:: ZUSAMMENFASSUNG
DES BERICHTES
Bei Redaktionsschluß dieses Berichts
wurde die Entscheidung des mexikanischen Obersten Gerichtshofs
(SCJN) über die im letzten Jahr verabschiedete Verfassungsreform über
indigene Rechte erwartet. Diese war von der EZLN, den Kongressen
der Bundesstaaten mit den höchsten Anteilen indigener
Bevölkerung sowie den wichtigsten indigenen Organisationen
abgelehnt worden, da sie als hinter den Vereinbarungen von
San Andrés zurückbleibend angesehen wurde.
Mehr als 300 Eingaben oder Controversias
Constitucionales wurden vor dem SCJN gegen die Reform präsentiert, ein
ungewöhnliches und historisches Ereignis, da eine Verfassungsreform
noch nie so breit infrage gestellt wurde.
In den letzten Monaten signalisierten
viele Organisationen der Zivilgesellschaft, daß das SCJN die Möglichkeit,
zum Friedensprozeß beizutragen, in den Händen
hält, da die Umsetzung der Vereinbarungen von San Andrés
eine der Bedingungen der EZLN für die Wiederaufnahme
des Dialogs ist.
Die Entscheidung des SCJN wird von den
Akteuren ein Überdenken
ihrer Strategien verlangen. Wenn die Reform als gültig
anerkannt wird, könnte das Urteil von einigen dahingehend
interpretiert werden, daß die politischen und friedlichen
Mittel, diesen Konflikt zu lösen, erschöpft seien.
Es bleibt jedoch immer noch die Möglichkeit, sich an
die internationalen Organisationen wie die Internationale
Arbeitsorganisation, die Interamerikanische Kommission für
Menschenrechte oder die UNO zu wenden. Allerdings ist bekannt,
daß Entscheidungen der internationalen Organisationen
auf nationaler Ebene keine Mittel zur Durchsetzung haben.
Vom 5.-7. Juli 2002 fand in San Cristóbal de las
Casas, Chiapas, das Nationale Treffen für Frieden mit
Gerechtigkeit und Würde statt, an dem mehr als 1000
indigene und nicht-indigene Personen von 285 Organisationen,
23 mexikanischen Bundesstaaten und 13 Ländern teilnahmen.
Das Treffen bot eine Gelegenheit, die
Verbindungen zwischen der indigenen, sozialen und Bürgerbewegung zu festigen.
Das Hauptziel war die Wiederbelebung der zivilen Initiativen
bezüglich des Chiapaskonflikts; die behandelten Themen
gingen jedoch darüber hinaus und bestätigten damit
den nationalen wie auch internationalen Charakter dessen,
worum es in Chiapas geht.
Das erste Thema war der bewaffnete Konflikt
in Mexiko, seine Folgen und der Friedensprozeß. Das zweite Thema war
Demokratie und Rechte der indigenen Völker, das dritte
Thema alternative wirtschaftliche Entwicklung für die
indigenen Gemeinden und Völker. Ein weiteres, viertes
Thema oder auch die Querachse war der Aufbau von Alternativen
der Äußerung und Beteiligung der nationalen und
internationalen Zivilgesellschaft, um Frieden mit Gerechtigkeit
und Würde zu erreichen.
Ein weiterer Aspekt der Stärkung der organisierten
Zivilgesellschaft war der Konflikt in San Salvador Atenco,
wo die Ejidatarios die Enteignung ihres Landes zugunsten
des Baus eines neuen internationalen Flughafens im Bundesstaat
Mexiko ablehnten. Dieser Kampf der die Unterstützung
breiter sozialer Sektoren erhielt, erreichte, daß die
Regierung im August von dem Projekt Abstand nahm.
Die Ablehnung des Plan Puebla Panamá war in dieser
Zeit ein weiterer Sammelpunkt der Bevölkerung. In Veracruz,
Chiapas, Managua und Guatemala trafen sich die sozialen und
indigenen Organisationen Mittelamerikas, um ihre kategorische
Ablehnung des Megaprojekts zu bestätigen. Als Antwort
auf die Kritik erklärten Präsident Fox und der
ehemalige Koordinator des Plans, Florencio Salazar, das nichts
ohne Zustimmung der Bewohner/innen der Region geschehen wird.
Gleichzeitig vervielfachen sich in Chiapas
die Anzeigen der autonomen zapatistischen Gemeinden über den offenkundigen
Anstieg militärischer und paramilitärischer Aktivitäten
im Konfliktgebiet. Es ist sogar die Rede von einer neuen
Gruppierung, der vorgeworfen wird, paramilitärisch zu
sein (OPDIC). Im August wurde eine esorgniserregende Eskalation
der Gewalt in autonomen Bezirken der Selva registriert.
Am 31. Juli 2002 denunzierten die Autoritäten des autonomen
Bezirks Ricardo Flores Magón einen Angriff der OPDIC
im Ejido La Culebra, mit sieben Verletzten auf seiten der
zapatistischen Unterstützungsbasen. Am 7. August wurde
der Zapatist José López Sántiz im autonomen
Bezirk 17. November ermordet. Am 19. August gab es einen
Zusammenstoß mit neun Verletzten an der Kreuzung Quexil
im autonomen Bezirk San Manuel, wo die Unterstützungsbasen
der EZLN einen Kontrollpunkt unterhalten, um den Schmuggel
von Alkohol, gestohlenen Autos und wertvollen Hölzern
zu unterbinden.
Am 25. August wurden in der Siedlung Amaytik
(Ocosingo) zwei zapatistische Autoritäten des autonomen Bezirks
Ricardo Flores Magón umgebracht. Am selben Tag wurde
ein Zapatist im autonomen Bezirk Olga Isabel (Chilón)erschossen.
Dieses letzte Verbrechen war das Werk einer bewaffneten Gruppe
namens "los Aguilares" (die Adler). In der Mehrzahl
der Fälle beschuldigen die Zapatisten bewaffnete, der
PRI nahestehende Gruppen.
Bei Redaktionsschluß dieses Berichts sind die zivilen
Beobachtungsbrigaden noch bei der Untersuchung dieser Vorfälle.
Verschiedene Nichtregierungsorganisationen aus Chiapas erheben
den Vorwurf, daß diese und andere Gewalttaten gegen
die autonomen zapatistischen Bezirke die selben Urheber haben.
Besorgniserregend ist darüber hinaus die Verschlechterung
des Zusammenlebens zwischen Zapatistas und anderen indigenen
Organisationen im Gebiet Selva, wo sich die gegenseitigen
Beschuldigungen und gewaltsamen Konflikte vervielfacht haben. Die Landfrage bleibt weiterhin ein Faktor
ständiger
Spannungen. Der Gouverneur Pablo Salazar erkennt an, daß 80%
der sozialen und politischen Probleme in Chiapas mit landwirtschaftlichen
Themen zusammenhängen. In mehreren Zonen des Bundesstaates
bestehen Brennpunkte , besonders in der Selva. Dazu kommt
die drohende Vertreibung der in der Biosphäre Montes
Azules angesiedelten Gemeinden.
Die Bundesautoritäten ihrerseits erkennen an, daß in
ganz Mexiko ungefähr 5000 Agrarkonflikte existieren.
Aufgrund des Massakers in Agua Fría (Oaxaca) im Juni,
wo bei Agrarkonflikten zwischen Gemeinden 26 Menschen starben
und 42 verletzt wurden, wurde ein interministerielles Organ
geschaffen, um eine Strategie zur Vorbeugung von Agrarkonflikten
bzw. zur Reaktion auf vorhandene auszuarbeiten.
Trotz einiger Fortschritte bleibt
Mexiko ein Sorgenkind nationaler und internationaler
Menschenrechtsorganisationen.
Die scheidende Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary
Robinson, der Repräsentant des UNO-Generalsekretärs
für intern Vertriebene, Francis Deng, und der Präsident
der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte,
Juan Méndez, besuchten Mexiko in den letzten vier
Monaten. Dasselbe taten Amnesty International, die Internationale
Liga für Menschenrechte und die Internationale Zivile
Beobachtungskommission für enschenrechte. Alle stimmten
darin überein, daß die indigenen Völker die
hauptsächlichen Opfer der regelmäßigen Menschenrechtsverletzungen
in Mexiko sind.

EMPFOHLENE AKTIONEN
- Schreiben Sie an Präsident
Fox :
- Ihre Sorge darüber, daß die Verfassungsreform über
indigene Rechte zu einem Hindernis für die Wiederaufnahme
des Friedensprozesses und das Erreichen einer Lösung
des Konflikts in Chiapas geworden ist;
- die Hoffnung der internationalen Gemeinschaft
, daß der
mexikanische Staat, sowohl durch die Exekutive, die Legislative
als auch die Jurisdiktion, die Reform gemäß den
Vereinbarungen von San Andrés und der Verpflichtung
durch Unterzeichnung der ILO-Konvention 169 verändert.
- Ihre Besorgnis über die zunehmenden Militäraktionen
in Chiapas, die nicht zur Entspannung beitragen, sondern
die politischen und sozialen Konflikte im Bundesstaat noch
verstärken.
- Drängen Sie die ILO, den mexikanischen Staat zur
Anpassung seiner Gesetze an die Konvention 169 aufzufordern.
- Drängen Sie die Regierung des Bundesstaates Chiapas,
die jüngsten Gewalttaten in Chiapas sofort, objektiv
und effektiv zu untersuchen und die Verantwortlichen vor
Gericht zu bringen.
- Verbreiten Sie Informationen wie den Inhalt
dieses Berichts über
die Situation in Chiapas und in Mexiko.
Schreiben Sie bitte an:
Lic. Vicente Fox
Presidente de la República
Residencia Oficial de los Pinos
11850 México, D.F., México
Fax: (+52) 55 55 22 41 17
Meinungsseite
im Internet (auf Spanisch)
Dr. Juan Somavia
Director General
Internationale Arbeitsorganisation
4, route des Morillons
CH-1211, Geneva 22, Suiza
Fax: (00-41) 22 917 90 10
cabinet@ilo.org
Lic. Pablo Salazar Mendiguchía
Gobernador del Estado de Chiapas
Palacio de Gobierno, 1er piso
Fax: (+52)-961-61-20917
salazarp@prodigy.net.mx
http://www.pablosalazar.org.mx

:: AKTUELLE
EINSCHÄTZUNG
Zeiten der Entscheidung
für den Konflikt in Chiapas Zeitgleich
mit Veröffentlichung dieses Berichtes wird die Resolution
des nationalen Obersten Gerichtshofes über die im
letzten Jahr verabschiedete Verfassungsreform zur indigenen
Kultur und Autonomie erwartet.
VORLAUF
Die erste Verhandlungsrunde zwischen der Regierung und der
EZLN gipfelte im Februar 1996 mit den Vereinbarungen von
San Andres über indigene Rechte und Kultur. Im selben
Jahr entwirft die Parlamentskommission für Eintracht
und Befriedung (Comisión de Concordia y Pacificación
- COCOPA ) einen Vorschlag zur Verfassungsreform auf Basis
dieser Vereinbarungen.
Nach vielen Wechselfällen wurde das Projekt schliesslich
im Dezember 2000 durch den kürzlich ins Amt gekommenen
Präsidenten Vicente Fox dem Kongress präsentiert.
Im April 2001 verabschiedete der Kongress eine stark vom
Originalvorschlag abweichende Verfassungreform. Sie wurde
von der EZLN, den Kongressen der Bundesstaaten mit mehrheitlich
indigener Bevölkerung und deren Hauptorganisationen
abgelehnt. Trotz allem nahm der Reformprozess seinen Verlauf
und das Gesetz wurde durch die Mehrheit der Stimmen der Bundesstaatsparlamente
schließlich im August 2001 verkündet.
Mehr als 300 Eingaben oder Verfassungsbeschwerden wurden
dem Obersten Gerichtshof präsentiert - ein historischer
und ungewöhnlicher Akt, weil niemals zuvor eine Verfassungsreform
von so vielen Seiten in Frage gestellt wurde. Nach den im
Mai und Juni durchgeführten Anhörungen ist der
Oberste Gerichtshof nun im Begriff sein Urteil abzugeben
Im August war der Gerichtshof noch am
Analysieren, ob er überhaupt die Berechtigung hat, über
Verfassungsreformen zu entscheiden. In den letzten Monaten
haben viele Organisationen der Zivilgesellschaft die Verantwortung
und Chance betont, welche der Oberste Gerichtshof besitzt,
den Vereinbarungen von San Andres Respekt zu verschaffen,
um auf diese Art zum Friedensprozess in Chiapas beizutragen.
Tatsächlich ist die Erfüllung der auf Initiative
der COCOPA ausgehandelten Vereinbarungen von San Andrés
eine der gestellten Bedingungen der EZLN um den Dialog wiederaufzunehmen.
Andere Analysten betrachten das Urteil, das der Oberste Gerichtshof
zu diesem politisch hoch sensiblen Thema ergreifen wird,
als einen Parameter zur Bewertung der tatsächlichen
Gewaltenteilung der mexikanischen Demokratie.
Das Urteil des Obersten Gerichtshofes
eröffnet zwei
mögliche Szenarien: Wenn die Reform für gültig
erklärt wird, würde die Anpassung der ausführenden
Gesetze an den Verfassungstext beginnen. Im Falle, dass der
Gerichtshof das Gesetz für ungültig erklärt,
würde definiert, ab welchem Punkt der Prozess umgearbeitet
werden muss: ab der Diskussion im Bundeskongress, oder ab
der Abstimmung in den Bundesstaatsparlamenten oder ab der
Auswertung der Resultate. Keine Option garantiert allerdings,
dass die Diskussion über den Inhalt des Gesetzes wiederaufgenommen
wird.
Sicher ist, dass diese Entscheidung die
Akteure dahin führen
wird, ihre Strategien zu überdenken. Da die Verfassungsreform
die Definition von Autonomie den Bundesstaatsparlamenten
zuweist, wäre es für die verschiedenen indigenen
Völker des Landes komplizierter, eine gemeinsame Strategie
zu formulieren. Aber es wäre immer noch möglich,
sich an internationale Organisationen wie die Internationale
Arbeitsorganisation (ILO), die interamerikanische Organisation
für Menschenrechte oder an die Organisation der
Vereinten Nationen (UNO) zu wenden. Es ist jedoch bekannt, dass die
Resolutionen der internationalen Organe keine Verpflichtung
zur Umsetzung auf staatlicher Ebene besitzt. Auf der anderen
Seite haben wir in früheren Berichten auf die Gefahr
hingewiesen, dass ein negativer Gerichtsentscheid als die
Ausschöpfung der legalen und friedlichen Wege angesehen
werden könnte. Egal welcher Fall eintritt, die Möglichkeit
einer Wiederaufnahme des Friedensprozesses in Chiapas ist
weit entfernt. Während die EZLN weiterhin die Erfüllung
der drei geforderten Bedingungen verlangt, hat man es immer
noch nicht geschafft, die fünf in Tabasco und Querétaro
inhaftierten zapatistischen Gefangenen frei zu bekommen,
trotz Bemühungen der COCOPA.
Eine schwierige Beziehung
Während man sich ein Ende dieser Sackgasse erhofft,
bewiesen andere Tatsachen ganz klar die Konfrontation zwischen
Staat und den indigenen Völkern, ausgedrückt durch
Mangel an Vertrauen und Kommunikationsschwierigkeiten.
Die Regierung hat ihre Absicht kundgetan,
das nationale Indigene Institut (INI) so zu verändern, dass der Entwurf,
die Ausrichtung und die Überwachung der die indigenen
Völker betreffenden Politiken gänzlich unter ihrer
Verantwortung bleiben. Während des gesamten Monats Juli
suchte man 62 indigene Völker Mexikos auf, um diese
zu befragen, welcher Art von Beziehung sie zum Staat wünschen
und welche Art von Reform sie sich für das INI erhoffen.
Die Befragung mit dem Titel "Indigene
Völker, öffentliche
Politik und Verfassungsreform" wurde von den indigenen
Hauptorganisationen abgelehnt. In der Deklaration von Waut
, dem nationalen indigenen Kongress, der viele der Organisationen
vereint, wird bestätigt: "Wir werden nicht eine
einzige legale und institutionelle Reform akzeptieren, wenn
die drei Signale für den Dialog nicht erfüllt werden."
Selbst die Heiligsprechung des Indios
Juan Diego im Rahmen des Papstbesuches in Mexiko brachte
Polemiken und harte Kritiken
von verschiedenen indigenen Organisationen hervor. Einige
lehnten die Einladung zur Teilnahme an der Zeremonie zur
Heiligsprechung mit dem Argument ab: "Diejenigen,
die die Heiligsprechung Juan Diegos vorantreiben sind keine
Indigenen;
es sind die selben, die sich systematisch der Bewegung und
dem Kampf um die legitimen Rechte der Gemeinschaften widersetzt
haben."
Eine andere heftige Konfrontation war
der Konflikt zwischen der Regierung und den "Ejidatarios" von San Salvador
Atenco, die sich der Enteignung ihrer Ländereien für
den Neubau des internationalen Flughafens im Bundesstaat
Mexico widersetzten. Mit Unterstützung von zwölf
benachbarten "Ejidos" und anderer Sektoren der
Zivilgesellschaft erreichte der organisierte Kampf der (Klein)Bauern
schliesslich, dass die Regierung das Vorhaben aufgab.
Einige Analysten betrachten diesen Konflikt
als eine Warnung für das, was zum Plan Puebla- Panama (PPP) passieren
könnte. Der Widerstand in der Bevölkerung gegen
dieses Projekt ist in den vergangenen Monaten stärker
gestiegen als das Vorankommen des Planes. In Veracruz, Chiapas,
Managua, und Guatemala haben sich soziale Organisationen
zusammengeschlossen um wiederholt ihre kategorische Ablehnung
gegenüber dem Megaprojekt und seiner funktionalen Ausrichtung
auf die strategischen nordamerikanischen Interessen aufzuzeigen.
Und trotz des starken sozialen und umweltorientierten Einschlags
den dieser Plan haben wird: die Bevölkerung ist bei
der Ausarbeitung nicht konsultiert worden.
Verschiedene religiöse und intellektuelle Kreise haben
sich den Kritiken angeschlossen, so dass sich Präsident
Fox und der Ex-Koordinator des PPP, Florencio Salazar, genötigt
sahen zu äussern, dass nichts ohne die Zustimmung der
Bevölkerung dieser Region gemacht würde. Vielleicht
beinhalten diese Zugeständnisse weit entfernt von einem
aufrichtigen Respekt für den Willen der Bevölkerung
- eine Dosis von Realismus: Atenco bewies, dass die Durchführung
von Projekten ohne die Zustimmung der Betroffenen sehr hohe
soziale und politische Kosten haben kann.
Das im Juli in Chiapas realisierte Nationale
Treffen für
den Frieden , die Mahnung des Papstes die Rechte der indigenen
Bevölkerung anzuerkennen und der Sieg von Atenco haben
die Stimmung gehoben: Man spürt das stärkere Vertrauen
der organisierten Zivilgesellschaft in ihre Fähigkeit,
ihre Forderungen zur Geltung zu bringen.
Gefährlicher Anstieg der Gewalt in
Chiapas
Dessen ungeachtet häufen sich die Anzeigen der autonomen
zapatistischen Gemeinden in Chiapas über den erheblichen
Anstieg der militärischen Aktivitäten in der Konfliktzone
(Überflüge, Patroullien, Übergriffe der Armee
gegen die Dörfer).
Auf der anderen Seite melden die zapatistischen
Gemeinden, das Netzwerk der Menschenrechtsverteidiger der
Gemeinden
und die zivile Organisation Las Abejas das Fortbestehen von
paramiltärischer Präsenz, einschliesslich der Gründung
neuer Gruppierungen. Der autonome Bezirk Ricardo Flores Magón
bestätigt die Neugründung der bewaffneten Gruppe
Organisation zur Verteidigung der indigenen und kleinbäuerlichen
Rechte (OPDIC) in Ocosingo, deren Anführer der zur Zeit
amtierende Abgeordnete der PRI Pedro Chulín ist. Anscheinend
ist er auch Führer der vermeintlichen paramilitärischen
Gruppierung, indigene revolutionäre antizapatistische
Bewegung (MIRA).
Im Juli und August wurde ein besorgniserregender
Anstieg der Gewalt in den autonomen Bezirken der lakandonischen
Selva
registriert. Am 31.Juli zeigten die Autoritäten des
autonomen Bezirkes Ricardo Flores Magón einen Überfall
durch die OPDIC auf dem Ejido La Culebra mit dem Ergebnis
von 7 Verletzten auf Seiten der Unterstützungsbasen.
Am 7.August wurde der Zapatist José López Sántiz
im autonomen Bezirk 17. de Noviembre (Altamirano) ermordet.
Am 19. August kam es an der Kreuzung Quexil des autonomen
Bezirkes San Manuel, an der Unterstützungsbasen der
EZLN einen Wachposten unterhalten, um den Verkehr von Alkohol,
gestohlenen Autos und wertvollem Holz zu unterbinden, zu
einer Konfrontation mit neun Verletzten. Am 25. August wurden
zwei Zapatisten und gleichzeitig Autoritäten des autonomen
Bezirks Ricardo Flores Magón in der Siedlung Amaytík
(Ocosingo) ermordet. Am selben Tag wurde ein weiterer Zapatist
im autonomen Bezirk Olga Isabel (Chilón) getötet.
Das letztgenannte Verbrechen soll das Werk einer bewaffneten
Gruppierung Las Aguilares sein. In den meisten Fällen
beschuldigen die Zapatisten der PRI nahestehende bewaffnete
Gruppierungen. Noch während der Fertigstellung dieses
Berichtes forschen die zivilen Beobachtungsbrigaden
weiter zu diesen Taten.
Verschiedene Nichtregierungsorganisationen
aus Chiapas melden, dass diese und andere registrierte -
letztendlich gegen die
autonomen zapatistischen Bezirke gerichtete - Gewalttaten ähnliche
Urheber haben. Ein weiterer besorgniserregender Faktor ist
die offensichtliche Verschlechterung des Zusammenlebens von
zapatistischen und anderen indigenen Organisationen insbesondere
in dem Gebiet der Cañadas (Selva). Häufig kommt
es zu gegenseitigen Beschuldigungen zwischen den Autoritäten
der autonomen Bezirke und den Führern von ORCAO, ARIC
Independiente, FOS, etc.. Die Versionen über die jeweils
von der anderen Gruppe begangenen Gewalttaten widersprechen
sich.
Bereits vor dieser erst kürzlichen Gewalteskalierung
kritisierten viele Organisationen die Bundesstaatsregierung
nicht tatkräftig gehandelt zu haben. Seinerseits erklärte
der Gouverneur Salazar der Internationalen Zivilen Kommission
zur Menschenrechtsbeobachtung (CCIODH), dass sich seine Strategie
in zwei Phasen gliedert: in der ersten sollen Politiken zur
Versöhnung von Gemeinden angeregt und später die
Straflosigkeit bekämpft werden.
In diesem Interview betonte der Gouverneur
auch seine Aktionen zur Demontage des repressiven Apparates
(mit der Verhaftung
von einem Ex-Staatsanwalt und 25 Polizeichefs) als auch die
gerichtliche Strafverfolgung von 88 Ex-Bürgermeistern,
die Verhaftung von hohen Ex-Funktionären und die Haftbefehle
wegen Korruption gegen mehr als 20 % des Kabinetts des früheren
Gouverneurs.
Die Landfrage bleibt ein ständiger Spannungsfaktor.
Pablo Salazar anerkennt, dass 80 % der sozialen und politischen
Probleme in Chiapas mit der Agrarfrage zusammenhängen.
Es existieren Brennpunkte in verschiedenen Zonen des Bundesstaates,
hauptsächlich in der Selva, die meisten könnten
zu Tod, Verletzung oder Entführung führen. Dazu
kommt die Gefahr der Vertreibung von Gemeinden aus der Biosphäre
von Montes Azules und die latente Gewalt im Gebiet von Chimalapas
(Grenze zu Oaxaca).
Staatliche Institutionen erkennen an,
dass ungefähr
5000 Agrarkonflikte in Mexiko existieren (362 unter ihnen
mit dem Risiko von sozialen Explosionen), die hauptsächlich
in Verbindung mit den indigenen Bevölkerungen stehen.
Das Massaker in Agua Fría (Oaxaca) im Juni, welches
26 Tote und 42 Verletzte wegen Landkonflikten unter Gemeinden
erforderte, erregte weitere Aufmerksamkeit, so dass eine
Sitzung von Staatssekretären der Regierung, des Verteidigungs,
Umwelt- und Naturministeriums, sowie des Ministeriums für
Agrarreform und soziale Entwicklung gerechtfertigt war. Gemeinsam
mit den Regierungen verschiedener Bundesstaaten wurde eine
Institutionen übergreifende Strategie zur Prävention
und Antwort auf mögliche Agrarkonflikte entworfen.
Trotz der Anstrengungen: Mexiko fiel in Sachen Menschenrechte
durch
Mitte Juni wurden durch erste Anwendung des kürzlich
verabschiedeten Gesetzes zur Transparenz die Dokumente über
den Schmutzigen Krieg in Mexiko (70 und 80iger Jahre) veröffentlicht.
Fox stand der Öffnung dieser besagten Archive in einer
Zeremonie vor und versicherte, dass sich die Regierung auf
der Suche nach der Wahrheit und der Anwendung des Gesetzes
befände, aber dass es weder Platz für Vergeltung,
noch Revanchismus oder Hohn geben dürfe. Die Menschenrechts-NGOs
kritisieren, dass die speziell zur Erforschung dieses Zeitraumes
eingerichtete Staatsanwaltschaft eine begrenzte Funktion
hat, da sie ja weder Institutionen verurteilen könne
noch festlegen würde, ob sich die Taten in die damalige
Politik des Staates einfügten.
Ein anderes positives Signal war die Einrichtung
von zwei neuen Abteilungen - eine im Staatsministerium der
Regierung,
das andere bei der Bundesstaatsanwaltschaft - für die
Bearbeitung zu Angelegenheiten bei Menschenrechtsverletzungen,
vielleicht als Ergebnis des Runden Tisches zwischen der Bundesstaatsregierung
und den NGOs, die eine Menschenrechtspolitik des Staates
einfordern.
Trotz dieser Fortschritte erhielt die
Bundesregierung auch in den letzten Monaten weiterhin kritische
Berichte sowohl
von nationalen als auch internationalen Einrichtungen zu
Menschenrechtsverletzungen. Im August veröffentlichte
das Menschenrechtszentrum Miguel Augustín Pro seinen
Bericht über Folter im ersten Halbjahr 2002, der die
Folterungen von Polizisten und Militarangehörigen an
35 Personen registriert, darunter 13 an Minderjährigen
und 2 von Militärs begangene Vergewaltigungen an indigenen
Frauen.
Mexiko ist auch weiterhin Gegenstand von
Besorgnis bei internationalen Menschenrechtseinrichtungen.
Die gerade ausscheidende Hohe
Kommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, der Sonderberichterstatter
zu internen Vertriebenen der Vereinten Nationen, Francis
Dreng, und der Präsident der Interamerikanischen
Kommission für Menschenrechte (der Organisation Amerikanischer
Staaten, OAS) Juan Méndez besuchten von April bis
Juni Mexiko (die beiden letztgenannten auch Chiapas).
Im Juni präsentierte Amnesty International seinen Jahresbericht
2001 in welchem Missbrauch und Ungerechtigkeiten in Mexiko
dokumentiert sind. Der Abgesandte für Mexiko besuchte
auch Chiapas. Durch ihn gab auch die Internationale Förderation
für Menschenrechte den Bericht der Beobachtungsreise
Ende 2001 über indigene Bevölkerungen bekannt.
Er stufte die Verfassungsreform für die indigenen Rechte
und Kultur als "im Vergleich mit dem Inhalt und dem
Geist der Vereinbarungen von San Andrés Larrainzar
und den Vorschriften des internationelen Abkommens 169 der
ILO" als ungenügend ein, da diese "nicht dem
Ziel der Befriedung beiträgt". Auch die Internationale
Zivile Kommission zur Menschenrechtsbeobachtung (CCIODH) bereiste Mexiko und besuchte Chiapas um ihren Bericht über
die zu Beginn des Jahres durchgeführte Beobachtungsreise
zu präsentieren. Dort wird bestätigt, dass sich
auch mit den neuen Regierungen wenig in Bezug auf die indigene
Bevölkerung geändert hätte, da diese auch
weiterhin die Hauptopfer von Menschenrechtsverletzungen darstellte.
 :: FOKUS
Nationaler Kongress
für den Frieden: die Zivilgesellschaft lädt Chiapas
mit neuer Energie
Vom 5. bis 7. Juli fand in San Cristóbal
de las Casas, Chiapas, ein nationaler Kongress für den
Frieden mit Gerechtigkeit und Würde statt, an dem sich
mehr als 1000 Personen (Indígenas sowie Nicht-Indígenas)
aus mehr als 285 Organisationen aus 23 Bundesstaaten und
13 Ländern beteiligten.
Ziel des Kongresses war, die Zivilgesellschaft
erneut zu ermuntern, als Initiatorin von Vorschlägen zur Lösung
des Konflikts in Chiapas aufzutreten, mit einem Schwerpunkt
auf der Verteidigung der Abkommen von San Andres zu indigenen
Rechten und Kultur.
Aus diesem Ansatz ergab sich, daß schwerpunktmässig
zu drei Themen gearbeitet wurde: als erstes der bewaffnete
Konflikt in Mexiko, seine Konsequenzen und der Friedensprozess,
als zweites das Thema Demokratie und Rechte der indigenen
Bevölkerung; als drittes alternative wirtschaftliche
Entwicklung der indigenen Gemeinden, Bezirke und Völker.
Ein viertes Thema, bzw. die Achse um die sich die anderen
drei Themen drehten, war die Erzeugung von alternativen zivilen
Möglichkeiten, sich auf nationaler sowie internationaler
Ebene auszusprechen und zu beteiligen, um einen Frieden mit
Gerechtigkeit und Würde zu erreichen.
Zeitpunkt und Gründe für den
Kongreß
Aufgerufen hatte Samuel Ruiz - emeritierter
Bischof von San Cristóbal de las Casas - gemeinsam mit anderen
Persönlichkeiten und Mitgliedern der ehemaligen Comision
Nacional de Intermediación (Nationale Vermittlungskommission
Conai), dem sich dann andere zivile, intellektuelle Organisationen
und Repräsentanten verschiedenster sozialer Gruppierungen
anschlossen. Entstanden war die Idee während einer Reihe
von Treffen in Mexiko Stadt, die zum Ziel hatten, den Boden
für einem neuen Impuls für den Frieden zu bereiten.
Laut Miguel Alvarez von SERAPAZ (Unterstützung und
Anleitung für den Frieden) "besteht ein weiterer
Grund für die Entstehung des Kongresses darin, dass
auf kurze Sicht nicht absehbar ist, wie der Dialog wieder
aufgenommen werden könnte...aus der Zivilgesellschaft
heraus muss wieder Aufmerksamkeit auf den Konflikt in Chiapas
gelenkt werden, da sich dieser augenblicklich in Augen vieler
auf Probleme innerhalb der Gemeinden beschränkt. (Hoy
4/7/02)
Nach Meinung von Felipe Toussaint von
der Kommission zur Unterstützung kommunitärer Einheit und Versöhnung
(CORECO) und Mitorganisator des Kongresses, hat nach den
grossen Initiativen der Jahre 94-96 die öffentliche
Mobilisierung zugunsten einer friedlichen Lösung in
Chiapas stark nachgelassen.
Das Massaker von Acteal 1997 löste bedeutende Reaktionen
aus, aber 1998 nach den Schlägen gegen die autonomen
Gemeinden fiel sie in sich zusammen. Die Wahlen von 2000
trugen das ihrige dazu bei, die Zivilgesellschaft zu spalten,
nichtsdestotrotz gab es Anfang 2001, als die Zapatisten nach
DF marschierten, bedeutende Mobilisierungen.
Dennoch haben der Rückzug und das lange Schweigen der
zapatistischen Führung nach der Annahme der indigenen
Reform (die von den Acuerdos de San Andres abweicht) zu einem
Stillstand geführt, der sich aller Wahrscheinlichkeit
nach fortsetzen wird, bis das oberste Gericht (SCJN) eine
Entscheidung über die gegen das Gesetz vorgelegten Rechtsmittel
fällt. In dieser entscheidenden Phase, so Toussaint, "war
es wichtig, daß die Zivilgesellschaft sagt: hier sind
wir und wir haben die Absicht, weiter am Friedensprozess
zu arbeiten, als Akteure, die am Friedensprozess beteiligt
sein müssen".
Gonzalo Ituarte, ehemaliges Mitglied der
CONAI, meint dazu: "Die
Regierung Fox hat zur Zeit weder ein Verständnis des
Konflikts noch des Friedensprozesses, noch der indigenen
Problematik und seiner tiefer liegenden Ursachen... Im Augenblick
sind keine Kräfte mehr verfügbar und in Chiapas
polarisiert sich die Lage, und das soziale Netz zerbricht.
Mit dem Frieden, von dem Fox auf seinen Auslandsreisen spricht,
ist anscheinend nur das Schweigen der Waffen gemeint und
es scheint nicht angekommen zu sein, daß der Konflikt
weiter besteht, daß die Armee in ihren Positionen verbleibt,
die EZLN weiter bewaffnet ist, die Kriegserklärung weiter
Gültigkeit hat und das Problem der Paramilitärs
ebenfalls weiter besteht. Solange die Verantwortlichen aus
Politik, Wirtschaft und der Armee, unter deren Schutz diese
Gruppen entstanden sind, nicht bestraft werden, ist es schwer
zu glauben, daß auch nur die minimalen Bedingungen
für Friedensgespräche gegeben sind.
Abwesenheit, Schweigen und Streit
Die Organisatoren verschickten auch an
die EZLN einen Brief, um sie über die Durchführung des Kongresses aufmerksam
zu machen und um ihre Unterstützung zu bitten, die zapatistischen
Basen teilnehmen zu lassen; ebenfalls erklärten sie,
daß es nicht ihre Absicht sei, Druck auszuüben,
daß die EZLN ihre derzeitige Strategie ändere.
Die EZLN hat sich dann aber weder für noch gegen den
Kongreß ausgesprochen, obwohl die Beteiligung von Sympathisanten
und zapatistischen Unterstützern unübersehbar war.
Toussaint erklärte dazu: "Evtl. war das Interesse
der EZLN, zu sehen, welche Ergebnisse der Kongreß bringt
und wieviele Leute sich beteiligen. Und zu sehen, ob die
Zivilgesellschaft weiterhin fähig ist, sich zu mobilisieren
oder nicht, weil die EZLN sich von Beginn an - als die "Gewehre
schwiegen", wie sie sagen - und eine politische und
verhandelte Lösung des Konflikts gesucht wurde, auf
die Zivilgesellschaft stützten wollte."
Die Regierung Mexikos und die Regierung
von Chiapas schienen dem Kongreß zunächst wohlwollend gegenüber
zu stehen. So erklärte der Regierungssekretär Santiago
Creel,:" ich hoffe die Debatten in San Cristóbal
de las Casas tragen dazu bei und bereichern die Reflexionen
und Diskussionen über ein Thema, das analysiert werden
muß, das ständiger Reflexion bedarf" (Diario
de Chiapas, 5/7/02). Der Regierungssekretär von Chiapas
Emilio Zebadua sagte: "sicherlich wird klarer werden,
was sie (die TeilnehmerInnen) für nötig halten,
damit die EZLN ihr Schweigen bricht und ein Zeichen sendet,
das die Rückkehr zum Dialog ermöglicht. (expreso,
11/7/02).
Dennoch gab es in den Tagen vor der Eröffnung zunehmend
Spannungen. In einer Pressekonferenz drückten die Veranstalter
ihre Besorgnis darüber aus, daß die Regierung
von Chiapas "versucht diese Leistung der Zivilgesellschaft
zu vereinnahmen, indem sie sie so darstellt, als wäre
sie aus gemeinsamen Kräften heraus entstanden, oder
versucht sich die Initiativen, die von diesem Kongreß ausgehen,
auf die eigene Fahne zu schreiben. Außer sich abzugrenzen,
machten sie klar, es nicht zulassen zu wollen, daß die
Regierung von Chiapas Druck auf den Kongreß ausübt,
um über diesen Umweg Druck auf die Zapatisten auszuüben.
Obwohl dann auch Regierungsfunktionäre als Beobachter
oder Teilnehmer anwesend waren, fragte der Gouverneur von
Chiapas Salazar schon wenige Tage nach dem Kongreß: "Sie
machen sich was vor, es sind Wahnsinnige, die glauben, in
Chiapas ließe sich ein Prozeß der Versöhnung
in Opposition zur Regierung konstruieren, genauso wenig wie
ein Prozeß, der die Regierung außer Acht läßt
sowie einer, der die Regierung zu isolieren versucht". "Das
waren Friedensvorschläge in der Sprache des Krieges,
Vorschläge der Versöhnung, die die Regierung isolieren".
(Expreso, 11/7/02).
Nach Meinung von Toussaint, "vergißt Pablo Salazar,
daß diese rganisationen, die ihm auf die eine oder
andere Weise geholfen haben, an die Macht zu kommen, gleichzeitig
ihrer Position treu blieben, gegenüber den Regierungsinstanzen
autonom zu handeln, um weiterhin mobilisieren zu können
und weiterhin mit Sektoren im Austausch zu bleiben, die in
Opposition zur Regierung stehen. (.) Der Friedensprozeß liegt
in der Verantwortung aller, alle haben ihre Funktion, und
wir, die Zivilgesellschaft, haben unsere Funktion und wir
sind nicht darauf angewiesen, zu warten, daß die Regierung
uns sagt, was wir tun sollen".
Erreichtes, Perspektiven und Fragen
In quantitativer Hinsicht war der Kongreß ein voller
Erfolg. Der Historiker Andrés Aubry bezeichnete den
Kongreß als einen Baustein für den Frieden: die
Beteiligung von mehr als 1000 Personen aus allen Sektoren
war ein Beweis, daß die Zivilgesellschaft nicht passiv
ist. "Die Menschen reagierten auf diesen Kongreß,
kamen von überall her und das in großer Zahl (.)
(der Kongreß) zeigt, daß die sogenannte Zivilgesellschaft
reagieren wird, wenn es zu einem Notfall kommt" (Expreso,
10/7/02).
Laut Felipe Toussaint war ebenfalls ein
Erfolg, daß über
die Verteidigung der Abkommen von San Andres hinaus viel
Arbeit geleistet wurde, sich zu anderen Themen wie z.B. den
Wirtschaftsaspekten zu artikulieren (insbesondere der Kampf
gegen den Plan Puebla Panama und gegen das ALCA) sowie ebenfalls
zu Initiativen aus anderen Sektoren.
Die TeilnehmerInnen beschlossen, die Ergebnisse
des Kongresses den Richtern der SCJN zu übergeben (am 14 Juli) und
einen weiteren Kongreß in sechs Monaten zu organisieren,
evtl. im Bundesstaat Guerrero, um den nationalen Charakter
des Prozesses zu unterstreichen.
Über die erste Begeisterung und den offensichtlichen
Erfolg der Veranstaltung hinaus, bleiben Fragen über
die Zukunft dieser Initiative, vor allem in Bezug auf seine
Wirkung auf die politischen Handlungsträger und auf
die Kontinuität der eingeschlagenen Richtung. Viel wird
davon abhängen, ob die Organisationen fähig sind,
gemeinsame Strategien zu formulieren, um die Beschlüsse
in die Tat umzusetzen; vor allem in der Etappe nach dem Beschluß des
SCJN.
Die wichtigsten Entscheidungen
Die Ergebnisse der 3 Arbeitsgruppen lassen sich in 11 Punkten
usammenfassen:
- daran arbeiten, daß alle zivilen Kräften sich
daran orientieren, Bedingungen für den Frieden zu
schaffen, die die Menschenrechte respektieren und die
die Demokratie
aufbauen.
- auf die Erfüllung der Abkommen von San Andrés
zu beharren, aufbauend auf der Forderung nach Erfüllung
der drei Bedingungen der EZLN
- im Kampf gegen die Militarisierung und
Paramilitarisierung die zivile Beteiligung und Beobachtung
stärken, für
die Freiheit der politischen Gefangenen und Schaffung der
Bedingungen für eine Rückkehr der Vertriebenen.
- gleichermaßen Frauen und Männer in alle Prozesse
und Projekte einbeziehen, die den Aufbau des Friedens begünstigen.
- den Ernst des Kriegszustands und der
Konflikte, wie auch die Notwendigkeiten für einen echten Frieden auf nationalen
Niveau öffentlich machen.
- den Prozeß der Autonomie und des Widerstands der
Indigenen Völker stärken.
- Prozesse der Vereinigung mit und der
Beteiligung der Zivilgesellschaft auslösen, um den
Frieden und die Demokratie aufzubauen.
- politische Werte verbreiten, die auf
dem Prinzip von befehlend gehorchen aufbauen und die
kulturelle Vielfalt
respektieren.
- die Beteiligung der mexikanischen Zivilgesellschaft
im kontinentalen und internationalen
Kampf und gegen neoliberale
Globalisierungsprojekte wie das Freihandelsabkommen
(TLCAN/ NAFTA), den Plan Puebla Panamá (PPP),
das amerikanische Freihandelsabkommen
(ALCA/ FTAA) forcieren.
- den Kampf gegen die Privatisierungen
stärken, die
in Artikel 123 der Verfassung enthaltenen Rechte der Arbeiter
verteidigen und den ursprünglichen
Charakter des Artikels 27 (Ejodo-Gesetz)
wiedererlangen.
- wirtschaftliche Alternativen erzeugen,
die die Autonomie sowie die biologische
und kulturelle
Vielfalt fördern.
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SIPAZ-Aktivitäten
Juni bis August
2002
Begleitung
- Das SIPAZ-Team unternahm verschiedene
Besuche in Gemeinden der Bezirke Tila und Sabanilla, beide
in der nördlichen Zone von Chiapas. Seit dem Wechsel
der Bundes- und der Bundesstaatsregierung hat
sich die Situation beruhigt, aber das Mißtrauen zwischen
den Gruppen bleibt bestehen. SIPAZ unterhält
Beziehungen zu den verschiedenen politischen und religiösen
Akteuren, um Raum zu schaffen für
Entspannung, Respekt und Annäherung. In El Limar besuchten
wir Leute früher entgegengesetzten Gruppen angehörten
um uns deren Hoffnungen und Befürchtungen angesichts
der Wiedereröffnung der Kirche anzuhören. In
verschiedenen Gemeinden sprachen wir mit Gruppen von Flüchtlingen
und zapatistischen Unterstütztungsbasen. Wir trafen
uns auch mit Gemeinderäten in Tila und Sabanilla sowie
mit Regierungsfunktionären in Yajalón, die
die Bezirke Tila und Sabanilla betreuen.
- Auf Bitte des Menschenrechtszentrums
Miguel Agustín
Pro besucht SIPAZ regelmäßig dessen Anwalt
in
seinem Büro in Palenque. Seit der Ermordung von
Digna Ochoa (Oktober 2001) erhielten verschiedene
Menschenrechtsverteidiger/innen Drohungen.
Kontakte und Information
- SIPAZ traf sich in Mexiko-Stadt mit
Beratern, Nichtregierungsorganisationen und Botschaften.
- Das Team empfing in San Cristóbal verschiedene
Delegationen, Journalist/inn/en und andere
internationale Besucher/innen, um ihnen die augenblickliche
Lage in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ
darzulegen.
- Wir beteiligten uns auch am Nationalen
Kongress für
Frieden mit Gerechtigkeit und Würde, welcher vom 5.
bis 7. Juli in San Cristóbal stattfand.
Interreligiöser Dialog
- Wir hielten Kontakt mit religiösen Akteuren von
San Cristóbal de las Casas, dem Bezirk Chenalhó und
der Pluralen Ökumenischen Gruppe.
- Das Austauschprojekt zwischen religiösen Führer/Innen
von Chenalhó und den
Friedenskommissionen in Nicaragua entwickelt sich weiter.
In den letzten Monaten besuchten die
Delegierten, die im September 2001 in Nicaragua gewesen
waren (Presbyterianer und Abejas aus
Chenalhó, ein protestantischer Missionar, eine
katholische Nonne und SIPAZ) , zehn Gemeinden in
Chenalhó, um in Gemeindeversammlungen das Projekt,
die Erfahrungen der Reise nach Nicaragua
sowie die Friedenskommissionen dort vorzustellen, sowie
den Gemeinden zuzuhören. An diesen
Versammlungen nahmen insgesamt etwa 700 Männer,
Frauen und Kinder unterschiedlicher christlicher
Herkunft und politischer Richtungen teil.
- SIPAZ stellte das Projekt auch an einem
Treffen der CODIMUJ (Diözesanen Frauenkommission
der katholischen Kirche) vor.
- Darüber hinaus nahmen wir am Forum über das
Recht der freien Religionsausübung teil, eine
bundesweite Veranstaltung, die in Chiapas vom Staatssekretariat
für Religiöse Angelegenheiten der
Regierung von Chiapas organisiert wurde.
- Wir beteiligten uns an der Konferenz
zu Christentum und Islam, die von der Gesamtmission
Chiapas der
Nationalen Presbyterianischen Kirche von Mexiko organisiert
wurde.
- Das Team beteiligt sich weiterhin an
der Vorbereitung und Durchführung ökumenischer Gebete für
den
Frieden in San Cristóbal de las Casas.
Workshops und Friedenserziehung
- SIPAZ war an einer Seminarreihe zum
Thema Konflikttransformation für die Schüler/innen
der Zentren
kommunitärer Entwicklung (CEDECOs) in San Cristóbal
de las Casas und Las Margaritas beteiligt. Die
Teilnehmer/innen sind Jugendliche, mehrheitlich Indígenas,
die in den CEDECOs eine berufliche Bildung
bekommen.
- Außerdem führten wir Seminare zur Konflikttransformation
für die Mitglieder der Organisation Melel
Xojobal durch. Die Seminare wurden angefragt, um ihre
Arbeit mit Straßenkindern zu verbessern, die
viele Formen von Gewalt erleben.
- SIPAZ beteiligt sich weiterhin am Netzwerk
für den
Frieden, welches Aktion und Reflexion, der
Friedens- und Versöhnungsprozesse auf organisatorischer
und Gemeindeebene in Chiapas unterstützt.
International
- SIPAZ nahm teil am VII. Regionalen
Kongreß der
Friedensstifter/innen, der vom Regionalen Netzwerk für
Frieden und Gerechtigkeit (Mexiko, Zentralamerika, Kolumbien
und Karibik) vom 8.-10. August in El
Salvador organisiert wurde.

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