und
die Heimkehr ihrer Nachbarn. Heute begehen sie den 4. Jahrestag
der Rückkehr.
Aber der Krieg ist nicht wirklich vorbei. An diesem Tag
erreicht uns die Nachricht, gestern sei wieder jemand
ermordet worden. Der Tote, umgebracht auf seinem Feld,
war ein Mitglied der PRI, der vermutlich am Versöhnungsprozeß mit
der katholischen Kirche in Tila teilnahm. Die Stimmung
in den umliegenden Gemeinden ist gespannt. Uns wird erzählt,
verdächtige Männer aus anderen PRI-Gemeinden
seien auf den Feldern gesichtet worden. Es gibt viele
ungeklärte Morde in diesen Gemeinden, die Opfer
gehören zu allen Gruppierungen.
Auf unserem Spielplan steht nur noch
Nuevo Limar, eine tief gespaltene Gemeinde mit PRI-Mehrheit,
wo es außerdem
einen Armeestützpunkt gibt. Einige Menschen, die sich
wieder bedroht fühlen, bitten uns aus Angst vor Repressalien,
das Stück nicht wie geplant im Zentrum der Gemeinde
aufzuführen. Schließlich zeigen wir das Stück
vor ihrem Haus. Bei dieser letzten Aufführung unserer
Reise erhalten wir die meisten Reaktionen und Kommentare
unseres Publikums. Wir erreichen, daß Personen verschiedener
politischer und religiöser Gruppen teilnehmen. Die
Leute danken uns für unseren Besuch; wir spüren,
daß er sie ermutigt.
Mit zufriedenem Herzen und Lust auf
eine weitere Puppenspiel-Rundreise kehren wir nach San
Cristóbal zurück.  |