:: ZUSAMMENFASSUNG DES
BERICHTES
Die Ereignisse des 11. September haben
in Mexiko wie überall auf der Welt sehr viel Unruhe
hervorgerufen. Damit einher ging ein allgemein nachlassendes
Interesse für andere ungelöste Konflikte wie z.B.
für den Konflikt in Chiapas. Schon vor dem 11. September
war der Friedensprozess zum Stillstand gekommen. Eine im
April vom Kongress verabschiedete Verfassungsreform, durch
die die Rechte der indigenen Bevölkerung gestärkt
werden sollten,
wurde von der EZLN und anderen wichtigen Indígena-Organisationen
als Betrug gewertet. Bundesstaaten mit hohem indigenen Bevölkerungsanteil
stimmten daraufhin gegen die Reform. Dennoch verkündete
die Regierung Fox, daß es sich bei dieser Reform um
einen wichtigen Fortschritt handele und daß sie ein
Beweis für die Lösung des Konflikts in Chiapas
sei.
Während der Europareise von Präsident Fox wurden
solche Meldungen gerne gehört, denn hier wächst
das Interesse, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Mexiko
auszubauen.
Zur gleichen Zeit hat die Regierung wiederholt ihren Willen
gezeigt, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Die EZLN
hüllt
sich jedoch seit April in Schweigen, und andere Indígena-Organisationen
lehnen neue Verhandlungen ab, da aus ihrer Sicht die Regierung
nicht bereit ist, getroffene Vereinbarungen auch umzusetzen.
In Chiapas bleibt die Situation stark
polarisiert und konfliktreich, die Meldungen (denuncias)
aus den Gemeinden von Übergriffen durch Militärs
und Paramilitärs nehmen zu und für mindestens 10.000
chiapanekische Vertriebene gibt es keine ausreichende Sicherheit,
in ihre Dörfer zurückzukehren, weil bisherige Verhandlungen
für die betroffenen Gemeinden nur wenig Konkretes ergaben.
Die diversen Indígena- und Menschenrechtsorganisationen
sprechen weiter von einer illegitimen Reform und teilweise
sogar von deren Illegalität. Mehr als 300 Klagen lokaler
wie bundesstaatlicher Autoritäten gingen beim Obersten
Gerichtshof [entspricht zugleich dem Bundesverfassungsgericht]
bisher ein. Zudem wurde bei der ILO (Internationale Arbeitsorganisation)
eine Klage eingereicht, daß Mexiko seinen internationalen
Verpflichtungen nicht nachkomme, wenn es darum gehe, die
Rechte der Indígenas zu achten. Aus
einer anderen Richtung kommen Versuche, das Indígena-Gesetz
zu verbessern, entweder über seine Revision im Kongress,
oder über die Änderung der entsprechenden Gesetze,
die auf staatlicher Ebene umgesetzt werden müssten,
um eine Reform einzuleiten.
Das Problem bleibt aber im strikten Sinne nicht juristischer,
sondern politischer Natur, denn die konservativen Kräfte
werden sich auch in Zukunft gegen jede erweiterte Auslegung
des Gesetzes wehren. So hat die Reform zwar eine neue Unabhängigkeit
der drei Staatsgewalten voneinander sichtbar werden lassen,
de facto sich aber zu einem Hindernis für die Lösung
des Konflikts in Chiapas entwickelt. Die Ermordung der bekannten Menschenrechtsverteidigerin
Digna Ochoa wurde im In- und Ausland aufs schärfste verurteilt.
Trotzdem folgte dem Attentat eine Welle von Drohungen gegen
weitere bekannte MenschenrechtsverteidigerInnen.
Unmittelbar nach dem Verbrechen wurden zwei Bauern
und Umweltaktivisten aus Guerrero, die von Digna Ochoa
gegen
ziemlich frei erfundene
Anschuldigungen verteidigt worden waren, von Präsident
Fox wieder auf freien Fuß gesetzt. Guerrero rückte
dann in den Mittelpunkt des Interesses, denn hier hatten
Militärs die Arbeit der Anwältin immer wieder behindert.
Viele Menschenrechtsorganisationen äußern ihren
Unmut über die sich auch einen Monat nach dem Attentat
dahin schleppenden Untersuchungen.
Noch fraglicher wird das schöne Bild, das uns die mexikanische
Regierung zur Menschenrechtssituation präsentiert, durch
ein Ultimatum, das die interamerikanische Komision der für
Menschenrechte Anfang November Mexiko gestellt hat, in dem
sie die sofortige Freilassung des Generals José F.
Gallardo verlangt. Seit nunmehr acht Jahren befindet er sich
im Gefängnis für seine Forderung nach einem Ombudsmann
(eine Person, bei der anonym Meldungen gemacht werden können)
für Menschenrechtsfragen beim Militär.
Die Kommunal- und Landeswahlen vom Oktober in Chiapas
besorgten der PRI im Kongress des Bundesstaates eine
bequeme Mehrheit.
Die EZLN hatte ein weiteres Mal die Wahlen boykottiert,
die Zahl der NichtwählerInnen erreichte fast 50%. Der amtierende
Gouverneur Pablo Salazar muß nun mit einem Kongress
regieren, in dem die PRI die Mehrheit besitzt, obwohl diese
nicht der Regierungskoalition angehört.
Zusammenstöße sind in Chiapas häufiger geworden,
auch zwischen Indígena-Organisationen, die früher
zusammengearbeitet haben. Es gibt Streit über Land, über
die Hegemonie in der Politik und über die verschiedenen
politischen Strategien im Umgang mit der Regierung in Chiapas.
Hinter diesen Auseinandersetzungen steht der Konflikt mit
der Bundesregierung. Der Preis für diesen Kampf ist überall
der gleiche: Verletzte, Tote, Entführte, Vertriebene,
abgebrannte Häuser, und zunehmend auch Morddrohungen.
Auf der anderen Seite gibt es auch Zeichen der Entspannung,
wie der ökumenische Dialog in Chenalhó (in der
Region Altos) und einige Abkommen, die die Wiedereröffnung
katholischer Kirchen in El Limar und Sabanilla (in der Zona
Norte) möglich machten. Trotz nicht erfüllter Forderungen
nach Entschädigung und nach Beendigung der paramilitärischen
Bedrohung kehrten zwischen August und Oktober verschiedene
Gruppen Vertriebener der Organisation Las Abejas in ihre
Gemeinden zurück. Insgesamt entschieden sich rund 1336
Personen aufgrund der zunehmenden Knappheit von Trinkwasser,
Feuerholz und Nahrung in den Flüchtlingslagern zurückzukehren.
Die sogenannte "erzwungene" Rückkehr wurde
von mexikanischen, internationalen und staatlichen BeobachterInnen
begleitet. Bis heute hat es keine Zwischenfälle gegeben,
dennoch besteht Sorge über die Sicherheit der Zurückgekehrten.
Dabei bleibt festzuhalten, daß diese RückkehrerInnen
eine Ausnahme von der Regel sind und daß die Probleme
von mehr als 10.000 Vertriebenen weiterhin ungelöst
bleiben.
Nach den Attentaten vom 11. September hat sich die
Militärpräsenz
in Chiapas merklich erhöht, besonders an den Grenzen
zu Guatemala. Die Behauptung der US-Regierung, bei der EZLN
handele es sich um eine terroristische Vereinigung, wurde
sowohl vom Gouverneur von Chiapas, Pablo Salazar, wie auch
von dem Regierungsgesandten für den Frieden, Luis H.
Alvarez, zurückgewiesen. Weltweit steigt die Besorgnis,
daß Angst und Schrecken zu steigender Intoleranz gegenüber
Minderheiten führen könnten. Ihre größte
Wirkung übten die Anschläge auf die Wirtschaft
aus, was zu einer Verschärfung der bereits latent vorhandenen
weltweiten Rezession führte. In einigen Gebieten von
Chiapas entschlosssen sich die
Kaffeeproduzenten, die Ernte ausfallen zu lassen.
Im Vergleich zum Vorjahr, wo die Kaffeepreise schon
niedrig
waren, sackten
sie dieses Jahr nochmals um 50% ab. Die traditionelle
Reaktion für Mexikaner in Zeiten der Krise war immer die Auswanderung
in die USA gewesen. Da die Wirtschaft der USA aber ebenfalls
in einer tiefen Krise steckt, schrumpfte die Zahl der Migranten
seit September um rund 50%.

:: ANALYSE
Es scheint immer schwieriger, eine
Lösung für den Konflikt in Chiapas zu finden
Die internationalen Konsequenzen aus den
Anschlägen vom 11. September in Amerika ließen
regionale Konflikte plötzlich nebensächlich werden.
So erging es auch dem zum Stillstand gekommenen Friedensprozeß in
Chiapas und mit ihm einem der Themen, die dieser Prozeß zum
Vorschein gebracht hatte: Armut und Ausgrenzung der 10 Millionen
Indígenas in Mexiko.
Auf seiner Reise nach Europa spielte der mexikanische Präsident
den Konflikt in Chiapas herunter und versuchte ihn als bereits
gelöst darzustellen. Derartige Meldungen stießen
in allen europäischen Ländern auf offene Ohren,
sieht man doch in Mexiko einen vielversprechenden
wirtschaftlichen Partner, der sich in einer Phase der Demokratisierung
befindet und dessen Institutionen immer vertrauenerweckender
wirken.
Trotzdem gibt es verschiedene besorgniserregende Aspekte
der mexikanischen und chiapanekischen Realität, die
den optimistischen Aussagen von Präsident Fox widersprechen.
Optimistische Worte für eine nicht
allzu ermutigende
Realität In den Reden, die Präsident Fox in Europa
hielt, sprach er von Ruhe und Frieden in Chiapas. Dennoch
ist es falsch, das Schweigen der EZLN seit ihrem Kommuniqué vom
29. April, in dem sie das indigene Gesetz ablehnte, als Zustimmung
zu werten. Wie sich in den letzten acht Jahren dieses Konflikts
zeigte, ist ein langes Schweigen vielmehr als kategorische
Ablehnung der Regierungsposition zu sehen; im jetzigen Fall
sind die zapatistischen Gemeinden erneut in eine Phase des
Widerstands eingetreten, in der sie jegliche Unterstützung
durch die Regierung ablehnen
und über praktisches Handeln versuchen, eine de facto
Autonomie herzustellen.
Zudem ist es schwer, von Frieden zu sprechen, wenn zahllose
Gemeinden weiterhin militärische und paramilitärische Übergriffe
melden und Konflikte innerhalb der Gemeinden sich zunehmend
auch zwischen ehemals befreundeten Organisationen zuspitzen.
Nachdem das Jahr hoffnungsvoll begann, hat der lange Stillstand
des Friedensprozesses, hervorgerufen durch die Verabschiedung
eines indigenen Gesetzes, das den Abkommen von San Andrés
nicht gerecht wird, erneut zu einer Radikalisierung der Meinungen
und damit zu neuen Polarisierungen und Spaltungen geführt.
Wie im (nicht auf deutsch vorliegenden) Enfoque ausführlicher
beschrieben und ganz im Gegensatz zu dem, was Präsident
Fox behauptet, kann die Rückkehr einiger Gruppen interner
Flüchtlinge kaum als Lösung des Flüchtlingsproblems
in Chiapas dargestellt werden.
Ein weiteres Mal schrillten die Alarmglocken, als Digna
Ochoa ermordet wurde und eine Welle von Drohungen gegen
VerteidigerInnen
von Menschenrechten folgte. Diese Ereignisse weisen auf
schwere institutionelle Probleme hin, insbesondere weil
bisherige
Ermittlungen auch auf das Militär als möglichen
Urheber deuten.
Unübersehbar sind aber auch Schritte, die auf die Ausbildung
einer demokratischen Kultur in Mexiko zeigen. Die unterschiedlichen
Positionen der drei Staatsgewalten in der Debatte um das
indigene Gesetz belegen diesen Fortschritt. Aus der PRI-Zeit überdauernde
Machtstrukturen innerhalb des neuen Systems, auf lokalem,
bundesstaatlichem wie nationalem Niveau,
bleiben die zentrale Herausforderung für jede Veränderung
in Mexiko.
Stillstand durch das indigene Gesetz
Auf der anderen Seite bleibt die Frage,
was für ein
Umgang mit dem indigenen Gesetz gefunden werden soll. Auch
wenn viele es als einen
Fortschritt zur bisherigen Regelung verteidigen, ist unbestreitbar,
daß es nicht zu einer Wiederaufnahme der Friedensgespräche
führen wird, sondern ein neues Hindernis und Quelle
von Streit darstellt, da es von denjenigen, denen es zugute
kommen soll, abgelehnt wird.
Unter den unterschiedlichen
Positionen lassen sich zur Zeit zwei Gruppen ausmachen: die,
die dafür plädieren,
die Reform zu reformieren,
und diejenigen, die das Gesetz anerkennen, es aber über
die Zusatzgesetze modifizieren möchten. Auch wenn
dieser Weg zunächst pragmatischer erscheint, weisen
Kritiker darauf hin, daß er letztlich darauf verzichtet,
Mexiko in die Verantwortung zu nehmen, auch die Rechte
der Indígenas
in die Verfassung aufzunehmen.
Darüber hinaus, bedingt durch die Erfahrungen aus der
Vergangenheit, haben die Indígenas nur wenig Vertrauen
in die Staatsmacht, die politischen Interessen und wandelnden
Machtbeziehungen unterliegt.
Zum anderen sind die beim Obersten Gerichtshof von Mexiko
bzw. der Internationalen Arbeitsorganisation vorgelegten
Rechtsmittel kein zwingender Grund, das Thema neu zu
verhandeln, da die Urteilssprüche, bedingt durch die Art dieser
Organisationen, meist wirkungslos bleiben. Bleibt das Gesetz
bestehen, müssen diejenigen, die es bisher ohne wenn
und aber abgelehnt haben, ihre Strategie im Angesicht der
sich aus der Reform ergebenden Politik und Gesetzgebung überdenken.
Die jetzige Unterbrechung in den Friedensgesprächen
ist schwerer denn je zu lösen; während die Regierung
glaubt, alles in ihrer Macht stehende getan zu haben, sieht
die EZLN in der Indígena-Reform einen Betrug, und
in den indigenen Gemeinden hört man Bemerkungen wie: "Fox
ist ja auch nicht anders als Zedillo". Diese
zunehmende Distanz zwischen Regierung und
Zapatisten entfernt sich auch immer weiter von den
Hoffnungen zu Beginn der Regierung Fox, zunehmend
entwickelt sie
sich zu der Polarisierung, die noch unter der alten
Regierung bestand.
In einer solchen Situation macht das Fehlen einer
Vermittlungsinstanz die Suche nach Wegen zu Verhandlungen
um so schwerer.
Die COCOPA war nicht in der Lage, ihre internen
Differenzen zu lösen, statt dessen bleibt sie ein Katalysator für
parteipolitische Differenzen.
Veränderungen nach den Wahlen in
Chiapas
Das Machtgefüge befindet sich seit den letzten Wahlen
im Umbruch. Die Wahlen zeichneten sich vor allem durch die
geringe Glaubwürdigkeit des Staatlichen Wahlinstituts
(IEE) und die niedrige Wahlbeteiligung aus. Analysen gehen
von einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen den Parteien
aus, vor allem bedingt durch die Krise der PRI in den vergangenen
Monaten.
Der Sieg der PRI erklärt sich durch die Schwierigkeit
(der anderen Parteien), Koalitionen zu bilden, und verstärkt
sich noch durch die besonders hohe Anzahl von Parteien. Während
sich alte Praktiken wie Kazikentum und Kauf von Stimmen fortsetzen,
geht der Zerfall der Parteienstruktur in Chiapas weiter.
Dies wird Pablo Salazar das Regieren nicht gerade erleichtern,
denn auch wenn die PRI so zerstritten wie noch nie
dasteht, muß er von nun an mit einem von der PRI dominierten
Kongreß weiterregieren. In einer solchen Situation
könnte es zunehmend schwieriger werden, Lösungen
für die vielen noch offen stehenden Probleme in Chiapas
zu finden, im besten Falle könnten beide Seiten (Gouverneur
und Kongreß) sich zu einem minimalen politischen Konsens
zusammenfinden.
WEITERE KONSEQUENZEN AUS DEM 11. SEPTEMBER
Der 11. September hat Tendenzen verstärkt, die die
Lösung der mit dem Friedensprozeß in Chiapas in
Zusammenhang stehenden Probleme nicht gerade erleichtern.
Eine der unmittelbarsten Konsequenzen war eine weitere Erhöhung
der Militärpräsenz, was in einem Bundesstaat mit
ohnehin hoher militärischer Präsenz neue Spannungen
auslöste.
Auch wenn die Diskussion, welche bewaffneten Gruppen in Mexiko
als terroristisch angesehen werden müssen, die EZLN
zunächst einmal ausklammert, besteht dennoch Sorge,
mit zunehmender Angst wachse auch die Intoleranz und damit
das Risiko, daß insbesondere Minderheiten und Aufständische
in ihren Rechten beschnitten werden.
Und auch der wirtschaftliche Faktor wird in den kommenden
Monaten eine verstärkte Rolle spielen, denn die Spannungen
zwischen Gemeinden, die weiter im Widerstand bleiben, und
solchen, die nicht auf die Hilfe der Regierung verzichten
wollen, werden sich verstärken. Hinzu kommt, daß der
wirtschaftliche Faktor, aufgrund der schwieriger gewordenen
Migration in die USA, nicht nur für Chiapas Konsequenzen
hat.

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