:: ZUSAMMENFASSUNG
DES BERICHTES
Nach dem Urteil des obersten nationalen
Gerichtshofes zur Verfassungsreform über indigene Rechte
und Kultur ist der Konflikt in Chiapas in eine neue Phase
getreten. Während die EZLN ihre Politik des Schweigens
fortsetzt, äußerten sich indigene Organisationen
und die Zivilgesellschaft gegen dieses Urteil.
Das Schweigen der EZLN bedeutet nicht,
daß der Kampf
um die Anerkennung der Rechte indigener Völker aufgegeben
wurde. Im Gegenteil stellt es die Strategie dar, sich auf
den Aufbau der Autonomie durch Handlungen zu konzentrieren.
Das Thema der Autonomie ist die Fragestellung im Fokus dieses
Berichtes.
Bezüglich der Autonomie gibt es nicht nur ein Modell,
sondern unterschiedliche Formen ihres Verständnisses
und ihrer Ausübung. Jedes Konzept von Autonomie wirft
Schwierigkeiten auf und fordert die Gemeinden und die gesamte
Gesellschaft heraus, beispielsweise zur Überwindung
von Konflikten, die durch die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen
mit der Autonomie entstehen.
Auch 4 Monate nach den Morden an zivilen
Autoritäten
aus autonomen zapatistischen Landkreisen haben die Untersuchungen über
die Taten noch keine Resultate ergeben, und die Beschuldigten
sind noch immer auf freiem Fuß. Die Interpretationen über
die gewalttätigen Vorfälle im Juli und August weichen
erheblich voneinander ab. Jenseits der Fragestellung, ob
die Taten einer geplanten politischen Strategie angehören
oder nicht, bleibt unbestreitbar, daß sie im Kontext
einer stark angespannten Situation stehen - als Produkt eines
Konfliktes, der weder gerichtlich verfolgt noch gelöst
wird, und dazu führt, die Aktionen aller Beteiligten
aus einer Kriegslogik heraus zu interpretieren.
Im September wurden durch die bundesstaatliche
Polizeibehörde
27 Mitglieder der bewaffneten Gruppe “Desarrollo, Paz
y Justicia” (Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit)
verhaftet. Zusammen mit den bereits seit zwei Jahren stattfindenden
Spaltungen stellt diese Handlung sowohl eine Schwächung
dieser Organisation, als auch eine Quelle der Anspannung
in der Nördlichen Zone dar.
Verschiedene Menschenrechtsorganisationen kritisierten
die Entscheidung der obersten Polizeibehörde Mexikos, die “Spezialeinheit
zur Bekämpfung von Delikten, die durch mutmaßliche
bewaffnete Gruppen begangen werden” aufzulösen,
ohne das Problem mit den Paramilitärs in Chiapas gelöst
zu haben.
Der Widerstand gegen das neoliberale Modell
war der Schwerpunkt der Mobilisierungen zum 12.Oktober. In
Chiapas schlossen
sich Basisorganisationen zusammen, um Straßen zu blockieren,
Grenzen zu schließen und gegen die indigene Verfassungsreform,
die Wirtschaftspolitik der Regierung, den “Plan Puebla-Panama” und
das Freihandelsabkommen für ganz Amerika (ALCA) zu protestieren.
Am selben Tag begann in Mexiko die nationale “Consulta” (Befragung)
gegen das Abkommen (ALCA), die sich eingliedert in die regionale
und kontinentale Bewegung des Kampfes gegen das dominante
Globalisierungsmodell und in der die indigenen Völker
eine wachsende Vorreiterrolle ausüben.
Die Regierung steht mit ihrer US-gefälligen Außenpolitik
einer feindseligen parlamentarische Opposition gegenüber.
Erst kürzlich war die begonnene Debatte über den
Haushalt 2003 ein weiterer Spannungsfaktor, da die Opposition
die darin vorgesehenen Kürzungen im Sozialbereich scharf
kritisiert hat.
Die Untersuchung der Periode des “schmutzigen Krieges” der
70er und 80er Jahre durch eine von der Regierung ernannte
Spezialstaatsanwaltschaft kann das Ende der Straflosigkeit
der beiden unter den vorherigen Regierungen traditionell
unberührbaren und heute in Frage gestellten Institutionen
bedeuten: der Streitkräfte und der PRI.
Mit dem Versuch, das Bild ihrer Institution
zu säubern,
hat die Militärjustiz die pensionierten Generäle
Quirós Hermosillo und Acosta Chaparro wegen Verbindungen
zum Drogenhandel verurteilt und wird demnächst über
ihre Verantwortung für die Ermordung von 143 Personen
während des “Schmutzigen Krieges” urteilen.
Menschenrechtsorganisationen habe jedoch
scharf kritisiert, daß die Militärjustiz die Zuständigkeit
für
diese Verbrechen übernommen hat, da sie ursprünglich
vor der Spezialstaatsanwaltschaft angezeigt wurden.
Im Oktober jährte sich zum ersten Mal der Tag der Ermordung
der Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa, ohne daß es
zu einer Aufklärung des Falles gekommen ist.

Empfohlene Aktionen:
- Schreiben Sie an den Präsidenten Fox und drücken
Sie als internationale Öffentlichkeit Ihre Hoffnung
aus, daß der mexikanische Staat die Verfassungsreform
zu indigenen Rechten und Kultur an die ausgehandelten Kompromisse
von San Andres und die ratifizierte Konvention 169 der
ILO anpaßt.
- Fordern Sie die ILO auf, vom mexikanischen Staat zu
verlangen, die nationale Gesetzgebung über indigene
Völker der Konvention 169 der ILO anzupassen
- Drängen Sie die Bundesstaatsregierung, daß sie
unparteiisch und objektiv die im August begangenen Gewalttaten
in Chiapas untersucht und die Schuldigen unter Anklage
stellt.
- Verbreiten Sie Informationen über die Situation
in Chiapas und Mexiko – wie z.B. den Inhalt dieses
Berichtes
Bitte schreiben Sie an:
Lic. Vicente Fox
Presidente de la República
Residencia Oficial de los Pinos
11850 México D.F., México
Fax: (+52. 55) 55 22 41 17
http://www.presidencia.gob.mx/?P=17
Dr. Juan Somavia
Director General
Organización Internacional del Trabajo
4, route des Morillons
CH-1211, Geneva 22, Suiza
Fax: (+41.22) 917 90 10
cabinet@ilo.org
Lic. Pablo Salazar Mendiguchía
Gobernador del Estado de Chiapas
Palacio de Gobierno, 1º piso
29009, Tuxtla Gutiérrez
Chiapas, México
Fax: (+52.961) 612 0917

:: AKTUELLE
EINSCHÄTZUNG
Chiapas: Das Schweigen des Widerstandes
Nach dem Urteilsspruch des Obersten
Gerichtshofes der Nation (SCJN), welcher der konstitutionellen Reform in
Sachen Indígenas Gültigkeit verlieh, ist der
Konflikt in Chiapas in eine neue Phase eingetreten. Neben
den kritischen Reaktionen von verschiedenen Akteuren im Hinblick
auf das Gerichtsurteil (siehe SIPAZ-Bericht
vom August 2002),
ist diese Phase vor allem vom Schweigen der EZLN dominiert.
Dieses Schweigen, welches von einigen
als Nachlässigkeit
interpretiert wird, wird von anderen im Rahmen der politischen
Entscheidung, die es begleitet, verstanden: der Wille, sich
ein eigenes Autonomieprojekt aufzubauen, mit Hilfe von Taten
und hinter dem Rücken der staatlichen Institutionen,
die ihre Forderungen nicht berücksichtigten. Nach Meinung
von Experten haben die indigenen Völker erprobt, inwieweit
sie auf die drei demokratischen Gewalten hoffen können,
und haben sich jetzt einem langfristigen Prozeß zugewandt,
welcher sich an der Rekonstruktion ihrer selbst, als Völker,
ausrichtet (siehe Fokus). Die größte Herausforderung
dieses Projektes ist die der Einheit der indigenen Bewegung.
Auch wenn man das Schweigen als Teil einer
Strategie des Widerstandes verstehen kann, bemerken einige
Experten, daß die
EZLN wahrscheinlich auf eine Möglichkeit warten wird,
um die Gesamtheit der mexikanischen Gesellschaft mit einer
neuen politischen Initiative zu konfrontieren.
Währenddessen findet sich der zapatistische Widerstand
inmitten von unausweichlichen Spannungen wieder. Einerseits
mit offiziellen, lokalen Autoritäten und andererseits
mit den ehemals verbündeten, heutzutage über territoriale
und politische Kontrolle zerstrittenen Organisationen. Der
Widerstand verliert auch an Kraft und bringt in einigen Fällen
Austritte, bis hin zum Ausschluß derer, die die Forderungen
des Widerstandes nicht akzeptieren, mit sich.
Am 17. November, pünktlich zum 19. Gründungstag
der EZLN und am Tag der Präsentation der Zeitschrift "Rebeldía",
brach Subcomandante Marcos mit der Veröffentlichung
eines Briefes das Schweigen. In diesem Brief disqualifiziert
er die drei größten Parteien und gibt jenen eine
Antwort, die behaupten, daß die Zapatisten am Ende
wären. Marcos bekräftigt: "Das einzige, was
bei den Zapatisten zu Ende geht, ist die Geduld".
Die Opfer im August: Militärisches
Ziel?
Vier Monate nachdem verschiedene zivile
Führungspersonen
in den autonomen zapatistischen Bezirken ermordet wurden
(siehe SIPAZ-Bericht
vom August 2002), haben die Untersuchungen
immer noch kein Licht in die Angelegenheiten gebracht und
die Beschuldigten sind nach wie vor flüchtig.
Dabei gibt es verschiedene Interpretationen
der gewalttätigen
Vorfälle im Juli und August. Laut Staatsanwaltschaft
(PGJE) gab es keine klare Verbindung zwischen den Morden,
die verschiedenen Motiven gehorcht hätten, welche sich
aus Konflikten der Gemeinschaft herleiteten würden.
Für einige Experten, die der chiapanekischen Regierung
nahe stehen, handelt es sich um Aktionen des lokalen PRIismus,
der im Hinblick auf die im Jahr 2003 anstehenden Parlamentswahlen
die Regierung Pablo Salazar destabilisieren will, um politischen
Raum zurückzugewinnen.
Soziale und oppositionelle Organisationen
neigten zuerst dazu, die Ereignisse im Rahmen der Strategie
der Bundesregierung
zu erklären, ansässige Gemeinden aus der begehrten
und fruchtbaren Zone der Biosphäre "Montes Azules" zu
vertreiben. Später kamen viele überein, daß die
Angriffe auf die Zapatisten, sowie die Zunahme der militärischen
Präsenz einige Tage zuvor, dazu bestimmt waren, kurz
vor dem Urteilsspruch des Obersten Gerichtshofes (welcher
sich da schon abzeichnete), die Absichten einer militärischen
Antwort der EZLN auszuloten.
Unabhängig davon, ob alle Taten einer geplanten politischen
Strategie folgten oder nicht, stehen sie unbestreitbar im
Kontext der hohen Anspannung. Sie sind Produkt eines Konfliktes,
der nicht vorwärtskommt und sich auch nicht löst,
und führen dazu, die Aktionen gemäß einer
Kriegslogik zu interpretieren. Einen Monat vor dem fünften
Jahrestag des Massakers von Acteal (22.12.1997) wurden 19
Tzotziles zu 36 Jahren Gefängnis verurteilt, und es
wird erwartet, daß 12 weitere Beschuldigte eine gleiche
Strafe erhalten. Das Menschenrechtszentrum "Fray Bartolomé de
las Casas" (CDHFBC) besteht auf der Notwendigkeit, die
Untersuchungen zu vertiefen, um die intellektuellen Verantwortlichen
des Massakers ausfindig zu machen. Das schließt hohe
Funktionäre der Regierung von Chiapas aus dieser Epoche
und Militär- und Polizeikörperschaften, als vermeintliche
Komplizen der selbigen, ein.
Im Bezirk von San Juan Chamula wurden
neue gewalttätige
Auseinandersetzungen zwischen Evangelisten und traditionellen
Katholiken registriert. Am 14. November gerieten 14 Katholiken
der Gemeinde Tzeteltón in einen Hinterhalt und wurden
durch Kugelschüsse verletzt. Die Staatsanwaltschaft,
die diese Tatbestände untersucht, bestätigt, daß es
sich eher um Streitigkeiten zwischen Kaziken um politische
Kontrolle als um religiöse Intoleranz handelt.
Trotz dieses Klimas der Anspannung und
Konflikte wiederholte Präsident Fox auf seiner letzten Europareise, daß es
in Chiapas und mit den Zapatisten Frieden gäbe, was
allgemein Kritik in der Opposition hervorrief.
Paz y Justicia: Festnahmen und Spaltungen
Die Ereignisse im August eröffneten erneut die Debatte über
die Existenz von paramilitärischen Gruppen in Chiapas.
Von den Zapatisten und anderen Gruppen in der Opposition
wird der Begriff "Paramilitär" im weitläufigen
Sinne für bewaffnete Gruppen verwendet, die sich gegen
die EZLN wenden. Der Gouverneur Salazar hingegen besteht
darauf, daß es sich bei den bewaffneten Gruppen, die
in Chiapas agieren, genau genommen nicht um Paramilitärs
handeln würde, da sie keine Unterstützung durch
staatliche Institutionen erhielten (wie es unter der vorangegangenen
Regierung der Fall war). Menschenrechtsverteidiger hingegen
bestehen darauf, daß es sehr wohl solche Zusammenhänge
zwischen diesen Gruppen, einigen lokalen PRIistischen Kaziken
(welche die Rathäuser kontrollieren), dem Militär
und Sicherheitskräften gibt. Dies ist zum Beispiel der
Fall bei einer Gruppe, die durch die Abkürzung "OPDIC" bekannt
ist und in Kontakt mit dem Abgeordneten Pedro Chulín
steht, oder bei "Los Aguilares", einer Bande von
Straftätern und Söldnern.
Kritiker bestätigen ebenfalls, daß die Bundesanwaltschaft
(PGR) keinen Willen gezeigt hat, sich näher mit der
Untersuchung und Verfolgung der genannten Gruppen zu beschäftigen.
Genau genommen gehen die Maßnahmen, die dazu führten,
daß einige Mitglieder dieser Gruppen verhaftet wurden,
nicht auf die Initiative des Bundes, sondern auf die des
Staates von Chiapas zurück. Diese Kritik bestätigend,
wurde Mitte November die Auflösung der Gruppe "Unidad
Especializada para la Atención de Delitos Cometidos
por Probables Grupos Armados (Spezialeinheit zur Klärung
von Delikten, welche durch wahrscheinliche, bewaffnete Zivilgruppen
begangen wurden) (1997 nach dem Massaker von Acteal gegründet
und abhängig von der Bundesanwaltschaft) bekanntgegeben.
Und das auch nachdem das Menschenrechtszentrum "Fray
Bartolomé de las Casas" (CDHFBC) bestätigt
hat: "Das schwerwiegende Problem der Paramilitärs
ist noch nicht gelöst und die Wahrheit ist immer noch
nicht bekannt".
Andererseits wurden Mitte September in
Tila 27 Mitglieder der bewaffneten Gruppe Desarrollo,
Paz y Justicia ("Entwicklung,
Frieden und Gerechtigkeit", DPJ), einschließlich
ihres Anführers Sabelino Torres, auf Anweisung der chiapanekischen
Staatsanwaltschaft festgenommen, unter dem Vorwurf, die Hauptverantwortlichen
verschiedener Verbrechen zu sein: Raub, Entführung,
illegaler Besitz von Waffen, die ausschließlich das
Militär benutzen darf, sowie Körperverletzung und
Mord. Unter den Festgenommenen befindet sich Carlos Torres,
ehemaliger Bezirkspräsident von Tila, dem vorgeworfen
wird, Bezirksgelder an die bewaffnete Organisation abgezweigt
zu haben.
Diese Festnahmen, die zu der des Anführers Diego Vasquez
im Februar hinzukommen, könnten das Ende von DPJ bedeuten,
zumindest in ihrer alten Zusammensetzung. Außerdem
zerfällt die Gruppe aufgrund innerer Spaltungen. Die
erste Abspaltung gründete im Jahr 2000 die Union Indigener
Land- und Forstwirtschaftlicher Gemeinden (UCIAF), die hauptsächlich
im Bezirk Sabanilla vertreten ist; und kürzlich spaltete
sich die Gruppe Regionale Union Bäuerlicher und Indigener
Gemeinden (URCCI) ab, die aus dem legalen Sektor der Organisation
besteht, welcher Wirtschaftsprogramme der Regierung verwaltet.
Globalisierung des Widerstandes
Wie es vereinbart worden war, gab es am
12. Oktober in mehreren mexikanischen Bundesstaaten Mobilisierungen.
In Chiapas blockierten
Netzwerke der zapatistischen Zivilgesellschaft, soziale,
indigene und Bauern- Organisationen Straßen, schlossen
Grenzen, demonstrierten und drückten in unterschiedlichen
Formen ihre Ablehnung der indigenen Verfassungsreform, der
Wirtschaftspolitik der Regierung, des Plan Puebla-Panama
(PPP) und des (gesamt)amerikanischen Freihandelsabkommens
(ALCA) aus. Die Proteste fanden auch in einigen anderen Ländern
Zentralamerikas statt.
Vom 9.-12. Oktober fand das erste “chiapanekische
Treffen gegen Neoliberalismus” statt. Es wurde von
den bekannten NGO’s und sozialen Organisationen aus
Chiapas mit dem Ziel einberufen, einen gemeinsamen Aktionsplan
zu folgenden 11 Themen zu erarbeiten: eigene Kontrolle der
Ernährung, fairer Handel, Land, Maquiladoras, Migration,
PPP, ALCA, indigene Rechte und Autonomie, Militarisierung,
etc.
Am 12. Oktober begann in Mexiko auch die “nationale
Befragung gegen das ALCA", die im März 2003 endet.
Diese Befragung ist Teil einer kontinentalen Kampagne gegen
die Umsetzung dieses von den USA angestoßenen Abkommens.
In Chiapas ist diese Befragung mit Enthusiasmus von den Organisationen
und zivilen Netzwerken aufgenommen worden.
Unterdessen mehren sich an verschiedenen
Orten des Bundesstaates Aktionen gegen den Bau von ungefähr zehn Wasserkraftwerken
im Rahmen des PPP. Die Staudämme hätten starke
negative Auswirkungen auf die Umwelt und das soziale Leben.
Parallel dazu dauern die Mobilisierungen der chiapanekischen
Bevölkerung gegen die hohen Stromtarife der staatlichen
Stromkommission an.
Diese Dynamik des Widerstandes in Chiapas
reiht sich in die regionale und kontinentale Bewegung des
Kampfes gegen
ein “Entwicklungs”-Modell ein, das offensichtlich
der Bevölkerung keinen Nutzen bringt. In diesem Kampf üben
die indigenen Völker eine wachsende Vorreiterrolle aus,
da sie das dominante Modell der Globalisierung nicht nur
als Bedrohung ihrer Identität und ihrer Formen sozialer
Organisation ansehen, sondern als Bedrohung ihrer Existenz
als Völker.
Wie es scheint, ist man mit dem PPP in
eine Sackgasse geraten nach der Entscheidung der Regierung,
das Projekt herunterzufahren
und dem Außenministerium zu unterstellen. Trotzdem
bestätigen Kritiker, daß vorgesehene Arbeiten
- im Namen des PPP oder ohne diese Bezeichnung - schon begonnen
wurden und die negativen Auswirkungen haben werden, die man
vorhersagt.
Auf jeden Fall führt der Mangel an Information und
Transparenz in den Verhandlungen zum PPP oder ALCA zu ausgeprägtem
Mißtrauen und Ablehnung in der Bevölkerung. Und
läßt ahnen, welches die in naher Zukunft vorherrschenden
Konfliktlinien in Chiapas - und der Region - sein werden.
Übergang oder Unregierbarkeit?
Zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments
Anfang September präsentierte Präsident Fox vor
einem feindseligen Kongreß und einer jeden Tag kritischeren
und über die mageren Ergebnisse des Übergangs unbefriedigten Öffentlichkeit
seinen zweiten Regierungsbericht.
Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
waren eines der Hauptmotive der Gereiztheit der Opposition.
PRI und PRD beschuldigen
die Regierung, die entgegenkommenste mexikanische Regierung
gegenüber der USA zu sein. Die Kritik konzentriert sich
auf die Figur des Kanzlers Castañeda, der beschuldigt
wird, die historisch engen Beziehungen zu Kuba an den Rand
des Abbruchs der diplomatischen Beziehung geführt zu
haben.
Einige Analytiker sprachen bereits von “Unregierbarkeit”,
die Vielfalt der gleichzeitigen Fronten in Betracht ziehend,
und der Unfähigkeit der Fox’schen Verwaltung,
diese wirksam aufzugreifen und zu lösen.
Neben dem wachsenden Widerstand der mexikanischen
Stromerzeugergewerkschaft gegen den Vorschlag einer Verfassungsreform
zur Legalisierung
von Privatinvestitionen im Stromsektor, mußte sich
Fox mit einer weiteren mächtigen Gewerkschaft konfrontieren:
der der Erdölarbeiter. Diese drohten das Land lahm zu
legen, falls ihre Gehaltsforderungen nicht erhört würden.
Der Grundkonflikt jedoch war die juristische Untersuchung über
640 Millionen Pesos, die auf dem Weg vom staatlichen Unternehmen
PEMEX an diese Gewerkschaft verschwanden. Sie wurden letztendlich
für die Wahlkampfkampagne des PRIista Francisco Labastida
im Jahr 2000 eingesetzt.
Das so genannte PEMEXgate stellte sich
jedoch als Bumerang für den Präsidenten heraus und warf ihn auf seinen
eigenen Wahlkampfskandal zurück - hervorgerufen durch
die vom staatlichen Wahlinstitut initiierte Untersuchung
(die immer noch nicht abgeschlossen ist) zu den vermutlich
illegalen Herkünften der Millionenbeträge, die
im Wahlkampf durch die Gruppe “Freunde von Fox” verwendet
wurden.
Ein anderer Spannungsfaktor ist die begonnene
Debatte über
den Gesamthaushalt 2003. Die Opposition und die nationale
Konferenz der Gouverneure haben die Regierung für die
vorgesehenen Kürzungen im Sozialbereich und der Zahlungen
an die Bundesstaaten scharf kritisiert.
Die Zivilgesellschaft ihrerseits organisiert
sich gegen die Wirtschaftspolitik: Mitte November konstituierte
sich
die “mexikanische Gewerkschaftsfront zum Widerstand
gegen Arbeitsreformen und Privatisierung”, und ein
breites Spektrum von sozialen Organisationen kündigte
die Gründung einer “Einheitsfront des Kampfes
gegen neoliberale Politik” an.
Sturm am Horizont
Zwei unmittelbar bevorstehende Gefahren
können dieses
komplizierte Szenario noch verschärfen. Einerseits werden
Anfang 2003 die Handelsschranken für Nahrungsmittelprodukte
unter den Handelspartnern des nordamerikanischen Freihandelsabkommens
(TLC oder NAFTA) fallen. Die Produzenten- und Bauernverbände
haben bereits verkündet, daß diese Maßnahme
für die bereits angeschlagene Situation der mexikanischen
Landwirtschaft den Ruin bedeuten würde, da diese nicht
in der Lage ist, mit der subventionierten Produktion aus
dem Norden zu konkurrieren. Auch wenn die Regierung Maßnahmen
zur Abdämpfung der negativen Folgen angekündigt
hat, sind die Prognosen reichlich pessimistisch.
Andererseits kann die Untersuchung der
Periode des “schmutzigen
Krieges” (70er und 80er Jahre), durch eine von der
Regierung ernannte Spezialstaatsanwaltschaft das Ende der
Straflosigkeit der beiden unter dem vorherigen Regime traditionell
unberührbaren und heute in Frage gestellten Institutionen
bedeuten: der Streitkräfte und der PRI.
Die Strategie des Militärs scheint auf die Säuberung
ihres Erscheinungsbildes zu zielen. Denn genau zu dem Zeitpunkt,
als ein komplettes Bataillon im Norden Mexikos wegen Verbindungen
zum Drogenhandel aufgelöst wurde, verurteilte das Militär
die beiden Generäle Acosta Chaparro und Quirós
Hermosillo, die beide seit zwei Jahren wegen Verbindungen
zum Drogenhandel in Haft sind.
Außerdem müssen die beiden Generäle sich
demnächst mit Urteilen zu den Morden an 143 Personen
in Guerrero während des “schmutzigen Krieges” konfrontieren.
Obwohl sich die Anklagen auf die dokumentierten Anzeigen
der nationalen Menschenrechtskommission (CNDH) beziehen und
diese der Sonderstaatsanwaltschaft eingereicht wurden, hat
die oberste Militärjustizbehörde die Zuständigkeit
der Untersuchungen an sich gezogen. Nationale und internationale
Menschenrechtsorganisationen übten Kritik daran, da
die Militärjustiz keine Garantie für Unabhängigkeit
und Unparteilichkeit gewährt und sie schon immer eine
Quelle der Straflosigkeit für vom Militär begangene
Verbrechen darstellte.
Im Oktober jährte sich zum ersten Mal der Tag der Ermordung
der Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa, ohne daß es
zu einer Aufklärung des Falles gekommen ist.

:: FOKUS
Autonomie: Quelle von Konflikten oder
Weg zum Frieden?
"Die Autonomie
ist kein neues Wort, es hat nur lange gedauert, bis wir begriffen
haben, daß darin unsere Würde liegt"
(Vertreter
des Autonomen Bezirks San Andrés, Oktober 2002)
Historische
Vorläufer
Die Forderung nach Autonomie wurde seit den 80er Jahren zur
zentralen Forderung der indigenen Bewegung des ganzen Kontinents,
die den Weg zur Durchführung des Selbstbestimmungsrechts
der Völker verkörperte. Seit der Gründung
des mexikanischen Staates gab es auf seinem Territorium etliche
Erfahrungen mit Autonomie als einer Form des Widerstandes
gegen eine Staatsform, die die tatsächlichen kulturellen
und sozialen Unterschiede nicht anerkennt.
Der Kampf des
Yaqui-Volkes in Sonora, die Bewegung der Koalition der Arbeiter,
Bauern und Studenten des Isthmus (COCEI) in
Tehuantepec, die Gemeindepolizei oder der Rat der Nahua-Völker
aus Alto Balsas (beide in Guerrero), die Autonomie der Tojolab'al
in Chiapas sind Beispiele für Autonomieerfahrungen vor
Dezember 1994, dem Zeitpunkt, als die EZLN den Militärgürtel
durchbrach und 34 Autonome Bezirke ausrief, die seitdem parallel
zu den offiziellen Bezirken existieren.
Seit April 2001 schweigt die EZLN aus
Protest gegen die Annahme der Verfassungsreform über
indigene Rechte, die sie als einen "Verrat" ansieht.
Das Urteil des Obersten Gerichtshofes im September 2002,
mit dem die von den indigenen Völkern eingelegten Rechtsmittel
gegen diese Verfassungsreform zurückgewiesen wurden,
läßt nicht auf eine baldige Wiederaufnahme des
Friedensprozesses hoffen.
Diese Aussetzung des Dialogs bedeutet
jedoch nicht, daß die
Zapatistas und die anderen indigenen Organisationen paralysiert
sind. Tatsächlich haben sie seit 1994 auf den Aufbau
der Autonomie durch Handlungen gesetzt, ein Prozeß,
der bisher wenig sichtbar ist, sich mit der Zeit aber verfestigt.
Die wichtigsten indigenen Organisationen
des Landes scheinen die gleiche Haltung einzunehmen. Seit
dem Urteil des Obersten
Gerichts haben das Nationale Treffen Indigener Völker
(Guerrero) und das 3. Forum zur Verteidigung der Traditionellen
Medizin (Bundesstaat Mexiko) die indigenen Völker des
Landes dazu aufgerufen, die Autonomie in allen ihren Erscheinungsformen
zu stärken. Im 6. Workshop zur Reflexion und Strategischen
Planung des Nationalen Indígenakongresses (CNI) wurde
beschlossen, die (mit der EZLN vereinbarte) "Politik
des Schweigens" fortzuführen und in die Gemeinden
zurückzukehren "nicht als Besiegte, sondern um
die Verteidigung unserer Gebiete und Identität zu verstärken". Die Autonomie aufzubauen bedeutet auch, in der Schaffung
eigener Regeln und Gesetze fortzufahren, angesichts der neuen
ausführenden Gesetze, die der Verfassungsreform sturzbachartig
folgen werden.
Für das Nationale Indigene Institut
(INI) gibt es eine
neue und andere indigene Forderung, die in der Wiederherstellung
der indigenen Völker von innen heraus, ihrer Selbstbestätigung
als kollektive Subjekte mit ethnischer Verbindung und eigener
Kultur besteht.
Was verstehen wir unter Autonomie?
"Ich weiß nicht genau, was das Wort Autonomie
bedeutet. Womöglich bedeutet autonom sein, frei zu sein,
ich weiß es nicht. Ich erzähle lieber, wie wir
arbeiten, und ihr könnt entscheiden, ob das Autonomie
ist oder nicht."
(Vertreter der Zone Trinitaria, Oktober
2002)
Das Konzept der Autonomie wurde schon
unermüdlich diskutiert.
Manchmal entstehen theoretische Diskussionen darüber,
was Autonomie ist und was nicht. Vielleicht entsteht die
Verwirrung durch die Vielfalt: wir können zwar von einer
Autonomie sprechen, aber es gibt viele Formen, sie auszuüben.
Nach Meinung eines Vertreters des Bezirks
Tila (Chiapas) muß für die Existenz der Autonomie "das
Volk existieren, d.h. eine feste Gruppe von Personen, die
einer
Vereinbarung zustimmen. Dieses Volk hat eigene Charakteristika
in seiner Daseinsform: das Haus, die Lebensweise, die Sprache,
die Art sich zu kleiden, sich zu organisieren, die direkte
Beziehung zur Erde, die Erziehung der Kinder, die Gesundheit,
die Religion, d.h. die Form des Lebens. Die Selbstbestimmung
ist die Möglichkeit, politische, soziale, ökonomische
und kulturelle Bedingungen zu schaffen, um autonom zu werden" (Oktober
2002).
Die Argumente gegen die Anerkennung der
Autonomie wenden ein, daß sie das Land "balkanisieren" und
die Gemeinden in statische, rückständige, geschlossene
Gebilde verwandeln sowie Bräuche festschreiben könne,
die die Menschenrechte verletzen. demgegenüber stellte
Kommandantin Ester von der EZLN in ihrer Rede vor dem mexikanischen
Parlament klar, was für ein Mexiko die Zapatistas wollen: "(...)
eines, wo wir Indígenas Indígenas und MexikanerInnen
sind; wo der Respekt vor den Unterschieden sich die Waage
hält mit dem Respekt vor dem, was uns gleich macht;
wo die Unterschiede kein Motiv sind für Tod, Gefängnis,
Verfolgung, Spott, Erniedrigung, Rassismus; (...) wo in den
entscheidenden Momenten unserer Geschichte all das, was uns
verbindet, nämlich MexikanerInnen zu sein, über
unsere Unterschiede stellen."
Darüber hinaus wird die Autonomie abgelehnt mit der
Vorstellung, sie stehe dem Prinzip der Gleichheit vor dem
Gesetz entgegen. Gegen diesen Standpunkt betonte Adelfo Regino
vom CNI: "Wir Indígenas wollen keine Sonderrechte,
keine Privilegien. Wir Indígenas fordern und wünschen
nicht, uns von diesem Staat abzuspalten oder über den
Gesetzen zu stehen. Das einzige, was wir verlangen, ist die
Anerkennung dessen, was in unseren Gemeinden schon eine Tatsache
ist. (...) Was wir wollen, ist also die Anerkennung einer
Realität, und daß es endlich das gibt, was einige
'juristischen Pluralismus' nennen." (im Bundeskongreß am
28.3.2001)
Der Respekt vor den sogenannten indigenen
Sitten und Gebräuchen
ist eine der umstrittensten Fragen in bezug auf die Anerkennung
der Autonomie. Kritisiert wird die Beibehaltung derjenigen
Bräuche, die die Frauen diskriminieren und die die bestehenden
Ungleichheiten fortschreiben könnten. Es genügt
jedoch, sich daran zu erinnern, daß in den Vereinbarungen
von San Andrés die Respektierung der Menschenrechte
als Bedingung für die Anerkennung indigener Sitten und
Gebräuche festgelegt wurde.
Die EZLN stellte in dieser Hinsicht einen
wirklichen Wandel dar, seit die zapatistischen Frauen ihr
Revolutionäres
Frauengesetz 1993 durchsetzten, in dem sie die Anerkennung
ihrer Fähigkeit zu Entscheidungen und Beteiligung verlangten
und den Kampf für die Anerkennung ihrer Rechte begannen,
der bereits andere indigene Organisationen beeinflußt
hat. Auf diese Weise wird die Forderung nach Autonomie für
viele indigene Frauen zu der Möglichkeit, ihre Situation
der Unterdrückung, in der sie leben, zu ändern: "Wir
sagen, daß die Autonomie eine Form ist, Demokratie
herzustellen, und in einer Demokratie sind alle Stimmen wichtig,
ihr Recht muß respektiert werden, deshalb dürfen
die indigenen Männer uns nicht unsere Freiräume,
das was uns zusteht, wegnehmen, sonst würden sie das
gleiche machen, was die Mestizen mit unseren Völkern
tun, nämlich unsere Rechte mit Füßen treten.
(...) Die Autonomie ist per Definition ein Vorschlag der
Befreiung, deshalb müssen die autonomen Männer,
Frauen und Gesellschaften sich ändern, sich demokratisieren,
intern die Befreiung der Frauen anerkennen" (Margarita
Gutiérrez und Nellys Palomo in "México:
experiencias de autonomía indígena", von
Aracely Burguete).
Die Autonomie auf dem Weg: ein Modell mit vielen Facetten
"Wir haben aus unserer Geschichte und unserem eigenen
Kampf gelernt, daß die Freiheit vor allem und trotz
allem durch ihre Ausübung entsteht"
(Leopoldo de
Gyves in op.cit.)
In Chiapas wurde nicht auf die Umsetzung
der Vereinbarungen von San Andrés gewartet, um den Prozeß des Aufbaus
der Autonomie zu beginnen. Die autonomen zapatistischen Bezirke,
die Autonomen Pluriethnischen Regionen und andere indigene
Bezirke und Gemeinden entscheiden, wie sie sich wirtschaftlich,
politisch und kulturell organisieren. Die Autonomie hat in
jedem dieser Fälle ein anderes Gesicht.
Die Zapatistas üben ihre Autonomie ohne Beziehungen
zur Regierung aus – solange die Vereinbarungen von
San Andrés nicht erfüllt werden – und ohne
sich an Wahlen zu beteiligen. Die Bezirke wählen ihre
eigenen Autoritäten und errichten ihre eigenen Erziehungs-,
Gesundheits- und Wirtschaftsprojekte, mit Unterstützung
der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft.
In diesem Fall bedeutet die Autonomie Widerstand gegen eine
Regierung, die sie nicht anerkennen. Die Beteiligung von
außen erlaubt es, Solidaritätsnetze zu knüpfen
und diejenigen mit einzubeziehen, die sich wegen der großen
Entfernung sonst nicht mit dem Konflikt verbunden fühlen
würden. Andererseits kann eine starke Abhängigkeit
von externer Hilfe dem Überleben und der Entwicklung
der Projekte schaden.
Eine andere Autonomieerfahrung sind
die Autonomen Pluriethnischen Regionen (RAP), die seit Dezember
1994 ausgerufen wurden.
Sie unterscheiden sich von den zapatistischen Bezirken darin,
daß sie staatliche Programme annehmen und sich an Wahlen
beteiligen. Diese Unterschiede haben zu einer Distanz zwischen
beiden Projekten geführt. Auf gleiche Weise ist die
Annahme oder Ablehnung von staatlicher Hilfen eine Quelle
von Spaltungen in den Gemeinden, die oft zur Vertreibung
oder zur Abkehr vom Widerstand führen.
Im Forum über Autonomie, das im Oktober 2002 in San
Cristóbal vom Netz für den Frieden organisiert
wurde (siehe SIPAZ-Aktivitäten), sprachen Vertreter
vieler chiapanekischer Bezirke gemeinsam mit den NGOs über
ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Autonomie.
Im freien Bezirk Nicolás Ruiz ist die tragende Säule
seiner Autonomie eine Regierung, die gemäß der
Sitten und Gebräuche festgelegt wird, sowie eine interne
Gesetzgebung nach Konsens in einer Generalversammlung. In
La Trinitaria entsteht die Autonomie großteils durch
wirtschaftliche Unabhängigkeit; beispielsweise durch
die eigene Entwicklung eines Projekts zur Produktion und
Vermarktung von organischem Kaffee. Für andere ist es
wichtig, mit dem Aufbau der Autonomie in der eigenen Familie
zu beginnen.
Hindernisse und Herausforderungen
Der Aufbau der Autonomie in der Gemeinde,
im Bezirk oder in der Region birgt viele Herausforderungen,
darunter "eine
stärkere Beziehung zwischen den verschiedenen Bezirken
zu unterhalten; eine integrale Autonomie aufzubauen, die
alle Aspekte einbezieht (politische, soziale, bildungsbezogene,
wirtschaftliche, produktive); Prozesse vom persönlichen
zum kollektiven und umgekehrt zu erzeugen; die Rechte der
Frauen und ihre Rolle im Aufbau der Autonomie anzuerkennen;
Respekt zwischen den Gruppen, Gemeinden und Völkern
zu schaffen (Einheit in der Vielfalt) und den Widerstand
aufrechtzuerhalten, ohne auf Provokationen der Aufstandsbekämpfung
hereinzufallen." (Schlußfolgerungen des Forums über
Autonomie, Oktober 2002)
Diese Herausforderungen stehen in einem
wirtschaftlichen, sozialen und politisch-militärischen Kontext auf nationaler
und internationaler Ebene, der gemeinsam mit den Spaltungen
in den Gemeinden die Reichweite der autonomen Projekte behindern
und einschränken kann: "Der schmutzige Krieg, der
vermutlich von den höchsten Rängen der Regierungsstruktur
eingeführt wurde, hat die Gemeinden gespalten, wo der
Gemeindebezug durch den Bezug zur Organisation ersetzt wird,
der am wichtigsten wird. Die Herausforderung der Autonomie
besteht darin, wie die Organisationen Übereinkünfte
finden, um Widerstandsprojekte gegen den gemeinsamen Feind
zu errichten. Die verschiedenen Organisationen, unabhängig
von ihrer politischen Richtung, leben gemeinsam in einem
Gebiet, wo sie Landstraßen, Wasserstellen, Sportplätze,
Infrastruktur, Landkonflikte, Autoritäten und Regierung
etc. teilen und um deren Kontrolle sie sich streiten. Dies
bringt das Risiko ständiger Konfrontationen mit sich.
In Regionen, wo die Positionen einheitlicher sind und es
Vereinbarungen sogar mit einigen PRIistas gibt, funktioniert
die Autonomie. Andererseits wollen einige soziale Organisationen,
die nicht zur EZLN gehören, aber mit ihr das Territorium
teilen, ebenfalls gemäß ihrer Logik die Herrschaft
ausüben, was zum Zusammenstoß von unterschiedlichen
Projekten und Logiken führt. Hier kommt auch die Befehlsgewalt
ziviler, militärischer und traditioneller Autoritäten
ins Spiel." (Bulletin Chiapas al Día, CIEPAC,
6.5.1998)
Die Autonomie kann zu einem Weg werden,
um die Bedingungen für den Frieden zu schaffen, durch die Schaffung von
mehr sozialer Gerechtigkeit in den Gemeinden, wenn die internen
Konfrontationen in ihnen überwunden werden: "Eine
Gemeinsamkeit in allen Erfahrungen mit dem Aufbau der Autonomie
ist die Furcht vor Spaltungen. Wir müssen uns akzeptieren,
wie wir sind, die Vielfalt eines jeden anerkennen und daß wir
auf dem Weg des Lebens immer mehr lernen.(Vertreter von Chalchiuitán,
Forum über Autonomie, Oktober 2002).
Es ist nötig, die Konfrontationen und die Distanz zwischen
den verschiedenen Erfahrungen der Autonomie in Chiapas zu überwinden,
damit diese Unterschiede nicht mehr Quelle der Konflikte
sind, sondern im Gegenteil die Fähigkeit zum Aufbau
von Alternativen geteilt wird und dadurch der Widerstand
und die gewaltfreien Kämpfe gestärkt werden, womit
gleichzeitig die Bedingungen für einen Frieden durch
Tatsachen geschaffen werden.
Andererseits verlangt die Umwandlung Mexikos
in einen multikulturellen und pluriethnischen Staat durch
die Anerkennung der Autonomie,
daß diese die nichtindigene Bevölkerung einschließt: "Die
Autonomie wirkt sich ebenfalls auf die neue Beziehung zwischen
den Völkern, dem Staat und der nationalen Gesellschaft
aus. Es handelt sich um einen Eckstein im Aufbau eines neuen
demokratischen Staates, den die Mexikaner fordern. Die Autonomie
ist ein universeller Wert und nicht das Vorrecht der Indígenas.
Es ist nötig, neue Ausdrucksformen der Autonomie für
die vielen Gemeinden und Gemeinschaften zu erforschen, die
unsere Nation bilden." (CNI, Nie wieder ein Mexiko ohne
uns!, 11.1.1998)

:: AKTIVITÄTEN
VON SIPAZ
September - November
2002
Begleitung
- Zona Norte: Das Team von SIPAZ besuchte mehrere Male
Gemeinden in Tila in der Nördlichen Zone von Chiapas. Obwohl in
El Limar und Miguel Alemán Friedensverträge unterzeichnet
worden waren, war dort, nach der Festnahme von verschiedenen
Mitgliedern der Gruppe "Desarrollo, Paz y Justicia" (Entwicklung,
Frieden und Gerechtigkeit), die Situation besonders angespannt.
Außerdem trafen wir uns mit Regierenden in Tila und
mit Funktionären der Regierung in Yajalón, welche
für diesen Bezirk verantwortlich sind. Auf Bitten des
Menschenrechtszentrums "Miguel Agustín Pro" in
Palenque besuchen wir weiterhin den Anwalt des Zentrums.
- Caravanas: Wir nahmen an zwei Karawanen in die autonomen
Bezirke Olga Isabel (Chilón) und Ricardo Flores Magón
(Ocosingo) teil, Orte, in denen im August Morde an Zapatisten
verübt wurden.
Kontakte und Information
- Wir koordinierten den Chiapasbesuch des Gesandten der
Deutschen Botschaft und trafen uns in San Cristóbal
de las Casas mit der neuen Botschafterin Großbritanniens.
- Die Gruppe betreute verschiedene Delegationen, Journalisten
und andere internationale Besucher, um ihnen die Lage
in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ nahe zu bringen.
- Wir nahmen am Treffen von "Madre Tierra" (Mutter
Erde) teil, welches Anfang September in Ocosingo unter Teilnahme
eines weiten Spektrums von Organisationen aus der Region
durchgeführt wurde.
- In Mexiko Stadt traf sich SIPAZ mit Beratern, Nichtregierungsorganisationen
(NGO's) und Botschaften.
- Wir nahmen als Beobachter am "Ersten chiapanekischen
Treffen gegen Neoliberalismus" teil, welches vom 9.
bis 12.Oktober in San Cristóbal de las
Casas abgehalten wurde.
Interreligiöser Dialog
- Wir trafen uns mit wichtigen religiösen Personen
aus San Cristóbal de las Casas und dem Bezirk Chenalhó,
sowie mit der Gruppe "Grupo Plural Ecuménico".
- Das Austauschprojekt zwischen religiösen Führern
aus Chenalhó und den Friedenskommissionen Nicaraguas
wird weiterentwickelt. Nachdem das Projekt mehrere Monate
in den Gemeinden vorgestellt wurde, fängt nun im
November eine neue Etappe der Fortbildung an.
- Wir nahmen an einem Workshop über Kultur, Spiritualität
und Friedenstheologie teil, welcher am 4. und 5. Oktober
in San Cristóbal de las Casas stattfand.
- Die Gruppe nimmt weiterhin an der Vorbereitung
und Durchführung
von ökumenischen Bittgebeten für den Frieden in
San Cristóbal de las Casas teil.
Ausbildung für den Frieden
- SIPAZ hat eine Reihe von Workshops zur Transformation
von Konflikten für Schüler der CEDECOS
(Zentren für Gemeinschaftsentwicklung) in San Cristóbal
de las Casas und Las Margaritas mitorganisiert.
- Im Oktober besuchten wir einen Workshop zur Positiven
Konfliktlösung
und Gestaltung des Friedens, welcher von der Regierung des
Bundesstaates in Zusammenarbeit mit der "Friedrich-Ebert-Stiftung" einberufen
wurde.
- SIPAZ ist weiterhin am "Netzwerk für den Frieden" beteiligt.
Das ist ein Freiraum für Aktionen und Reflexionen, der
versucht, die Prozesse der Versöhnung und des Friedens
auf der Ebene der Organisationen und Gemeinschaften in Chiapas
zu unterstützen. Eine der jüngsten Aktivitäten
dieses Freiraums war die Verwirklichung eines Mini-Forums
zum Thema Autonomie.
- Wir nahmen an den Folgetreffen des "Ersten nationalen
Zusammentreffens für Frieden, Gerechtigkeit und Würde" (San
Cristóbal de las Casas, 5. - 7. Juli 2002) teil,
das unter anderem der Vorbereitung eines zweiten Treffens
Anfang
des Jahres 2003 dient.
International
- Im Oktober traf sich die Koordinatorin für internationale
Kontakte von SIPAZ mit verschiedenen NGO's und Solidaritätsgruppen
in Washington D.C. und New York. Außerdem traf
sich die Koordinatorin des SIPAZ-Teams in Chiapas im
November
mit verschiedenen Organisationen in Frankreich.

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