:: ANALYSE
Analyse: Vom Roten Alarm zur Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald
Roter Alarm bei den Zapatistas: Ungewissheiten....
Der rote Alarm, der am 20. Juni von der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) ausgerufen wurde, hat die Aufmerksamkeit Mexikos und der Welt wieder auf Chiapas gelenkt. In einem Kommunique erklärte das Comité Clandestino Revolucionario Indígena- Comandancia General (CCRI-CG) die Schließung seiner zivilen autonomen Strukturen, deren Angehörige „in Sicherheit“ gebracht wurden und fortan ihre Arbeit an „wechselnden Orten“ fortsetzten. Der Alarmzustand im gesamten widerständigen Gebiet bedeutete außerdem eine Neuorganisierung der militärischen Befehlsgewalt und der zivilen Unterstützungsbasen sowie die Einquartierung der zapatistischen Aufständigen, die soziale Arbeit in den Gemeinden verrichten. Die nationale und internationale Zivilgesellschaft, die sich zu dieser Zeit in den autonomen Bezirken aufhielt, verließ das Gebiet. Lediglich die Gesundheitsversorgung wurde weiterhin aufrecht erhalten. Die EZLN sprach alle Personen, zivilen Organisationen, Politiker, Politikerinnen und Solidaritätskomitees von ihren zukünftigen Handlungen frei. Sie bedankte sich für die Unterstützung des friedlichen Kampfes der indigenen Zapatistas. Gleichzeitig erklärte sie den Abbruch der bestehenden Kontakte der zivilen zapatistischen Struktur mit den Regierungsinstitutionen des Staates Chiapas.
Es ist nicht das erste Mal, dass die EZLN den Roten Alarm ausruft. Während einer staatlichen Militäroffensive 1995 und angesichts des Massakers von Acteal 1997 war dies auch schon vorher geschehen. Trotzdem: dieses Mittel mitten in einem Prozess, in dem durch aktives Handeln Autonomie umgesetzt wurde, rief bei vielen Unsicherheit hervor. Es schien, dass zu einer militärischen Sprache zurückgekehrt wurde, die an eine mögliche Rückkehr zu den Waffen denken ließ. Es zeigten sich – besonders für diejenigen, die ständig versuchen dies klein zu reden - die Beständigkeit eines Krieges, in dem sich beide Seiten (die mexikanische Armee und die EZLN) weiterhin bewaffnet gegenüber stehen und die fortdauernde Gültigkeit der Kriegserklärung vom Januar 1994. Erst nachdem einige Zeit verstrichen war und nach Kenntnis der folgenden Kommuniqués der EZLN begann man von einem „wichtigen politischen Signal“ zu sprechen. Es zeigte sich, dass die Kommuniqués über ihren militärischen Sinn hinaus einer Logik der politischen und ideologischen Kriegsführung gehorchten. Indem sie von ihren diskursiven und kommunikativen Fähigkeiten Gebrauch machte, führte die EZLN eine risikoreiche aber überlegte Provokation durch, die einen „neuen Schritt“ im zapatistischen Kampf ankündigte.
... und die Geburt einer neuen Initiative
In einem zweiten Kommuniqué nach der Ausrufung des Roten Alarms erklärte die EZLN, dass parallel zum Aufbau autonomer Strukturen seit Mitte 2002 eine interne politische und militärische Restrukturierung durchgeführt wurde, die ihnen nun erlaubt, auf jeden Angriff seitens der Regierung zu reagieren. Das dritte Kommuniqué erklärte deutlicher, das der Rote Alarm eine präventive Maßnahme sei, um eine interne Beratung zu schützen, die von dem Geheimen revolutionären indigenen Komitee (CCRI-CG) der EZLN durchgeführt wurde. Zur Erinnerung: Während einer internen Beratung der EZLN im Februar 1995 startete die Regierung von Ernesto Zedillo eine militärische Offensive, um die zapatistischen BefehlshaberInnen festzunehmen. In dem Kommuniqué wurde informiert, dass es sich um eine Beratung der Aufständigen mit den zivilen Unterstützungsbasen handelte, um die letzten Jahre des Kampfes und Widerstandes zu bewerten, bevor über einen neuen Schritt entschieden wurde. Dieser Schritt könnte bedeuten, dass „das viele oder Wenige, was erreicht wurde, verloren ginge“. Weiterhin wurde erklärt, dass in diesem Prozess „alle Zapatistas die moralische Freiheit haben, der EZLN bei ihrem neuen Schritt zu folgen oder ach nicht“,
Später zerstreute Subcommandante Marcos in einem Brief an die nationale und internationale Zivilgesellschaft die letzten Zweifel, indem er erklärte, dass mit dem nächsten Schritt keine militärische Handlung beabsichtigt sei. Damit näherte er sich von Neuem der pro-zapatistischen Zivilgesellschaft, die den zivilen autonomen Prozess begleitet und angesichts der Schließung der Caracoles und der Räte der Guten Regierung (JBG), dem sichtbaren Fenster der zapatistischen Bewegung, sehr beunruhigt war. Das fünfte Kommuniqué informierte darüber, dass in den gemeinsamen Versammlungen der EZLN während der Beratung entschieden wurde, „eine neue politische nationale und internationale Initiative“ zu beginnen, die in der sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald erläutert werden würde.
Zur Erinnerung: Die bisherigen Erklärungen waren – mit Ausnahme der Ersten, die mit der Kriegserklärung zusammenfiel – Aufrufe zur friedlichen Mobilisierung der Zivilgesellschaft, um eine tiefgreifende Reform des mexikanischen Staates herbeizuführen. Die zweite Erklärung informierte über die Nationale Demokratische Konvention (CND), die Dritte rief zur Gründung einer Bewegung der Nationalen Befreiung (MLN) auf, in der Vierten wurde die Aufbau des Zapatistischen Bündnisses der Nationalen Befreiung (FZLN) angekündigt und in der Fünften machten sie die Durchführung einer „Beratung über die Anerkennung der indigenen Völker und für das Ende des Ausrottungskrieges“ bekannt. Nichts desto trotz führten diese vielen Vorschläge nicht immer zu den erwünschten Ergebnissen bei den Eingeladenen.
Die Sechste Erklärung zieht eine Bilanz der elfjährigen Geschichte und des Kampfes der Zapatistas. In dem ausführlichen Dokument betonen die Zapatistas: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht so fortfahren können“ und „ein neuer Schritt im indigenen Kampf ist nur möglich, wenn die Indígenas sich mit den ArbeiterInnen aus der Stadt und auf dem Land zusammentun“. Sie liefern eine Analyse der aktuellen Situation auf nationaler und internationaler Ebene, in der sie feststellen, dass Menschen „auf der ganzen Welt in einem Eroberungskrieg leben, in einem Weltkrieg“. Deswegen schlagen sie auf der nationalen Ebene die Bildung einer neuen „breiten Allianz“ vor: „eine Übereinkunft mit Personen und Organisationen der Linken, weil wir glauben, dass die Idee, gegen die neoliberale Globalisierung Widerstand zu leisten, der linken Politik zueigen ist, und ein Land zu schaffen, in dem es Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit für alle gibt“. Um dies zu ermöglichen, wird für einen unbestimmten Zeitraum eine Delegation der EZLN ausgeschickt, um das Land zu bereisen und Allianzen mit politischen und sozialen Gruppen, Indigenen, ArbeiterInnen, Bauern, Studierenden und den Volksmassen zu schmieden und so den Widerstand gegen den Neoliberalismus zu stärken. Dies ist das vierte Mal, dass die Zapatistas den Bundesstaat verlassen, um Mexiko zu bereisen. Ziel dieses Programms ist es, „ein Kampfprogramm auf nationaler Ebene, ein explizit linkes bzw. antikapitalistisches Programm“ zu entwickeln. So verschiebt sich der Schwerpunkt der Strategie der Zapatistas wieder auf die nationale Ebene, indem eine aktive Politik der Allianzen in Angriff genommen wird. Sie haben sich dafür entschieden die Bürger und Bürgerinnen zu reaktivieren und sie aus der Parteienlogik der Wahlen herauszuholen, um ein Bündnis für strukturelle Änderungen im Land zu schaffen, welches die Entwicklung einer neuen Verfassung einschließt.
Auf internationaler Ebene schlagen sie ein neues Interkontinentales Treffen vor, um die weltweiten anti-neoliberalen Kämpfe zu verknüpfen. Wir erinnern daran, dass schon zwei intergalaktische Treffen stattgefunden haben: eines 1996 in La Realidad (Chiapas) und ein anderes 1997 im spanischen Staat. Beide werden als Anfänge der Antiglobalisierungskämpfe, die 1999 in Seattle begannen, wahrgenommen.
Der Kontext des Alarmzustands
Der Zeitpunkt, zu dem der Rote Alarm ausgerufen wurde, war nicht zufällig. Auch wenn das Kommuniqué, das die Versetzung der zapatistischen politisch-militärischen Strukturen in Alarmbereitschaft ankündigte, unerwartet kam und zunächst Überraschung hervorrief, zeigte sich bald, dass dies keine spontane Aktion war, sondern das Resultat eines langen Prozesses der Reflexion und Analyse; kein Ende sondern ein Anfang. Es ist wichtig, den Alarmzustand innerhalb des nationalen Kontextes zu analysieren und ihn in den Zusammenhang mit den veröffentlichten Kommuniqués des letzten Jahres zu stellen. Kurz vor dem Roten Alarm publizierte die EZLN „Die unmögliche? Geometrie der Macht in Mexiko“. In diesem Text bekräftigt die EZLN ihre Haltung gegen die mexikanischen politischen Parteien. Dies impliziert auch eine harsche Kritik an Andrés Manuel López Obrador (AMLO), dem wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten der Partei der Demokratischen Revolution (PRD), der große Chancen hat, die Wahl zu gewinnen. Wir möchten daran erinnern, dass in diesem Jahr die gesamte nationale Politik sich um die Präsidentschaftswahlen von 2006 dreht und dass in den vergangenen Monaten riesige soziale Mobilisierungen stattfanden, um die Ausschluss AMLOs vom Wahlkampf zu verhindern. Viele betrachteten ihn als eine populäre Alternative, vergleichbar mit Luiz Inácio „Lula“ da Silva in Brasilien oder Tabaré Vázquez in Uruguay, doch für die Zapatistas ist er keine wirkliche Alternative für die mexikanische Linke. Seit seinem Vorschlag für den Aufbau eines alternativen Projektes „für die Linke und nach unten“, repräsentiert AMLO für die Zapatistas die moderate Rechte, die weiterhin für ein Modell der Nation steht, die abhängig ist vom internationalen Kapital.
Im Juni kamen mehrere Faktoren zusammen, die das angespannte Klima in der Region verschärften. Erstens kündigte einige Wochen vor dem Roten Alarm die Bank Bilbao Vizcaya Argentaria - BBVA-Bancomer aufgrund der Anschuldigung „unerlaubter Geldwäsche“ neun Konten von Enlace Civil, einer Organisation, die Projekte in den autonomen zapatistischen Bezirken unterstützt. Zweitens fanden das erste Mal seit 2001 wieder ungewöhnliche Reorganisierungen einiger militärischer und polizeilicher Basen in Chiapas statt. Diese Bewegungen wurden durchgeführt ohne jegliche Erklärung seitens des Sekretariats für Nationale Verteidigung (SEDENA) und ohne Begleitung durch eine politischen Kampagne. Die Schließung der Militärbasen in El Calvario (am Fluss Perla) in X’oyep und in Los Chorros (beides in der Region los Altos), in Bochil und Escopetazo (im nördlichen Teil von Los Altos), sowie von zwei Basen außerhalb der „Konfliktzone“ wurden registriert. Drei Wochen vor dem Roten Alarm fanden erneut Bewegungen im Bezirk Chenalhó statt, ohne dass dies den Rückzug der Armee aus Chiapas bedeuten würde.
Unterschiedliche Reaktionen auf den Roten Alarm
Bis jetzt gab es wenige Antworten der Bundesregierung auf die Sechste Erklärung. Xóchitl Gálvez, der Verantwortliche für die Nationale Kommission für die Entwicklung der indigenen Völker (CONADEP) sagte aus, dass „der Präsident der Republik auf die Kommuniqués der zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) warte, um zu wissen, wann und wie sie die angekündigten Aktionen durchführen“. Der vorgeschlagenen Initiative gingen diskursive Manipulationen der politischen Klasse und verschiedene Anzeichen für die Vorbereitung auf einen Krieg voraus.
Am selben Tag, an dem der Rote Alarm ausgerufen wurde, informierte das SEDENA, dass zwischen dem 15. und dem 17. Juli eine Operation durchgeführt worden war, bei der auf zapatistischem Gebiet 44 Marihuanapflanzungen aufgefunden und zerstört wurden. Die Medien gaben diese Meldung weiter und stellten die EZLN damit als Drogenguerilla dar. Verschiedene PolitkerInnen forderten daraufhin ein Erklärung der EZLN über deren Verbindungen zum Drogenhandel. Dem zu trotz zeigte sich bald darauf, dass sich die Bezirke Tapilula, Rayón und Pueblo Nuevo, in denen die Operation durchgeführt worden war, nicht nur außerhalb der sogenannten Konfliktzone befinden, sondern dass es dort auch keine zapatistische Präsenz gibt. Schließlich musste das Sekretariat der Regierung die Behauptung von Verbindungen zurücknehmen. Es wurde befürchtet, dass mit diesen Anschuldigungen eine Gegenoffensive der Regierung kurz vor dem neuen Schritt der Zapatistas gerechtfertigt werden könnte.
In den mächtigen politischen Kreisen wurde der Vorschlag der Zapatistas schon bevor die Sechste Erklärung vollständig veröffentlicht worden war als eine Aufgabe der Waffen, eine Entscheidung für den Weg der Wahlen und die Verwandlung der EZLN in eine politische Partei interpretiert. Der mexikanische Präsident Vicente Fox sprach „dem Kommuniqué ein
enthusiastisches Willkommen“ aus „in dem Sinne, dass es die Entscheidung, einen politischen Weg zu wählen und den Weg der Waffen hinter sich zu lassen, verkündet“. Er bekräftigte, dass „auf Befehl des Herrn Marcos ein Weg der Übereinkünfte und Integration der Zapatistas in das öffentliche Leben beschritten wird“. Der Sprecher des Präsidenten bestätigte, dass Präsident Fox gewillt sei, den auf Eis gelegten Haftbefehl gegen Subcommandante Marcos zu annullieren, damit er sich ohne Hindernisse in das politische Leben integrieren könne. Die Regierung beharrte darüber hinaus auf ihrer „Bereitschaft zum Dialog“ und der „Suche nach Annäherung“.
Dagegen haben die Zapatistas klar gestellt, dass es sich bei der neuen Initiative nicht um eine Wiederaufnahme des Dialogs handelt (im Sinne von einer Erneuerung des Verhandlungsprozesses); es geht auch nicht darum, die Waffen hinter sich zu lassen; die Kriegserklärung wird nicht zurückgezogen und sie schließen es aus, sich in eine parteipolitische Kraft zu verwandeln. Dies zeigt die Diskrepanz der beiden Visionen.
Die Kommission für Versöhnung und Frieden (COCOPA) erinnerte daran, dass weiterhin das Gesetz für Dialog, Eintracht und Frieden in Chiapas aus dem Jahr 1995 gültig sei, weswegen es nicht nötig sei, Haftbefehle zu annullieren. Die Zapatistas bewegen sich im Rahmen dieser Übereinkünfte, sie verletzen diese nicht, weil sie Feuerpause einhalten und eine politische Initiative an die Öffentlichkeit bringen. Der Beauftragte der Regierung für den Frieden in Chiapas, Luis H. Álvarez behauptete nichts desto trotz, es sei „inkompatibel, sich für einen politischen Weg auszusprechen und bewaffnet zu bleiben“.
Die Regierung von Chiapas ihrerseits enthielt sich offiziell einer Stellungnahme gegenüber dem Roten Alarm „wegen Mangel an Kenntnissen“ und weil „es sich um eine Angelegenheit des Bundes handle“. Zwei Tagen später verkündete sie jedoch ohne weitere Erklärung, dass die chiapanekische Regierung nun auch ihrerseits „jeglichen Kontakt mit den Caracoles und den Räten der Guten Regierung abgebrochen hat“.
Aufhebung des Alarmzustands und Änderungen in der Zivilstruktur
Drei Wochen später hob die CCRI-CG der EZLN mit einem neuen Kommuniqué den Alarmzustand auf. Dabei kündigte sie die Wiedereröffnung der Caracoles und aller Büros der Räte der Autonomen Bezirke an. Zur gleichen Zeit wurde die nationale und internationale Zivilgesellschaft eingeladen, den Kontakt mit der zivilen zapatistischen Struktur wieder aufzunehmen, deren Arbeit sich nach und nach wieder normalisieren werde. Als Resultat der Evaluation, die in diesen Wochen beendet wurde, wurde eine Reorganisation innerhalb der Caracoles verkündet. Um die Einmischung des militärischen Teils in den zivilen Weg zu korrigieren, die immer wieder aus den eigene Reihen kritisiert wurde, sollen ab jetzt die sogenannten Überwachungskommissionen nur noch aus den Unterstützungsbasen besetzt werden. Diese Kommissionen werden eine Brücke zwischen den Räten der Guten Regierung und den Besuchenden darstellen und sie werden außerdem die Gemeinden und autonomen Bezirke informieren, damit diese von unten über die Entwicklung der Autonomie beraten und den Prozess kontrollieren können. Darüber hinaus wurde die Bildung einer neuen Zelle innerhalb der Büros der Räte der Guten Regierung bekannt gegeben: die sogenannten Informationskommissionen, die Menschen betreuen, die über Geschichte und Kampf des Zapatismus informiert werden wollen.
Die Herausforderung der neuen Initiative
Der neue Schritt im zapatistischen Kampf schafft viele neue Herausforderungen, nicht nur für die zapatistische Bewegung sondern für die Gesellschaft als Ganze. Wie die Zapatistas selber sagen, handelt es sich um eine risikoreiche Initiative – sowohl in seinem Wesen als auch wegen den politischen Umständen des Landes. Trotzdem belegt diese Initiative unterschiedliche Dinge: Sie zeigt die Fähigkeit der Zapatistas, ausgehend von ihrer politischen Vision, in einem entscheidenden historischen Moment für ein Land einen Vorschlag zu entwickeln.
Es hat sich für sie herausgestellt, dass es für einen kohärenten Kampf gegen den Neoliberalismus nötig ist, nähere Verbindungen mit den mexikanischen und internationalen Bewegungen herzustellen, die ihre Erfahrungen aus dem aktiven Widerstand teilen wollen. Diese Wende fällt mit einer kürzlich geäußerten Kritik an den Zapatistas zusammen, diese würden lediglich den Weg ihrer eigenen Autonomie verfolgen, ohne jedoch konkrete Vorschläge „über Chiapas hinaus“ zu machen.

Viele mit der EZLN sympathisierende soziale Bewegungen und Organisationen in Mexiko sind gleichzeitig mit der PRD auf nationaler Ebene oder mit der Strömung „Lopez Obrador“ verbunden, die beide zur institutionalisierten Linken gehören. Nun müssen sie sich angesichts des Vorschlags der EZLN neu definieren. Dies kann unbequem für diejenigen werden, die bisher beide Seiten unterstützt haben. Dieser Faktor beeinflusst das Echo auf den Vorschlag der Zapatistas seitens der verschiedenen linken Strömungen.
Auch bleibt es abzuwarten, wie sich dieser neu geschaffene Raum aufteilen wird, der wegen seiner Weite nicht nur bestimmte Herausforderungen repräsentiert, sondern auch die Gefahr in sich birgt, bestimmte frustrierende Erfahrungen zu wiederholen, wie die Bildung einer Verfassungsgebenden Versammlung, die 1994 angeregt wurde. Bis jetzt haben einige Organisationen den Zapatistas bereits die Unterstützung für ihre neue Initiative zugesagt, wie die mexikanische Elektrizitätsgewerkschaft (SME) oder der Nationale Indigene Kongress, der genau wie die Zapatistas den Roten Alarm ausgerufen hatte. Die Antwort der anderen Sektoren der Zivilgesellschaft bleibt offen Sie hoffen mit Sicherheit, dass die Zapatistas ihre zukünftigen Handlungen konkretisieren. Eine weitere Herausforderung für die Zapatistas ist die Annäherung der Organisationen, die vorher außerhalb ihrer Radius standen und die nun angesichts der nationalen Umstände in dem Vorschlag der Zapatistas einen politischen Ausweg für Mexiko sehen könnten.
Es ist wichtig aufzuzeigen, dass die „Rückkehr“ der Zapatistas zur nationalen und internationalen Politik keinen Rückzug aus dem Prozess der aktiven Umsetzung von Autonomie in Chiapas bedeutet. Die autonome Struktur mit den Caracoles an der Spitze und den verschiedenen Bildungs-, Produktions- und Gesundheitsprojekten, die darin verwirklicht werden, belegen die Fortschritte auf verschiedenen Gebieten. Aufgrund der Evaluierungen der internen Prozesse nahmen die Zapatistas einige Änderungen in Angriff, um das Funktionieren der Caracoles zu verbessern. Ohne die Fortschritte des neuen Vorschlags der Zapatistas auf nationaler und internationaler Ebene zu antizipieren, kann vorhergesagt werden, dass zwei parallele Prozesse beibehalten werden: Die Fortführung mit dem Aufbau von Alternativen von unten, die auf die lokalen Bedürfnisse reagiert und der Impuls eines intensiven politischen Prozesses nach außen. Sicherlich werden sich beide Wege gegenseitig befruchten.
Ohne sich selbst an den Wahlen zu beteiligen, nutzen die Zapatistas den politischen Zeitpunkt aus, in dem die Aufmerksamkeit auf die nächsten Wahlen gerichtet ist und zeigen die Möglichkeit auf, eine andere Politik zu verwirklichen. Auf diese Weise haben sie sich dafür entschieden, weiterhin von außen Druck auf das politische System auszuüben und die bürgerliche Mobilisierung zu verbinden. Angesichts der Unmöglichkeit, den neoliberalen Krieg innerhalb des System zu bekämpfen, schlossen die Zapatistas die Reihen, um dies in derselben Gesellschaft zu verwirklichen.

:: FOKUS
Guerrero: Ein Mosaik der Hoffnung gegen eine Mauer der Straflosigkeit
Zu viele Menschen aus Guerrero sterben stehend. Zu viele zornige Tote für die der Tod durch Messerspitzen, Schneiden oder Schüsse ein natürlicher Tod ist. Wenn es stimmt, dass die Getöteten nicht ausruhen, so ist Guerrero eine ernorme Ansammlung von schlaflosen Toten.
Armando Bartra. Sur profundo
Guerrero, Oaxaca und Chiapas: ein Dreieck hinsichtlich der Armutsindikatoren

Man kann sagen, dass es durch die nationale und internationale Aufmerksamkeit zu Chiapas und seinem bewaffneten Konflikt geschafft wurde direkte Gewalt zu verringern und Druck auf Bundes- und bundesstaatliche Regierungen herzustellen – zum politischen Preis der Repression und ihrer Toten. Während sich die Sorge auf Chiapas konzentrierte, leiden die sozialen, Bauern- und indigenen Organisationen in anderen Bundesländern wie Oaxaca und Guerrero auch weiterhin unter Bedrohungen, Gewalt und Militarisierung – ohne zahlreiche Anklagen und vor allem unter Straflosigkeit.
In diesen mexikanischen Regionen findet man die gleichen strukturellen Gründe, die zum Aufstand der Zapatistischen Armee der nationalen Befreiung (EZLN) in Chiapas führten: Der Mangel an sozialen und ökonomischen Basisrechten wie Unterkunft, Bildung oder Gesundheit vereint mit Diskriminierung und Rassismus, durch den Jahrhunderte langen externen und internen Kolonialismus betrieben.
Die Bundesstaaten Guerrero, Chiapas und Oaxaca bilden nach den sozioökonomischen Indikatoren des „Nationalen Rates der Bevölkerung“ (CONAPO) aus dem Jahr 2000 ein Dreieck der extremen Armut. In diesen Bundesstaaten leben ein Drittel der indigenen Völker Mexikos. Das Binom „indigene Bevölkerung-Marginalisierung“ ist in den Landkreisen von Guerrero weiterhin gültig. 95,9% der indigenen Bevölkerung in Guerrero hat keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten, (sozioökonomische Indikatoren der indigenen Völker in Mexiko- Nationales Indigenistisches Institut, 2002). Hinsichtlich des Rechtes auf Bildung: annähernd 50 % der Bevölkerung hatten keine Schule besucht.
Das Guerrero des Kampfes und Widerstands: gestern und heute
Die Regionen haben in den 60igern und 70igern den bewaffneten revolutionären Kampf von Genaro Vázquez und Lucio Cabañas kennen gelernt. Anlässlich der Situation von Armut und sozialer Ungerechtigkeit richtete er sich gegen das politisch korrupte und klientelistische System der vorherrschenden Institutionalisierten Revolutionspartei (PRI). Die Union zwischen Kaziken und der vorherrschenden Partei bildete damals unzugängliche Kreise der Macht gegen die bewaffneten Gruppen (siehe: „Gedankenwelt der Partei der Armen“, Sierra des Bundesstaates von Guerrero, März 1973).
Der Regierungsapparat antwortete den Guerrillas durch seine Sicherheitskräfte nicht nur mit der Verfolgung ihrer Anführer und einzelner Guerrillaeinheiten sondern auch mit der Verfolgung derjenigen, die verdächtigt wurden Unterstützerbasis einer bewaffneten Gruppe zu sein. Darunter fiel der größte Anteil der bäuerlichen und indigenen Bevölkerung, insbesondere derjenigen, die sich zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen organisiert hatten.
Die willkürlichen Verhaftungen, das Verschwindenlassen, die Folter und Morde füllen die Seiten dieser historischen Epoche, die bekannt wurde als „schmutziger Krieg“. Nach wie vor fordern Organisationen wie die „Vereinigung der Angehörigen von Verhafteten, Verschwundenen und Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Mexiko“ (AFADEM) die Aufklärung der damaligen Taten und lehnen es ab, dass die Toten in der Schublade des Vergessens bleiben. Diese Organisation hat mehr als 400 Fälle von Personen aus dem Bundesstaat Guerrero dokumentiert, die während des „schmutzigen Krieges“ verschwunden sind.
Der bewaffnete Aufstand in Chiapas 1994 bedeutete für Guerrero - auch vor dem historischen Hintergrund des Kampfes und Widerstandes - eine seit den Zeiten von Lucio Cabañas nie mehr da gewesene Militarisierung und Hetze gegen Mitglieder von Bauern– und indigenen Organisationen, aus der Angst heraus, dass sich eine bewaffnete Rebellion ähnlichen Ausmaßes wie in Chiapas bildete.
Das Massaker von Aguas Blancas am 28.juni 1995 und das von El Charco am 7.Juni 1998 sind zwei Beispiele des Einsatzes der repressiven Kräfte des Staates gegen Bauern- und indigene Organisationen, mit dem Argument der „Bekämpfung von klandestinen bewaffneten Gruppen“. In Aguas Blancas wurden 17 Mitglieder der Bauernorganisation „Bauern der Sierra Süd“ (OCSS), die von einer Demonstration kamen, durch das mexikanische Militär festgenommen und ermordet. 1996 am ersten Jahrestag des Massakers von Aguas Blancas trat die „revolutionäre Volksarmee“ (EPR) öffentlich in Erscheinung; die Guerrilla, die zu einem Wechsel der „ausbeutenden und unterdrückenden“ Regierung auffrief (siehe: El Sur, 28.Juni 2005). In ihrem Manifest von Aguas Blancas (1996) ruft sie zu den Waffen gegen die institutionalisierte Gewalt auf und regt die Schaffung von bewaffneten Selbstverteidigungsgruppen und Volkstribunalen an, um die Unterdrücker des Volkes zu verurteilen.
Im Morgengrauen des 7.Juni 1998 umstellte das mexikanische Militär die Schule der Gemeinde El Charco, in der Vertreter aus verschiedenen Gemeinden schliefen. Diese ruhten nach einem Koordinationstreffen der dem Landkreis zugehörigen Dörfer, das durchgeführt wurde von der „unabhängigen Organisation der indigenen Völker Mixtecos und Tlapenecos“. In dieser Versammlung waren auch einige Personen von „außerhalb“ anwesend, wie z.B. Efrén Cortés, der ein Projekt zur ländlichen Entwicklung vorstellte, sowie Ericka Zamora und Ricardo Zavala, die ihre Vorschläge für ein Alphabetisierungsprojekt präsentierten. Nach der Versammlung erschienen drei Personen, die als Mitglieder einer Guerrillagruppe die Meinung der Gemeinden kennen lernen wollten.
Einige Personen kehrten anschließend in ihre Gemeinden zurück, andere beschlossen in El Charco zu übernachten. Im Morgengrauen massakrierte das mexikanische Militär 11 Personen (darunter Ricardo Zavala), 5 weitere wurden verletzt und 21 Personen verhaftet, darunter auch Ericka Zamora und Efrén Cortés – angeklagt Komandanten der EPR zu sein. Sie wurden gefoltert und verurteilt aufgrund der Tatbestände der Rebellion, Konspiration, Aufruf zur Rebellion und des Tragens von Waffen. Efrén wurde zu sechs Jahren und sechs Monaten und Ericka zu acht verurteilt. Beide wurden in das Gefängnis der höchsten Sicherheitsstufe Puente Grande im Bundesstaat Jalisco überführt. Der Rest der Verhafteten erhielt niedrigere Strafen zwischen einem Jahr und zwei Jahren.
Am vergangenen Jahrestag des Massakers von El Charco trafen sich politische Ex-Gefangene, Mitglieder der OCSS und anderer Organisationen. Der größte Teil von ihnen hat Jahre der Folterhaft in Puente Grande gemeinsam mit Efrén und Ericka erlebt. „Sie teilten die Nächte voll Quälereien ohne schlafen zu können und waren der so genannten „Umerziehung“ unterworfen, in der sie gezwungen wurden die Grundschule zu wiederholen um ihre Würde zu zerstören“. (Zeugenaussage eines politischen Ex-Gefangenen)

Die Geschichte zeigt, dass die Aufstandsbekämpfung die Entwicklung von neuen Guerrillagruppen nicht verhindert hat. So tauchte kürzlich das „revolutionäre Volkskommando das Vaterland zuerst“ auf, kündigte die Hinrichtung und Bestrafung der Verantwortlichen von Aguas Blancas an und tötete eine dieser Personen (La Jornada, 9.Juli 2005)
Das Verteidigungsministerium rechtfertigt die Militarisierung mit dem Kampf gegen den Drogenhandel und illegalen Waffenbesitz. Guerrero ist der führende Bundesstaat in der Produktion von Mohn (Primärstoff zur Gewinnung von Opium). Man zeichnet die Bauern- und indigenen Gemeinden für den Anbau von Mohn verantwortlich, aber die „Antidrogen“-Politik versucht nicht wirklich die Ursachen des Problems zu lösen. Die extreme Armut und der Preisverfall ihrer Produkte haben die Bauern dazu geführt, die Aussaat von Mohn als einen Ausweg zu betrachten.
Internationale Organisationen haben dem mexikanischen Militär geraten sich von dieser Art von Aktivitäten loszusagen, die ihrerseits schwere Menschenrechtsverletzungen bergen. In diesem Sinn empfahl die UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, willkürliche und Massenhinrichtungen dem mexikanischen Staat, dass „ dieser die Demilitarisierung der Gesellschaft erreicht und zukünftig vermeidet, den bewaffneten Streitkräften die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung oder der Verbrechensbekämpfung zu delegieren….dieser die notwendigen Reformen einleitet, damit die ordentliche Gerichtsbarkeit alle Personen verurteilen kann, die der Verletzung von Menschenrechten beschuldigt werden, was auch immer ihr Beruf sein mag.“ (25/11799)
Seit 1966 bis 2004 hat das Menschenrechtszentrum „Tlachinollan“ 68 Fälle von Menschenrechtsverletzungen durch das Militär dokumentiert (einschließlich Sexualverbrechen und Massenhinrichtungen). Bis heute blieben alle straffrei.
Vom Wort des Wassers zur Verteidigung der Wälder
Der Widerstand der indigenen Bevölkerung und der Bauern in Guerrero hat sich nicht nur durch das Antlitz der Waffen ausgezeichnet. Bauern- und indigene Organisationen haben täglich sowohl zur Verteidigung ihrer Rechte gearbeitet, als auch eine neue soziale Alternative entwickelt - auf Basis ihrer Kenntnisse und ihrer Werte wie die Gemeinschaftlichkeit, die Solidarität, der gegenseitige Respekt, die Aufrichtigkeit, die Praktizierung von Ritualen, die Macht des Dienstes (sería servicio como poder)/ Dienstbarkeit (poder del servicio en el sentido de que el servicio es para el bien de tod@s ) , der Dialog und die Versöhnung.
Zu Beginn der 90iger wurde der Rat zu 500 Jahren indigenem, schwarzen und Volks- Widerstand in Guerrero ins Leben gerufen (CG500ARINP), als eine derjenigen indigenen, Impuls gebenden Organisationen gegen die 500-Jahresfeierlichkeiten der Eroberung Amerikas durch die Spanier .
In der Bergregion gründete sich vor 11 Jahren das Menschenrechtszentrum des Berges „Tlachinollan“ e.V. mit dem Ziel eines integralen Konzepts von Menschenrechten, nämlich das die ökonomischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte den bürgerlichen und politischen Rechten innewohnend seien. Während des diesjährigen bundesstaatlichen Forums „Unser Wort bereitete den Weg“ vom 3.-4. Juni feierte man nicht nur den 11. Jahrestag der Gründung, sondern man schuf auch eine Brücke zwischen den verschiedenen organisatorischen Prozessen, die diese begleiten.
Das Team von Tlachinollan erkannte an, dass es in diesen 11 Jahren des gemeinsamen Weges mit den indigenen Völkern „ihre Worte zu verstehen gelernt hat und deshalb lernen konnte Menschenrechtsverteidiger zu werden“. Und sicher ist, dass sie gelernt haben die monokulturelle Sichtweise von Rechtssprechung und Menschenrechten abzulegen: „In den Gemeinden wird eine Erziehung praktiziert wie Rechtssprechung angewendet werden soll – reden, sich mit den Ältesten versammeln; eine Rechtssprechung, die Tlapaneco, Mixteco spricht – eine Justiz am Verhandlungstisch (…) Wir müssen uns freimachen von dem Hochmut zu glauben, wir seien die Aufgeklärten“ (Eröffnungsdiskurs von Abel Barrera, Direktor von Tlachinollan)
Auf dem Treffen waren die Unabhängige Organisation des Mixtekischen Volkes (OIPM) und die Organisation des indigenen Volkes Me´phaa (OPIM) anwesend, die beide dem Landkreis Ayutla de los Libres angehören, in dem das Massaker von El Charco stattfand. Sie haben gegen die Militarisierung der Region gekämpft, und insbesondere zwei Frauen der Me´phaas begleitet, (Valentina Rosendo Cantú und Inés Fernández Ortega), die Anzeige erstattet hatten wegen erlittener Folter und Vergewaltigung durch Angehörige des mexikanischen Militärs. Obtilia Eugenio Manuel, Mitglied von OPIM, hat am juristischen Prozess von Inés und Valentina als Dolmetscherin teilgenommen. Als Konsequenz dessen wurden sie und ihre Familie kontinuierlich lebensbedrohlich verfolgt.
Auf dem Forum konnten wir anhand einer Gemeinde, in der durch eine Naturkatastrophe 266 Häuser zerstört wurden, die Arbeit zur Umsetzung des Rechtes auf angemessenes Wohnen kennen lernen. Ferner konnten wir auch den Fall einer Nahua-Gemeinde kennen lernen, in der sich 1600 Gemeindemitglieder versammelten um das Programm PROCEDE zur Bescheinigung von Ejido-Rechten (genossenschaftsähnliches Nutzungssystem) abzulehnen, da es Auswirkung auf ihre kollektive Vision zu Land(besitz und -verfügung) gehabt hätte.
Es gab Zeugnisse und Erfahrungsaustausch von denjenigen, die ihr Recht auf Selbstorganisation ausüben und über ihre Form von Leben aus der Basis heraus selbst bestimmen:
Die Radiostation Ñonmdaa (Wort für Wasser in der Sprache der Amuzgo) wurde im autonomen Landkreis von Xochistlahuaca als Instrument zur Stärkung ihres eigenen autonomen Projektes gegründet. Dieser Landkreis hatte sich 2002 als autonome Region ausgerufen - als Antwort auf die bestehende Parteienkorruption in der offiziellen Regierung. Die traditionellen Autoritäten richteten ihre Form von Kommunalregierung ein und entschlossen sich, keine staatliche Unterstützung anzunehmen. Im Dezember 2004 errichteten sie die autonome Radiostation Ñonmdaa, durch die sie ihre Form von Lebensauffassung und ihre Traditionen verkünden. Es ist das erste komunitäre Radio in Guerrero und das einzige in der Sprache der Amuzgo. David Valtierra, ein Sprecher des Radiokomités bestätigte, dass das Radio der Stärkung des Volkes der Amuzgo diene, aber auch Verbindungen zwischen isolierten oder ohne Kommunikationsstrukturen existierenden Gemeinden schaffe.
Das Recht auf eine eigene Radiostation leiten sie aus den Übereinkünften von San Andrés und der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ab, die kollektive Rechte für indigene und in Stämmen lebende Völker anerkennt. Trotz allem versuchten Inspektoren der Kommunikationsleitungen am vergangenen 25. Februar die Ausrüstung zu entfernen. Diese Aktionen werden begleitet von den Übergriffen, die die autonomen Autoritäten seit dem Ausruf zur Autonomie erleiden. Gegen die meisten der Autoritäten liegen Haftbefehle vor.
Weiterhin nahmen Mitglieder der kommunalen Polizei teil, die angesichts der hohen Kriminalitätsrate in der Küsten-Bergregion und gegen eine offizielle, korrupte und monokulturelle Justiz geschaffen wurde. Die Gemeinden organisierten ihr eigenes System zur öffentlichen kommunalen Sicherheit. Doch das ist nicht alles: Sie entwickelten ferner ihr eigenes System an Rechtssprechung und Erziehung in dem sie Bezug auf ihre traditionellen normativen Systeme nehmen und sie damit bewahren -ohne dabei die positiven Seiten des mexikanischen Rechts zu negieren. Am kommenden 15. Oktober feiern sie ihr 10-jähriges Bestehen und sie bestätigen, dass man in dieser Zeit „vorangekommen und auch sehr ins Stolpern geraten ist“. Es wurde die Regionale Koordination der kommunalen Autoritäten (CRAC) gegründet – als übergeordnetes zuständiges Organ die kommunale Rechtssprechung zu unterrichten, die die ‚Umerziehung’ des Täters in den Mittelpunkt stellt. Denn nach ihrer Aussage „funktionieren die offiziellen Gefängnisse so, dass man sie verrohter wieder verlässt“. Ihrer Auffassung nach sei die Reintegration des Täters für ihn selbst und die Gesellschaft von größerem Nutzen. Sie reden nicht von Bestrafung, sondern von einer „Strafbestimmung“ (sanción), Versöhnung und Wiedergutmachung des Schadens. Aktuell liegen Haftbefehle gegen kommunale Polizisten vor.
Der Auftritt der ökologischen Bäuerinnen der Sierra de Petatlán und Coyuca de Catalán war einer der erschütternsten Momente des Forums angesichts der Situation von Repression und Angriffen, die sie erleiden, weil sie sich gegen die heimliche und maßlose Abholzung der Wälder einsetzen. Die Direktorin der Organisation der Frauen aus der Sierra de Petatlán und Coyuca de Catalán, Celsa Baldovinos, ist die Ehefrau von Felipe Arreaga, anerkannter Umweltaktivist der Region, der aktuell ungerechtfertigt inhaftiert ist als Folge der Repression gegen seinen Einsatz für die Umwelt. Felipe Arreaga und Celsa motivierten die Frauen eine Organisation zur Bekämpfung von Umweltverschmutzung und Abholzung zu gründen. Heute gehören dieser ca. 60 Frauen aus verschiedenen Gemeinden an.
Als wir sie in der Sierra von Petatlán besuchten, konnten wir ihr Wiederaufforstungsprojekt von roten Zedern kennen lernen, und wie sie die Waldbrände eindämmen, die die Region verwüsten. Des Weiteren lernten wir auch ihre Kampagnen zur Säuberung der Wälder und Flüsse, oder ihre Gartenprojekte, in der sie die ganze Familie mit einbeziehen, kennen. Mit dem Projekt wird versucht die Nahrungssicherheit wieder zu erreichen. In dem Projekt können sie auf eine Art „Sparkasse“ zurückgreifen, durch die Geld zu 5% an Bedürftige verliehen wird. An solche, die nicht am „Sparkassensystem“ beteiligt sind, wird ein wenig höher verzinst verliehen. Die Erträge hieraus fließen in die Projekte der Organisation.
Die Wut dieser Frauen, die in einem permanenten Klima von Bedrohung und Angriffen leben, weil sie das machen, was sie machen, nämlich „den Wald schützen“, lässt ihre Stimme brechen, wenn sie von der Repression, die Felipe Arreaga und anderen ökologischen Bauern erlitten und erleiden, sprechen. Auf dem Forum wurde an den erlittenen Hinterhalt von Albertano Peñaloza erinnert, bei dem zwei seiner Kinder starben und er als auch ein weiteres seiner Kinder schwer verletzt überlebt haben. Celsa sagte uns: „wie ist es möglich, dass uns jedes Mal etwas Schwerwiegendes passiert, wenn wir mit der Organisation vorankommen? Mich besorgt, wie es weitergehen wird - dass sie uns niemals arbeiten lassen werden“.
Die Sierra steht als Paradigma für Ungerechtigkeit und Straflosigkeit, das in Guerrero regiert. Die Verbindungen zwischen regionalen Kaziken, Autoritäten und den Militärbefehlshabern durch den Drogenhandel können eine Vorstellung des Kontextes geben, in dem die ökologischen Bauern und die anderen Mitglieder der genannten Organisationen kämpfen.
Der vorliegende Text versucht ein kleines Fenster zu sein, gleichzeitig auf eine tragische aber auch voller Hoffnung verbundene Realität blicken zu können. Es sind die Völker/Gemeinden, die den feindlichsten Situationen widerstehen und darum kämpfen, die Politiken ihrer Vernichtung zu stoppen. Es stimmt, dass die Militarisierung, die kontinuierliche Repression und die ökonomischen Schwierigkeiten das soziale Netz zerstört und viele Menschen aus den Gemeinden vertrieben haben, die dadurch zu Migranten wurden. Aber es gibt viele Erfahrungen, welche die Energie der Gemeinden zur Wiedererlangung und Regenerierung ihrer Kultur beweisen - wie die beschriebenen in diesem Artikel.
Mehr Information:
Menschenrechtszentrum des Berges „Tlachinollan"
Amnesty International
Dringender Aufruf/Kampagne:
SIPAZ: Inhaftierung und Repression der Bauern aus der Sierra de Petatlán in Guerrero

:: AKTIVITÄTEN VON SIPAZ
April - Juni 2005
INTERNATIONALE PRÄSENZ UND BEGLEITUNG
In diesen Monaten trafen wir uns mindestens einmal mit den jeweiligen Räten der Guten Regierung in den 5 zapatistischen Caracoles, um ihnen die Interviews zu übergeben, die zuvor zum Thema Autonomie geführt wurden.
Im Mai verbrachten wir zehn Tage in verschiedenen Gemeinden und Städten in der nördlichen Region von Chiapas, um:
Interviews mit verschiedenen Akteuren zur aktuellen Lage zu führen;
ein neues Projekt zur Systematisierung unserer Arbeit in der Region vorzuschlagen (die seit 1998 aller drei Monate besucht wird).
Wir trafen uns mit verschiedenen religiösen Akteuren aus Chiapas und führten Interviews mit ihnen durch.
Ende Mai bereisten wir den Bundesstaat Guerrero im Rahmen unseres Vorhabens, andere Prozesse in Mexiko zu begleiten. Wir trafen uns mit Internationalen Friedensbrigaden. Wir besuchten das Menschenrechtszentrum von Tlachinollán an seinem XI. Jahrestag und nahmen dort am Forum „Unser Wort als Weg“ (“Nuestra palabra hecho camino”) teil. Außerdem waren wir beim Jahrestag des Massakers von ‚El Charco’ anwesend. Wir sprachen mit Felipe Arreaga, dem Campesino und Umweltaktivisten, der unschuldig im Gefängnis war (siehe Acción Urgente), und mit der Umweltschützerinnen-Organisation „Organización de Mujeres Ecologistas de la Sierra de Petatlán“.
Nachdem die Zapatistas die Alarmstufe Rot ausgerufen hatten, beteiligten wir uns in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Politische Analyse und Soziale und Wirtschaftliche Untersuchungen CAPISE an einer Beobachtungsbrigade in den Talregionen des Lakandonischen Urwaldes.
INFORMATION
Wir empfingen Besucher, Delegationen, Studenten und Journalisten vor allem aus den USA und Europa, um sie über die Situation in Chiapas und die Arbeit von SIPAZ zu informieren. Unter anderem waren dabei: aus den USA Mitglieder der Vereinigten Kirche Christi, Schüler des Colorado-College, der De Paul-Universität und des binationalen Programmes ‚Global Education’, eine Delegation von ‚Witness for Peace’ (Ständige Aktion für den Frieden, Teil unserer Koalition); und aus Europa der Vertreter des Katholischen Komittees gegen Hunger und für Entwicklung (CCFD).
Am 16. Mai nahmen wir mit einem Vortrag an der Tagung zum Thema ‚Frieden und Militarisierung’ teil, die im Rahmen des Internationalen Festivals der Kulturen im Widerstand Ollín Kan 2005 von Stadtbezirk Tlalpan in Mexiko Stadt organisiert wurde.
Am 19. Mai präsentierten wir einen Vortrag beim Forum ‚Der Krieg, die aktuelle Etappe des Imperialismus“ in der Nationalen Autonomen Universität Mexiko (UNAM), zu dem die Organisation „Jugendliche im Widerstand“ (Jóvenes en Resistencia) eingeladen hatte.
Im Mai und Juni trafen wir uns mit Vertretern der Schweizer Botschaft in Mexiko und des Schweizer Außenministeriums.
Derzeit ist ein Mitglied unseres Teams immer noch in Deutschland auf einer Tour durch mehrere Städte unterwegs.
Wir nahmen weiter am Seminar “Das Werk von Immanuel Wallerstein: eine Grammatik zum Verstehen der heutigen Welt aus einer kritischen Perspektive“ teil, das vom „Zentrum für Studien, Information und Dokumentation: Immanuel Wallerstein“ durchgeführt wird. Am 23. und 24. Juni besuchte Professor Wallerstein Chiapas. Wir besuchten seine Konferenz zum Thema „Die Welt in der wir leben: 2005-2050“.
VERNETZUNG UND EINGLIEDERUNG
Vom 28. März bis zum 2. April nahmen wir Am Forum ‚Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden’ teil, zu dem das Instutit für Menschenrechte der Universidad Centroamericana (IDHUCA) im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum XXV. Jahrestages der Ermordung von Monseñor Romero in San Salvador, El Salvador, eingeladen hatte. Zur gleichen Zeit fand eine Versammlung des Lateinamerikanischen Netzwerkes von Friedensschaffenden (Red Latinoamericana de Constructores de Paz), zu dem wir gehören, statt. Das Netzwerk veröffentlichte die Erklärung „Llamado Romero“.
Wir engagierten uns weiter im Netzwerk für den Frieden („Red por la Paz“), das 15 Organisationen Raum für Aktionen und Reflektion bietet, die Friedens- und Versöhnungsprozesse in Chiapas unterstützen wollen. Im Mai nahmen wir außerdem an einer Versammlung des Mexikanischen Netzwerkes von Friedensschaffenden (Red Mexicana de Constructores de Paz) in Mexiko Stadt teil.
Im Mai luden uns verschiedene internationale Organisationen zur Koordination der Internationalen Begleitung in Guatemala (Coordinación de Acompañamiento Internacional en Guatemala) in ihr Land ein, um verschiedene Formen internationaler Begleitung ausgehend von unseren unterschiedlichen konkreten Erfahrungen auszutauschen.
Anfang Juni nahmen wir an einer Analyse über den Kontext und die Agenda des ausstehenden Friedens teil, zu die Organisationen „Servicios y Asesoría para la Paz“ (Serepaz) und die Schweizer Plattform für Frieden in Chiapas (PROPAZ) aufgerufen hatten und an der mehr als 50 Personan teilnahmen.
AUSBILDUNG FÜR DEN FRIEDEN
Am 7. und 8. April nahmen wir an einem Workshop zum Thema ‚Konfliktumwandlung“ teil, der von der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung einberufen und vom norwegischen Professor Johan Galtung geleitet wurde, welcher weltweit als Begründer der Friedensstudien gilt. Wir sprachen persönlich mit ihm, um ihm über unser Projekt zu berichten und seine Sicht auf den Konflikt in Chiapas kennenzulernen.
Ab Mai begannen wir mit einem Workshop-Zyklus zum Thema Konfliktumwandlung mit der Organisation GRAMIN/ALSOL (die mit Mikrokrediten für indigene Frauen arbeitet).
Vom 20. bis 24. Juni nahmen wir an einer Veranstaltung über ‚Wiederherstellende Justiz’ in Guatemala teil, die von REDPAZ, dem Mittelamerikanischen und Karibischen Netzwerk (Red de Centroamérica y el Caribe) einberufen wurde, das sich seit mehreren Jahren mit dem Thema Konfliktumwandlung auseinandersetzt.
SONSTIGES
Wir sind umgezogen! Unsere neuen Daten:
SIPAZ
Ave. Chilón # 8, Barrio El Cerrillo,
CP 29220, San Cristóbal de Las Casas, Chiapas
MEXIQUE
Tel/Fax: (00-52)-967-63-160-55

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