FRIEDENSPROZESS, KRIEGSPROZESS

Historischer Überblick des Konfliktes in Chiapas: 1994-2007

Um verständlich zu machen, was im Jahr 1994 in Chiapas passierte, sind viele wichtige Faktoren zu beachten:

  1. Chiapas ist ein reicher Bundesstaat mit einer der ärmsten Bevölkerungen Mexikos. In einem Bundesstaat, der 35% der elektrischen Energie des Landes produziert, fehlt dieser Service in 34% der Wohnungen. In einem Gebiet, das reich ist an natürlichen und landwirtschaftlichen Ressourcen sowie an Erdöl, müssen 60% der Bevölkerung mit einem Mindesteinkommen überleben, 60% der schulpflichtigen Kinder können keine Schule besuchen und die Zahl der Analphabeten bewegt sich bei 30%. Nur 57% der Einwohner des Bundesstaates haben Zugang zu einer Trinkwasserleitung, 15.000 Indigene sterben im Jahr 1993 aufgrund von Armutskrankheiten. Dies geht aus Statistiken aus dem Jahr 1994 hervor, aktuelle Statistiken verweisen auf dieselben Tendenzen.
  2. Im Bundesstaat Chiapas existiert eine schwerwiegende rassistische Diskriminierung, obwohl die indigene Bevölkerung landesweit beinahe 30% und im Konfliktgebiet sogar fast 100% umfasst.
  3. Durch den ausschliessenden Charakter des Neoliberalismus´ und der Globalisierung verstärken zwei weitere Faktoren den schon hohen Grad der Marginalisierung der indigenen Bevölkerung:
    • Der Verfall des Kaffeepreises 1989
    • Die Reform des Artikels 27 der Verfassung im Jahr 1992, durch den der Verkauf von Gemeindeland erleichtert werden soll. Diese Reform bedeutet eine Schwächung des Ejidosystems (mexikanische Form der Verteilung von Gemeindeland) und damit eine Schwächung der Grundstruktur der Organisation indigener Gemeinden.
    • Der Abschluss des NAFTA-Vertrages, (spanisch Tratado de Libre Comercio – TLC). Dieses Freihandelsabkommen zwischen USA, Kanada und Mexiko tritt am 1.Januar 1994 in Kraft.
  4. Am 17. November 1983 wird die EZLN (Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung) gegründet. Sie erscheint zunächst als “traditionelle” Gürilla, verändert sich jedoch im Kontakt mit den indigenen Gemeinden. Während der militärische Kern der EZLN sehr beschränkte Handlungsfähigkeit besitzt, besteht deren Kraft in der breiten sozialen Unterstützung in den Gemeinden.

 

  1994

Am 1. Januar 1994 erklärt die zapatistische Befreiungsarmee (EZLN) der mexikanischen Regierung und ihrem Militär den Krieg, indem sie vier Bezirksstädte im Bundesstaat Chiapas besetzt: San Cristobal de las Casas, Las Margaritas, Altamirano und Ocosingo. Ihre Hauptforderungen waren “Arbeit, Land, Wohnraum, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden”.(Erste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald).

Nach zwölf Tagen Krieg, der zwischen 145 (Version der Regierung) und 1000 (Version der Zapatisten) Menschenleben fordert, erklärt die Regierung einen einseitigen Waffenstillstand. Es beginnt ein erster Dialog mit der EZLN in der Kathedrale des Friedens. Dieser findet mit Hilfe der Vermittlung von Samuel Ruiz, dem Bischof von San Cristobal de las Casas, statt. Als Zeichen guten Willens lässt die Regierung die zapatistischen Gefangenen frei und die EZLN übergibt ihren einzigen Kriegsgefangenen, den General Absalon Dominguez, Ex-Gouverneur von Chiapas.

Nach einem ausführlichen Konsultationsprozess mit ihrer Basis lehnt die EZLN im Juni die aus den Gesprächen in der Kathedrale hervorgegangenen Vorschläge der Regierung ab (nach Aussagen der EZLN sprachen sich 98% der Stimmen gegen die Vorschläge aus), da diese nicht auf ihre Forderungen eingegangen sei.

Die EZLN entscheidet sich dafür, den Waffenstillstand einzuhalten und einen Dialog mit der Zivilgesellschaft zu eröffnen. In der “Zweiten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald” ruft sie zur Nationalen Demokratischen Konvention (CND) auf, die im August mit 6000 Representanten von Volksorganisationen aus ganz Mexiko stattfindet.

Die Regierung scheint nicht zu einem Dialog bereit zu sein. Um die Regierung dazu zu zwingen, sie ernst zu nehmen, durchbrechen die Zapatisten am 19.Dezember 1994 die militärische Umzingelung und besetzen ohne Blutvergiessen 38 Bezirksstädte. Sie erklären diese zu autonomen rebellischen Gemeinden.

Der Konflikt in Chiapas wird besonders im diesem Jahr der Präsidentschaftswahlen zum Stein im Schuh der Regierung. Die Wirtschaftslage wird immer bedrohlicher, eine der grössten Finanzkrisen der jüngsten Geschichte Mexikos bricht aus.

 

  1995

Im Januar wird ein Treffen zwischen der mexikanischen Regierung und der EZLN und der gerade entstandenen Nationalen Vermittlungskommission CONAI (angeführt vom Bischof Samuel Ruiz) einberaumt. Das Datum für das nächste Treffen wird auf den 9. Februar festgelegt.

Anstelle der Vertreter der Regierung kommt die mexikanische Armee und beginnt eine grosse militärische Offensive. Trotzdem gelingt es ihr nicht, die obersten Führer der Zapatisten zu finden und festzunehmen. Aber in vielen Gemeinden werden Militärlager eingerichtet.

Im März verabschiedet der Bundeskongress das “Gesetz für die Verhandlungen, die Versöhnung und den würdigen Frieden in Chiapas”. Dieser Text schlägt eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche, die Aufhebung der militärischen Operation gegen die EZLN und die Aufhebung der Haftbefehle gegen die mutmasslichen Führer der Zapatisten vor. Eine Kommission, bestehend aus Abgeordneten aller im Kongress vertretenen Parteien, die COCOPA (Komision der Eintracht und Befriedung) wird gegründet, um die Verhandlungen zu leiten.

Die Zapatisten, die CONAI und die Delegation der Regierung versammeln sich zuerst in San Miguel, Ocosingo, um sich über die Modalitäten des Dialogs zu verständigen. Die Parteien einigen sich auf einen Verhandlungsort (San Andrés Larrainzar im Hochland von Chiapas) und auf die zu bearbeitenden Themen :

  1. Indigene Rechte und Kultur,
  2. Demokratie und Gerechtigkeit,
  3. Wohlstand und Entwicklung,
  4. Versöhnung in Chiapas,
  5. Rechte der Frauen,
  6. Beendigung der Feindseeligkeiten

Im August startet die EZLN eine nationale und internationale Volksbefragung, um die Richtung ihres Kampfes festzulegen. Mehr als eine Million Personen antworten. Die meisten unterstützen eine Transformation der EZLN in eine politische Kraft neuen Typs.

 

  1996

Im Januar versammeln sich 300 Vertreter von mindestens 35 indigenen Völkern im Nationalen Indigenen Forum, zu dem die EZLN aufgerufen hat. Die Teilnehmer beschließen den Nationalen Indigena-Kongress (CNI) zu gründen. Es muss unterstrichen werden, dass viele Organisationen des ganzen Landes am Dialogprozess (als Gäste oder Berater) teilnehmen.

Am 16. Februar werden die Abkommen von San Andrés unterschrieben. Sie enthalten die Ergebnisse der Verhandlungen zum Thema indigener Rechte und Kultur (Thema 1). Im März werden die Beratungen über das zweite Thema eröffnet: Demokratie und Gerechtigkeit. Die Delegation der Regierung nimmt nicht ernsthaft teil.

Im September entscheidet die EZLN, sich von den Verhandlungen zurückzuziehen. Sie stellt folgende Bedingungen zur Wiederaufnahme des Dialogs:

  • Umsetzung der Abkommen von San Andrés und Aufstellung einer Kommission zu deren Kontrolle. Diese soll den Verlauf verfolgen und die Umsetzung dieser Abkommen überwachen
  • Beendigung der Militarisierung und Paramilitarisierung des Bundesstaates
  • Die Aufstellung einer Regierungsdelegation mit Entscheidungsgewalt und echtem Willen zum Gespräch
  • Ernsthafte und konkrete Vorschläge der Regierung zum Thema 2
  • Freilassung der politischen Gefangenen

Im November einigen sich beide Seiten darauf, dass die COCOPA eine Gesetzesinitiative vorbereitet, um die unterschriebenen Abkommen zum Thema “Indigene Rechte und Kultur” (erstes Thema) in die Verfassung zu integrieren. Beide Parteien sollen diese Initiative entweder komplett akzeptieren, ohne Anmerkungen oder Verbesserungen, oder sie ablehnen. Im Dezember 1996 akzeptiert die EZLN die Initiative; die Regierung dagegen schlägt Veränderungen vor, die den Vorschlag der COCOPA entscheidend verändern.

In Chiapas nimmt der Krieg niedriger Intensität zu. Das Ziel ist es, “dem Fisch das Wasser zu entziehen” oder zu bestätigen, dass die EZLN nicht auf Unterstützung bauen kann. Mit dieser Strategie versucht die Regierung:

  • Die nationale und internationale öffentliche Meinung zu verwirren (Reden von Frieden, Sozialarbeit des Militärs, Einschränkung der Gefechte zwischen den Armeen, Gerüchte, massive Beeinflussung der Informationsmedien, Einschränkung der Möglichkeiten internationaler Beobachtung, etc)
  • Einen militärischen und paramilitärischen Informationsgürtel um die “abtrünnigen” Gemeinden zu erhalten
  • Die Zivilbevölkerung und mögliche Untersützungsbasen der EZLN durch selektive Aktionen einzuschüchtern und “Beispiele” zu verhindern, die weitere Teile der Gesellschaft mit der aufständischen Idee anstecken könnten
  • Zu “spalten, um zu regieren”. Sie versucht also, Spaltungen und Polarisierungen zwischen und innerhalb der indigenen Gemeinschaften durch repressive Aktionen Einschüchterungsmassnahmen gegen soziale Organisationen voranzutreiben.

 

  1997

Im Januar beschuldigt die EZLN die Regierung, den Prozess mit ihrem Gegenvorschlag zerstört zu haben, da dieser nicht mit dem COCOPA Gesetz übereinstimme. Die Guerilla weigert sich, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, bevor ihre Bedingungen erfüllt werden. Während des ganzen Jahres organisiert die EZLN große Demonstrationen, um die Regierung unter Druck zu setzen, damit diese die Abkommen von San Andrés umsetzt. Die spektulärste dieser Aktionen ist der Marsch von 1111 Zapatisten nach Mexiko-City. Doch die Regierung antwortet nicht.

Im gesamten Bundesstaat Chiapas bricht eine Welle der Gewalt aus:

  • Im Norden finden zahlreiche Aktionen der Gruppe Paz y Justicia und ein Attentat gegen die Bischöfe von San Cristobal statt. Am Jahresende gibt es 4000 Flüchtlinge in der Region.
  • In Chenalho gibt es regelmässig Übergriffe. Den Höhepunkt bildet ein Massaker in Acteal, bei dem 45 Menschen ums Leben kommen. Die Zahl interner Flüchtlinge nimmt immer mehr zu: Ungefähr 10 000 Menschen sind im Hochland auf der Flucht.

 

  1998

Es häufen sich Vorschläge für ein Indígena-Gesetz: einer kommt von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), unterstützt von Präsident Zedillo, ein anderer von der Partei der Nationalen Aktion (PAN). Damit verringern sich die Möglichkeiten einer Aufnahme des COCOPA-Textes (jener Text, der von der EZLN angenommen wurde) im Bundeskongress.

Angesichts dieser Stagnation löst sich die CONAI im Juni auf. Der Bischof Samuel Ruiz erklärt, diese Entscheidung sei wegen der Angriffe der Regierung gegen ihn, die Diözese und die CONAI getroffen worden. Er erklärt, dass die Entscheidung eher eine “Anklage” über die Situation als ein “Rücktritt” sei.

Währenddessen geht die Militarisierung des Staates weiter: die Angaben variieren zwischen 30 000 bis 70 000 Soldaten, etwa einem Drittel der gesamten mexikanischen Armee (es können auch weniger sein, was die Proportion nicht entscheidend beeinflusst), die sich in der Region aufhalten. Es werden zahlreiche breit angelegte polizeiliche und militärische Operationen gegen autonome zapatistische Gemeinden (Flores Magon im April, Tierra y Libertad im Mai, Nicolas Ruiz und San Juan de la Libertad im Juni) durchgeführt. Der Vorwand, um in diese Gemeinden einzudringen, ist es ist ilegal autonome Gemeinden zu gründen, und es endet mit Dutzenden von Festnahmen (was dem Verhandlungsgesetzt wiederspricht, ver 95). Nur in einem Fall antworten die Zapatisten mit Gewalt (San Juan de la Libertad, Landkreis El Bosque) Es gibt acht Tote. Die Regierung spricht von Legalität, die EZLN von Legitimität.

Der neue Gouverneur von Chiapas, Albores Guillen, startet eine große Offensive, um “den Rechtsstaat” mit Hilfe verschiedener Kampagnen wieder herzustellen: Staatliches Abkommen zur Versöhnung in Chiapas, Plan zur Gründung neuer Landkreise und ein Gesetz für Amnestie und Entwaffnung “Ziviler Gruppen” in Chiapas. Diese Initiativen werden von der Oposition stark kritisiert, da sie die EZLN einfach nicht berücksichtigen und somit noch mehr Spaltungen provozieren können.

Die EZLN antwortet auf diese politischen, juristischen und militärischen Offensiven mit monatelangem Schweigen, bevor sie neue Anstrengungen zum Gespräch mit der Zivilgesellschaft unternimmt. Basierend auf den Abkommen von San Andrés startet die EZLN eine nationale Volksbefragung über die Gesetzesinitiative der COCOPA.

 

  1999

Regierung

Die Regierung erklärt, dass der Konflikt nur in Chiapas existiere. Sie versucht, die Ursachen des Aufstands mit ökonomischer Entwicklungshilfe, aber ohne Dialog mit den Zapatisten, lösen zu wollen. Mit großem Eifer präsentiert der Gouverneur Roberto Albores Guillen dem Kongress in Chiapas seine eigene Gesetzesinitiative. Diese Initiative wird von Oppositionsparteien und sozialen Organisationen schwer kritisiert, da sie über die Abkommen von San Andres hinweggeht und den ganzen Konsultationsprozess, der diese möglich gemacht hat, einfach ignoriert. Aber derweil will die Regierung
den Eindruck hinterlassen, dass sie die Verträge einhält.

Im März, zeigt die EZLN, das sie weiterhin ein Akteur ist mit welchem die Regierung zu rechnen hat, indem sie eine nationale Volksbefragung “für die Anerkennung der indigenen Völker und für den Schluss des Vernichtungskrieges” organisiert, gemeinsam mit der organisierten Zivilgesellschaft. Es beteiligen sich mehr als 2.5 millionen Mexikaner/Innen.

Als Antwort auf die Initiative der Zapatisten beginnen im Frühjahr verschiedene Kampagnen der chiapanekischen Regierung. Sie sollen die Zapatisten und ihre Sympathisanten diskreditieren. So werden in den Nachrichten Waffenübergaben so genannter Zapatisten gezeigt. Doch bald wird klar, das diese Campesinos keine Zapatisten sind und die Übergaben mit staatlicher Wirtschaftshilfe belohnt werden.

Unter dem Vorwand des Gesetzes über Feürwaffen, dem Kampf gegen Drogenhandel, die Festnahmen von Kriminellen und den Schutz der Bevölkerung, die darum gebeten habe, werden seitens der Regierungen von Chiapas und Mexiko militärische und polizeiliche Mobiliserungen in zapatistischen Gemeinden angeordnet.

EZLN

Im März zeigt die EZLN, dass sie weiterhin ein Akteur ist, mit dem gerechnet werden muss. Sie startet eine nationalen Volksbefragung über die Anerkennung der indigenen Völker und das Ende des Vernichtungskrieges. Die Befragung wird gemeinsam von der EZLN und der Zivilgesellschaft organisiert. Mehr als 2,5 Millionen MexikanerInnen nehmen teil.

Diözese

Am 30. Dezember gibt der Vatikan bekannt, dass der Beibischof Raul Vera nach Saltillo in den Norden des Landes versetzt werde. Der Bischof Samuel Ruiz hatte im November seinen Rücktritt aus Altersgründen eingereicht. Das Gesuch ist aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht angenommen worden. Die Versetzung von Raul Veras, der der Nachfolger von Samuel Ruiz werden sollte und seine Linie weiterführen will sowie die sich daraus ergebende Unsicherheit erzeugt in engeren Kreisen Befürchtungen mit Blick auf den Einfluss dieser Entwicklung auf den Friedensprozess.

 

  2000

Die Präsidentschaftswahlen sorgen am 2.Juli für einen historischen Wechsel in Mexiko. Nach 71 Jahren ununterbrochener Herrschaft verliert die PRI die Präsidentschaft an Vicente Fox, den Führer der rechtsliberalen Opposition. Es gibt weniger Klagen wegen Wahlbetrug als erwartet, nur einige, vor allem auf dem Land. Sowohl Präsident Zedillo als auch der PRI-Kandidat erkennen den Sieg von Vicente Fox wenige Stunden nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse an. Die PAN, die durch Fox repräsentiert wird, stellt auch die Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag.

Am 20. August wird Pablo Salazar, Kandidat einer Koalition verschiedener Oppositionsparteien, zum Gouverneur von Chiapas gewählt. Dies stellt einen weiteren unerwarteten Rückschritt für die PRI dar, die auch die Politik in Chiapas über Jahrzehnte hinweg dominierte.

Seit dem Regierungsantritt des Präsidenten Fox im Dezember ist ein ein wichtiger Wechsel im Vergleich zur vorigen Regierung zu beobachten: Fox bringt Chiapas als eines der wichtigsten Themen auf seinen nationalen Plan und ordnet die Schließung von 53 Militärkontrollen an.

Nach Monaten des Schweigens und ohne sich an den Wahlen beteiligt zu haben geben die Zapatisten in einer Pressekonferenz bekannt, dass die neuen Regierungen neue Möglichkeiten für den Frieden bieten können. Sie bitten um drei Zeichen als Bedingungen, um den Dialog wieder aufzunehmen: Die Umsetzung der Abkommen von San Andrés, die Freilassung der zapatistischen Gefangenen und die Schließung von sieben Militärstellungen in Gebieten mit großem zapatistischen Einfluss. Sie kündigen einen Marsch nach Mexico-City an um den Vorschlag zur Verfassungsreform, der von der COCOPA auf der Basis der Abkommen von San Andrés ausgearbeitet wurde, zu verteidigen.

Fox präsentiert die Gesetzesinitiative der COCOPA am 5.Dezember vor dem Kongress. Er lässt nach und nach einige der Militärstellungen schließen. Diese Anstrengungen werden von Pablo Salazar unterstützt, der in Chiapas dutzende zapatistische Gefangene freilässt.

 

  2001

In den ersten Monaten des Jahres zeigt sich die Regierung des Präsidenten Fox weiterhin bereit, einige der Bedingungen der Zapatisten für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erfüllen: Befreiung der zapatistischen Gefangenen und die Schließung einiger Militärposten.

Ende Februar führen die Zapatisten ihren Marsch nach Mexiko-City durch. Das Ziel: sie wollen vor dem Bundeskongress die 1996 von der COCOPA ausgearbeitete Verfassungsreform über indigene Rechte verteidigen. Nachdem sie in den zwölf Bundesstaaten, durch welcher der Marsch sie führt, jede Menge Unterstützung der Bevölkerung erhalten, sprechen Vertreter und Vertreterinnen der EZLN in der Abgeordnetenversammlung.

Dennoch vetrabschiedet der Bundeskongress im April ein Indígena-Gesetz, das die EZLN als Verrat bezeichnet, weil es wichtige Punkte der Abkommen von San Andres und des COCOPA Gesetzes nicht beachtet. Die EZLN bricht den Kontakt mit der Regierung und schweigt bis Dezember 2002.

Nach alldem sind drei verschiedene Aspekte zu sehen.

  1. Das Gesetz geht seinen Weg. Die Kongresse der Bundesstaaten mit mehrheitlich indigener Bevölkerung (Morelos, Chiapas, Gürrero, Hidalgo, San Luis Potosi, Oaxaca) weisen das Indígena-Gesetz zurück. Indigene Organisationen und Gemeinden reichen vor dem obersten Gerichtshof der Nation 329 Verfassungsklagen gegen die verabschiedete Reform ein . Zudem gibt es mehrere Klagen vor der Internationale Arbeitsorganisation (OIT). Trotz dieses Widerspruchs wird das Gesetz im August verkündet.
  2. Die Regierung erklärt, in Chiapas und mit den Zapatisten sei alles friedlich und ruhig. Das verabschiedete indigene Gesetz sei eines der besten Lateinamerikas.
  3. Die EZLN befindet sich im Widerstand. Sie setzen die Autonomie faktisch um und lehnen jede Art Hilfe seitens der Regierungen von Chiapas und Mexiko ab. Das führt immer wieder zu Konflikten zwischen der zapatistischen Unterstützerbasis und anderen indigenen Organisationen, die früher Verbündete waren. Denn diese gehen auf die sozialen und wirtschaftlichen Programme der Regierungen ein.

 

  2002

Bis Ende des Jahres 2002 hüllt sich die EZLN aus Protest gegen die Verabschiedung des Indígena-Gesetzes in Schweigen. Andere indigene Organisationen und der Nationale Indigene Kongress (CNI) organisieren große Demonstrationen, um vor dem Obersten Gerichtshof Druck zu machen, damit dieser die 300 Einsprüche oder Controversias Constitucionales Verfassungsklagen gegen das Gesetz positiv bescheidet. Das Gericht bestätigt aber schließlich im September das Gesetz. Die Justizbehörde erklärt sich selbst für unberechtigt; über die Verfassungsreformen zu urteilen. Damit ist das Gesetz gültig.

Nun bleiben noch zwei Wege offen, um gegen das verabschiedete Gesetz zu kämpfen: Die Beschwerden vor der OIT und der CIDH (Interamerikanischer Gerichtshof) weiterzuverfolgen oder die Autonomie durch Taten, als faktisch, umzusetzen, ohne auf Gesetzesänderung zu warten.

Gleichzeitig entwickelt sich der Widerstand der Zapatisten inmitten von unvermeidlichen Spannungen mit lokalen Regierungsfunktionären und früher verbündeten Organisationen, mit denen sie heute um politische und territoriale Kontrolle ringen. Im Juli und August 2002 wird ein besorgniserregender Anstieg der Gewalt registriert. Mehrere zivile Autoritäten der autonomen Bezirke im Urwald werden ermordet. Schon ab Anfang des Jahres werden die Drohungen gewaltsamer Räumungen der im Naturschutzgebiet Montes Azules angesiedelten Gemeinden zu einem weiteren Spannungsfeld.

Trotzdem gibt es einige Fortschritte in diesem Jahr:

  • Die Revision des Schmutzigen Krieges der Siebzigerjahre in Mexiko
  • In Sachen Menschenrechte unterschreibt Mexiko mit der UNO einen Vertrag, um ein ständiges Büro in Mexiko zu eröffnen und eine Diagnostik über die Menschenrechtssituation im Land zu erstellen
  • Es häufen sich Workshops und Versammlungen gegen den Plan Pübla Panama (PPP) und die Amerikanische Freihandelszone, ALCA
  • Mit organisierten Protesten der Bevölkerung kann der Bau eines internationalen Flughafen in Salvador Atenco verhindern werden

Die organisierte Zivilgesellschaft organisiert mehrere Treffen: Nationales Treffen für Frieden, Erstes Chiapanekisches Treffen gegen Neoliberalismus, Zweites Treffen über Erfahrungen von Frieden und Versöhnung

 

  2003

Am 1. Januar nehmen mehr als 20.000 Mitglieder indigener zapatistischer Unterstützungsbasen die Stadt San Cristóbal ein. Die EZLN bricht ihr Schweigen und verurteilt die drei großen politischen Parteien, die Abkommen von San Andrés mit dem gebilligten indigenen Gesetz verraten zu haben.

In den folgenden Monaten veröffentlicht sie einen “Kalender des Widerstandes”. In zwölf Dokumenten stellt der Subkommandant Marcos eine Radiographie der Kämpfe vor, die im Rest Mexikos bestehen (er geht darin denselben Weg zurück, dem der Marsch der Farbe der Erde gefolgt war).

Nach Monaten von Spannungen und Drohungen unterzeichnen Staatsregierung und Führungskräfte der Lakandonen im Mai einen Waffenstillstand, um Vertreibungen der Gemeinschaften des Naturschutzgebietes Montes Azules nicht zu verwirklichen. Auch wenn danach keine Gewalttaten registriert werden, tragen die wiedersprüchlichen Reden verschiedener politischer Instanzen zu hohen Spannungen in der Zone bei.

Während der gesetzgebenden Wahlen im Juli werden in indigenen Zonen in Chiapas Gewalttaten registriert, insbesondere in San Juan Cancuc, Zinacantán und Chenalhó. Auf Bundesebene registriert man bei den Kongresswahlen die stärkste Wahlenthaltung der jüngsten Geschichte des Landes.

Gleichzeitig kündigt die EZLN eine Reihe von Änderungen an, die ihre interne Struktur und ihre Beziehung zur nationalen und internationalen Zivilgesellschaft betreffen. Es erscheinen sieben Dokumente, die die “Dreizehnte Stele bilden”.

Um die Autonomie aufzubaün, die in den Abkommen von San Andrés vereinbart wurde, gibt es vom 8. bis 10. August einen feierlichen Akt in der zapatischen Gemeinde Oventik. Die Führung der EZLN kündigt das Verschwinden der Aguascalientes und die Schaffung von Caracoles und der Juntas guter Regierung (JBG) an.

Die EZLN kündigt auch den Abbau von Straßenblockaden und Steürn in von ihr kontrollierten Gebieten an. Dies soll ein Zeichen des guten Willens gegenüber den nichtzapatistischen Gemeinden darstellen. Die EZLN wird aber weiterhin die autonomen Gemeinden verteidigen.

Der Aufbau der JBG bedeutet eine Veränderung in den Beziehungen der zapatistischen Territorien nach innen und nach außen. Nicht alle sind mit den Zapatisten einverstanden. Besonders das Aufstellung von Schildern, die auf die autonomen Gemeinden verweisen, uder die Ausübung der zapatistischen Justiz sind umstritten.

Auf nationaler Ebene verpflichten sich Vertreter des Nationale Indigenen Kongresses (CNI), dem Beispiel der Zapatisten zu folgen. Sie verbreiten die Idee der indigene Autonomie im ganzen Land und verteidigen die Umsetzung der Rechte indigener Völker.

Im offiziellen Diskurs erklärt die Regierung, die JBG könnten nach dem verabschiedeten Indígena-Gesetz legal sein. Aber die EZLN erkennt dieses Gesetz nicht an und lässt wissen, dass man die Abkommen von San Andrés einfach in zapatistischen Territorien anwende.

  2004

Elf Jahre nach dem bewaffneten Aufstand der Zapatistas muss konstatiert werden, dass außerhalb von Chiapas viele annehmen, der Konflikt in diesem Bundesstaat habe sich gelöst oder aufgelöst, sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene. Doch die Ursachen des Konfliktes bestehen fort. Die jetzige Situation stellt einen Zermürbungskrieg dar, in dem es keine direkte Konfrontation sondern militärische, politische und ökonomische Strategien gibt, mit denen versucht wird, die Zapatistas in die Enge zu treiben. Außerdem wird damit fortgefahren, Konflikte auf Gemeindeebene zu schaffen.

Das Jahr begann mit dem zehnten Jahrestag des zapatistischen Aufstandes. Die Feierlichkeiten gaben Anlass zu verschiedenen Analysen über den Weg der Zapatistas während des letzten Jahrzehnts. In diesem Sinne wurden die Bedeutung der Neo-Zapatistas bei der Niederlage der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) nach 71 Jahren an der Macht und bei der Stärkung der indigenen Bewegung auf nationaler Ebene hervorgehoben. Auch wurde die Bedeutung des zapatistischen Kampfes für die Entstehung der Antiglobalisierungsbewegung, gegen den Neoliberalismus und bei der Schaffung neuer Alternativen betont.

In der Konfliktzone haben die zapatistischen Räte der Guten Regierung als autonome Regierungen gearbeitet und damit ein neues Glied auf regionaler Ebene geschaffen. Außerdem ist ihre Rolle bei der Vermittlung und Lösung von Gemeindekonflikten hervorzuheben, nicht nur für ZapatistInnen sondern auch für nicht- ZapatistInnen. Das Konfliktpotential innerhalb und zwischen Gemeinden verringerte sich deutlich, auch wenn die Spannungen bleiben - besonders wegen der ständigen Präsenz von Militär in dieser Zone. Das Zentrum für Politische, Soziale und Ökonomische Analysen (CAPISE) veröffentlichte seinen Bericht: “La ocupación militar en Chiapas: el dilema del prisionero”, in dem 91 Miltiäranlagen aufgezeigt werden. Außerdem werden darin die Auswirkungen der militärischen Präsenz in Bezug auf die Kollektivrechte der Indígenas analysiert.

Ein Grossteil der Gemeindekonflikte findet weiterhin um öffentliche Dienstleistungen wie Wasser, Elektrizität und Bauarbeiten statt sowie um die Entscheidung der Zapatistas, ihre eigene autonome Organisation parallel zur staatlichen Regierung aufrecht zu erhalten. Im Verlauf des gesamten Jahres ist durch den Widerstand gegen die Bezahlung des elektrischen Lichts eine der grössten nicht-zapatistischen Bewegungen zivilen Ungehorsams entstanden, trotz des Programms “Tarif für ein besseres Leben”, durch das die staatliche Regierung versucht hat, den Widerstand zu beenden. Dem zum Trotz stieg die Anzahl der Konflikte zwischen der Bevölkerung und der föderalen Elektrizitätskommission, die immer wieder das Licht abstellte und weiterhin die Tarife anhob.

Im April wurden die Zapatistas im Bezirk Zinacantán (Region Los Altos) Opfer der schwersten gewalttätigen Aggression seit 1994. Mitglieder der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) stellten den Zapatistas der Gemeinde Jechvó als Repressalie das Wasser ab, weil diese sich nicht an der ökonomischen Kooperation beteiligten, die im Zusammenhang mit traditionellen Posten steht, die von den `autonomen Zapatistas´ nicht mehr übernommen werden. Das Ergebnis der Gewalt waren dutzende Verwundete und 125 vertriebene Familien, die nach einigen Wochen zwar in ihre Häuser zurückkehrten, jedoch blieb die Trennung zwischen beiden Gruppen aufrecht erhalten.

Das Biosphärenreservat Montes Azules blieb ein konstanter Brennpunkt und eine Konfliktquelle. Die Regierung behielt ihre Politik bei, mit Argumenten des Naturschutzes ihren Plan zur Vertreibung von Gemeinden, deren Ansiedlung als “irregulär” eingestuft wird, durchzuführen. Es handelt sich dabei mehrheitlich um EZLN-Gemeinden und Gemeinden der ARIC, des “Bäuerlichen Zusammenschlusses der unabhängigen kollektiven Interessen“.
Nichtregierungsorganisationen wie “Maderas del Pueblo del Sureste” und das Menschenrechtszentrum “Fray Bartolome de las Casas” forderten immer wieder eine vollständige Analyse der Umweltproblematik des Reservats, ohne dabei die sozioökonomischen Faktoren zu vergessen, welche die Menschen dazu trieben, die Gegend zu besiedeln.

Im Oktober kündigte die EZLN die “Zusammenlegung” verschiedener Gemeinden in Montes Azules an. Dies stellt eine Neuorganisierung der zapatistischen Unterstützungsbasen dar, die vorgenommen wurde aufgrund der Verstreuung der betroffenen Gemeinden und ihrer Entfernung zu einem Caracol, von deren Organisation und Verteidiguing sie profitieren.

Das Projekt “Soziale und nachhaltige Entwicklung in der Selva Lacandona” (PRODESIS) wurde begonnen, welches von der chiapanekischen Regierung (mit 16 Mio. Euro) und der EU (mit 15 Mio. Euro) finanziert wird. Dieses richtet sich an die Mikroregionen, die an Montes Azules angrenzen. Es wird als Instrument präsentiert, um Armut durch Empowerment regionaler Akteure sowie durch die Planung und Durchführung von Entwicklungsprojekten zu bekämpfen. PRODESIS wurde scharf von NGO´s kritisiert, weil es ein Entwicklungsmodell von oben darstellt, das ohne die Beteiligung der Betroffenen ausgeführt wird.

In Chiapas gab es schwere Rückschritte im Bereich der individuellen Sicherheit und der Gewährleistung der Menschenrechte. Im Februar wurde das sogenannte “Mordaza-Gesetz” verabschiedet, das stark die strafrechtlichen Sanktionen bei Delikten gegen die Ehre verschärft und dabei die Meinungs- und Informationsfreiheit einschränkt. Dazu kommen weitere legislative Reformen, die auf eine größere soziale Kontrolle abzielen, die eine Einschränkung der Partizipationsräume, der Protestformen und der Möglichkeiten zur Anzeige bewirken, wie etwa das Gesetz gegen Bandenbildung, das Bioterrorismusgesetz, das Steuergesetz usw. Auf der anderen Seite wurde der Präsident der staatlichen Menschenrechtskommission, Pedro Raúl López Hernández, seines Amtes enthoben, wodurch die Unabhängigkeit dieses Organs gefährdet wird, welches mit der Überprüfung der Achtung der Menschenrechte beauftragt ist.

Amnesty International (ai) bestätigte in seinem Bericht von 2004, dass die Bemühungen der bundesstaatlichen Regierung, die Erfüllung der Menschenrechte zu garantieren, ungenügend seien. Im Dezember veröffentlichte ai den Spezialbericht. Darin werden willkürliche Festnahmen und Folter von GegendemonstrantInnen während des Gipfels von Lateinamerika und der EU im Mai in Guadalajara angeprangert.

Im September präsentierte Präsident Fox dem Kongress unter starken Protesten der Opposition und der Mobilisierung verschiedener sozialer Sektoren auf der Strasse seinen jährlichen Regierungsbericht. Parallel dazu, anlässlich des ersten Jahrestages der Räte der Guten Regierung, gab die EZLN eine Reihe von Kommuniques mit dem Titel “Ein Video lesen” heraus. Diese Berichte der autonomen Regierungen nahmen Stellung zu Kritiken und erkannten zwei wichtige Fehler an: die mangelnde Beteiligung von Frauen an den Räten und den Einfluss, den die politisch-militärische Struktur der Zapatistas nach wie vor auf die Organisation der autonomen zivilen Regierungen hat. Darüber hinaus wurden Fortschritte in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Ernährung, Land, Wohnraum und den Formen von Selbstregierung verzeichnet.

Im Oktober fanden in Chiapas Bezirkswahlen statt. Die zapatistischen Räte der Guten Regierung hielten ihr Versprechen, die Arbeit der mit der Durchführung der Wahl beauftragten Organe zu respektieren. Mit dieser Entscheidung wird die Haltung der zapatistischen Bewegung bestätigt, nicht auf Konfrontation zu gehen.

Durch den Wahlprozess wurde die politische Landschaft neu gestaltet, die sich durch fehlende politische Inhalte der Parteien auszeichnet. Es finden ständige Wechsel derselben KandidatInnen von einer Partei zur anderen, und konfliktreiche Allianzen unterschiedlicher Parteien statt. Die Schwächung der Parteiendemokratie und das abnehmende Prestige der Autoritäten hat ebenfalls auf nationaler Ebene zugenommen. Die Agenda aller politischer Gruppen konzentriert sich bereits auf den Diskussionsprozess der kommenden Präsidentschaftswahlen (2006). Gegenüber den Parteienkämpfen im November setzten soziale Kräfte den ersten nationalen Dialog für ein Projekt der Nation mit Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie in Bewegung, welches darauf abzielt, Widerstände gegen das neoliberale Projekt zu bündeln.

  2005

Während eines Besuchs in Chiapas im Januar 2005 sagte der Präsident Vicente Fox, dass die EZLN ein Thema sei, das „praktisch in der Vergangenheit liegt, und dass alle nach vorne schauen.“ Diese Worte machten deutlich, dass die EZLN nicht mehr das Hauptproblem der Regierung war, welche inzwischen mehr mit den Vorbereitungen auf die Wahl beschäftigt ist. Darüber hinaus scheinen die zunehmende Macht des Drogengeschäfts und andere Amtsgeschäfte für die Fox-Administration dringender zu sein.

Auch im Januar gab es vor der Amtsübernahme der im letzten Oktober gewählten Bezirksautoritäten in mehreren Bezirken, wie Oxchuc, Tila und Sabanilla, Demonstrationen, Straßenblockaden und Auseinandersetzungen. In Tila, im Norden von Chiapas, verkündeten sowohl die PRI (Partei der Institutionellen Revolution) wie auch die Allianz aus PRD (Partei der Demokratischen Revolution) und PT (Partei der Arbeit) den Sieg nach den Bezirkswahlen von 2004. In letzter Instanz sprach das Wahltribunal den Sieg der PRI zu. Am 15. Februar wurde die Mahnwache, welche die Opposition gegenüber dem Regierungspalast eingerichtet hatte, gewaltsam aufgehoben. An dieser Operation waren mindestens achthundert Polizeikräfte beteiligt. 54 Personen wurden festgenommen. Der Priester von Tila warnte, dass sich die Spannungen in der Region durch die postelektoralen Probleme und die Reaktivierung der paramilitärischen Gruppe "Paz y Justicia” ohnehin erneut verstärkt haben.

Im Februar machte das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas eine Anklage über Menschenrechtsverletzungen im Norden öffentlich, welche es im Oktober 2004 bei der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte eingereicht hatte. Diese Anklageschrift wandte sich gegen die andauernde Straflosigkeit, den Nährboden neuer Konflikte: Die paramilitärischen Strukturen wurden weder demontiert noch entwaffnet, die materiell und intellektuell Verantwortlichen wurden nicht sanktioniert, die Opfer wurden nicht entschädigt. In den Tagen nach der Räumung wurde Samuel Sánchez Sánchez, Gründer und Anführer von "Paz y Justicia”, festgenommen. Seine Festnahme beurteilte das Menschenrechtszentrum als “zu spät und ungenügend”.

Auf nationaler Ebene entschied das Abgeordnetenhaus am 7. April, die Immunität des Regierungschefs des Bundesdistriktes von Mexiko, Andrés Manuel Lopez Obrador, aufzuheben und ihn seines Amtes zu entheben, damit er aufgrund eines mutmaßlichen Amtsmissbrauches vor Gericht gestellt werden kann. Diese Maßnahme wurde als politische Aktion eingestuft, welche das Ziel hatte, López Obrador, den Führer der PRD und Favorit in den Umfragen, von den nächsten Präsidentschaftswahlen auszuschließen. Gleichzeitig wurde auch die Rolle, die Vicente Fox und seine Partei, die PAN, in diesem Prozess spielten, wie auch jene der PRI, hinterfragt. Mitte April wurde das Amtsenthebungsverfahren aufgrund des starken Drucks von Seiten des Volkes nicht fortgesetzt.

Am 20. Juni rief die EZLN Alarmstufe Rot aus, was die Schließung der autonomen zivilen Strukturen (Caracoles) und die Einquartierung der aufständigen Zapatisten zur Folge hatte. Gleichzeitig wurden die Kontakte zwischen den zivilen zapatistischen Strukturen und den Regierungsinstitutionen von Chiapas abgebrochen.


Wenig vor der Ausrufung von Alarmstufe Rot kam es in Chiapas zu ungewohnten Verschiebungen von Militär- und Polizeistützpunkten, Vorkommnisse, wie sie sich seit 2001 nicht mehr ereignet hatten. Auch am 20. Juni informierte das Verteidigungssekretariat darüber, dass eine Operation durchgeführt worden sei, bei der 44 Marihuanafelder in zapatistischem Gebiet zerstört worden seien. Bald wurde jedoch deutlich, dass die erwähnte Operation außerhalb des “Konfliktgebietes” stattfand und in Bezirken, die keine zapatistische Präsenz aufweisen. Das Regierungssekretariat musste die Verbindung dementieren.

Nach der Ausrufung von Alarmstufe Rot die am 11. Juli aufgehoben wurde, wurden verschiedene Kommuniqués veröffentlicht:

  • Ankündigung der internen politischen und militärischen Umstrukturierung der EZLN;
  • Erläuterung, dass Alarmstufe Rot eine “Präventivmaßnahme” darstellte, um eine interne Beratung zu ermöglichen (dies bezieht sich auf eine Militäroffensive, die sich im Februar 1995 ereignete, als die EZLN eine Beratung in ihren Gemeinden durchführte. Diese hatte das Ziel, zapatistische KommandantInnen festzunehmen);
  • Information darüber, dass die EZLN während der Konsultation der Gemeindeversammlungen entschieden hat, eine “neue politische Initiative nationalen und internationalen Charakters” zu lancieren, welche in der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald erläutert werden würde (die ‘Sechste’).

Die “Sechste” schlägt die Bildung einer neuen “breiten Front” vor, welche durch eine Reise durch das ganze Land initiiert wird.Auf dieser Reise wird man versuchen, Allianzen mit politischen und sozialen Gruppen, Indigenen, ArbeiterInnen, BäuerInnen, StudentInnen zu vertiefen. Es wird darum gehen, gemeinsam ein “nationales Programm des Kampfes zu erstellen, ein Programm jedoch, das dezidiert links, d.h. antikapitalistisch” sei und in Richtung einer neuen Verfassung gehe. Außerdem wird in der “Sechsten” vorgeschlagen, ein so genanntes “Intergalaktisches Treffen” zu organisieren, wie es 1996 in La Realidad stattfand.

Während die wichtigsten Parteien interne Abstimmungen abhielten, um ihre Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen zu bestimmen, lancierte die EZLN die ‘Andere Kampagne’. Sie brach ihre Beziehungen zu den erwähnten Parteien ab. Nach dem, was die Zapatisten den legislativen “Verrat” aus dem Jahr 2001 nennen, als der Kongress eine Verfassungsreform annahm, welche von den Abkommen von San Andrés abwich, konstatierte sie, dass es mit der “Obrigkeit”, d.h. mit den politischen Parteien und Institutionen, nun nichts mehr zu diskutieren gäbe. Diese Positionierung der “Sechsten” in Bezug auf die Parteien, führte zu Auseinandersetzungen und verursachte zum Teil auch den Abbruch von Beziehungen. Gemäß der EZLN ist die Position, den “weniger Schlechten” zu wählen, keine Option. Dennoch ist die “Sechste” aber kein Aufruf zum Wahlboykott.

Im Hinblick auf die Krise, in der die repräsentative Demokratie steckt, und als Bruch mit der Institutionalisierung, schlägt der Zapatismus mehr als eine Strategie, nämlich eine Methodologie vor, welche auf dem Zuhören basiert und von unten aufgebaut wird, durch jene von unten und für jene von unten: die Andere Kampagne. Verschiedene Treffen zwischen der EZLN und der Zivilbevölkerung wurden in Chiapas im August und September durchgeführt, um den Aufbruch der Anderen Kampagne und die Reise der Delegation durch das ganze Land vorzubereiten. Zur ersten Plenarsitzung kamen 2069 Personen in das Caracol La Garrucha.

  2006
2006

Am 2. Juli fanden die Präsidentschaftswahlen in Mexiko statt. Wegen des geringen Unterschieds der Wählerstimmen konnte der Sieger in der Wahlnacht noch nicht bekannt gegeben werden. Letztendlich jedoch erklärte das Nationale Wahlinstitut IFE Felipe Calderón (PAN), zum Sieger gegenüber Andrés Manuel López Obrador (Bündnis zum Wohl Aller).  Er gewann nur extrem geringen Vorsprung und wurde außerdem wegen Wahlbetrugs angeklagt. Die Einsprüche gegen das Wahlergebnis wurden allerdings vom obersten Wahltribunal abgewiesen.

López Obrador rief zu Massenmobilisierungen auf, welche Mexiko Stadt über Monate lahm legten. Der Höhepunkt dieser Proteste war die Gründung einer Nationalen Demokratischen Konvention (CND) welche ihn im September unter Anwesenheit von Tausenden zum “legitimen Präsidenten” ernannte.

Nach einem Wahlkampf der von Ungereimtheiten geprägt war, gewann Juan Sabines Guerrero (repräsentiert das Bündnis zum Wohl Aller, obwohl er bis wenige Tage vor Beginn des Wahlkampfes PRI Bürgermeister der Landeshauptstadt Tuxtla gewesen war) am 20. August die Gouverneurswahlen in Chiapas, ebenfalls mit sehr geringem Vorsprung.

Am 1. Januar begann die nationale Rundreise der “anderen Kampagne”, angeführt durch den “Delegierten Null” (Subkommandant Marcos). Im Mai lösten tausende Polizisten in Texcoco, Bundesstaat Mexiko, eine Kundgebung einer Gruppe von Blumenverkäufern auf, welche sich gegen den Bau eines Supermarktes auf dem von ihnen beanspruchten Blumenverkaufsgelände stellten. Dies führte zu gewalttätigen Zusammenstößen der Polizei mit den BewohnerInnen von San Salvador Atenco, die sich mit den Blumenverkäufern solidarisiert hatten. Zwei Personen kamen ums Leben und Hunderte wurden verhaftet. Die Polizei wird zahlreicher Menschenrechtsverletzungen, darunter sexueller Vergehen an dutzenden Frauen, beschuldigt. Subkommandant Marcos rief deshalb “roten Alarm” in Chiapas aus, und unterbrach seine Rundreise bis Oktober.

Im März erklärte der Innenminister den Ausnahmezustand wegen des bewaffneten Konflikts in Chiapas für beendet. Er versicherte, das Militär sei nur in Chiapas, da dieser ein Grenzstaat ist. Lokale NGOs hingegen sprechen von 70 Militärlagern, allein schon in den indigenen Gebieten.

Die Landkonflikte gehen weiter. Im August wurden, in der Gemeinde Choles de Tumbala, 30 zapatistische Familien vertrieben. Im November wurden 17 Familien in Viejo Velasco (lakandonischen Urwald) von hunderten Bauern der “Comunidad Lacandona” angegriffen. Einigen Berichten zufolge gab es 4 Tote (darunter eine schwangere Frau), sowie 4 Entführungen, die angeblich auch in Hinrichtungen endeten.

Die Gewalt drückte sich über das Jahr 2006 außerdem durch 20 Fälle von Drohungen und Einschüchterungen gegen MenschenrechtsverteidigerInnen in Chiapas aus.

Die Lehrerbewegung Oaxacas mobilisiert über 40 000 Lehrer zu einer Mahnwache, der sich weite soziale Bereiche des Bundesstaates anschliessen. Was mit Gewerkschaftsforderungen begann, endete vor allem mit der Forderung nach dem Rücktritt des Gouverneurs Ulises Ruis (PRI). Die meisten sozialen Organisationen Oaxacas geben ihm die Verantwortung für repressive Aktivitäten der Sicherheitskräfte. Sie gründeten die Volksversammlung der Völker Oaxacas, APPO (Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca).

Der Staats- und Bundespolizei werden außerdem zahlreiche Menschenrechtsverletzungen gegen diese Bewegung vorgeworfen, darunter Mord, Entführungen und willkürliche Verhaftungen.

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  2007
2006

Im Dezember letzten Jahres klagte der Subkommandant Marcos in einem Kommunique mit dem Titel “Das Rote spüren; der Kalender und die Geografie des Krieges” die Welle der Agressionen an, denen die Zapatistas in den letzten Monaten ausgesetzt waren, und unterstrich: "es ist das erste mal, das diese Agressionen von angeblich linken Regierungen ausgehen, oder von institutionalisierter Linken unterstützt werden und es ist das erste mal seit jenem Morgengrauen am 1. Januar 1994, das die nationale und internationale soziale Antwort darauf, bedeutungslos oder gar null war". Ausserdem alarmierte er: "Wir versuchen vorwärts zu gehen um die zivilen und friedlichen Anstrengungen zu konsolidieren mit dem was immer noch die Otra Campaña, andere Kampagne genannt wird und gleichzeitig darauf vorbereitet zu sein, allein Widerstand zu leisten gegen die Reaktivierung der Agressionen gegen uns, sei es durch Militär, Polizei oder Paramilitärs. Die wir Krieg geführt haben, erkennen wir die Wege wie dieser vorbereitet wird und sich nähert. Die Zeichen des Krieges sind klar am Horizont ".

Während des Jahres hielt die EZLN mehrere Kommunikationswege mit der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft aufrecht. Drei Delegationen von Kommandanten und Kommandantinnen und der Subkommandant Marcos reisten von Januar bis Anfang Juni durch den Norden des Landes. Im September kündigte die EZLN die Absage der Reisen der Kommission der Sechsten an, die von September bis Dezember, für den Süden und das Zentrum des Landes angekündigt waren, um sich auf die Verteidigung ihrer Gemeinden zu konzentrieren. Während sich politische Akteure auf den ersten Seiten der Medien auf die lokalen Bezirkswahlen von Oktober konzentrierten, stieg die Zahl der Situationen von Belästigungen, Gewalt und Vertreibungen, ohne große Beachtung und auf isolierte Weise.

Zusätzlich zur Otra Campaña, anderen Kampagne realisierte die EZLN drei Treffen der zapatistischen Völker mit den Völkern der Welt: zum Neujahrstag 2007 im Caracol Oventic; im Juli in drei der fünf Caracoles; und Ende 2007 und Anfang 2008, im Caracol La Garrucha (wo auch das erste Treffen der zapatistischen Frauen mit den Frauen der Welt stattfand). Eine weitere Schlüsselveranstaltung war das Treffen der indigenen Völker Amerikas im Oktober in der Yaqui Gemeinschaft von Vicam (Sonora). Es nahmen 570 indigene Delegierte teil, die 66 Völker aus 12 amerikanischen Ländern repräsentierten. Eine Woche zuvor war die zapatistische Delegation von einem Militär und Polizeiposten in Mazatlán, Sinaloa, festgehalten worden. Daraufhin kehrten die zapatistischen Kommandanten nach Chiapas zurück und liessen den Subkommandanten Marcos als einzigen Repräsentanten der EZLN bei der Veranstaltung.

Ausserhalb der alternativen Medien wurde nichts über die Aktionen der Zapatistas und auch nichts über die Repression der sie aushesetzt waren berichtet. Die mexikanische Regierung schien der Linie ihres Vorgängers zu folgen, was heisst den Konflikt zu minimisieren oder sogar in Betracht zu ziehen es gäbe da gar keinen Konflikt in Chiapas. Ein Bild dafür: Luís H. Álvarez, Vorsitzender der Nationalen Kommission für die Entwicklung der indigenen Völker und ex Regierungskommissionar für Frieden in Chiapas wies im April darauf hin, das: “die EZLN sei kein Gesprächspartner mehr für die Regierung Felipe Calderón”, denn seiner Meinung nach repräsentiert sie nicht, und ist nicht zusammen gesetzt aus indigenen Gemeinden.

Trotz der Grundursachen der sozialen Unzufriedenheiten die besonders 2006 im Nachwahlkontext ausgedrückt wurden, hat es die Regierung von Felipe Calderón nicht geschafft zu einer offensichtlichen “normalidad democrática, demokratischen Normalität” zurück zu kehren. Er behielt eine Strategie der “mano firme, harten Hand”, wobei er die bewaffneten Streitkräfte zur Umsetzung nutzte. Trotzdem schienen die großen Operationen gegen organisierte Kriminalität und Drogenhandel ihren Erfolg zu verfehlen: kein Tag verging ohne das ein Fall von Hinrichtung, Überfall oder Schusswechsel berichtet wurde.

Die Tendenz zur Militarisierung wurde im Jahre 2007 verstärkt durch verschiedene internationale Abkommen: Mexiko, USA und Kanada machten Fortschritte im Projekt der Allianz für Sicherheit und Wohlstand für Nordamerika, Alianza para la Seguridad y Prosperidad de América del Norte (ASPAN, ein tiefgreifenderes Freihandelsabkommen, indem Sicherheitsaspekte an schon existierende Abkommen über Entwicklung und Handel angebunden werden). Paralel dazu verhandelten die Regierungen der USA und Mexiko über die Durchführung eines weiteren Abkommens gegen Drogenhandel und organisierte Kriminalität in Mexiko. Die Idee wurde im März 2007 während eines Besuches des US amerikanischen Präsidenten George W. Bush in der mexikanischen Stadt Mérida konkretisiert (hier wurde der Name “Iniciativa Mérida” geboren).

Dieses Jahr wurden auch öffentliche Aktionen bewaffneter Gruppen wieder aufgenommen. Anfang Juli erklärte sich das Ejército Popular Revolucionario, Revolutionäres Volkheer, (EPR), mit bekannter Präsenz in Guerrero, Oaxaca und Chiapas, verantwortlich für acht Bombenanschläge auf Ölpipelines der Mexikanischen Erdölgesellschaft Petróleos Mexicanos (Pemex) in Guanajuato und Querétaro. Sie erklärten diese Aktionen seien Teil einer Belästigungskampagne gegen die Regierung von Felipe Calderón und verlangten damit das ihre beiden im Mai in Oaxaca verschwundenen Mitglieder von den Autoritäten lebendig präsentiert werden sollten.

Im Juli rief auch die Revolutionäre Bewegung Lucio Cabañas Barrientos (MRLCB, bewaffnete Gruppe, die sich für die Bombenanschläge gegen die Einrichtungen des Wahlgerichts und der Partei der institutionalisierten revolution, PRI, in Mexiko Stadt im November 2006 verantwortlich erkärten) ihre Militanten dazu auf, bereit zu sein,   “para actuar militarmente, um militärisch zu agieren”. Eine andere bewaffnete Gruppe, die Bewaffneten revolutionären Kräfte des Volkes, Fuerzas Armadas Revolucionarias del Pueblo (FARP) gaben auch an, das sie “diskutieren um zu entscheiden was niemand will, aber der Strudel zieht dort hin”. Analysten wiesen widerholt darauf hin, das die Schliessung der Kanäle für Dialog und Verhandlungen die sozialen Bewegungen so in die Ecke treiben könnten, das sie die Formen ihres Kampfes radikalisierten.

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  2008
2008

Das Jahr 2008 war von einer Preiserhöhung der Basisprodukte, Benzin und Strom auf nationalem Niveau gekennzeichnet. Auf der anderen Seite kam es zur vollständigen Öffnung des landwirtschaftlichen Kapitels welches ein Teil des Freihandelsvertrages von Nordamerika ist (Tratado de Libre Comercio de América del Norte [TLCAN], welcher 1994 von Mexiko, den USA und Kanada unterschrieben wurde), und was die Situation noch mehr verschlimmert hat. Es hatte zur Folge, dass der Import von Körnern wie Bohnen und Mais nun steuerfrei ist genau wie der von Milchprodukten und Ölen. Die Bauern, die Opposition und verschiedene Wissenschaftler betrachteten dies als „Gnadenschuss“ für die mexikanische Landwirtschaft. 7 Mio. der mexikanischen Bevölkerung leben in extremer Armut. Das sind ca. 20% der Gesamtbevölkerung.
Während der soziale Missmut wuchs, hat die Regierung eine Tendenz der „harten Hand“ an den Tag gelegt, sowie die Militarisierung fortgesetzt, welche mit dem erklärten Krieg gegen den Drogenhandel und das organisierte Verbrechen verknüpft ist. Jedoch, und das obwohl täglich 45.000 Militärs ausgesandt wurden, konnten sie die Gewalt nicht reduzieren, die den kriminellen Netzwerken zugerechnet wird (man schätzt mindestens 5.400 Tote). Im Gegenzug nahmen die Anzeigen wegen Verletzungen der Menschenrechte durch die Streitkräfte erheblich zu und mit ihnen die verstärkte Kriminalisierung von sozialen Protesten. In diesem Sinne wurde im März die Verabschiedung einer Strafreform in Frage gestellt, weil sie erhebliche Rechtslücken aufweist und somit die Legalisierung eben dieser Kriminalisierung offen lässt (wie z.B. die Figur des arraigo, ähnlich dem Arrest oder der Ingewahrsamnahme).

Auch das Projekt der Energiereform, welches Felipe Calderón im April präsentierte, rief starke Auseinandersetzungen hervor und mobilisierte weitreichende Sektoren.

Diese Initiative beabsichtigte die Wiederbelebung des Erdölsektors (Haupteinnahmequelle in Mexiko) durch mehr Ressourcen für das staatliche Erdölunternehmen PEMEX. Der Nationale Demokratische Kongress (Congreso Nacional Democrático), angeführt von Ex-Präsidentschaftskandidat Andrés Manuel López Obrador (AMLO), und die Breite Front der Fortschrittlichen (Frente Amplio Progresista, FAP, welche die Hauptparteien der Linken vereint: Partei der demokratischen Revolution [PRD], Partei der Arbeit [PT], und die Partei Konvergenz) haben in Mexiko-Stadt und anderen Bundesstaaten Aktionen des friedlichen zivilen Widerstandes durchgeführt, um eine Privatisierung von PEMEX zu verhindern.

In diesem wenig ermutigenden nationalen Panorama und von anderen Prioritäten seitens verschiedener sozialer Bewegungen geprägt, gab es nur eine kleine journalistische Notiz über die Schließung der Koordination für Dialog und Verhandlung in Chiapas im April aus „Spargründen und angesichts dessen, dass ihre Existenz nicht gebraucht wird“. Jedoch hatte die Gruppe „Frieden mit Demokratie“ (ein Zusammenschluss mexikanischer Persönlichkeiten und Intellektueller) im Februar von einer „neuen Phase des Krieges in Chiapas“ gesprochen und prangerte an: „Episoden von Diebstahl, Brandstiftung, Toten, Todesdrohungen, Landraub wechseln sich ab. Es handelt sich darum, die aufständischen Gemeinden von ihrem Land und Boden zu vertreiben“.

Seit der zweiten Maihälfte haben sich die polizeilichen und militärischen Operationen in den indigenen Regionen so vermehrt wie schon seit Ende der 1990er Jahre nicht mehr. Besonders (aber nicht ausschliesslich) in zapatistischen Gemeinschaften des Urwaldes und in der nördlichen Zone. Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas (CDHFBC) sprach von einer „Logik der Aufstandsbekämpfung“, in welcher sie „mit einer taktischen Verteilung in Gegenden organisierter Zivilbevölkerung mit rechtmäßigen sozialen Forderungen“ operieren und welche „ihnen ebenfalls erlaubt, die Antwort der Bevölkerung auf diese Operationen zu beobachten“.

Jorge Lofredo vom Zentrum für Dokumentation der bewaffneten Bewegungen hat bei der Buchpräsentation von „Kassensturz“, welches ein umfassendes Interview mit dem Subcomandante Marcos enthält, eine von dessen Feststellungen hervorgehoben: „Uns geht es wie 1993, aber umgekehrt. (...) Nun ist es die Regierung, die den Angriff vorbereitet“. In derselben Präsentation betont er: „Auch wenn es mehrmals Ankündigungen bzgl. von Einsätzen von Militärs in der zapatistischen Zone gab, welche sich nicht konkretisiert haben, ist zu bedenken, dass die Durchführung der militärischen Strategie praktisch darin besteht: konstante Belagerungen oder Drohungen mit eben diesen, welche auf eine Reaktion der EZLN und der Nichtregierungsorganisationen spekulieren, damit sie in Gleichgültigkeit oder Missgunst fallen bis sich diese Einsätze schliesslich doch ergeben“.

Allgemein betrachtet hatte das soziale Konfliktpotential im Bundesstaat mit dem Widerstand gegen die hohen Stromtarife zu tun sowie mit sozialen Projekten im Allgemeinen und wirtschaftlichen im Besonderen: dem Transport (wie z.B. die Ankündigung der Autobahn zwischen San Cristóbal und Palenque), dem Tourismus („thematische Parks“ in Palenque und bei den Wasserfällen von Agua Azul) und der wirtschaftlichen Entwicklung (Naturschutzgebiete wie Huitepec oder das Biosphärenreservat von Montes Azules sowie Minenprojekte u.a.). Anzumerken ist, dass am 28. Juni der zehnte Gipfel der Staats- und Regierungschefs im Rahmen des Mechanismus 'Dialog und Absprache von Tuxtla' tagte, welcher die Ziele des Plan Puebla Panamá bestätigte und das Projekt mit einem neuen Namen versah: „Projekt Mesoamerika“.

Ein weiterer aufsehenerregender Prozess der Organisierung innerhalb der Gefängnisse fand zwischen März und April statt, als 48 Häftlinge in 3 chiapanekischen Gefängnissen in Hungerstreik traten, um ihre willkürlichen Festnahmen aufgrund von politischen und/oder sozialen Aktivitäten anzuklagen. Diese Festnahmen fanden auf der Basis falscher Tatsachen und Beschuldigungen statt und mit deutlichem Verstoss gegen ihre Rechte. Einige von ihnen (in San Cristobal de las Casas) haben sich in „Die Stimme von Los Llanos“ integriert, während andere sich in der „Stimme von El Amate“ (im Gefängnis von Cintalapa) organisierten. Beide Gruppen gehören der Anderen Kampagne an, initiiert von der EZLN. Dieser Protest hatte die Befreiung von Hunderten von Häftlingen zur Folge.

Ein anderer Prozess, der nicht an die Opposition gekoppelt war, fand am 3. Oktober statt: Bei einem gewaltsamen Einsatz von kommunalen und staatlichen Polizisten starben 6 Menschen (4 von ihnen wurden nach Angaben der Bevölkerung exekutiert), ausserdem wurden 17 verletzt und 36 verhaftet. Fast alle waren Bewohner der Gemeinde Miguel Hidalgo, im Landkreis La Trinitaria. Seit September hatten die Gemeindemitglieder die Mayaruinen von Chincultik, gegenüber von ihrer Gemeinde, besetzt mit dem Ziel, die archäologische Stätte selbst zu verwalten. Nach den Ereignissen gab das Innenministerium von Chiapas zu, dass kein Räumungsbefehl existiert hatte. Der Kongress von Chiapas hat daraufhin ein Gesetz verabschiedet, welches das Vorgehen der Polizei in diesen Fällen regeln soll.

Die Internationale Zivile Kommission für Menschenrechtsbeobachtung (Comisión Civil Internacional de Observación por los Derechos Humanos, CCIODH), erklärte diese Episode als beispielhaft für die Regierungspolitik, welche die sozialen Proteste kriminalisiert, die politischen Entscheidungen und Konfliktdialoge delegiert und welche mit Abfindungen versucht, institutionelle Verantwortung zu verschleiern. Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas hat ebenfalls erklärt: „Es besteht ein grosses Risiko, dass das Massaker von Chinkultic, wie andere auch, unbestraft bleibt und die Sanktion der Verantwortlichen nur den unteren Sektor des öffentlichen Dienstes erreicht“.

Im September kündigte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) das Erste Weltweite Festival der Würdigen Wut an, das in der letzten Dezemberwoche und Anfang Januar in Mexiko-Stadt und Chiapas stattfand. Das Kommuniqué erklärte: „Der Überdruss gegen den Zynismus und die Inkompetenz der traditionellen politischen Klassen hat sich in Wut verwandelt. Manchmal folgt auf diese Wut Hoffnung auf eine Veränderung auf dem gewohnten Wege und wird entweder von der Desillusion, die unbeweglich macht, oder von sich aufdrängenden Kräften aufgehalten. Aber oft gibt es so viele Momente, die uns das Lachen abzwingen, die Wut sucht ihre eigenen Wege, neue, andere. Und das „Nein“, welches sie erhoben hat, leistet nicht nur Widerstand, sondern beginnt vorzuschlagen und sich vorzunehmen“.

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  2009
2009

Im Jahr 2009 hat es Mexiko geschafft, mit der Gewalt im Zusammenhang mit organisierten Verbrechen und der Schweinegrippe (H1N1) die ersten Seiten der internationalen Presse zu füllen. Auf nationalem Niveau konnten die Medien mit diesen zwei Ereignisse jedoch nicht die Armutssituation und die vermehrten Beschwerden gegen die Militärpräsenz in den Straßen verschleiern.

Auf der anderen Seite kann es als bezeichnend verstanden werden, dass viele Mexikaner an der Existenz des Schweinegrippe-Virus zu zweifeln begannen, was zu einem Großteil einer fehlenden Glaubwürdigkeit der Institutionen geschuldet ist. Diese Kluft mangelnder Glaubwürdigkeit reflektierte sich auf vielen Ebenen, eine davon ist die der Wahlen: Am 5. Juli fanden Wahlen für die mehr als 1.500 Ämter im ganzen Land statt. Die Enthaltungen erreichten 55,19% und die ungültigen Wahlzettel 5,40%. Im Vorfeld der Wahlen war eine signifikante Bewegung für eine ungültige Stimmabgabe entstanden. Auch wenn die Wahlbeteiligung niedrig war, wurde fast 12 Jahre nach dem Verlust der Kontrolle über die Abgeordnetenkammer die Partei der Institutionellen Revolution (PRI, welche sich noch bis zum Jahr 2000 mehr als 70 Jahre an der Macht gehalten hatte) zum großen Gewinner des Tages. Bei 500 Sitzen haben sie nun eine Präsenz von 235 Abgeordneten.

Erneut fand Chiapas in den nationalen und internationalen Medien wenig Interesse. Im Juli fand das erste Amerikanische Treffen gegen Straflosigkeit im zapatistischen Caracol Morelia statt. Die Straflosigkeit wurde wiederholt als Tat der Vergangenheit und Gegenwart in Lateinamerika erklärt.

In Chiapas hatte der meist bekannte und in jedem Fall paradigmatische Fall mit der Freilassung von 35 Indigenen (verurteilt wegen des Massakers an 45 Indigenen in der Gemeinde Acteal im Landkreis Chenalhó 1997) durch den Obersten Gerichtshof des Landes (SCJN) zu tun. Der Oberste Gerichtshof traf seine Entscheidung mit dem Argument, dass die Verurteilungen auf der Basis von illegal erlangten Beweisen stattfanden und durch erfundene Zeugenaussagen von Seiten der Generalstaatsanwaltschaft der Republik (PGR). Es ist zu unterstreichen, dass der Oberste Gerichtshof nicht entschieden hatte, dass die Freigelassenen unschuldig seien. Deswegen wurde die Entscheidung infrage gestellt, weil sie den Kontext, in dem sich das Massaker von Acteal ereignete, und den andauernden Krieg in Chiapas aussen vorgelassen hatte.
Im August kamen offizielle US-amerikanische Dokumente ans Licht, welche vom Nationalen Sicherheitsarchiv veröffentlicht worden waren und die direkte Unterstützung der Paramilitärs durch die mexikanische Armee im Kontext der Aufstandsbekämpfung gegen die zapatistischen Basen in den 1990er Jahren aufzeigen. Ende Oktober informierte die Generalstaatsanwaltschaft von Chiapas darüber, dass sie Informationen darüber habe, dass Angestellte des öffentlichen Dienstes im Falle Acteal nicht bzw. verschleppend reagiert hätten.

Eine andere, nicht weniger beunruhigende Dimension der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes ist die Wirkung der Nachricht in Chenalhó und anderen Regionen in Chiapas, wo sie wie eine erneute Nachricht der Straflosigkeit gelesen wird und die Möglichkeit eröffnet, dass sich paramilitärische Aktionen wiederholen könnten. Die Regierung von Chiapas hat einen gewissen politischen Realismus bewiesen und der Rückkehr der Freigelassenen nach Chenalhó vorgebeugt, indem sie ihnen Land, Wohnung und Arbeit angeboten hat, um Konfrontationen zu vermeiden.

Im Übrigen, auch wenn in den Medien die Fortdauer des ungelösten bewaffneten Konflikt kaum präsent ist, wurde im laufenden Jahr von häufigeren Hausdurchsuchungen und Militäreinsätzen berichtet, die Zapatisten und Nicht-Zapatisten im Zentrum (Umgebung von Venustiano Carranza), im Urwald des Grenzgebietes zu Guatemala und im Hochland betraf.
Auf der anderen Seite werden weiterhin Einschüchterungen von zapatistischen Gemeinden angezeigt, welche sich hauptsächlich in Aggressionen von Gruppen von Indigenen und Bauern äußern, die eine Verbindung zu lokalen Machthabern oder zur Bundesstaatsregierung haben. Diese Gruppen versuchen, den Widerstand durch mehr oder weniger schlimme Angriffe abzunutzen, welche in Gewalt enden können oder nicht (z.B. Besetzung von „zurückgewonnenem Land“, Diebstähle oder Vernichtung der Ernte etc.). Die Initialien der beteiligten Organisationen ändern sich, doch die Strategie, indigene Gruppen miteinander zu konfrontieren, zieht sich durch den ganzen Prozess.

Generell gesehen drehten sich die meisten sozialen Konflikte im Jahr 2009 um Land: der Widerstand gegen den Ausbau der Minenprojekte in acht Gemeinden oder den Bau der Autobahn zwischen San Cristóbal de las Casas und Palenque (z.B. Mitzitón), der Kampf um autonome Verwaltung der Wasserfälle von Agua Azul (Fall Bachajón), der Kampf gegen die hohen Strompreise etc. Es ist zu unterstreichen, dass mehrere dieser organisatorische Prozesse der Anderen Kampagne angehören, welche Ende 2005 von den Zapatisten einberufen wurde.

Als eines der am meisten beunruhigenden Details konnte eine wachsende Kriminalisierung des sozialen Kampfes beobachten werden, welche unabhängige Organisationen, Menschenrechtsverteidiger sowie die lokale katholische Kirche einschliesst und einen Parallelismus zum Staat der 1990er Jahre zeigt.

Im November hat die Zeitung „La Jornada“ Fragmente des Berichts „Vorherrschende Situation im Landkreis Venustiano Carranza“ veröffentlicht, der von der Generalstaatsanwaltschaft von Chiapas ausgearbeitet wurde. Dieser gibt vor, die Existenz eines „subversiven Netzes“ zu dokumentieren, welches Aktionen der Destabilisierung für 2010 planen würde und dessen Mittelpunkt der katholische Pfarrer von Venustiano Carranza, Jesús Landín, sei. Dieser Bericht scheint stark die vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas, der Diözese und anderen sozialen Akteuren öffentlich gemachten Einschüchterungen zu „rechtfertigen“, ebenso wie die polizeilichen und militärischen Aktionen in Venustiano Carranza und den umliegenden Gemeinden.

Angesichts der Gerüchte über mögliche soziale Konflikte in 2010 gab es einen scheinbaren Wechsel der Regierungsstrategie, welche sich darum bemüht, so weit wie möglich dem zuvorzukommen, was sich ereignen könnte. Ende November haben Abgeordnete des Kongresses in Chiapas versucht, die rechtliche Anerkennung der „Räte der guten Regierung“ zu erreichen, um welche die Zapatisten gebeten hätten. Einen Tag später stellte sich heraus, dass die Zapatisten nie um die Legalisierung gebeten hatten. Am 29. Dezember billigte der lokale Kongress das „Gesetz der indigenen Rechte im Staat Chiapas“ mit dem Ziel, die „Abkommen von San Andrés anzuerkennen“. Analysten und Organisationen stellen den diskursiven und medialen Charakter dieser Initiative in Frage, denn die Anerkennung der indigenen Rechte sei dahingehend beschränkt, „sofern sie nicht gegen die chiapanekische und mexikanische Verfassung verstoßen oder die Rechte Dritter beeinträchtigen“.

Zum ersten Mal seit 16 Jahren hat die EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) nicht, oder zumindest nicht öffentlich, den Jahrestag des bewaffneten Aufstands vom 1. Januar 1994 gefeiert. An diesem Tag blieben die Caracoles geschlossen und erzeugten einiges an Spekulationen und Gerüchten über die Pläne der Zapatisten für das so symbolische Jahr 2010 (200 Jahre Unabhängigkeit und 100 Jahre mexikanische Revolution).

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