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ZUSAMMENFASSUNG DES BERICHTES
Die Situation in Chiapas und bundesweit
hat sich in den vergangenen Monaten nicht grundlegend geändert,
weder was das Thema der Verfassungsreform über indigene
Rechte angeht, noch bezüglich der Menschenrechtssituation.
Und ebensowenig gibt es Verbesserungen bezüglich der
Landfrage und den damit verbundenen sozialen Konflikten.
Es wird immer noch die Entscheidung des
Obersten Gerichtshofes über
die 300 Verfassungsbeschwerden erwartet, die gegen die vor
einem Jahr verabschiedete Reform über indigene Rechte
eingelegt wurden. Die Einzelanhörungen werden bis zum
15. Juni abgeschlossen sein. Mit dem Ergebnis der Verfassungsbeschwerden
werden von indigenen und sozialen Organisationen große
Erwartungen verbunden
Im Februar haben 168 Abgeordnete erneut
die Gesetzesvorlage der COCOPA über indigene Rechte und Kultur in den Kongreß eingebracht,
es ist aber wenig wahrscheinlich, daß sie vor einem
Wechsel der Legislative, also vor 2003 verabschiedet wird.
Außerdem steht der Spruch der Internationalen
Organisation für Arbeit ILO zu den Beschwerden aus,
die gegen Mexiko wegen Verletzung der Konvention 169 über
indigene Völker
und Stämme eingereicht wurden. Die Beschwerden wurden
im März von der ILO angenommen und es wird erwartet,
daß eine verurteilende Resolution zur verabschiedeten
Reform über indigene Rechte für den mexikanischen
Staat eine moralische Sanktionierung darstellt, die die Legitimität
der Reform zusätzlich in Frage stellt.
Trotz der Regierungswechsel auf bundesweiter
und landesweiter Ebene vor über einem Jahr hat sich
die Menschenrechtssituation nicht bedeutend verbessert.
Der für die Rechte indigener Völker zuständige
Sonderberichterstatter der UNO, R. Stavenhagen, erklärte,
daß Mexiko systematisch die Rechte seiner indigener
Völker verletze. Der Sonderberichterstatter für
die Unabhängigkeit von Richtern und Rechtsanwälten,
P. Cumaraswamy unterstrich seinerseits in dem Mexikobericht,
daß die Korruptionsrate für Bundesrichter zwischen
50% und 70% läge und daß die Straflosigkeit fortbestünde
Das Menschenrechtszentrum "Miguel Agustín Pro" kritisiert
in seinem Jahresbericht 2001, daß auch unter der Regierung
Fox die Polizeikräfte Folter und Gewalt anwenden würden.
Zu einer ähnlichen Schlußfolgerung gelangte das "Erste
bundesweite Diagnostico über Folter", welches im
April von der offiziellen Menschenrechtskommission CNDH präsentiert
wurde
Ein halbes Jahr nach der Ermordung der
Anwältin Digna
Ochoa sind die Untersuchungen nicht wesentlich weitergekommen
und der Generalstaatsanwaltschaft von Mexiko City zufolge
reichen die Hypothesen "von der Möglichkeit
eines Selbstmords bis hin zu einem Staatsverbrechen"
Ein kleiner Lichtblick in diesem düsteren Panorama:
Mexiko hat das zweite Abkommen mit dem Büro der Hochkommissarin
für Menschenrechte unterschrieben, um den zweiten Teil
des Programms über technische Zusammenarbeit zu beginnen,
welches die Eröffnung eines ständigen Büros
des UNO-Organs in Mexiko und die Ausarbeitung einer Analyse
zur Menschenrechtssituation im Land beinhaltet
Örtliche Menschenrechtsorganisationen haben staatliche
Stellen in Chiapas für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich
gemacht. Der Gouverneur Pablo Salazar wiederum kritisierte
die Arbeit dieser Organisationen
Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen
kritisierten die Spannungen im Biosphärenreservat Montes Azules. Es kursieren
laufend Gerüchte über die unmittelbar bevorstehende
Vertreibung der dort ansässigen indigenen Gemeinden
aus dem Naturschutzgebiet. Gouverneur Salazar selbst kritisierte
den Bundesanwalt für Umweltschutz dafür, die Gemeinden
zwangsräumen lassen zu wollen, und kündigte an,
die Landesregierung werde das nicht zulassen. Es ist jedenfalls
problematisch, in einer Region, in der es großen Bedarf
an Land gibt, strikte Naturschutzgesetze anzuwenden
Und der Bedarf nach Land wird weiterbestehen,
solange es keine strukturellen Lösungen gibt, die alle Aspekte
der Landfrage mit einbeziehen: das Bevölkerungswachstum,
die endlichen natürlichen Ressourcen, die Ausbreitung
der Viehzucht, die Schwierigkeiten einer effizienteren Landbewirtschaftung
und fehlende Ausbildung und Arbeitsplätze für die
indigene Bevölkerung in anderen Sektoren
Für Präsident Fox bestünde die Lösung
dieser Probleme im Plan Puebla- Panama, welcher als das Entwicklungsmodell
für den Süden Mexikos und Mittelamerikas schlechthin
präsentiert wird. Dieser Plan wird jedoch von sozialen
Organisationen und NGOs kritisiert und als funktional für
die strategischen Interessen Nordamerikas und für das
herrschende neoliberale Wirtschaftsmodell betrachtet. Und
er steht in der Kritik, weil trotz seiner weitreichenden
sozialen und ökologischen Folgen die indigenen Völker
nicht in die Ausarbeitung des Plans mit einbezogen wurden
In Chiapas dominiert nach 8 Jahren Konflikt
und 6 Jahren Stillstand der Friedensverhandlungen die Logik
der Konfrontation
und der sozialen, politischen und auch religiösen Intoleranz.
Die Landesregierung spricht von interkommunitären Problemen
in mindestens 40 Gemeinden in den Landkreisen Ocosingo, Altamirano
und Las Margaritas.
Die Gründe für diese Konflikte, die bis in Organisationen
hineinreichen, die früher vereint waren, sind zahlreich:
die Beziehungen zur Landes- und Bundesregierung, die Annahme
oder Verweigerung von Regierungsprogrammen und Beihilfen;
die verschiedenen Formen im Aufbau der Autonomie, Landkonflikte,
Konflikte um die politische Kontrolle über jeweilige
Territorien, ideologische und religiöse Differenzen,
usw. Die wachsenden Gegensätze führen oft dazu,
daß Streitigkeiten gewaltsam ausgetragen werden. Und
der Preis dafür ist hoch: Vertriebene, Verletzte, Entführungen
bis hin zu Toten
Die Bundesregierung scheint die Strategie
zu verfolgen, mittels Hilfsprogrammen und nachgeordneter
Gesetze das Fehlen
von Vereinbarungen mit den Zapatisten wettzumachen. Die EZLN
dagegen hält weiterhin hartnäckig am Schweigen
fest, wehrt sich gegen jedwede einseitige Lösung und
setzt auf aktives Handeln, auf den Aufbau von Autonomie,
ausgehend von ihrer Basis in den Gemeinden. Das beinhaltet
unter anderem, keine "Almosen von der Regierung" anzunehmen,
und jene zu kritisieren, die die staatlichen Wirtschaftsprogramme
akzeptieren
Trotz der widrigen politischen und sozialen
Umstände
hält die Landesregierung von Pablo Salazar an Bemühungen
zur Entspannung und Versöhnung fest. In einigen hochkonfliktiven
Zonen konnten Verhandlungstische zur Unterzeichnung von Friedensvereinbarungen
eingerichtet werden, an denen verfeindete soziale Organisationen,
unterschiedliche religiöse Ausrichtungen und lokale
Autoritäten teilnahmen. Diese Vereinbarungen jedoch
werden wiederum kritisiert mit dem Argument, sie seinen konjunkturelle
Beschönigungsversuche, die strukturelle Probleme außer
Acht ließen und nicht auf langfristige Lösungen
abzielten. Dafür wären grundlegende Reformen notwendig,
wie sie in den Vereinbarungen von San Andres ausgearbeitet
wurden, welche bis heute unerfüllt blieben.

EMPFOHLENE
AKTIONEN
SIPAZ fordert dazu auf:
- An Mexikos Präsident
Fox zu schreiben, und Besorgnis darüber auszudrücken:
- daß sich die Verfassungsreform über indigene
Rechte in ein Hindernis für die Erneuerung des Friedensprozesse
und der Konfliktlösung in Chiapas entwickelt hat
- daß es bei den Ermittlungen zum Mord an Digna Ochoa
keine Fortschritte gibt. Anzumahnen, daß wirksame Mittel
ergriffen werden, die beteiligten Militärs,
Bundesorgane und Landesregierungen mit der Generalstaatsanwaltschaft
zusammenarbeiten,
um die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen und
den Drohungen gegen MenschenrechtsverteidigerInnen
ein Ende zu bereiten
- An den Obersten Gerichtshof (SCJN) zu schreiben, und
respektvoll die Hoffnung auszudrücken, daß der SCJN die Verfassungsbeschwerden
bezüglich indigener Rechte zu einer Lösung führt
und dabei die Forderungen der indigenen Völker und die
Verpflichtungen, die die Bundesregierung mit den Vereinbarungen
von San Andres im Februar 1996 eingegangen ist, berücksichtigt.
- Informationen über die Situation in Chiapas und Mexiko,
wie etwa den Inhalt dieses Berichts weiterzugeben
Schreiben Sie bitte an:
Lic. Vicente Fox, Presidente de la
República
Residencia
Oficial de los Pinos
11850 México, D.F., México
Fax: (+52) 55 55 15 17 94
Meinungsseite
im Internet (auf Spanisch)
Suprema Corte de Justicia de la Nación
Calle Pino Suárez #2
Col. Centro, Delegación Cuauhtemoc
México D.F., México
Fax: (+52) 55 55 22 44 45

:: AKTUELLE
EINSCHÄTZUNG
Chiapas: Um einen
Dialog zu ermöglichen, muss man zuhören
Sechs Jahre nach der Unterzeichnung
des Abkommens von San Andrés bleibt dessen Durchsetzung
in der Schwebe, und mit ihr die Möglichkeiten der Wiederaufnahme
des Friedensprozesses zwischen dem Ejército Zapatista
de Liberación Nacional und der Bundesregierung. Seit
mehr als einem Jahr schweigt der EZLN aus Protest gegen die
Verabschiedung der Verfassungsreform über die Rechte
der Indigenas, welche auch von den Landesparlamenten der
Länder mit dem höchsten Anteil von Indigenas und
von den Hauptorganisationen der Indigenas abgelehnt wurde.
"Es
ist keine Sünde, Indigena zu sein"
(Text von einem Plakat von demonstrierenden Indigenas vor
dem Gebäude des Obersten Gerichtshofes des Staates)
Als Vicente Fox Präsident wurde,
stellte der EZLN drei Bedingungen, um zum Verhandlungstisch
zurückzukehren: Den Rückzug von sieben Militärstellungen,
die Freilassung der zapatistischen Gefangenen und die Einlösung
des Abkommens von San Andrés durch die Zustimmung
zum Gesetzesvorschlag der COCOPA. Die erste Bedingung wird
als erfüllt betrachtet, obwohl die Militarisierung in
Chiapas weitergeht. Die sieben Militärstellungen wurden
Anfang 2001 geschlossen
Die zapatistischen Gefangenen betreffend,
bemühte sich
die COCOPA im März und April bei der Exekutive und den
Regierungen von Querétaro und Tabasco um die Freilassung
von acht Zapatistas, die weiterhin in Haft sind, und ihre
bevorstehende Freilassung wurde schon angekündigt. Aber,
so Miguel Angel de los Santos, Anwalt der Gefangenen des
EZLN, es gibt 17 neue Gefangene seit Antritt der Regierung
Was den polemischsten Streitpunkt angeht,
die indigene Reform, könnten drei im Moment noch in der Schwebe befindliche
Prozesse die politische Szenerie verändern. Erstens
erwartet man das Urteil des obersten Gerichtshofes über
mehr als 300 Verfassungsbeschwerden gegen das indigene Gesetz.
Die Audienzen zu den einzelnen Fällen haben schon begonnen
und werden wahrscheinlich zwischen dem 6. Mai und dem 15.
Juni abgeschlossen sein
Die Erwartungen in diese Lösung sind sehr hoch, was
bedeutet, dass das oberste juristische Organ die Entscheidung
in der Hand hat, die Reform entweder zu legitimieren oder
auf die Indigenas zu hören und sie zurückzuweisen.
Das erwartete Urteil wird entscheidend sein für die
weiteren Strategien der beteiligten Akteure, so dass es für
viele ein Scheitern friedlicher und legaler Wege bedeuten
könnte
Zweitens haben 168 Abgeordnete Mitte Februar
das COCOPA-Gesetz noch einmal in den Bundeskongress eingebracht, "um den
Fehler, ein Gesetz, das nicht den Forderungen der indigenen
Völker entspricht, verabschiedet zu haben, zu korrigieren." Aber
es scheint bei der derzeitigen Zusammensetzung des Kongresses
(bis 2003) im Prinzip unmöglich, dass diese Initiative
Aussicht auf Erfolg hat
Drittens ist die Entscheidung der Internationalen
Arbeitsorganisation über
die Beschwerden von Gewerkschaften und sozialen Organisationen
gegen den mexikanischen Staat, nach denen die indigene Reform
gegen das Abkommen 169 über indigene Völker und
Stämme verstößt, noch unklar. Im März
hatte die ILO die Beschwerden entgegengenommen, und auch
wenn eine Resolution, die die Reform ablehnt, keinen zwingenden
Charakter hätte, so würde sie dennoch & 8211;
neben einer moralischen Sanktion - deren Legitimität
noch weiter in Frage stellen.
Zwei gegensätzliche Logiken
Währenddessen geht der Konflikt weiter und bewegt sich
zwischen zwei Logiken, die sich mehr und mehr widersprechen:
Der "Pragmatismus" der Bundesregierung, der darauf
zu setzen scheint, die fehlenden Übereinkommen durch ökonomische
Programme und sekundäre Gesetze auszugleichen und die "Prinzipientreue" des
EZLN, der seinen radikalen Widerstand gegenüber jeder
teilweisen Lösung aufrechterhält
Auf dem Niveau der Exekutive betonte Xochitl
Gálvez,
Inhaberin des Büros des Präsidenten für die
Angelegenheiten der indigenen Völker, Anfang März,
dass Fox auf der Verabschiedung eines indigenen Gesetzes,
das näher am Entwurf der COCOPA läge, bestehe.
Andererseits wurde kurz darauf ein offizieller Entwicklungsplan
für die indigenen Völker präsentiert, der
Schlüsselaspekte des besagten Gesetzes nicht zu berücksichtigen
scheint. Im Februar betonte der Kommissar für den Frieden
(von der Bundesregierung), Luis H. Alvarez, dass die Regierungsprogramme
der "Schlüssel zur Lösung des Konfliktes seien". Doch deren Durchführung ist in Chiapas problematisch.
Im April bat Porfirio Encino, Sekretär für indigene
Völker der Landesregierung von Chiapas, den EZLN, den
sozialen Organisationen in seinem Einflussgebiet die Teilnahme
an Regierungsprogrammen zu erlauben: "Wir garantieren,
dass sich dahinter keine Politik der Aufstandsbekämpfung
verbirgt, wir können doch nicht denen die Unterstützung
versagen, die darum bitten und sie brauchen." Die Zapatistas
wehren sich gegen diese Initiativen, setzen auf den Aufbau
der Autonomie in ihren Gemeinden und kritisieren diejenigen,
die die "Almosen der Regierung" akzeptieren
Eine besonders entscheidende Zone in den
letzten Monaten war das Biosphärenreservat von Montes Azules, wo sich
die Gerüchte über eine bevorstehende Vertreibung
der indigenen Gemeinden, die sich in dieser Schutzzone niedergelassen
haben, häufen. In diesem Fall besteht der Widerspruch
zwischen der Bundesregierung - repräsentiert durch den
Inhaber der Bundesanwaltschaft für Umweltschutz, José Campillo
- und die Regierung von Chiapas. Der Gouverneur von Chiapas
beschuldigte Campillo im Mai, die gewaltsame Vertreibung
der Gemeinden zu befördern und warnte, dass seine Regierung
eine solche Aktion weder durchführen noch erlauben wird.
Eine andere Quelle von Konfrontationen und Misstrauen zwischen
der Regierung und populären Organisationen bleibt der
Plan Puebla-Panama, der von Präsident Fox als Hauptvorschlag
für die Entwicklung des Südens von Mexiko und von
Zentralamerika präsentiert wurde. Obwohl der Plan starke
soziale, abeitsmäßige und ökologische Auswirkungen
auf die Bauern und die indigenen Völker, die in der
Region leben, haben wird, wurden ebendiese bei seiner Ausarbeitung
nicht mit einbezogen. In der Folge sprachen sich ebendiese
Organisationen wiederholt gegen das Projekt aus.
Unsere tägliche Intoleranz
Diese zunehmende Schwächung der Logik des Dialoges
verstärkt jeden Tag mehr die Logik der Konfrontation,
und die Regierung von Chiapas kann ihr - trotz der Versuche,
ihr entgegenzuwirken - nicht entfliehen. Im Bundesstaat herrscht
ein Klima von sozialer, politischer und auch religiöser
Intoleranz
Ende April registrierte Porfirio Encino
die Existenz von Problemen in den Gemeinden in wenigstens
40 Orten der Munizipien
(Kreise) Ocosingo, Altamirano und Las Margaritas. Dort treffen
Priistas mit Perredistas (Anhängern der PRD) oder Zapatistas
aufeinander, aber auch Unterstützungsbasen des EZLN
mit Organisationen, die vorher zum EZLN gehörten und
sich heute der chiapanekischen Regierung zuwenden. Es gibt
viele Ursachen für die Konflikte (siehe auch SIPAZ-Bericht
vom Februar 2002): Die Beziehungen zu den beiden Regierungen,
deren Programmen und Unterstützungen, die Konflikte
um Land und um politische Macht, die ideologischen und religiösen
Unterschiede... Die Kosten dieser Konflikte steigern sich
immer mehr: Vertriebene, Verwundete, Entführte und sogar
Tote. In der Zona Norte (Nordzone) hat sich die Spannung
nach der Festnahme von Diego Vázquez, Anführer
der vermutlich paramilitärischen Organisation "Desarrollo,
Paz y Justicia", verschärft. Das Netz der kommunalen
VerteidigerInnen der Menschenrechte hat wiederholt Aggressionen
und Drohungen gegenüber seinen MitarbeiterInnen angezeigt.
Und die staatliche Kommission der Menschenrechte gab Empfehlungen
für die Gewährleistung der Sicherheit seiner bedrohten
Mitarbeiter heraus
Konflikte um Land und politische Hegemonie
gibt es vor allem in der Zone der Selva: dort waren die Munizipien
Ocosingo
und Altamirano die Szenerie für ständige Zusammenstöße
zwischen Priistas und Zapatistas, Zapatistas und ORCAO oder
zwischen den Behörden der offiziellen Munizipien und
denen der autonomen Munizipien. In einigen Munizipien im
Hochland (Los Altos: Zinacantán, Oxchuc) findet die
Auseinandersetzung innerhalb der kommunalen Regierung statt,
da die Mehrheit die Integration der Minderheiten in die lokalen
Organe nicht zulässt
Ein Thema, welches die verschiedenen Organisationen
jenseits verschiedener Ideologien vereint, ist der zivile
Widerstand
gegen die Bundeskommission für Elektrizität, insbesondere
in den Zonen Sierra, Küste, Norte und Altos. Die zivilen
Organisationen protestieren gegen die hohen Kosten und verlangen
einen Vorzugstarif, da Chiapas der hauptsächliche Energieproduzent
des Landes und der Bundesstaat mit der größten
Armut ist. In diesem feindlichen politischen und sozialen
Ambiente fährt die Regierung mit ihren Bemühungen
zur Entspannung fort. In den letzten Monaten wurden Verhandlungstische
in einigen Zonen mit hohem Konfliktpotential eingerichtet
(Munizipien Tila und Sabanilla) und es wurden Friedensabkommen
unterzeichnet, an denen hohe Beamte der Regierung von Chiapas,
soziale Organisationen (von Las Abejas bis zu Desarrollo,
Paz y Justicia), die verschiedenen Kirchen und Sympathisanten
der Zapatistas beteiligt waren
Diese Abkommen werden allerdings von denen
kritisiert, die behaupten, dies seien lediglich Gelegenheitsabkommen,
dass
also die Konflikte wiederkehren werden, da sie keine strukturellen
langfristigen Lösungen bieten. Es seien tiefe Reformen
wie die des nichteingelösten Abkommens von San Andrés
nötig
Übereinstimmend mit dieser Analyse, stellte Rodolfo
Stavenhagen, spezieller Vermittler der UNO für Menschenrechte
der indigenen Völker, nach einem Besuch in Chiapas fest,
dass trotz der verschiedenen Bemühungen um eine Versöhnung
auf lokaler Ebene es in diesen Dörfern "keinen
endgültigen Frieden geben könne", wenn nicht
die Probleme, die mit der Zurückweisung der verabschiedeten
Verfassungsreform durch den EZLN und einen großen Teil
der indigenen Bewegung entstanden sind, gelöst werden
Auf der anderen Seite hat die Polarisierung,
die man in Chiapas erlebt, auch zu Spannungen in den Beziehungen
zwischen
dem Gouverneur und den sozialen Organisationen, insbesondere
für Menschenrechte, geführt. Beginnend mit der
gleichen staatlichen Kommission für Menschenrechte (deren
Präsident den Gouverneur für die Attentate, deren
Ziel er war, verantwortlich machte), erklären das Centro
Fray Bartolomé de las Casas, das Red de Defensores
Comunitarios und die nordamerikanische Organisation Global
Exchange die staatlichen Behörden verantwortlich für
die Menschenrechtsverletzungen in Chiapas.
Die Ärmsten der Ärmsten
Ende April fand im Nachbarstaat Oaxaca
die Versammlung "Notfall
Indigena", zu der die Lateinamerikanische Bischofskonferenz
aufgerufen hatte, statt. Dort präsentierte die mexikanische
Bischofskonferenz einen Bericht, dessen Zahlen zeigen, dass
die Herausforderungen weit über die Gesetzgebung hinausgehen.
96% der Indigenas in Mexiko leben in Munizipien, in denen
die Marginalisierung hoch oder sehr hoch ist, und leiden
an zunehmender Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen
Im Mai bestätigte Rodolfo Stavenhagen, dass Mexiko
systematisch die Menschenrechte der indigenen Völker
verletzt, und zeigte, dass die Lebensbedingungen der Indigenas
von gravierenden Mängeln ihrer ökonomischen, sozialen
und kulturellen Rechte gekennzeichnet sind. Bezug nehmend
auf das Projekt der Deklaration der indigenen Rechte, das
in der UNO diskutiert wird, sagte er, dass viele Staaten
sich gegen dieses Instrument wehren, da sie die Anerkennung
des Rechtes auf freie Selbstbestimmung der indigenen Völker
als gefährlich erachten, denn diese führe dazu,
dass die Indigenas über ihre Territorien und die Ausbeutung
ihrer Ressourcen bestimmen können
Es ist so, dass ganz Lateinamerika sich
gerade in einer kritischen Situation befindet. Die Anpassungsprogramme,
die
durch die multilateralen Organisationen auferlegt wurden,
bedeuten Rezession und die Exklusion von immer größeren
Teilen der Bevölkerung. Es herrscht eine soziale Unzufriedenheit,
die die Situationen latenter Gewalt überdeckt
Der Gipfel von Monterrey im März hat die Auseinandersetzung
um den herrschenden Neoliberalismus und die alternativen
Entwicklungsmodelle wiederbelebt. Die Bischofskommission
für Soziale Pastoralarbeit (katholisch) äußerte,
der freie Markt sei eine "blinde Maschine", die
Ungleichheit und Exklusion institutionalisiere. Ähnliche
Einwände wurden von protestantischen Organisationen
wie dem Lateinamerikanischen Rat der Kirchen und dem Weltrat
der Kirchen geäußert.
Die Probleme des Präsidenten
Die Suche nach Gleichgewichten zwischen den drei Mächten
ist weiterhin durch ein Auseinanderdriften zwischen der Mannschaft
von Fox und der Legislative gekennzeichnet. Die Agenda der
Exekutive hat keinen Rückhalt im Kongress, und die Oppositionsparteien
haben den Präsidenten hart für seine Außenpolitik,
die sie als Unterordnung unter die USA bezeichnen, kritisiert.
Fox hat es bis jetzt nicht geschafft, Allianzen, die ihm
die Durchführung seiner hauptsächlichen Ziele (Steuerreform,
private Investitionen in Erdölindustrie und Elektrizität
etc.) erlauben würden, aufzubauen. Der Oberste Gerichtshof
hat auch Urteile, die wenig vorteilhaft für den Präsidenten
sind, ausgesprochen wie vor kurzem gegen Privatinvestitionen
in die Elektrikindustrie
Auch in bezug auf die Menschenrechte konnte
die Administration von Fox die internen Kritiken nicht abbauen
- trotz der intensiven
diplomatischen Bemühungen, das internationale Image
aufzubessern. Im April zeigte der Sondervermittler der UNO
für die Unabhängigkeit der Richter und Anwälte,
Param Cumaraswamy, in seinem Bericht, dass zwischen 50 und
70% der Richter von Korruption betroffen sind. Er schrieb: "Die
Straffreiheit der Korruption hat in Mexiko scheinbar nicht
an Kraft verloren", und ein großer Teil der lokalen
Gerichtsbeamten bleibt weiterhin der staatlichen Regierungsmacht
untergeordnet. Die Hauptinstanzen der Judikative disqualifizierten
diesen Bericht
In seinem Jahresbericht 2001 schrieb das
Menschenrechtszentrum Miguel Agustín Pro, dass die Folter und Gewalt durch
die Polizei auf die Regierung von Fox zurückzuführen
sind und dass 48% der Repressionsfälle in den marginalisierten
Zonen von Oaxaca, Guerrero und Chiapas stattfinden. Übereinstimmend
präsentierte am 5. April das CNDH eine erste Nationale
Diagnose der Folter, wo festgestellt wird, dass Folter bei
Festnahmen weiterhin üblich ist
Ein halbes Jahr nach der Ermordung der
Verteidigerin Digna Ochoa gibt es in den Ermittlungen keine
echten Fortschritte,
und die Hypothesen gehen - nach Auskunft der Generalstaatsanwaltschaft
in D.F. - "von der Möglichkeit eines Selbstmordes
bis hin zu einem Staatsverbrechen." Währenddessen
erhielt eine andere Menschenrechtsanwältin, Bárbara
Zamora, im März Drohungen, und im April wurden die Polizisten,
die den Schutz ihres Partners Leonel Rivero garantieren sollten,
von Unbekannten angegriffen.

:: FOKUS Mythos
und Realität der Agrarfrage in Chiapas
"Sie nehmen uns unser Land weg,
und darauf errichten wir für die Bosse Flughäfen
und werden niemals in einem Flugzeug reisen. Wir bauen Autobahnen,
und wir werden niemals ein Auto besitzen. ... Wir bauen Einkaufszentren,
und wir werden niemals Geld haben, um in ihnen einzukaufen.
Wir errichten städtische Zonen mit allem Service und
wir werden sie nur von weitem sehen. Kurzum, wir errichten
eine Welt, die uns ausschließt, die uns niemals akzeptieren
wird, und die nichtsdestotrotz niemals ohne uns existieren
würde."
(Wortr der EZLN im Polytechnischen Institut von Mexiko-Stadt
am 16. März
2001)
Mehr als acht Jahre nach dem Aufstand
der Zapatisten bleibt für die Mehrheit der sich zuspitzenden
Konflikte und Spaltungen in Chiapas die Landfrage ein zentrales
Thema. In diesem ärmsten Bundesstaat leben weiterhin
zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft.
Allein dieser Umstand erklärt schon die primäre
Bedeutung, die der Landwirtschaft in den Konflikten zukommt.
Nichtsdestotrotz sind die Ursachen tiefgreifender und hängen
mit einem Wirtschaftssystem zusammen, das den Bauern - in
ihrer Mehrheit Indígenas - wenig Alternativen bietet.
Die Auswirkungen des Aufstands von 1994
Obwohl 1992 die Landreform von der Regierung
für abgeschlossen
erklärt wurde, wirkte der bewaffnete Aufstand der Zapatisten
1994 wie ein Katalysator für den Kampf um Land in Chiapas,
und war zudem eine günstige Gelegenheit für die
sozialen Bewegungen, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Die Aneignungen von Land nahmen zu, neben Zapatisten sind
auch andere Organisationen beteiligt. "Mit der Gründung
des Rates indigener Organisationen und Bauern im Bundesstaat
(CEOIC) Ende Januar 1994 beginnt ein Prozeß breiter
Mobilisierung, an dem sich aus insgesamt 11 Organisationen
mindestens 8000 Menschen beteiligen, die Land fordern. In
den ersten sechs Monaten 1994 dringen sie in 340 private
Ländereien ein, die eine Gesamtfläche von 50.000
Hektar ausmachen." (Harvey)
1996 schlossen 62 Bauernorganisationen,
sowie 85 unabhängige
Gruppierungen, landwirtschaftliche Abkommen. Die Regierung
versprach, Lösungen für die Forderungen nach Land
zu suchen. Im Gegenzug verpflichteten sich die Bauernorganisationen,
kein Land mehr zu besetzen, Ländereien, die nicht zum
Erwerb freistanden, zurückzugeben, sowie keine weiteren
Forderungen mehr nach Land zu stellen. Ein einfacher Vergleich
der besetzten Fläche (mehr als 50.000 Hektar) und der
Fläche, die die Grundbesitzer zu verkaufen bereit waren
(11910 Hektar), macht jedoch das Ausmaß des Problems
deutlich. Die Regierung versuchte das Landproblem auf kurze
Sicht zu lösen; die Besetzungen von Land gingen also
weiter und werden vermutlich weiter gehen, bis fundamentale,
an die Strukturen gehende Lösungen gefunden werden.
(Reyes)
Dennoch hatten diese Verhandlungen Auswirkungen:
bis 1995 unterstützten viele Bauernorganisationen die EZLN in
ihrem Kampf; diese Bindungen lösten sich jedoch, nachdem
einige Organisationen sich entschieden, mit der Regierung
Teilabkommen auszuhandeln.
Weitere Steine im Puzzle
Es wäre unmöglich, die ganze Breite des Landkonflikts
in Chiapas in einem so kurzen Artikel darzustellen. Deshalb
zählen wir nur kurz einige seiner Komponenten auf.
Erstens, der landwirtschaftliche Konflikt ist enorm politisiert.
Viele der Forderungen nach Land sind begleitet von Forderungen
nach Demokratie, Gerechtigkeit und der Einhaltung der Menschenrechte.
Dies erscheint um so verständlicher in einer Situation,
in der Vertreibungen gewöhnlich von Rechtsverstößen
wie willkürlichen Verhaftungen, aber sogar auch Morden,
begleitet werden.
Zweitens, im Gegensatz zu dem, was viele denken, ist das
Problem der Großgrundbesitze (Latifundien) in der Konfliktzone
schon nicht mehr relevant. "Das Gemeindeeigentum und
die kleinen Privatbesitzungen bis 5 Hektar machten 1990 mehr
als 77% des gesamten zur Verfügung stehenden Landes
aus, in vielen Gemeinden in Los Altos überstieg dieser
Prozentsatz sogar 90%." (Viqueira)
Auf der anderen Seite, bedingt durch das konstante Bevölkerungswachstum,
nimmt das Land, das dem einzelnen Bauern zur Verfügung
steht, stetig ab. Dies verstärkt die Tendenz, nur für
die eigenen Bedürfnisse zu produzieren, wodurch die
Produktivität abnimmt. In den Zonen, in denen die Minifundios
(die bearbeitete Fläche ist klein) vorherrschen, verfügen
mehr als 75% der Bevölkerung über ein Einkommen
unter dem Mindestlohn. (Viqueira)
Drittens, selbst wenn die Regierung alles
Land neu verteilen würde (was sie vorgibt bereits getan zu haben), würde
bei dem derzeitigen Bevölkerungswachstum (2.12% pro
Jahr), immer mehr Land benötigt werden. Augenblicklich
sind 51% der Bevölkerung in Chiapas jünger als
20 Jahre. Daher werden die Forderungen nach Land nie nachlassen,
wenn sich für die wirtschaftliche Entwicklung oder die
Beschäftigung keine Alternativen ergeben. Nicht ohne
Grund hat die Migration in die Städte und in die USA
in den vergangenen Jahren stetig zugenommen.
Viertens, es existieren nur geringe Möglichkeiten, außerhalb
der Landwirtschaft Arbeit zu finden. Zudem hat die indigene
Bevölkerung aufgrund ihrer vergleichsweise geringen
Bildung kaum Chancen.
Fünftens, die ihnen zur Verfügung gestellten Flächen
waren die am wenigsten fruchtbaren; es gibt kaum Bewässerungssysteme,
und die Viehzucht beschleunigt die Vernichtung landwirtschaftlich
nutzbarer Fläche. Hinzu kommen Schwierigkeiten, strikte
Umweltschutzgesetze in einer Region umsetzen zu wollen, in
der die Forderungen nach Land nicht nachlassen. Das bekannteste
Beispiel ist das Biosphärenreservat Montes Azules (in
der Selva), wo weiterhin 40 indigene Gemeinden von der Vertreibung
bedroht sind.
Gesetzmäßigkeit und Legitimität
Der Streit zwischen Bauern um Land ist
so alt wie die priistische Politik, die selben Ländereien an mehrere Parteien gleichzeitig
zu vergeben, um dadurch jegliche Organisierungsansätze
zu spalten und zu schwächen. Nach 1994 bildeten die
Landneuaufteilungen einen Teil der Strategie der Aufstandsbekämpfung,
Ziel war es, die Zapatisten zu isolieren und einzukreisen.
In zahlreichen Fällen wurden Ländereien, die von
Zapatisten besetzt worden waren, an der Regierung näher
stehende Bauernorganisationen übergeben.
Eine andere Schwierigkeit besteht zur
Zeit durch die Spaltungen zwischen Organisationen, die früher zusammenarbeiteten:
sind die zurückgewonnenen Ländereien (d.h. die
von den Zapatisten seit 1994 besetzten) im Besitz der Gemeinde?
In mehr als einem Fall haben Organisationen, die mit der
EZLN zusammenarbeiteten, vor der Regierung Anspruch auf Ländereien
zugunsten aller (auch der Zapatisten) erhoben. In der heutigen
Situation zunehmender Spaltung zwischen den Organisationen
besteht ein Konflikt zwischen Gesetzmäßigkeit
(Eigentumsrecht) und Legitimität. In der Selva war in
letzter Zeit öfters von den Zapatisten der Satz zu hören: "Wir
haben unser Blut vergossen".
Sorgen macht der EZLN, daß Organisationen, die ihr
jetzt ablehnend gegenüberstehen, Land an Dritte verkaufen
könnten, was im Einklang mit der Verfassungsreform von
1992 wäre, denn durch sie wurde der Verkauf von Gemeindeland
legal. In Cuxuljá aufgestellte Schilder (Ort eines
jüngst schweren Konflikts diesen Typs) zeigen dies deutlich: "Die
Erde ist unsere Mutter, sie ist weder käuflich noch
verkäuflich", "Die Erde ist keine Ware, sie
zu verkaufen wäre Verrat"
Oftmals verbirgt sich hinter dem Streit um Land ein Kampf
um politische Kontrolle und Hegemonie über ein Territorium
und seine Bewohner.
Eine weitere Quelle von Spannungen ist die an viele Regierungsprogramme
geknüpfte Bedingung, daß Bauern zunächst
nachweisen müssen, rechtmäßige Besitzer ihrer
Ländereien zu sein. Dies kollidiert aber mit dem Ejido-System
(Kommunalbesitz), das in vielen indigenen Zonen weiterhin
vorherrschend ist.
Ein Problem ohne Lösung?
Auch wenn der Kampf um Land in Chiapas
schon lange nicht mehr gegen die Großgrundbesitzungen geht - weil es
sie kaum mehr gibt -, bestehen weiterhin gravierende Ungleichheiten.
Die Nachfrage nach Land wird aus den genannten Gründen
nicht nachlassen: das Bevölkerungswachstum, die Ausdehnung
der Viehwirtschaft, die Schwierigkeiten einer effizienteren
Bearbeitung der zur Verfügung stehenden Fläche
und die fehlenden Möglichkeiten, in anderen Bereichen
eine Anstellung zu finden; was zusammengenommen die Unfähigkeit
des bestehenden Systems darstellt, eine Antwort auf die Probleme
der Bauern zu finden.
Ende April erkannte der Sekretär der Regierung von
Chiapas für die indigenen Völker, Porfirio Encino,
an, das es in wenigstens 40 Orten der Gemeinden von Ocosingo,
Altamirano und Las Margaritas Streitigkeiten gäbe. Außerdem
bestätigte er, daß über die Landprobleme
hinaus "die Wurzel dieser Probleme in Zusammenhang mit
dem Dialog (der zwischen der Regierung und der EZLN ausgesetzt
wurde) mit der EZLN und der Nichterfüllung der Abkommen
von San Andrés steht".
In diesem Zusammenhang lohnt es, die Kritik
aufzugreifen, die sowohl an der im vergangenen Jahr vom Kongreß verabschiedeten
Verfassungsreform zu indigenen Rechten wie auch am Plan Puebla
Panamá geübt wurde: die Indígenas wollen
nicht länger Objekte einer sie unterstützenden
Politik sein, vielmehr wollen sie Subjekte und Teilnehmer
der Diskussion sein; ausdrücklich nicht nur in Punkten
der Agrarpolitik, sondern in allem, was mit ihrem wirtschaftlichen
und sozialen Fortschritt in Zusammenhang steht. Der jetzige
Moment verlangt nach einer umfassenden Neuformulierung und
nicht nach Teillösungen oder Lösungen auf kurze
Sicht.

DAS LANDWIRTSCHAFTLICHE PROBLEM: EIN
ERBE DER VERGANGENHEIT
Unübersehbare Bedeutung haben in
der aktuellen Problematik politische Entscheidungen der Vergangenheit,
Entscheidungen die im großen und ganzen gekennzeichnet
waren von Repression und Reformen, die "die Form einer
diskreten Regelung zwischen den Landbesitzern und der Regierung
im Bundesstaat annahmen. Diese Politik entwickelte sich durch
die Anpassung an die Erfordernisse des Systems und war davon
geleitet, den Großgrundbesitz zu schützen und
nebenbei die Wählerstimmen des Landes für die offizielle
Partei zu sichern" (García de León).
Einer der Erfolge der mexikanischen Revolution zu Beginn
des 20. Jahrhunderts war die Einleitung einer Landreform,
in Chiapas jedoch leiteten die Landbesitzer mit Erfolg eine
Konterrevolution ein, die ihnen ihre Privilegien bewahrte.
Die Agrargesetze der 20iger Jahre waren ebenfalls zu ihrem
Vorteil.
Erst in den sechs Jahren unter Lázaro Cárdenas
(1934- 1940) wurden bedeutende Aufteilungen des Landes in
Chiapas durchgesetzt. 1940 existierten dann auch nur noch
die Hälfte der Großgrundbesitze, die es noch 1900
in Chiapas gegeben hatte; trotzdem verblieben die hochwertigsten
Ländereien im Besitz der Großgrundbesitzer (Gómez
und Kovic). Gleichzeitig förderten die politischen Entscheidungen
in der Region die Entwicklung der Viehwirtschaft.
Zwischen 1940 und 1965 war die Politik
danach ausgerichtet, Importe durch in Mexiko hergestellte
Produkte zu ersetzen,
die Industrie wurde gegenüber der Landwirtschaft bevorzugt.
Im Ergebnis sank der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion
am Bruttoinlandsprodukt zwischen 1965 und 1980 von 14% auf
7% ab; dies hatte zur Folge, daß Mexiko sich von Maisimporten
abhängig machte, die mehr als die Hälfte seines
Bedarfs decken mußten (Collier).
Ab 1970 - unter dem Präsidenten Echeverría-
begann die verstärkte Besiedlung der Selva von Chiapas.
Aber die Ungerechtigkeiten kamen bald wieder zum Vorschein,
als nämlich die Bevölkerung schneller wuchs als
die ihr zur Verfügung stehende Fläche. (Collier).
Ein Schlüsselmoment im Kampf um die gemeinsamen Rechte
war der Indígenakongreß von 1974: die Bauern
wurden sich bewußt, die gleichen Probleme zu haben,
und entschlossen sich, sich zu organisieren, um Land zu fordern
(Gómez und Kovic). Der Zapatismus profitierte später
von diesem Prozeß zunehmender Organisierung.
Um die Interessen der Großgrundbesitzer zu schützen,
gab die Regierung von Chiapas in den achtziger Jahren mehr
als 5000 Zertifikate heraus, mit denen Land für die
Viehzucht reserviert wurde, wodurch mehr als eine Million
Hektar gegen die Landforderungen der sozialen Bewegungen
geschützt waren.
Darüber hinaus waren während all dieser Jahre
Landvergaben begleitet von "korrupten Beziehungen mit
den bisherigen Eigentümern und den nutznießenden
Bauern, von denen politische Loyalität und Beendigung
der Unterstützung von Landforderungen und Besetzungen
verlangt wurde" (García de León).

Collier, George A.: Reforms
of Mexico’s
agrarian code: Impacts on the Peasantry. Background of
the rebellion in
Chiapas. (1994).
García de León, Antonio: Fronteras interiores.
Chiapas: una modernidad particular (2002).
Gómez Cruz P.J. y Kovic C.M: Con un pueblo vivo en
tierra negada (1989-1993). (1994).
Harvey, Neil: The Chiapas Rebellion. The struggle for land
and democracy. (1998).
Reyes Ramos, María Eugenia: El reparto de tierras
y la política agraria en Chiapas. 1914-1988 (1992),
y Espacios disputados. Transformaciones Rurales en Chiapas
(1998).
Viqueira, Juan Pedro: Los peligros del Chiapas imaginario.
(Letras Libres, enero 1999)

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